Sicherheit geht vor: Nordkoreas Reaktion auf Ebola und wie sie zu erklären ist


Nachdem ich mich in meinen letzten Artikeln eher damit befasst habe, wie Nordkoreas Strategie im Umgang mit der (staatlichen) Umwelt aussieht, möchte ich heute den Blick nach innen ins Zentrum stellen. Ich komme ja nicht mehr dazu, alle Meldungen über das Land so intensiv im Auge zu behalten, wie das noch vor einem Jahr der Fall war.
Deshalb habe ich mich eben überlegt, bevor ich mich an den Computer gesetzt habe, worüber ich schreiben möchte. Weil wie gesagt Inneres in letzter Zeit etwas kürzer kam, wollte ich was dazu machen. Ich hatte auch schon ein paar Ideen, aber aus einem Impuls heraus habe ich mich einfach mal völlig unbedarft gefragt, wie wohl Nordkoreas Umgang mit der gefühlten Bedrohung Ebola sei. Ich hatte keine Ahnung, wohl aber das Gefühl, dass das ein interessantes Thema für eine Blogeintrag sein könnte. Nach der Recherche der KCNA-Artikel zu Ebola habe ich jetzt richtig Lust, dazu was zu schreiben. Gibt nämlich richtig viel her, sowohl mit Blick auf die nordkoreanische Selbstwahrnehmung als auch auf Außenpolitik und Kommunikation des Landes.
Aber jetzt genug der Vorrede! Nachdem ich kurz zusammengefasst habe, welchen Dreh (oder besser welche Drehs) die nordkoreanischen Medien Ebola geben, werde ich auf die unterschiedlichen Aspekte der innen und Außenpolitik sowie Kommunikationsarten Nordkoreas eingehen, die sich darin deutlich spiegeln.

Nordkoreas Reaktion auf Ebola: Spät aber entschieden

Die Reaktion der nordkoreanischen Führung auf Ebola kam (zumindest was wir durch KCNA vermittelt sehen können) relativ spät: Am 24. September brachte KCNA einen Artikel, in dem die präventiven Maßnahmen des Landes gegen die Epidemie beschrieben wurden. Grenzkontrollen seien verschärft und Quarantäne für Einreisende eingeführt worden. Es gebe eine Informationskampagne und an “preventiven Medikamenten” würde geforscht. Diese Maßnahmen wurden laut einer Meldung vom 23. Oktober ergänzt durch die Einsetzung eines Krisenstabs und die Verankerung präventiver- und Informationsmaßnahmen auf lokaler Ebene. Einreisekontrollen wurden weiter verschärft, um genau zu sein durften keine Touristen mehr ins Land, was jedoch nicht über KCNA kommuniziert wurde, wohl aber (notwendigerweise) an die betroffenen Reisebetreiber. Die praktische Arbeit gegen Ebola und die Verankerung der Prävention in der gesamten Gesellschaft, in Betrieben und medizinischen Einrichtungen beschreibt dann dieser Artikel vom 7. November.
Neben diesem Blick nach innen bekam die Berichterstattung aber ab Ende November noch einen weiteren interessanten Dreh, der den Virus eher in altbekannte Linien der nordkoreanischen Propaganda einbettet. Da wird eine wohlbekannte Verschwörungstheorie aufgegriffen, nach der die USA das Virus in Westafrika als Bio-Waffe gezüchtet habe. Dass das Virus nun grassiert ist also laut der nordkoreanischen Propaganda einzig dem verbrecherischen Treiben des imperialistischen Hauptfeindes zuzuschreiben. Weitere “Belege” dafür, wurden dann am 1. Dezember geliefert. Hier mixte man die oben beschriebene Theorie mit weiteren, wie den vom Krankheiten-verbreitenden Entwicklungshelfer, der mittels Impfung die Bevölkerung infiziert.

Nordkoreas Umgang mit der Krankheit ist also zweigleisig. Einerseits wird nach Innen aktionistisch ein Maßnahmenbündel in Gang gesetzt, andererseits wird die Krankheit ins eigene Weltbild eingeordnet und ein üblicher Verdächtiger als Verantwortlicher entlarvt. Darüber hinaus fallen aber bei der Betrachtung des Umgangs mit der Krankheit mehrere interessante Aspekte auf, die einiges über die innenpolitische Priorisierung des Regimes, aber auch die propagandistische Ausschlachtung solcher Sachverhalte aussagen. Das möchte ich mir in der Folge etwas genauer anschauen.

Der Blick nach Innen – Sicherheit geht vor

Interessant fand ich bei der offiziellen Reaktion Nordkoreas auf das Virus das Timing. Als Pjöngjang am 24. September reagierte, diskutierten wir in Deutschland schon seit Wochen und Monaten über das Risiko eines Überspringens der Krankheit. Man war also spät dran, mit der Reaktion, was ein bisschen verwundert, wenn man die Deutlichkeit der Reaktion als Gradmesser für die Angst der nordkoreanischen Regierung vor dem Virus nimmt.
Einen solchen Gradmesser halte ich erstmal für angemessen, denn grundsätzlich gehe ich nicht davon aus, dass man auf Grund einer irrationalen Angst die knappen Ressourcen für unnötige Präventionsmaßnahmen vergeudet. Wenn die Angst vor Ebola trotz der Tatsache, dass die Krankheit weit weg von Nordkorea wütet (anders als im Fall von SARS, als Pjöngjang ebenfalls recht heftig reagierte) aber rational ist, was kann die Logik dahinter sein?

Dafür habe ich zumindest fünf Erklärungsansätze, die sich aus dem permanenten Bemühen des Regimes um Stabilität ergeben:

  1. Die Angst vor dem Kontrollverlust:
    Das Regime hat während der großen Hungersnot Mitte Ende der 1990er Jahre erlebt, als zumindest hunderttausende starben, was passiert, wenn die öffentliche Ordnung zusammenbricht und die Menschen für sich selbst sorgen müssen. Mit den Folgen dieses Vertrauens- und Kontrollverlusts hatte das Regime in den ersten Jahren nach der Katastrophe hart zu kämpfen und muss es noch heute umgehen. In Afrika zeigte Ebola seine staatszerstörenden Potentiale und dem Regime in Pjöngjang dürfte bewusst sein, dass ein Aufkommen dieser Epidemie in Nordkorea immer das Risiko mit sich brächte, das System aus den Angeln zu heben. So betrachtet ist das Vorgehen ein rationaler Akt der Risiko-Minimierung.
  2. Die Geschichte von der ständigen Bedrohung mal anders erzählt:
    Die Dauerhaftigkeit des nordkoreanischen Regimes trotz sehr schwieriger “Umweltbedingung” wird unter anderem oft mit den Begriffen “Kasernenstaat” und “permanenter Kriegszustand” erklärt. Danach wird die Bevölkerung durch die permanente Bedrohung von außen und der vorgeblichen Gefahr der Vernichtung durch den Feind in einer atemlosen Situation gehalten, die keinen Widerspruch duldet und die Menschen nicht zum Nachdenken kommen lässt. Eine andere Spielart dieser Bedrohung bietet Ebola. Die Menschen fühlen sich von einem unsichtbaren Virus bedroht und sind so mit Prävention und Selbstbeobachtung beschäftigt, dass sie garnicht dazu kommen, das herrschende System zu hinterfragen. Vielleicht ergänzt das Regime mit der Erzählung vom gefährlichen Virus die ja durchaus in die Jahre gekommene Geschichte vom mordenden Imperialisten, der hinter der Grenze lauert.
  3. Begründung für Maßnahmen:
    Für unsere Sicherheit sind wir (zumindest sehr sehr viele (viel zu viele) von uns) ja immer gerne bereit, dem Staat ein paar Einschränkungen unserer Bürgerrechte einzugestehen. Nun haben die Nordkoreaner zwar nicht besonders viele Bürgerrechte, aber auch dort gibt es Grenzen für das, was der Staat für gewöhnlich tut. Wenn er dann mal etwas mehr tun möchte braucht er Gründe dafür. Ebola ist ein guter Grund. Ich kann mir vorstellen, dass man die Maßnahmen gegen Ebola in einigen Bereichen auch nutzt, um restriktive Maßnahmen gegen einzelne oder alle zu rechtfertigen. Darauf deutet beispielsweise auch das Erschweren des Reisens im Land hin, die in diesem sehr interessanten SZ-Artikel beschrieben wird.
  4. Reaktionsfähigkeit des Systems Testen:
    Wenn ihr ab und zu mal verfolgt, was Kim Jong Un so treibt, wird Euch aufgefallen sein, dass die Nordkoreaner große Freunde von Manövern sind. Die dienen nicht nur als Drohungen oder zur Produktion schöner Fotos, sondern sind auch und vor allem Übungen. Beim Militär ist es recht einfach so eine Übung anzuleiern. Den Gesundheitssektor durchzuchecken ist ohne Not schon schwieriger. Da hat sich vielleicht mal einer von den Regimeführern überlegt, ein Krisenszenario durchlaufen zu lassen. Dieser Hintergrund würde sich ganz gut mit dem erstgenannten verbinden lassen, der Angst vor dem Kontrollverlust. Wer gut vorbereitet ist, kann auch in der Krise die Oberhand behalten.
  5. Informationsbarriere übersprungen:
    Man könnte aber auch die Frage stellen, weshalb das Regime im September begann, plötzlich offensiv über Ebola zu berichten, nachdem bei uns schon seit Monaten darüber gesprochen wurde. Wenn man präventiv wirken wollte oder die Seuche als Chance für Maßnahmen sehen würde, weshalb nicht schon früher? Es ist doch auch gut möglich, dass man sich so einem sperrigen Thema entziehen wollte und das einfach nicht in den Medien stattfinden lassen wollte.
    Nur war der internationale Ebola-Hype so groß, dass das die Informationsbarriere, die das Regime um seine Bürger errichtet hat, übersprungen wurde. Die Menschen im Land “wussten” über andere Kanäle von einer gefährlichen Krankheit, die die ganze Welt bedroht. Was sollte das Regime da tun. Es entkräftete die Angst der Bevölkerung, zeigte das es was tat (recht einfach, wenn kaum eine objektive Gefahr da ist) und lenkte die bestehenden Ängste in gewöhnliche Bahnen.

Als kleine Randbemerkung möchte ich noch hinzufügen: Der Fall zeigt mal wieder wie hoch Pjöngjang den Tourismus in der internen Prioritätenfolge ansetzt: Ziemlich niedrig. Natürlich weiß man, dass die Wahrscheinlichkeit, dass aus Deutschland, den USA oder Großbritannien eine Ebola-infizierte Person einreisen könnte verschwindend gering ist. Trotzdem fällt der Tourismus komplett der Ebola-Vorsorge im Land zum Opfer. Warum? Weil er so unwichtig ist. All denen, die vom Tourismus als Mechanismus zur Veränderung des Systems oder als Träger des Wandels erzählen, möchte ich sagen: Unfug, in den aktuellen Ausmaßen ändert Tourismus nichts, außer dass das Regime und ein paar Reiseanbieter Geld damit verdienen (was ihr Treiben aber nicht delegitimiert, denn irgendwie muss man ja anfangen und vielleicht wird der Tourismus ja irgendwann mal wichtiger…).

Naja, was es jetzt genau ist, oder von allem ein bisschen, das werden wir wohl nie erfahren. Jedoch kann ich es ganz ehrlich gesagt duchaus nachvollziehen, dass ein Land mit wenig Ressourcen und einem fragilen Gesundheitssystem versucht eher präventiv zu agieren und nicht erst zu reagieren, wenn eine Seuche im Land ist. Da finde ich unsere teils hysterische Angst vor der Krankheit wesentlich weniger rational, denn wir haben eine moderne funktionierende Gesellschaft und beste Mittel, um mit einem Ausbruch im Land umzugehen.

Der übliche Dreh: Imperialistischer Verbrecherstaat ist Feind aller Menschen

Wie schon gesagt reagiert das Regime auf Ebola nicht nur mittels internem Aktionismus, sondern auch, indem es die USA für die Krankheit verantwortlich macht. Im Grunde genommen ist das nichts neues, denn in der nordkoreanischen Propaganda sind die USA und ihre Vasallen für so gut wie alles verantwortlich, was aus nordkoreanischer Sicht böse oder schlecht ist. Da muss Ebola logischerweise einsortiert werden. Interessant ist, dass Pjöngjang sich dazu bei Verschwörungstheoretikern aus aller Welt bedient, ohne mit der Wimper zu zucken. Aber so funktioniert Propaganda vermutlich, denn auch umgekehrt werden öfter mal krude Verschwörungstheorien gegen Pjöngjang ins Feld geführt.
Dieses Vorgehen aber einfach nur als Reflex der nordkoreanischen Propaganda zu beschreiben, die eben den USA alles Schlechte zuschreiben will, wäre zu kurz gesprungen. Vielmehr könnte man darin den Versuch des Regimes sehen, Anschluss an bestimmte Gruppen zu finden. So ist die Geschichte vom Krankheiten verbreitenden Entwicklungsländern in vielen Staaten, in denen eh ein grundlegendes Misstrauen gegenüber den USA herrscht sehr gut anschlussfähig. Damit kommt Nordkorea vermutlich den Bedürfnissen der Menschen in den betroffenen Staaten mindestens so nahe wie manche westliche Reaktion, die eigentlich nur zeigte, dass uns das Wüten der Krankheit in Westafrika ziemlich egal ist, solange sie nicht hierher kommt. Nordkorea agiert hier ein Stück weit wie ein globaler Populist, der dem Volk nach dem Mund redet und so versucht Verbündete zu finden.
Dieses Vorgehen hat bei einem breiteren Blick auf die nordkoreanische Propaganda nicht unbedingt einen Sonderstatus. Das Umdeuten der Realität, bis die USA als der Böse dastehen und die Nutzung von nicht besonders seriösen Argumenten ist vielmehr ein sehr gerne genutztes Stilmittel. Nur könnte es in diesem Fall eher verfangen, als bei vielen sonst sehr kruden Argumentationen.

Was wir daraus lernen

Aus Nordkoreas Umgang mit dem Thema Ebola kann man erkennen, dass das Regime dazu in der Lage ist, auf bestehende globale Sachverhalte zu reagieren und sie in der Innen- wie Außenkommunikation für sich und die eigenen Ziele umzudeuten. Diese Methode der flexiblen Reaktion ist eine der Grundlagen des Fortbestehen des Regimes und wird in unterschiedlichen Spielarten seit Jahrzehnten eingesetzt.

Ein hoch der Reflexionsfährigkeit westlicher Medien!

Zum Schluss möchte ich nochmal auf die großartige Reflexionsfähigkeit unserer westlichen Medien hinweisen. Denn ganz klar: Wo in den USA sowohl Behörden als auch Bevölkerung völlig gelassen und ohne Anzeichen von Panik mit der Seuche umgingen ist es naheliegend, dass sich die Washington Post über das Vorgehen Pjöngjangs lustig macht. Zurecht! Und vollkommen zurecht brandmarkt die BILD die “kuriosen Nachrichten aus Kim-Land”, nämlich das Pjöngjang die USA bezichtigt, hinter der Züchtung des Virus zu stehen. Kein Wunder: Schließlich wissen die Springer Kollegen (übrigens einer meiner ganz persönlicher LieblingsWELTautoren: H. Rühle) von der WELT ganz genau, welcher Bösewicht das Virus gezüchtet hat.

Akte geschlossen: Kenneth Bae und Matthew Miller sind frei — Einordnung und Hintergründe


Nachdem der junge Kim nach seiner langen Abwesenheit wieder leicht lädiert aufgetaucht ist und das Thema, was denn jetzt genau der Grund für seine Abwesenheit gewesen sei, den Medien nach einigen Tagen des Spekulierens keinen Spaß mehr gemacht hat; Nachdem dann wie üblich die eine oder andere mediale Sau (wobei es im Bild wohl eher um Kätzchen und Wolf oder so geht) ohne viel Substanz (also magere Säue, vielleicht nur Ferkel) durchs globale Dorf getrieben wurde; Nachdem aber auch die eine oder andere wichtige Entwicklung fortgeschrieben oder auch unterbrochen wurde; Nach all dem kommen heute zwei Dinge zusammen: Erstens habe ich etwas Zeit zum Schreiben und zweitens gibt es ein Thema, dass ich schon allein deshalb spannend finde, weil das mich schon zum Teil seit Jahren begleitet und weil ich fast schon damit gerechnet hatte, das nie mehr abschließen zu können.

Vorerst kann die Akte: „Gefangene US-Bürger“ geschlossen werden

Genau: Es geht um die US-Bürger, die aus verschiedenen Gründen in Nordkorea festgehalten wurden und von denen, nach der Freilassung von Jeffrey Fowle im Oktober, gestern nun die anderen beiden freigekommen sind. Matthew Miller war mit einigen Monaten noch vergleichsweise kurz in nordkoreanischer Haft, während Kenneth Bae bereits seit zwei Jahren seine Gesamtstrafe von 15 Jahren Zwangsarbeit verbüßte. Nach mehreren erfolglosen Anläufen, die zum Teil sehr ausgiebig öffentlich diskutiert wurden schaffte es nun der Geheimdienstchef der USA, James Clapper mit seinem Besuch in Pjöngjang, bei dem er auch einen Brief Barack Obamas an Kim Jong Un mitbrachte, die beiden zu befreien.

Typisch: Prominenz und Diskretion, beides ist Pjöngjang wichtig

Damit werden auch zwei Muster fortgeschrieben, die im Umgang mit Nordkorea immer wieder festzustellen sind: Erstens handelt man seine Faustpfänder nicht gerne ein, wenn an der anderen Seite des Tisches keine wichtige oder zumindest prominente Person sitzt: Nach Bill Clinton und Jimmy Carter war nun der Geheimdienstchef der USA wohl wichtig genug, während Basketballer Dennis Rodman sich vielleicht selbst wichtig findet, aber von den Nordkoreanern in der politischen Sphäre (mit Recht) wohl eher als Fliegengewicht gesehen wird.
Zweitens kam diese, ähnlich wie andere, häufig noch wesentlich wichtigere Entwicklungen, für Beobachter aus dem Nichts. Es gab nicht irgendwelche Gerüchte oder großartige Publikumswirksamen Gespräche, sondern Clapper war schon fast wieder zuhause, als die Medien Wind bekamen. Ähnlich passierte es zuletzt beim Besuch prominenter nordkoreanischer Funktionäre im Süden, aber auch bei internen Verwerfungen, wie der Aburteilung Jang Song-thaeks oder auch dem Tod Kim Jong Ils. Das Regime hat die Informationshoheit und verpflichtet auch ausländische Partner Stillschweigen zu wahren, sollen deren Anliegen mit Erfolg beschieden sein. Erfahrungsgemäß ist an Storys, über die tage- oder wochenlang geredet und geschrieben wird meist ziemlich wenig dran. 

Wozu das Ganze? Hintergründe und Einordnung

Neben dem unmittelbar beobachtbaren interessiert uns alle aber natürlich auch, was das nun eigentlich alles zu bedeuten hat, was also die Infos hinter den puren Fakten sind.

Eine gut tradierte These…

In den deutschen Medien mittlerweile gut tradiert ist die Wahrnehmung, dass US-Gefangene immer als Druckmittel Nordkoreas gegenüber den USA zur Wiederaufnahme der Sechs-Parteien-Gespräche dienen sollen (ach übrigens haben die USA gerade einen neuen Sondergesandten für Nordkorea ernannt, der damit auch die Sechs-Parteien-Gespräche verantwortet. Wenn der genausoviel zu tun kriegt, wie sein Vorgänger Glyn Davies, werde ich den Namen von Sung Kim wohl auch schnell wieder vergessen…). Das mag nicht ganz so aus der Luft gegriffen zu sein, wie andere mediale Volksweisheiten, aber die Frage, wie groß die Erklärkraft des Argumentes denn noch sein kann, nachdem die letzte Runde der Verhandlungen mittlerweile sieben Jahre her ist und es mehr als fraglich ist, ob dieses Format von Nordkorea überhaupt noch gewollt wird. Aber mit einem haben die Verfechter dieser These wohl Recht: Es dürfte irgendetwas mit den Beziehungen zwischen Nordkorea und den USA sowie der geopolitischen Situation um Nordkorea generell zu tun haben.

…und einige sinnvoller klingende Überlegungen

Einen etwas kreativeren Ansatz hat die WELT, die eine Verbindung zwischen der Freilassung und dem ab morgen anstehenden APEC-Gipfel für denkbar hält, was ich nicht für gänzlich abwegig halte (was vermutlich eine Premiere ist, denn bisher habe ich die immer sehr kreativen Artikel der WELT zu Nordkorea durchweg für gänzlich abwegig gehalten (und ich fühle mich ehrlich gesagt unwohl damit, dass das jetzt anders sein soll)). In ausländischen Medien werden weitere Thesen diskutiert. Diese reichen vom schlichten Versuch, die Ausländer, die mehr Scherereien machen als sie nützen, über eine Botschaft an China, man sei durchaus ein verantwortlicher Akteur, bis hin zum Versuch, den internationalen Druck wegen der permanenten Menschenrechtsverletzungen zu mildern. Aber auch eine generelle Charmeoffensive des Landes wird als Hintergrund gehandelt.

Was ich denke: Teil einer größeren Strategie

Meine Wahrnehmung des Agierens der nordkoreanischen Führung ist die, dass dort sehr, sehr wenig einfach so geschieht und dass man gerade in den wichtigen Politikfeldern — und dazu gehören die Beziehungen zu den USA zweifelsohne — kaum etwas dem politischen Zufall überlässt. Daraus erklären sich auch ein Stück weit die Misserfolge bei früheren Versuchen, die Gefangenen frei zu bekommen. Nordkorea passten die Rahmenbedingungen nicht und deshalb behielt man die Leute lieber noch eine Zeit. Daher sehe ich die Freilassung auch eingebettet in einer größeren strategischen Planung. Dazu passen Elemente, die man nahtlos damit in Verbindung bringen kann, wie beispielsweise den Besuch der nordkoreanischen Offiziellen im Süden vor einem Monat. Aber auch Geschehnisse, die dem erstmal zuwiderzulaufen scheinen, passen in diese Entwicklung. Das harte Ringe um ein Anknüpfen an den im Oktober geflochtenen Gesprächsfaden zwischen Süd und Nord und die Drohung des Nordens, den Faden wegen der Flugblattpropaganda des Südens abreißen zu lassen sowie die deutliche Ablehnung eines Menschenrechtsdialogs mit den USA scheinen erstmal unpassend zu einer größer angelegten Charmeoffensive, aber vor einer Annäherung steht immer erst die Phase der Verhandlung darum, was alles auf den Tisch kommt, wenn man sich denn gemeinsam an selbigen setzen will. So gesehen könnte man das Ende der Propagandaflugblattaktionen als Vorbedingung des Nordens für eine Dialogaufnahme und das Menschenrechtsthema als nicht verhandelbar betrachten. 
Man könnte jetzt anmerken, dass es bei dem einen ja um die Beziehungen zwischen Nord- und Südkorea geht, bei dem anderen aber um die zwischen Nordkorea und den USA. Das stimmt, aber die Strategie der USA, ihre Verbündeten eng zusammenzubinden und zu koordinieren hat in den vergangenen Jahren sehr gut gegriffen (wenn sie auch keinen Erfolg gebracht hat), so dass sich die Strategen im Norden durchaus denken können, dass es keinen Sinn macht, nur eine Partei mit einer Charmeoffensive zu adressieren. In diesem Kontext kann auch die Bereitschaft Nordkoreas gesehen werden, auf die Bedürfnisse Japans mit Blick auf die entführten Japaner in Nordkorea besser einzugehen, denn Japan ist schließlich der Dritte im (engen regionalen) Bunde mit den USA. 

Ich bleibe zuversichtlich

Und wenn man das Handeln Nordkoreas gegenüber den USA und ihren Verbündeten zur Zeit so versteht, dass es einem größeren strategischen Plan folgt, dann ist die Freilassung der beiden Amerikaner ein ausnahmslos gutes Zeichen. Denn sie kann nicht anders verstanden werden, als positives Zeichen bzw. Investition und wenn der Norden investiert, dann tut er das normalerweise mit der Absicht, damit ein bestimmtes Ziel zu erreichen und hier kann ich wiederum nur die Verbesserung der Beziehungen mit den USA am Horizont als mögliches strategisches Ziel erkennen.

Weitere Kaninchen im Hut?

Der Rest ist abwarten und Tee trinken. Ich bleibe weiterhin zuversichtlich und bin gespannt, ob in den nächsten Wochen bzw. Monaten weitere positive Entwicklungen holterdipolter aus dem Hut gezaubert werden. Die Menschen in Nordkorea und in der Region hätten es jedenfalls nach den angespannten und damit anstrengenden letzten Jahren verdient, langsam in ein ruhigeres Fahrwasser einzuschwenken.

Verhaltener Optimismus ist angesagt: Kommt die Annäherung zwischen den Koreas endlich in die Gänge?


Gestern erinnerte mich eine Meldung aus den Radionachrichten daran, dass ich wohl nochmal was für mein Blog tun muss. Da wurde mitgeteilt, dass in Incheon auf den Asienspielen eine hochrangige nordkoreanische Delegation die Abschlussveranstaltung besucht habe und im Rahmen dieser Reise auch mit Vertretern Südkoreas, darunter Premierminister Chung Hong-won zusammengetroffen sei. Unter anderem sei vereinbart worden Ende Oktober/Anfang November ein weiteres hochrangiges Treffen abzuhalten. Natürlich weckt ein solches Treffen Hoffnungen auf eine Verbesserung der Beziehungen beider Koreas und damit auf eine Entspannung der Gesamtsituation rund um Nordkorea.
Weil ich die Entwicklungen auf der Koreanischen Halbinsel schon etwas länger beobachte und darin schon einige Aufs und Abs gesehen habe, bin ich selten — und auch dieses Mal nicht — euphorisch, aber momentan durchaus positiv interessiert an den jüngsten Entwicklungen. Daher will ich mal versuchen eine Einschätzung über Bedeutung und Reichweite des Besuchs zu treffen.

Kim Jong Uns Abwesenheit… So schlimm kanns nicht sein.

Dazu möchte ich zuerst kurz auf den Rahmen eingehen. Einerseits fällt dabei auf, dass die Reise zu einem Zeitpunkt stattfand, da über die Gesundheit und den Verbleib Kim Jong Uns spekuliert wird. Kim hat seit Anfang September keine öffentlichen Termine mehr absolviert und war kurz zuvor in einem Fernsehbeitrag humpelnderweise zu sehen gewesen, was wie üblich dazu führte, dass internationale Medien über so ziemlich jede erdenkliche Krankheit nachdachten, die er wohl haben könnte (mich überrascht nur, dass ich über das Nächstliegende nichts lesen konnte, nämlich dass er sich bei einem flotten Match mit seinem Superbuddy Dennis Rodman das Knie verdreht hat). All das kann etwas bedeuten (Kim Jong Ils Abwesenheitszeiten 2008 waren beispielsweise wohl schlaganfallbedingt), muss es aber nicht.
Dass man das in diesem Fall nicht überbewerten sollte, zeigt gerade die Reise, um die sich dieser Artikel eigentlich dreht. Denn in Zeiten der Unsicherheit, wenn die Kräfte eher nach innen gebündelt werden müssen, dann wendet sich das Regime nicht nach außen. Jedenfalls nicht auf “positive” Art und Weise (meine These ist, dass das Regime manchmal in Zeiten inneren Wandels aggressiv nach außen agiert, einerseits um die Funktionsträger im Inneren zu einen, andererseits um vor Avancen von außen Ruhe zu haben). Dass das jetzt passiert kann man im Umkehrschluss als Zeichen dafür deuten, dass sich das Regime recht sattelfest fühlt und deshalb auch mal einige personelle Spitzenressourcen auf die Außenbeziehungen verwenden kann.

Spannend: Das nordkoreanische Personal für Incheon hat Signalwirkung

Mit Blick auf diese personellen Spitzenressourcen kommt der zweite Aspekt, der aufmerken lässt. Denn wenn man sich die Leute mal näher anschaut, die da gefahren sind, dann ist das durchaus eine spannende Konstellation. Aber um das zu verstehen brauch man ein bisschen Background:

Vor einer guten Woche ließ eine Meldung aufhorchen, nach der Choe Ryong-hae — lange hoch gehandelt im vollkommen undurchsichtigen Machtgefüge des Regimes — vom Posten des stellvertretenden Vorsitzenden der Nationalen Verteidigungskommission degradiert worden sei. KCNA schrieb dazu den lapidaren Satz:

It recalled Deputy Choe Ryong Hae from the post of vice-chairman of the National Defence Commission (NDC) of the DPRK due to his transfer to other post

Wer sich mit der Sprache der nordkoreanischen Medien ein bisschen beschäftigt, der weiß, dass da viel mehr drin stecken kann. Beim lesen dieser Nachricht kann die nicht ganz unberechtigte Erwartung aufkommen, dass dies das letzte Mal war, dass man etwas von Choe Ryong-hae in den nordkoreanischen Medien gehört, gesehen oder gelesen hat. Aber immer ist das eben nicht so. Choe ist noch da und ist nach Incheon geflogen. Zusammen mit Hwang Pyong-so (den ich vor drei Jahren schonmal etwas näher angeschaut hatte, aber wie immer viel ausführlichere und bessere Infos bei NK Leadership Watch). Über den stand auch was in dem KCNA-Artikel, der auf Choe Ryong-haes Degradierung hinwies. Nämlich:

It elected Deputy Hwang Pyong So to fill the vacancy as vice-chairman of the NDC of the DPRK

Also ist Choe quasi mit seinem Nachfolger nach Incheon geflogen. Interessant. Allerdings auch wieder nicht so extrem interessant, wie es auf den ersten Blick scheint, denn Choes verbliebener Job ist der des Vorsitzenden der State Physical Culture and Sports Guidance Commission, er ist also quasi der zweite zuständige Mann.
Der dritte im Bunde war mit Kim Yang-gon ein “üblicher Verdächtiger”, den man bei so einer Initiative in den innerkoreanischen Beziehungen erwartet hätte, weil er einer derjenigen in den Reihen des Regimes ist, die für die innerkoreanischen Beziehungen zuständig sind und scheinbar auch im Süden ein gewisses Ansehen besitzen.

Die Delegation bestand also quasi aus zwei Zuständigen plus einem Wichtigen, was da durchaus ein positives Signal draus strickt. Allerdings würde ich die Sache mit Choes Degradierung und seiner Reise noch nicht direkt ganz außer Acht lassen wollen, denn mal ganz ehrlich: Könnt Ihr Euch vorstellen, dass das Regime in Pjöngjang jemanden in den Süden fahren lässt, dem es nicht vertraut? Also bleibt Choe interessant. Ich werde ihn jedenfalls auf dem Zettel behalten.

Erstmal wenig Haare in der Suppe

Auch die Reise an sich bleibt spannend, denn das Regime in Pjöngjang scheint sich gut und sicher zu fühlen (was man aus der Tatsache folgern kann, dass überhaupt Signale gesendet werden, sowie aus der Gruppenkonstellation) und es scheint positive Signale in den Süden senden zu wollen (was man an der “konstruktiven” Gruppenzusammenstellung sehen kann). Das ist erstmal ein gutes Zeichen, denn auch der Süden hat konstruktiv reagiert und damit besteht erstmals seit zumindest vier Jahren die Chance, einen echten Gesprächsfaden zu knüpfen und eine echte Besserung der Beziehungen zu bewirken.

Perspektive: Wie stehen die Chancen für eine Annäherung

Ob das dann wirklich passieren wird, das ist jedoch noch keinesfalls sicher.
Einerseits sind die Ziele des Nordens, mit denen die Initiative gestartet wurde nicht bekannt und da der Norden bei Nichterreichung solcher Ziele häufiger mal frustriert reagiert, kann das schnell wieder am Ende sein. Hier ist aber positiv anzumerken, dass auch die Gegenseite um diese niedrige Frustrationsschwelle weiß und erstmal sehr offen reagiert hat. Daher gibt man sich zumindest mal Mühe, aber wenn Ziele unvereinbar sind, kann man sich noch so viel Mühe geben, am Ende kommt man nicht zusammen.
Andererseits haben wir ja leider keine geschlossene Versuchsanordnung. Es passieren oft Dinge, die auf solch sensible Prozesse wie die mögliche Annäherung der Koreas einwirken. Dafür sehe ich vor allem Risiken im Norden, denn einerseits kann es ja durchaus sein, dass Kim Jong Un nicht ganz fit ist, dann hängt das Ganze permanent am seidenen Faden (kein Führer lässt zu, dass entscheidende Dinge verhandelt werden, während er nicht voll handlungsfähig ist); Andererseits ist die Neuorganisation seines Regimes vermutlich immer noch nicht abgeschlossen und wenn es in diesem Feld zu entscheidenden Verwerfungen kommt, verliert alles außenpolitische erstmal wieder an Priorität. Optimistisch stimmt mich hier, dass der Zeitraum bis zum nächsten hochrangigen Treffen verhältnismäßig kurz angesetzt ist. Auch das deutet wieder den Willen an, tatsächlich was hinzukriegen.

Was man im Auge behalten sollte

Wie ihr lest, bin ich verhalten optimistisch und hoffe, dass ich in ein paar Wochen von positiven Entwicklungen auf einem innerkoreanischen Treffen berichten kann.
Bis dahin werden verschiedene Dinge zu beobachten sein, die eine Perspektive für die Entwicklung der Verhandlung geben werden:

  • Was macht Kim Jong Un? Taucht er wieder ganz normal auf und geht seinen Geschäften nach, ist er sichtlich angeschlagen oder bleibt er gar noch länger weg? Bei negativen Nachrichten für Kim Jong Un würden auch die Chancen für ein erfolgreiches hochrangiges Treffen sinken.
  • Bleibt das Regime im inneren Ruhig? Wenn Nachrichten über Degradierungen oder sonstige Zeichen für innere Unruhe (Autounfälle z.B.) nach außen dringen, dann bedeutet das, dass das Regime mit sich selbst zu tun hat und sich vermutlich nicht an zwei Fronten (Innen und Süden) ernsthaft engagieren will.
  • Zuletzt wird auch die Reibungslosigkeit der Vorbereitungen vieles über die Perspektiven des Treffens sagen. Wenn es im Vorfeld permanent Geplänkel um Ort, Zeit, Personal etc. gibt, dann kann man davon ausgehen, dass der Norden auf dem Absprung ist und nurnoch die Rechtfertigung finden will. Auch hier lief die Anbahnung des ersten Treffens so still und reibungslos ab, dass man erstmal vom guten Willen beider Seiten ausgehen muss und damit optimistisch sein kann.

Zu dem Thema werden wir uns in ein paar Wochen ganz sicher wieder lesen. Ich hoffe mit positiven Meldungen.

Buchbesprechung und Verlosung — Rüdiger Frank: “Nordkorea – Innenansichten eines totalen Staates”


Als ich vor einer guten Woche aus dem Urlaub zurückkam lag ein Paket in meinem Briefkasten, über das ich mich echt gefreut hatte. Drin war nämlich das neue Buch von Rüdiger Frank, das ab dem 22. September im Handel sein wird und den Titel “Nordkorea – Innenansichten eines totalen Staates” trägt. Ich hatte also die Gelegenheit, mir vorab einen Eindruck zu machen und das Buch genau anzuschauen und das habe ich auch unverzüglich getan. Zum Schreiben komme ich zwar erst heute, aber das ist ja irgendwie immer noch früh genug. 

Warum ich mich über das Buch gefreut habe

Gefreut habe ich mich nicht nur, weil das Streicheleinheiten für meine Eitelkeit darstellt, wenn ich ein Buch vorab geschickt bekomme, sondern auch, weil das Buch erstens von Rüdiger Frank geschrieben wurde und zweitens auf Deutsch erscheint. Um dies ein bisschen näher zu erklären, möchte ich vorab ein paar Worte zum Autor schreiben:
Rüdiger Frank ist Professor für Wirtschaft und Gesellschaft Asiens an der Universität Wiens und meiner Meinung nach einer der ganz wenigen herausragenden deutschsprachigen Nordkoreaexperten (was ihm 2013 immerhin eine Platzierung unter den — laut FAZ — 50 einflussreichsten Ökonomen Deutschlands einbrachte), der sich auch vor seinen internationalen Kollegen nicht verstecken muss. Frank ist in Leipzig geboren und studierte kurz nach dem Mauerfall in Ostberlin Koreanistik bei Helga Picht, eine weitere ausgewiesene Kennerin der Materie, die Nordkorea häufiger besucht und als Übersetzerin bei höchstrangigen Treffen (z.B. Erich Honecker und Kim Il Sung) fungiert hatte. Dieser gute Kontakt seiner Mentorin brachte ihm 1991/92 auch einen Auslandsaufenthalt bei der Kim Il Sung Uni in Pjöngjang ein, weil getroffene Vereinbarungen zum Studierendenaustausch zwischen der DDR und Nordkorea bestand hatten, obwohl sich mit der DDR eigentlich ein Vertragspartner von der Weltbühne verabschiedet hatte. Der Aufenthalt (und die, die noch folgen sollten) sowie seine DDR-Biographie erlauben es ihm heute, Prozesse und Strukturen Nordkoreas zu analysieren ohne einerseits in die Falle des “ideologischen Moralisierens” (hab ich gerade erfunden, aber ich denke ihr wisst, was ich meine) zu tappen oder sich andererseits dem Regime und seiner Weltsicht zu sehr zu nähern. Wenn es Menschen gibt, die im Fall Nordkoreas dem unerfüllbaren Anspruch von “Objektivität” nahekommen, dann gehört Rüdiger Frank dazu. Kurz, ich schätze ihn und seine Arbeit sehr und freue mich daher, wenn aus seiner Feder ein Buch über Nordkorea erscheint.
Besonders freue ich mich, wenn ein Buch von Frank auf Deutsch erscheint. Das Allermeiste von ihm erscheint in englischer Sprache und irgendwie kann ich es auch nachvollziehen. Wissenschaftsökonomisch macht es wenig Sinn, für eine extrem kleine Community in Deutschland Sachen zu schreiben, die die anglophonen Kollegen, von denen eigentlich fast keiner Deutsch kann, dann nicht lesen können (während gleichzeitig die deutschen Kollegen vermutlich durchweg englisch können). Das heißt, wenn wir hier was in deutscher Sprache bekommen, dann sind es meistens Interviews oder so, ganz selten mal ein Artikel.
Aber ein Sachbuch in deutscher Sprache, das macht schon mehr Sinn, denn wenn es auch kein Millionenpublikum ist, so gibt es doch durchaus eine Gruppe von Menschen, die sich aus unterschiedlichsten Gründen für Nordkorea interessieren. Und für diese Gruppe ist ein Sachbuch, in das das sehr weitgehenden Wissen und die vielfältigen Erfahrungen von Rüdiger Frank einfließen von wirklich großem Wert, aber auch jeder Student, der sich etwas näher mit der Materie auseinandersetzen möchte und eine gute Annäherung sucht, kann von Franks Kenntnissen nur profitieren. 

Besprechung von “Nordkorea – Innenansichten eines totalen Staates”

Jetzt habe ich Euch aber lange genug auf die Folter gespannt und will mich dem Buch an sich widmen. Die 431 Seiten, zu denen nochmal sechzehn farbige Bilderseiten dazukommen, die in die Mitte gebunden sind, gliedern sich in neun Kapitel, ein Vorwort, 30 Seiten Anmerkungen (die Ihr Euch anschauen solltet, weil da u.a. oft auf qualitative weiterführende Literatur verwiesen wird), ein Register und eine Karte Koreas. Die einzelnen Kapitel sind außerdem in Unterkapitel untergliedert, die sich allerdings nicht im Inhaltsverzeichnis wiederfinden. Inhaltlich teilen sich die Kapitel auf in zwei Kapitel zu Traditionen und Ursprüngen, sowie der Ideologie, die gefolgt sind von einem Kapitel zur Struktur des Systems. In der Folge wird es, wohl auch der Profession Franks geschuldet, ökonomisch. Dem Kapitel zur Wirtschaft folgt eines zu Reformen und darauf eines zu Sonderwirtschaftszonen. Dasjenige zu Kim Jong Un stellt eher eine aktuelle Zustandsbeschreibung des Landes dar, jedoch auch mit Fokus auf der Wirtschaft. Das achte Kapitel zu Arirang ist eine Art Ablaufbeschreibung des Massenspektakels und zum Abschluss gibt Frank seine Ansichten zu Chancen, Optionen und Herausforderungen einer Wiedervereinigung an. 

Alles in Allem, um das schonmal vorweg zu sagen, kann ich das Buch jedem empfehlen, der sich dem Thema Nordkorea annähern möchte, aber auch jedem, der schon etwas oder viel darüber weiß und noch mehr lernen möchte. Für beide Gruppen lohnt sich die Investition, zumal das Buch mit 19,99 € für das Hardcover auch noch zu einem wirklich fairen Preis zu haben ist. Aber ein paar Kritikpunkte gibt es trotzdem, wie Ihr später sehen werdet. Anfangen will ich trotzdem mit einigen Dingen, die mir sehr gut gefallen haben:

Eine Sache, die ich bisher nie wirklich verstanden habe, die ich aber sehr ärgerlich fand, ist der Umstand, dass deutsche Autoren bzw. Verlage bisher nur sehr sporadisch den Wert eines gut geführten Registers erkannt haben. Ich kann das nicht so recht nachvollziehen, weil es eigentlich reicht, einmal in einem Buch nach einem bestimmten Sachverhalt zu suchen, um zu wissen, dass dabei nichts hilfreicher ist als ein ordentlich sortiertes Register. Und genau das findet sich in diesem Buch und macht es deshalb nicht nur gut nutzbar zum Durchlesen und danach wissen, was drinsteht und im besten Fall auch noch wo, sondern auch zum schnell mal Nachgucken und Recherchieren. 

Dass die Ausführungen zu Ideologie, Ikonographie und Struktur des Staates sehr kenntnisreich sein würden hatte ich erwartet, aber dass ich so viele Details und Aspekte finden würde, derer ich mir vorher nicht bewusst war, damit hatte ich so nicht gerechnet. Sehr wertvoll und spannend fand ich den Überblick über die aktuellste Verfassung des Landes, die gegeben wird, denn die aktuelle Version liegt eben nur in koreanischer Sprache vor und das Buch gibt einen schönen Überblick über enthaltene Aspekte über Änderungen und Entwicklungen. Besonders gewinnbringend habe ich die Kapitel zur Ideologie gelesen, denn viele der Aspekte in der Genese, Geschichte und Anwendung der Ideologie sind zumindest mir sehr fern, weil ich einerseits Probleme mit dem Konzept Ideologie habe, andererseits, weil mir in vielen Bereichen die Kenntnisse fehlen.
Angenehm finde ich auch, dass der Autor mit seinem Buch nicht versucht mehr darzustellen, als er weiß. Er markiert klar, wenn etwas ein Mysterium ist bzw. sich dem Blick der Außenwelt enthält, wenn etwas ein Gerücht ist oder wenn er seine Meinung oder Einschätzung äußert, ohne etwas mit Sicherheit zu wissen.

Das Buch wirkt, obwohl von einem Akademiker geschrieben, selten akademisch, was mich wirklich gefreut hat (ich muss zugeben, dass es mich wahnsinnig macht, wenn jemand nur deshalb perverse grammatische Konstrukte mit einem überfordernden Wortschatz und unverschämten Satzlängen kombiniert, damit auch der blödeste Leser merkt, dass hier ein echter Akademiker am Werk war). Komplizierte oder komplexe Sachverhalte werden häufig anhand von Anekdoten illustriert, die der Autor im Laufe seiner über zwanzigjährigen Nordkorea-Erfahrung angesammelt hat. Das macht das Buch lesbar und verständlich, ohne dass mit sinnlosen Geschichtchen um sich geworfen würde. Gleichzeitig erkennt man jedoch, wenn man sich mit politik-, gesellschafts- oder wirtschaftswissenschaftlichen Theorien auseinandergesetzt hat, dass der Autor ein umfangreiches theoretisches Instrumentarium nutzt und nicht nur eine lapidare Sachbeschreibung abliefert. Aber auch die Nutzung dieses theoretischen Überbaus macht das Buch nicht akademisch, denn Frank versteht es sehr gut, Theorien an die Praxis zurückzubinden und so zu nutzen, dass jemandem, der die Theorie nicht kennt, der Inhalt durchaus verständlich wird, ihm aber eher nicht auffällt, dass hier überhaupt ein theoretischer Rahmen genutzt wurde.
Nett fand ich es auch, dass der Autor uns an seinen zahlreichen Reisen ins Land teilhaben lässt, indem er einige aussagekräftige Bilder, die er dort gemacht hat, abdruckt und erläutert. Die Tatsache, dass sie zusammengebunden in der Mitte zu finden sind hat sicherlich ökonomische Ursachen und dafür ist das Buch eben auch günstig.
Seine Einschätzungen zu einer Vereinigung des Landes finde ich mutig und interessant. Während er sich zurecht ziert, konkrete Zeiten und Szenarien zu benennen (damit haben sich schon viele gute Wissenschaftler in die Nesseln gesetzt), steht für ihn das „ob“ außer Frage. Es werde eines Tages eine Vereinigung geben, nur wie und wann sei offen. Wertvoll sind auch seine Analysen zu Variablen verschiedenster Art, die auf eine solche Vereinigung einwirken und ihre Chancen befördern oder hemmen können. Wer sich für diese Fragen interessiert, sollte sich das letzte Kapitel sehr genau anschauen.

Nach dem ersten Kapitel liefert Frank ein sehr schönes Bild, mit dessen Hilfe er die Essenz dieses Kapitels wiedergibt. Ich persönlich finde so etwas immer sehr hilfreich und deshalb fand ich es auch schade, dass es in den folgenden Kapiteln solche kurzen Rekapitulationen nicht mehr gab. 

Bei meinem ersten Blick ins Inhaltsverzeichnis war ich ein bisschen irritiert, weil ich das Arirang-Kapitel irgendwie fehl am Platz fand. Auf den ersten Blick passte es nicht so recht in die Binnenstruktur des Buchs. Und ganz ehrlich, auch nachdem ich das Kapitel gelesen habe, verstehe ich nicht so ganz, warum es Teil dieses Buchs ist (auch wenn ich eine Vermutung habe). Auch wenn Arirang die “offizielle Form dessen, wie Nordkoreas Führung ihr Land sieht und zeigen möchte” ist und damit hilft das Land aus einem anderen Blickwinkel zu sehen, so ist es trotzdem kein konstitutives Element des heutigen Nordkoreas, wie sie in den anderen Kapiteln behandelt werden. Versteht mich bitte nicht falsch: Das Kapitel für sich habe ich mit großem Interesse gelesen und es macht sowohl für Leute, die Arirang gesehen haben, als auch für solche, die es nicht kennen, Sinn das Kapitel zu lesen. Frank gibt sehr detailliert den Verlauf des Spektakels mit einer Beschreibung der einzelnen Szenen, sowie häufig mit Analysen der Bedeutung und des Sinns der jeweiligen Szene. Auch der “Über-die-Schulter-Blick”, in dem das alles präsentiert wird, ist interessant. 
Nur…es passt eben nicht und deshalb hätte man es vielleicht besser anderswo untergebracht. Außerdem hätten gerade hier Bilder wirklich sehr viel Sinn gemacht. Entweder in der Mitte des Buchs oder gegen Aufpreis eben an Ort und Stelle der Beschreibung. Zwar werden die Szenen sehr gut beschrieben, aber eine Stütze für die Vorstellung, gerade derjenigen (die bis auf das Bild auf dem Einband) vielleicht noch nie bewusst Bilder von Arirang gesehen haben, dürften Probleme haben sich das vorzustellen. Ich weiß es nicht genau, aber ich kann mir vorstellen, dass dieses Kapitel ein Zugeständnis an die ökonomischen Bedürfnisse des Verlags sind, denn wie gesagt: Wenn jemand nach Nordkorea fährt um sich Arirang anzuschauen, dann würde ich ihm empfehlen, dieses Kapitel vorher zu lesen.

Ein bisschen grundsätzlichere Kritik möchte ich an der inhaltlichen Fokussierung des Buches üben. Während Geschichte, Ideologie und Struktur des Staates in etwa gleichgewichtig mit dem Thema Wirtschaft behandelt werden, fehlt mir fast vollständig die Annäherung daran, wie die nordkoreanische Gesellschaft konstituiert ist, wie das Leben der Menschen im Land aussieht. Natürlich kennt der Autor all das und natürlich wird das hier und da auch mal eingeflochten, aber das wirkt mitunter dann ein bisschen unmotiviert und auch kurz. So war ich beispielsweise überrascht, über die imniban, die administrativen Nachbarschaftsgruppen, über die sehr vieles organisiert wird unter dem Unterkapitel “Exekutive” zu lesen. Die zugehörigen Anekdoten sind schön und vielsagend, aber irgendwie hatte ich hier, wie an mancher anderen Stelle auch das Gefühl, dass da irgendwie die Zuordnung ein bisschen seltsam ist.
Meines Erachtens hat das mit dem fehlenden Kapitel “Gesellschaft” zu tun. Diese Leerstelle erkennt man, wenn man nach relativ zentralen Aspekten von Gesellschaften sucht, beispielsweise dem Bildungssystem, da wird man nicht viel zu finden. Andere Dinge, wie beispielsweise der Wehrdienst, werden quasi über Eck abgeleitet, aber naja, die Entscheidung auf ein solches Kapitel zu verzichten überzeugt mich nicht und scheint dem Autoren auch mitunter das Leben schwer gemacht zu haben, weil er viele seiner Erfahrungen oder wichtige Aspekte irgendwo noch unterbringen musste.
Aber natürlich könnte dies damit zusammenhängen, dass der Autor aus der wirtschaftswissenschaftlichen Ecke kommt und daher seinen Fokus auch entsprechend setzt. Nichtsdestotrotz empfinde ich das Wirtschaftsthema mit dreieinhalb Kapiteln übergewichtet. Mir hätte es besser gefallen, wenn die Sonderwirtschaftszonen ihren Platz in den anderen beiden Kapiteln gefunden hätten und stattdessen die Gesellschaft stärker zum Zuge gekommen wäre. Das generell die Außenpolitik bzw. die internationalen Beziehungen relativ kurz kommen, kann man als Mangel sehen, muss man aber nicht. Diese an den entsprechenden Stellen einzuflechten, ist in einem Buch, dass die “Innenansichten” des Systems liefern will, wie der Untertitel ja sagt, eher statthaft und gelingt dem Autor auch besser, als das bei der Beschreibung der gesellschaftlichen Verhältnisse der Fall ist. Allerdings habe ich bei den im Einzelnen immer interessanten Exkursen (die Sonnenscheinpolitik wird beispielsweise im Kapitel Kumgangsan abgehandelt) häufiger das Gefühl gehabt, dass hier eine Einordnung als Exkurs oder eine layouttechnisch hervorgehobene Infobox vielleicht sinnig gewesen wäre.

Die unsichtbare Hand siegt über kurz oder lang

Die zentrale These, die Frank in seinem Buch verfolgt ist, dass sich das nordkoreanische System über kurz oder lang verändern wird. Dies führt er auf den Umstand zurück, dass das System den Menschen in Nordkorea eine Ideologie, eine Art Regelbuch zur guten Lebensführung überstülpt, das nicht der Natur der Menschen entspricht. Die Natur des Menschen sieht er verwirklicht in den westlichen Gesellschaften, wo sich aus dem “als natürlich angesehenen Eigennutz der Individuen” in ihrer Masse die von Adam Smith formulierte “Unsichtbare Hand” formiert, die unsere Wirtschaftsordnung lenkt. So gesehen braucht der Mensch in der westlichen Gesellschaft nichts zu tun, als seinem Eigennutz — also seiner Natur — zu folgen, um das System in dem er lebt zu tragen, während der Mensch im System Nordkoreas Regeln folgen muss, die dem Eigennutz widersprechen, also quasi widernatürlich sind.
Franks These auf einen Satz gebracht ist, dass die Natur des Menschen auch in Nordkorea systemverändernd wirken wird. Wie das geschehen wird, sagt er schlauerweise nicht vorher, aber dass es geschehen werde, sieht er auch schon anhand gesellschaftlicher Prozesse, die in den letzten Jahrzehnten in Gang kamen, als sicher. 

Ende der Besprechung: Besorgt Euch das Buch

Warum ich so auf diesem Aspekt herumgeritten bin? Nun, das geht ein Stück weit über meine Buchbewertung hinaus und betrifft eher einen Nachdenkprozess, der bei mir durch die Gegenüberstellung des quasi naturgesetzlichen menschlichen Eigennutzes gegen die widernatürlichen Regeln der Ideologie, angestoßen wurde. Ich werde dem gleich noch ein bisschen folgen, aber meine Buchbesprechung hiermit abschließen mit der Empfehlung, sich das Buch zu besorgen, zumindest für diejenigen, die sich für Ideologie, politische Struktur, Wirtschaft und die Möglichkeiten einer Wiedervereinigung interessieren. Diejenigen, die mehr über gesellschaftliche Verhältnisse und das Alltagsleben in Nordkorea erfahren möchten, können auch von dem Buch profitieren, dürfen aber nicht enttäuscht sein, wenn darüber nicht so viel drinsteht, wie der Untertitel vermuten lassen könnte. 

Ein paar Gedanken zur Ideologie der unsichtbaren Hand

Jetzt aber zurück zu meinen Gedanken, dessen Ausgangspunkt man unter “Ideologie vs unsichtbare Hand” zusammenfassen könnte. Die Basis von Ideologien war m.E. immer, dass ihre Schöpfer glaubten oder behaupteten, Gesetzmäßigkeiten in unserer sozialen Umwelt gefunden zu haben, denen der Lauf der Welt ihrer Ansicht nach folgen würde. Das war bei allen großen “*ismen” unserer Zeit so und wir fühlen uns heute gut, weil wir erkannt haben, dass es all die Gesetzmäßigkeiten nicht gab, die wir da vermutet haben. 
Wir lehnen uns zurück und folgen dem einzigen Gesetz, das es noch gibt. Unserer menschlichen Natur. 
Wir sind eben nun mal eigennützig, das ist ja quasi ein Naturgesetz und daraus folgt unweigerlich, dass wir alle eine unsichtbare Hand konstituieren, die unsere Welt immer weiter auf den Abgrund zusteuern lässt, denn die Addition all dieser kleinen EigenNutzen führt, anders als Adam Smith sich das gedacht hat, nicht zu einem größeren Nutzen (das “eigen” ist ja dann weg, wenn man alle zusammennimmt) für alle, sondern leider zur Irrationalität, wenn man die lange Frist betrachtet. Jeder von uns weiß, auch wenn er darüber nicht so gerne nachdenkt, dass er jeden Tag mehr Natur, Luft, Atmosphäre, Nahrung etc. aufbraucht, als 1. ihm zusteht und 2. unsere Erde auf die lange Sicht verkraften kann. Ich sehe darin eigentlich nur großen UnNutzen, (wobei Eigennutz im Sinne von: “Ich bin jetzt 40 Jahre alt, in 45 Jahren bin ich tot, was dann kommt ist mir egal” nicht in Abrede gestellt werden darf), denn Smiths unsichtbare Hand scheint zum Ziel zu haben, die Erde und alles was darauf ist zu zerquetschen.
Nun kamen mir dazu ein Gedanke: Ist der menschliche Eigennutz denn jetzt ein Naturgesetz? Ich weiß es nicht, aber erstmal sehe ich nur einen marginalen Unterschied zwischen dem Glauben an eine Ideologie, die eine naturgesetzlich festgelegte zielgerichtete gesellschaftliche Entwicklung hin zu einer anderen Staats- und Gesellschaftsform und dem Glauben an eine unsichtbare Hand, die eine naturgesetzlich (durch den natürlichen menschlichen Eigennutz) festgelegte zielgerichtete gesellschaftliche Entwicklung hin zu einer für alle besseren Zukunft (weil es da mehr von allem gibt). Naja, vielleicht folgen wir blind einer Ideologie, merken das nur nicht, weil die anderen Ideologien ein bisschen früher offenbart haben, dass sie nicht funktionieren. Vielleicht sollte man mal versuchen, sich von dieser Ideologie des “der Mensch ist eben so, deswegen müssen wir alle mitmachen” zu entfremden. Aber vielleicht haben wir auch einfach das einzig geltende gesellschaftliche Naturgesetz gefunden, der Mensch ist eben eigennützig, er kann deshalb nichts für das, das er anrichtet und wir sollten uns gefälligst nicht der Natur widersetzen. Aber wäre ja ärgerlich, wenn dass das Ergebnis von ein paar Tausend Jahren Menschheitsgeschichte ist, dass das Beste, was wir auf Basis unserer naturgesetzlichen Eigennützlichkeit rausholen konnten, die Zerstörung unserer Welt war…

Eigennutz ausgenutzt: Buchverlosung mit…

Und weil wir gerade schon so schön beim Thema sind und ich so ein perfekter Gläubiger unserer unangefochtenen Eigennutzideologie bin, möchte ich auch gleich ein Appell an Euren Eigennutz starten. Ich hab das Buch ja jetzt schon durch und wenn ich es nochmal bräuchte, könnte ich es in einer Bibliothek meines Vertrauens entleihen. Das wirft die Frage auf: Was mach ich damit? Ich weiß nicht, ob es meinem Eigennutz entspräche, es in meinem Regal einstauben zu lassen (vermutlich nicht, weil ich es dann ja hin und wieder abstauben müsste). Vielleicht wäre es ja besser, es loszuwerden (obwohl ich es ja wirklich gut finde!)? Ich denke schon. Ihr habt es ja bisher noch nicht lesen können und deshalb wird der Eine oder Andere Lust bekommen haben. Vielleicht würde aber auch mancheiner gerne die 20 Euro Einkaufspreis sparen und das Buch ganz eigennützig zeitnah zum Erscheinungsdatum (ich werde es vermutlich nicht genau pünktlich schaffen, weil ich die Tage davor kaum Zeit haben werde) am 22. September im Briefkasten haben?

…Haken

Naja, lange Rede kurzer Sinn: Ich verlose das Buch. Aber weil ich ja ganz naturgesetzgemäß ein eigennütziger Typ bin, versuche ich mal wieder was rauszuschlagen: Und zwar dachte ich mir, dass vermutlich sehr viele von Euch auch einige Bücher zu Nordkorea gelesen haben. Und vielleicht fandet ihr die auch gut oder schlecht oder bemerkenswert, habt jedenfalls was dazu zu sagen. Jedenfalls werde ich das Buch unter denjenigen verlosen, die mir bis zum kommenden Freitag eine Buchbesprechung zu einem Buch ihrer Wahl mit Bezug zu Nordkorea eingereicht haben. Die muss nicht so ellenlang sein wie das hier (ein paar Zeilen sind auch vollkommen ok) und sie muss auch ansonsten keinerlei formalen Kriterien entsprechen. Es wäre nur schön zu wissen, um welches Buch es geht, ob ihr es empfehlt und was Ihr gut und schlecht fandet (natürlich sollte es nicht den Autor oder so beleidigen). Ich werde die Besprechungen (gern anonym, gern aber auch unter Namensnennung) zusammengefasst irgendwann in der nächsten Zeit veröffentlichen.
Für die unter Euch, deren Eigennutz nicht so weit reicht, dass sie 20 Euro sparen wollen, bzw. deren Eigennutz so groß ist, dass sie keine Lust haben der Allgemeinheit für unsichere Gewinnchancen eine Buchbesprechung zur Verfügung zu stellen: Hier entlang geht es zur Seite des Verlags, wo Ihr schonmal bestellen könnt. Da könnt Ihr unter “Termine” dann auch sehen, dass es am 10.10. in Dresden und am 04.12. in Duisburg Autorenlesungen geben wird. Das wird sich lohnen. Wenn Ihr ein bisschen uneigennützig sein wollt, ohne dass das was kostet, bestellt das Buch doch einfach in der Buchhandlung bei Euch im Ort (wenn es die gibt), geht genauso schnell wie bei der elektronischen Konkurrenz und es hilft eine Infrastruktur zu erhalten, die wir andernfalls irgendwann bitter vermissen werden.

Alle die gewinnen wollen schicken mir ihre Besprechungen per Mail bis zum 19.09. an tobid001(at)yahoo(punkt)de.

Bin gespannt, freue mich und hoffe auf zahlreiche Teilnahme…

Nordkorea im Aufmerksamkeits(-wind)-schatten: Warum sich momentan kaum jemand für Nordkorea interessiert und weshalb sich das Regime darüber freut


So, da bin ich wieder, habe mich also nicht einfach so davon gemacht (aber dazu später mehr). Für alle die, die sich nicht für dieses langweilige Geschwätz, sondern meinem Kerngeschäft interessieren, freue ich mich, heute nochmal was geschrieben zu haben. In der Vergangenheit habe ich Momente, zu denen ich die Situation in Nordkorea weniger intensiv beobachtet habe, z.B. Urlaube immer gerne genutzt, um mich ein Stück weit vom “Alltagsgeschäft” frei zu machen und zu versuchen, dass Große-Ganze in den Blick zu nehmen. Dazu bietet sich auch aktuell Anlass, den in den letzten Wochen und Monaten ist auf der Welt so viel passiert und in Nordkorea relativ dazu so wenig, dass ich mir gerne mal anschauen würde, welche Wirkungen daraus für Pjöngjang resultieren. Allerdings will ich nicht kleinteilig die Konfliktherde durchgehen, die in den vergangenen Monaten lichterloh zu brennen angefangen haben, sondern versuchen, diese Situationen zu einer globalen Gesamtlage zu aggregieren, die das Verhältnis Nordkoreas zu seiner Umwelt mit beeinflusst.

Die Gemeinsamkeit aktueller Konflikte: Sie ziehen Aufmerksamkeit von Nordkorea ab

Denn mal ganz abstrakt betrachtet, hat zwar jeder einzelne der momentan recht heißen Konflikte, die wir Westler im Auge haben (es gibt ja auch noch ein paar, die uns nicht interessieren, weil sie so weit weg sind, weil es da nicht viel zu holen gibt oder weil wir keine Angst haben, dass als Folge der Konflikte irgendwann irgendwelche terrorwütigen Kriegsheimkehrer unsere schöne Wohlstandswelt in Schutt und Asche legen) direkte Verbindungen zur Führung in Pjöngjang, die man aus bilateralen Beziehungen, aus persönlichen Freund- oder Feindschaften, aus irgendwelchen Handelsverbindungen oder auch aus geostrategischen Chancen ableiten kann; Aber all diese Konflikte haben auch auf einer höheren Ebene eine gemeinsame Wirkung auf Nordkorea. Sie ziehen Aufmerksamkeit und Ressourcen der Weltöffentlichkeit und der handelnden maßgeblichen Akteure, wozu man sowohl Einzelstaaten als auch Staatenbünde oder NGOs zählen kann, von Nordkorea ab.

Warum Aufmerksamkeit zählt

Aber ist die Aufmerksamkeit der Welt denn ein Faktor, den man unbedingt einzeln analysieren muss? “Aufmerksamkeit” ändert schließlich keine objektiven Umstände. Sie sorgt weder dafür, dass Geld ins Land fließt, noch dass sich etwas am Regime ändert, noch ändert sie die Möglichkeiten der Führung in Pjöngjang, bestimmte Maßnahmen zu ergreifen oder nicht. “Aufmerksamkeit” ist nicht greifbar und nicht eins zu eins in ihrer Wirkung zu bemessen.
Und doch kann sie nützen oder schaden, kann genutzt werden oder ignoriert werden. Wenn man das Agieren des Regimes in Pjöngjang in den letzten Jahren genauer analysiert, wird man sehr schnell auf den Trichter kommen, dass Aufmerksamkeit eine Ressource ist, die vom Regime sehr bewusst wahrgenommen und nutzbar gemacht wird. Ich würde sogar soweit gehen zu behaupten, dass nur wenige Staaten Aufmerksamkeit so gezielt als Werkzeug ihrer Außenpolitik nützen, wie das Nordkorea tut. Das mag damit zu tun haben, dass dem Land nicht mehr viele andere außenpolitische Instrumente zur Verfügung stehen, aber warum das Regime so stark mit dieser Aufmerksamkeit arbeitet, ist hier erstmal nicht interessant, sondern wie es das tut und was man daraus mit Blick auf die aktuelle Situation lernen kann.

Grundsätzliche Überlegungen zur Aufmerksamkeit als Instrument politischer Beziehungen

Vorweg sind dazu aber ein paar Überlegungen zur Natur der Aufmerksamkeit notwendig. Aufmerksamkeit ist ein nicht wirklich berechenbarer Faktor im Kalkül von Staaten und somit auch im Kalkül Nordkoreas. Andere außenpolitische Instrumente wie militärische Macht, Wirtschaftskraft, zwischenmenschliche Beziehungen oder diplomatisches Kapital lassen sich in ihrer Wirkungsweise und ihrer Anwendung in der Außenpolitik wesentlich leichter steuern und sind auch hinsichtlich ihrer Erträge zuverlässiger.
Aufmerksamkeit könnte man daher als die Windkraft der internationalen Politik bezeichnen. Sie verursacht für den Nutzer zwar kaum Kosten, aber einerseits kann es sein, dass es zuviel wird und man die Anlagen abschalten muss, andererseits kann es passieren, dass Windstille herrscht und man zusehen muss, wie man den Strom in die Steckdose bekommt. Vermutlich verlassen sich die meisten mächtigen Staaten daher auf Aufmerksamkeit eher als flankierendes Mittel, denn als Hauptwerkzeug. Neben dieser natürlichen Aufmerksamkeit können Staaten (und Nordkorea ist darin eigentlich sehr aktiv) auch versuchen, auf künstlichen Wegen Aufmerksamkeit zu erzeugen (ich muss gestehen, hier ist mein Bild mit der Windkraft an seinem Ende angekommen).
Dafür gab es in den letzten Jahren unzählige Beispiele, obwohl sich die Nordkorea-Beobachterschaft nicht immer ganz einig ist, ob bestimmte Maßnahmen der Aufmerksamkeitserzeugung dienen sollen, oder ob sie andere Zwecke hatten. Ganz klar einzig auf Aufmerksamkeit gerichtet sind beispielsweise Kampagnen, bei denen nordkoreanische Botschafter überall auf der Welt quasi synchron ihre Sprechzettel vortragen, wo wütende und skurrile Propagandakampagnen vornehmlich gegen die südkoreanische Führung losgetreten werden, wo öffentlichkeitswirksam Jahrestage mit protzigen Paraden begangen werden oder wo für einen von der UN untersagten Raketenstart Pressevertreter aus aller Welt ins Land geladen werden. Das alles macht nur dann Sinn, wenn man will, dass allenthalben die Leute über Nordkorea reden, es auf dem Schirm haben und glauben, irgendwie handeln zu müssen.

Wie und wozu Aufmerksamkeit genutzt werden kann

Und damit sind wir auch schon beim zweiten Teil der Bedeutung von Aufmerksamkeit, denn wie anfänglich gesagt, verändert die reine Existenz von Aufmerksamkeit erstmal kaum was für Staatsführungen (da passt wieder das Windkraft-Beispiel: Wenn ein bisschen Wind weht, ändert das eigentlich für niemanden was, aber wenn man den Wind nutzt…). Die Aufmerksamkeit muss von ihren Nutzern zielgerichtet angewandt und kanalisiert werden. Und genau das ist ein Feld, in dem sich die Führung in Pjöngjang immer wieder müht, manchmal mit viel, manchmal mit weniger Erfolg.
Mit Aufmerksamkeit kann man entweder versuchen, einzelne Staaten zu adressieren (z.B. die USA: “Seht her, wir sind ein ernsthaftes Risiko für Eure strategischen Interessen, ihr müsst etwas tun um uns friedlich zu stimmen.” oder China: “Seht her, es geht uns sehr schlecht und das System könnte jederzeit kollabieren, ihr müsst uns Unterstützung gewähren”), die globale humanitäre Gemeinschaft (z.B. “Seht her, hier hungern Menschen, die wir nicht ernähren können, ihr müsst helfen!” oder “Seht her, die Staatengemeinschaft sanktioniert uns, wir können deshalb unsere Wirtschaft nicht entwickeln, ihr müsst dem entgegentreten” oder auch die gesamte Staatengemeinschaft (“Seht her, wir sind unberechenbar und haben nicht wirklich die Kontrolle im eigenen Land, aber wir haben Nuklearwaffen und 23 Millionen potentielle destabilisierende Flüchtlinge und damit das Potential, die globale Stabilität ins Wanken zu bringen, ihr müsst Euch einsetzen, die Situation zu stabilisieren.”). So kann es gelingen, Aufmerksamkeit indirekt in bare Münze, in wirtschaftliche Hilfen oder in andere, berechenbarere außenpolitische Instrumente (z.B. diplomatisches Kapital) umzuwandeln. Das alles kann entweder getan werden, indem ohnehin gerade entstandene Aufmerksamkeit genutzt wird, oder indem wie oben beschrieben Aufmerksamkeit künstlich generiert wird.

Die Probleme von Aufmerksamkeit als politischem Instrument

Die Notwendigkeit, Aufmerksamkeit künstlich zu schaffen deutet auf einen der Pferdefüße bei der Nutzung dieser Ressource hin. Manchmal gibt es Ziele, für deren Verwirklichung Aufmerksamkeit gebraucht wird obwohl keine verfügbar ist. Dann kann man versuchen sie zu erzeugen, aber weil Aufmerksamkeit eben keine frei im Raum schwebende Ressource ist, sondern quasi von der subjektiven Wahrnehmung, aber auch den offenen “Aufmerksamkeitskapazitäten” des Adressierten abhängt, ist das nicht zwangsweise erfolgreich. So ist das Gewinnen von Aufmerksamkeit immer auch situationsabhängig.
Auch der umgekehrte Fall ist denkbar: Man will einen Plan in die Tat umsetzen, für den man eher Ruhe braucht und der im besten Falle von der Umwelt garnicht wahrgenommen wird. In diesem Fall ist Aufmerksamkeit nicht gewünscht und man kann sie trotzdem bekommen.
Kurz: Es ist nicht immer so einfach zu steuern, ob Staaten Aufmerksamkeit bekommen bzw. ihr entgehen können und mitunter wird sich das Instrument, also die Aufmerksamkeit, nicht an den Zielen der Politik orientieren müssen, sondern umgekehrt, die Ziele der Politik könnten in Abhängigkeit stehen zum Status des unberechenbaren Instruments.

Was hat das alles mit Nordkorea zu tun?

So, jetzt habe ich jede Menge schöne Überlegungen angestellt, im Hinterkopf immer schon den konkreten Fall mitgedacht, aber was das jetzt genau mit Nordkorea zu tun hat und weshalb das überhaupt relevant sein soll, das ist bis jetzt noch unklar. 

Indikator für nordkoreanische Ziele

Einerseits sind die Überlegungen hilfreich, um das Verhalten des Regimes besser zu analysieren. Das Gewinnen, Behalten oder Vermeiden von Aufmerksamkeit bzw. ihre Nutzung im konkreten Fall sind nämlich häufig genug Motive des Handelns des Regimes und oft genug habe ich den Verdacht, dass einige Beobachter, weil sie diesen Aufmerksamkeitsfaktor nicht miteinbeziehen, falsche Motive für das Handeln unterstellen wodurch natürlich die komplette Analyse weitgehend wertlos wird.
Andererseits lassen sich aber aus dem Umgang des Regimes in Pjöngjang mit dem Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Aufmerksamkeit durchaus Schlüsse über politische Ziele ziehen. Wenn ein bestimmtes Verhalten in Kombination mit einer nach außen gerichteten Kampagne zu beobachten ist, hat das ganz andere Implikationen, als das gleiche Verhalten ohne solche Kampagnen. 

Nordkorea? Aktuell nicht relevant!

Und damit sind wir endlich mittendrin im Jetzt und Hier. Wenn man sich anschaut, wie es um die “natürliche Aufmerksamkeit” für Pjöngjang bestellt ist, so fällt die momentan eher bescheiden aus. Die Welt schaut in die Ukraine, in den Nahen Osten, nach Irak und Syrien, vielleicht sogar auf Westafrika. Und selbst wenn man ein bisschen weiter über diesen Tellerrand der aktuellen Kriege und Krisen hinwegschaut, würde eher die vorsichtige Annäherung zwischen dem Iran und der Welt die Aufmerksamkeit fesseln, als die aktuellen Geschehnisse auf der Koreanischen Halbinsel. Auch wenn man sich einzelne bedeutsame zwischenstaatliche Beziehungen Nordkoreas anguckt, ist da nicht viel zu holen. Die USA sind als Weltmacht natürlich von jeder einzelnen der Krisen gebunden, Russland schaut selbstverständlich vor allem auf die Ukraine, während China sich zwar eher raushält, aber Nordkorea nach wie vor eher mit Missachtung straft, statt ihm ein ähnliches Interesse entgegenzubringen, wie bis vor dem Tod Kim Jong Ils. Auch die humanitäre Gemeinschaft hat vor dem Hintergrund vielfältiger prekärer Situationen und humanitärer Krisen rund um den Globus ihre Augen ein Stück weit von Pjöngjang abgewandt. Darauf deuten klare Hilferufe des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen, das angibt, den Betrieb im Land einstellen zu müssen, sollten nicht in den nächsten Monaten beträchtliche Spenden eingehen.

Im Aufmerksamkeits(-wind-)schatten lässt sich gut manövrieren

Und wie geht Pjöngjang damit um? Meines Erachtens sind keine besonderen Bemühungen zu erkennen, die Augen der Welt oder zumindest einiger Akteure auf das Land zu lenken. Man verhält sich relativ reglos, versucht also nicht, künstlich Aufmerksamkeit zu erzeugen. Die aktuelle Aufmerksamkeitsflaute scheint das Regime also nicht unbedingt zu stören. Was lässt sich aber daraus mit Blick auf die Ziele des Regimes folgern? 
Meine Wahrnehmung ist es, dass man momentan nichts vorhat, für das man zwangsweise das Interesse und das Engagement anderer Staaten oder anderer internationaler Akteure brauchen würde. Man gibt sich nicht mal Mühe es zu bekommen und daher sieht es für mich so aus, als wäre man mit der Situation in den Außenbeziehungen zumindest so zufrieden, dass man im Großen und Ganzen kein Problem damit hat, sie auf dem aktuellen Status einzufrieren, das heißt Status quo ohne Verbesserung oder Verschlechterung beibehalten. Da sich momentan die Staatenumwelt nicht so sehr für Pjöngjang interessiert (mangels Aufmerksamkeitsressourcen) ist nicht zu erwarten, dass sich die Situation aus Sicht des Regimes verschlechtern wird, während es gleichzeitig vermutlich sehr anstrengend für das Regime sein dürfte, die Aufmerksamkeit der relevanten Akteure für eine wirklich umfassende Verbesserung der Lage zu gewinnen.
Natürlich will ich nicht behaupten, dass das Regime grundsätzlich mit dem Status der Außenbeziehungen zufrieden ist, sondern nur im Verhältnis zu anderen Politikfeldern, das heißt, sonstwo bleibt mehr zu tun. Und wozu braucht man keine anderen Staaten, bzw. ist es sogar ganz angenehm, wenn man keine allzu scharfen Beobachter von außen hat? Genau, wenn man gerade dabei ist, die internen Strukturen und das Personal weiter zu sortieren, zu organisieren und so die Herrschaft des Regimes zu konsolidieren.

Die äußere Ruhe nutzen, um das Innere neu zu sortieren

Meine Wahrnehmung der aktuellen Aufmerksamkeitsflaute ist daher, dass sie dem Regime eigentlich ganz recht kommt und dass man sich so stärker auf die internen Prozesse zur Machtstärkung des Regimes widmen kann und weniger Ressourcen auf den Umgang mit externen Umständen verwenden muss. Meiner Einschätzung nach ist die Führung also bisher und bis auf weiteres nicht interessiert, weitreichende Interaktionen mit anderen Staaten zu beginnen. Dafür ist die aktuelle geopolitische Konstellation relativ förderlich, denn auch die anderen Akteure kommen nicht unbedingt auf die Idee, eine Initiative mit Blick auf Pjöngjang zu starten, ganz schlicht, weil es für fast jeden Akteur mindestens ein Spielfeld gibt, auf dem eine Initiative oder Engagement momentan wichtiger sind.
Deshalb ist es auch ein ganz guter Indikator dafür, ob sich das Regime vor allen Dingen mit sich selbst beschäftigt, oder ob sein Blick sich langsam auf die Umwelt richtet. Denn will man eine substantielle Verbesserung der Außenbeziehungen erreichen, braucht man dazu die Aufmerksamkeit der relevanten Akteure. 

Ein paar Worte zu mir und dem Blog

Naja, das wars dann erstmal von meiner Seite. Bis hoffentlich bald mal wieder. Da ich diese und nächste Woche Urlaub habe, konnte ich mir heute den “Luxus” gönnen, ein paar Minuten/Stunden aufs Bloggen zu verwenden und das ist auch gut so.
Ich habe in den letzten Wochen immer mal überlegt, ob es nicht sinnvoll sei das Projekt “Nordkorea-Info” aus seiner aktiven in eine passive Phase zu überführen, also die Seite sozusagen nur noch als Archiv weiterzuführen. Ich weiß immernoch nicht, ob das nicht eine gute Idee wäre, habe mich aber vorerst dagegen entschieden aus zwei Gründen: Einerseits würde mir etwas fehlen, denn ich habe in den letzten Wochen zu verschiedenen Anlässen gemerkt, dass ich es irgendwie brauche, frei von der Leber weg zu schreiben und assoziieren was mir gerade in den Sinn kommt. Sowas ist aber in meinem Alltag eher selten gefragt. Zum Zweiten habe ich soviel Energie und Herzblut in das Projekt gesteckt, dass ich es mir momentan nicht vorstellen kann, dass so einfach dranzugeben. Vor allem, weil ich drittens das Gefühle habe, immernoch in der Neuorganisation meines Alltags zu stecken und noch nicht genau zu wissen, wie ich meine Zeit organisiere. Und je besser man sich organisiert, desto wahrscheinlicher ist es, dass man auch für Dinge, die man nicht machen muss, aber gerne tut Zeit findet. Aber das wird ein Prozess sein, der sich noch ein bisschen zieht, daher bitte ich um Geduld, ohne garantieren zu können, dass es besser wird.

Kosten-Nutzen-Rechnung mit Missionar: Warum in Nordkorea in letzter Zeit immer häufiger Missionare verhaftet werden


Vor ein paar Jahren, als Kim Jong Uns Vater Kim Jong Il noch unter den Lebenden weilte, habe ich es mir zur Angewohnheit werden lassen, jedes Mal recht ausführlich zu berichten, wenn die nordkoreanischen Strafverfolgungsbehörden mal wieder einen oder mehrere Ausländer festgesetzt hatten. Das konnte man damals auch recht gut machen, weil solche Geschichten ziemlich selten waren. Namen wie Robert Park, Laura Ling/Euna Lee und Ahjalon Mahli Gomes konnte ich mir deshalb auch noch merken. Aber seit Kim Jong Un auf seinen Vater gefolgt ist, häufen sich solche Fälle deutlich und ich mache mir kaum mehr die Mühe, Statistik über die Verhaftungen zu führen, geschweige denn die Namen zu lernen (naja, ein bisschen überspitzt ist das schon, aber man muss es eben im Verhältnis sehen). Immerhin den Namen Kenneth Bae konnte ich mir noch ganz gut merken. Der begleitet uns ja immerhin schon seit fast zwei Jahren.

Wieder ein US-Amerikaner in Nordkorea verhaftet…

Der Jüngste in einer ganzen Reihe ist der US-Amerikaner Jeffrey Edward Fowle, dessen Festnahme die nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA heute bekanntgab.

Bisher fehlen nähere Details. KCNA erklärte nur, dass ein relevantes Organ (wie das immer so schön informationsleer formuliert wird) Fowle festgesetzt habe und nun ermittle, weil:

American citizen Jeffrey Edward Fowle entered the DPRK as a tourist on April 29 and acted in violation of the DPRK law, contrary to the purpose of tourism during his stay

Der amerikanische Bürger Jeffrey Edward Fowle reiste am 29. April als Tourist in die DVRK ein und verstieß – entgegen dem Zweck des Tourismus – während seines Aufenthalts gegen die Gesetze der DVRK

…wieder ein vom Glauben motivierter?

Naja, ich habe zwar fünf Finger, aber ganz so viele brauche ich garnicht, um abzuzählen, was mal wieder hinter der ganzen Sache steckt. Vermutlich war Fowle, wie fast alle die in jüngster Zeit in Nordkorea festgesetzt wurden, nicht nur in touristischer, sondern auch religiöser Mission (das kann man dann gerne wörtlich nehmen) unterwegs. Vermutlich hat auch er auf irgendeine Art versucht, vermutete oder tatsächliche Glaubensbrüder in Nordkorea zu fördern, oder bisher ungerettete Seelen der von ihm präferierten Richtung des christlichen Glaubens zuzuführen. Auf diese Mutmaßung deutet nicht zuletzt der Hinweis auf die “Zweckentfremdung” des Aufenthaltes hin.

Besorgnis in Pjöngjang

Naja und selbst wenn ich mit dieser Vermutung falsch liege und Fowle sich als Taschendieb, Drogenhändler oder Bilderschänder betätigt haben sollte (zugegeben, die Liste ist nicht erschöpfend und die Sachverhalte unterschiedlich wahrscheinlich), so wirft doch die Tatsache, dass die Verhaftungen vor Fowle fast immer missionarische Tätigkeiten betrafen, doch ein gewisses Licht auf eine gewisse Besorgnis, die in Pjöngjang Raum zu greifen scheint.

Den “Kosten” der Verhaftung von Tourist…

Scheinbar sieht man unt Kim Jong Un die Gefahr, dass missionarische Aktivitäten die Stabilität des Regimes gefährden könnten. Anders ist das relativ rigide Vorgehen kaum zu erklären, dass der Führung in Pjöngjang zumindest in zwei Bereichen die Arbeit erschweren dürfte:

  1. ist es offensichtlich, dass die Verhaftungen nicht unbedingt geeignet sind, mehr Touristen ins Land zu locken. Auch wenn das nur Leute betrifft, die tatsächlich gegen die Gesetze des Landes verstoßen (was bei deren schwammigen Texten mitunter garnicht so schwer sein dürfte), so dürfte doch bei dem einen oder anderen Abenteuerlustigen die Wahrnehmung hängenbleiben, dass man in Nordkorea schnell mal verhaftet wird und dann für ein paar Jahre im Arbeitslager verschwindet. Das dürfte den Einen oder Anderen am Reiseziel Nordkorea zweifeln lassen.
  2. macht es den Umgang mit anderen Staaten, mit denen man ja auch außenpolitische Ziele verknüpft, nicht unbedingt leichter, wenn deren Staatsbürger kurzzeitig (Australien) oder auch dauerhaft (USA) in nordkoreanischen Gefängnissen verschwinden.

…muss ein Nutzen gegenüberstehen

Diese Kosten scheint der gefühlte Nutzen der Verhaftungen zu überwiegen. Und wenn man sich jetzt mal anschaut, was der Nutzen solcher Verhaftungen sein könnte, dann fällt mir eigentlich nur die Abschreckung von Nachahmern ein. Die Botschaft ist hier: Wenn ihr herkommen und missionieren wollt, kann das ins Auge gehen! (Ob das allerdings bei Leuten, die sich scheinbar zum Teil nichts Tolleres vorstellen können, als in irgendeiner Art zum Märtyrer zu werden, eine sinnvolle Maßnahme ist, das sei mal dahingestellt). Aber wenn man Einbußen im Tourismus und außenpolitische Schwierigkeiten hinnimmt, um potentielle Missionare abzuschrecken, dann scheinen die wohl ein ernsthaftes Risiko für das Regime darzustellen.

Innere Stabilität als übergeordnetes Ziel

Das wiederum passt ganz gut zu meiner These, dass in der aktuellen Phase der Machtkonsolidierung der neuen Führung eigentlich alle politischen Ziele dem Ziel der Herstellung bzw, Erhaltung innerer Stabilität untergeordnet werden. Denn Missionare stellen durchaus ein Risiko für den Alleinherrschaftsanspruch der Führung in Pjöngjang und ihrer ideologischen Glaubensbasis dar. Wer an Gott glaubt, glaubt nicht an Juche. Und wer nicht an Juche glaubt, der ist kein absolut treuer Gefolgsmann. Der Schluss ist einfach: Das Regime muss Glaubensalternativen bekämpfen um der eigenen Stabilität gewiss sein zu können.

Der Umgang mit Missionaren als Indikator für gefühlte Stabilität

Damit könnte man das verschärfte Vorgehen des Systems gegen missionarische Aktivitäten (die es auch schon vor Kim Jong Uns Machtantritt gegeben hatte und die zum Teil vom Regime zumindest nicht scharf verfolgt, vielleicht sogar geduldet wurde (zu diesem Themenkomplex kann ich unter anderem diesen spannenden Artikel von den NK-News-Leuten empfehlen)) als eine weitere Maßnahme zur Sicherung der inneren Stabilität sehen, ähnlich dem Elitenaustausch, der zumindest im Militärischen und Sicherheitssektor ja in den letzten Jahren sehr aktiv und personalintensiv betrieben wurde. Und ähnlich wie im Bereich dieser Personalrotation würde ich auch hier eine Art Marker sehen: So lange diese aggressive Haltung gegenüber Missionaren beibehalten wird, ist sich die Führung ihrer Stabilität noch nicht sicher und wird weiterhin prioritär an der Erhaltung/Schaffung innerer Stabilität arbeiten. Erst wenn sich auch in diesem Feld alles beruhigt, sind ernsthafte Initiativen zur Verbesserung der wirtschaftlichen Umstände oder der Außenbeziehungen zu erwarten. Also gilt es auch hier abwarten und beobachten.

Wahlaufruf: Am Sonntag dem 25. für ein besseres Europa zur Wahl gehen


War (mal wieder) ziemlich beschäftigt die letzten Wochen.
Womit?
Leute dran erinnern, am Sonntag zu wählen (am besten die richtige Partei, aber eigentlich Hauptsache demokratisch)! Also keine Sorge, ich bin nicht wieder ewig weg. Aber es gibt eben Sachen die sind mir wichtig. Noch wichtiger, als das was mit Nordkorea oder meinem Blog passiert.

Zum Beispiel brauche ich manches sauf keinen Fall!

Ich bin auch überzeugt, dass wir besser dran sind ohne so ein verkacktes Freihandelsabkommen mit den USA.

Ich finde auch, dass ich mir hier nicht groß Gedanken um Menschenrechte und Humanität machen muss, solange an den Grenzen der EU Menschen absaufen und viele noch so tun, als sei das vernünftig.

Ich weiß, die EU ist nicht perfekt, aber ohne sie wäre es nicht besser, im Gegenteil. Deshalb müssen wir uns dafür einsetzen, dass sie besser wird. Und das tun wir nicht, indem wir irgendwelchen Rechten im (professoralen) Bürgerpelz und anderem Gesocks das Feld überlassen. Naja und was die Niederländer können, das sollte wir ja auch hinkriegen, also investiert die paar Minuten und dann wird das schon…

also sucht euch einen von mir genannte oder einen der vielen anderen Gründe aus, geht am Sonntag (eine demokratische Partei) wählen und erinnert eure Freunde dran, das auch zu machen! Ihr würdet mir damit einen persönlichen Gefallen tun.

 

P.S. In der nächsten Woche plane ich dann ein paar Gedanken dazu, warum die Führung in Pjöngjang mit der Hauseinsturzkatatstrophe letztes Wochenende so – auf den ersten Blick – offen umging. Dabei werde ich mir auch mal die Berichterstattung zur Zugkatastrophe von Ryongchong vor gut 10 Jahren genauer anschauen. Aber wie gesagt: Erstmal wählen!

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