Das perfekte Feindbild. Warum Film- und Computerspielindustrie Nordkorea als Bösewicht entdecken

Kürzlich hat sich Aidan Foster-Carter auf 38 North aufs Schärfste über ein gewisses Computerspiel aufgeregt und sein Bestes getan, alles an diesem Spiel schlecht oder krank zu finden. Jeder der den Computerspielemarkt ein bisschen im Auge hat und vermutlich fast jeder, der sich ein bisschen für Nordkorea interessiert, dürfte wissen worum es geht.

Homefront, ein Ego-Shooter in dem das unter nordkoreanischer Führung wiedervereinigte Korea in einer fiktiven — jedoch relativ nahen — Zukunft, über die niedergegangenen USA herfallen und man als guter Patriot die Chance hat, die Geschichte wieder ein bisschen zurechtzurücken. Wie, das könnt ihr euch wohl denken (wobei die USA vermutlich auch wenn man die Invasion zurückschlägt niedergegangen bleiben, aber wenn der Spieler angefangen hat, die Commies zu killen, wird er darüber wohl nicht mehr nachdenken). Wie gesagt hat sich Foster Carter wirklich furchtbar aufgeregt (oder er kann beim schreiben auf perfekte Weise Aufregung vortäuschen) und weil die Worte die er gefunden hat so schön drastisch sind, hier eine Stichprobe:

I find all of this deeply offensive and quite worrying. In the real world, nothing like this could conceivably happen. The paranoid fantasies of survivalism appear to be creeping from the margins to infect mainstream U.S. culture.

Either that or cynical games developers who should know better are playing on and fomenting a sense of anxiety. Grown men should know better than to “think” like retarded macho adolescents. The whole thing is sick. Everyone involved in this piece of shit should be deeply ashamed of themselves. [...]

Whereas Homefront is just stupid, and sick. A country where grown men make stuff like this for other grown men to play is not a healthy one.

Den Grad seiner Erregung kann man, glaube ich, auch ganz gut daran erkennen, dass es schwer fällt zu erkennen, was genau Herrn Foster-Carter eigentlich so aufgeregt hat. Ich glaube hauptsächlich war es das unrealistische und blöde fiktive Szenario, dass in der Realität niemals eintreten könnte. Nun gut, er gibt auch unumwunden zu, dass er in der Welt der Computerspiele nicht so zuhause ist. Das merkt man, denn wenn er sich über jedes bescheuerte unrealistische Szenario aufregen würde, auf dem Ego-Shooter — mal mehr mal weniger elaboriert — aufbauen, dann hätte er viel zu tun.

Aber darum ging es wohl nicht und damit kommen wir nach langer Einleitung dem Kern der Sache etwas näher, es ging wohl auch um das Feindbild Nordkorea, dass in der fiktiven Welt gerade verstärkt gepflegt wird, denn neben diesem Spiel, kann man ein ähnliches Szenario wohl auch bald in dem Remake des Kinofilms “Red Dawn” bewundern (in der ursprünglichen Version waren es die Sowjets, die Mordend in eine amerikanische Kleinstadt einfielen und den heldenhaften Widerstand von Patrick Swayze, Charlie Sheen und Co. provozierten), aber dazu später mehr.

Feindbild. Was ist das eigentlich?

Erstmal etwas näher zu dem Begriff Feindbild, denn das wird zwar immer mal gern in den Raum geworfen, aber genaue Begriffsbestimmungen werden dazu eher selten abgegeben. Ich habe eine ganz nette studentische Hausarbeit gefunden, die sich mit Feindbildern in einem Computerspiel beschäftigt, aber vorher eine kurze theoretische Reflexion zum Begriff durchführt. Ich fand das ganz gut und wer sich dafür interessiert (ich fands ganz spannend), der kann die Arbeit: Feindbilder in Computerspielen. Eine exemplarische Untersuchung von Nils Raettig hier nachlesen. Ich bediene mich nur kurz aus den Essenzen seines theoretischen Teils:

  • Feindbilder bestehen immer zwischen Gruppen von Menschen, nicht zwischen Einzelpersonen. Letztere können höchstens stellvertretend für eine Gruppe sein.
  • Feindbilder entstehen vor allem aus a) Misstrauen gegenüber dem Fremden und Unbekannten, aus b) tatsächlicher Bedrohung und Aggression sowie aus c) miteinander unvereinbaren absoluten Wahrheitsansprüchen.
  • Ein Feindbild veranschaulicht den Gegner nicht nur als böse, dessen Boshaftigkeit wird gleichzeitig auch als angeboren, beziehungsweise als unumstößlich und permanent angesehen.

Zwecke für die Nutzung von Feindbildern, vor allem durch Staaten sind dabei:

  • Stärkung des Zusammenhalts der eigenen Gruppe durch die klare Abgrenzung von der bösen verfeindeten Gruppe.
  • Mobilisation von Kräften für den Kampf gegen den Feind.
  • Nutzung des Feindes als Sündenbock.
  • Ermöglichung der materiellen Ausbeutung des Feindes.

Ich habe die ganzen Punkte hier nochmal zitiert, weil sie  nicht nur für die Frage nach dem nordkoreanischen Feindbild in Film und Computerspiel interessant sind, sondern auch bei der Betrachtung nordkoreanischer Propaganda insgesamt.

Nordkorea als Feindbild

Erstmal ganz grundsätzlich betrachtet, dürfte sich das Feindbild “Nordkorea” in vielen Köpfen festgesetzt haben. Oft wird nicht mal differenziert zwischen Regime und Bevölkerung sonder der “Block” Nordkorea ist böse und wer damit zu tun hat anrüchig (Hierzu kann man sich gerne die Kommentarspalten (vermutlich jeder beliebigen Zeitung) durchlesen, die über die DFB Reise nach Nordkorea und vor allem über die Tatsache, dass auch Claudia Roth dabei war, berichtete). Aber auch bei Menschen die etwas differenzierter auf das Land schauen und zumindest mal die Bevölkerung von den Herrschenden trennt, bleibt “das Regime” ein Feindbild. Misstrauen gegenüber, das Gefühl des Bedrohtseins durch und ein Wettstreit um die Wahrheit mit Nordkorea. Alles da. Das ganze Land oder das Regime, eins von beiden ist Unabänderlich böse und muss weg, andere Lösungen sind kaum vorstellbar. Grundsätzlich stellt Nordkorea also schonmal ein ziemlich perfektes Feindbild dar.

Aber warum in Spiel und Film?

Aber warum „macht“ man Nordkorea zum Feindbild? Bei den Motiven wird es etwas schwieriger, denn ob feindliche Gefühle gegenüber Nordkorea in der Bevölkerung westlicher Staaten, tatsächlich von Regierungen geschürt werden um einen bestimmten Zweck zu erfüllen, darüber könnte man streiten. Ich glaube das Feindbild wird eher von Medien am Köcheln gehalten. Und damit haben wir bei etwas freierer Auslegung der oben genannten Punkte und mit der Rückkehr zu Homefront und Red Dawn auch schon den Zweck gefunden. “Materielle Ausbeutung des Feindes” oder vielmehr des “Feindbildes”, denn da liegt wohl der Hase im Pfeffer.

Die Vermarktung des Feindbildes

Sowohl den Machern von Homefront als auch denen von Red Dawn will ich nicht unterstellen, dass sie gezielt feindliche Gefühle gegenüber Nordkorea schüren wollen. Sie bauen nur auf das auf, was schon da ist und möglicherweise verstärken sie es auch noch, aber das ist nur ein Nebeneffekt. Wichtiger ist, dass bei vielen Menschen schon ein recht undifferenziertes Feindbild gegenüber “Nordkorea” besteht, dass ein Bedrohungsgefühl, Misstrauen und ein Wettstreit um die “gute Gesellschaftsform” bestehen. Dadurch ist das “Feindbild Nordkorea” der ideale Mutterboden für eine Fiktion, die gerade so realistisch ist, dass sie nicht unmöglich ist, aber nicht so wahrscheinlich, dass alle in Panik verfallen und echte Angst kriegen. Im Endeffekt fungiert Nordkorea bei Red Dawn und bei Homefront in der Rolle, die in anderen Filmen Aliens, Serienmörder oder Vulkanausbrüche tun. Ich mag diese Genres allesamt nicht, weil sie immer gleich funktionieren. Ein irgendwie unvorhersehbares und unberechenbares Anderes bricht in eine heile Welt ein und verlangt den Protagonisten viel ab. Am Ende überleben die, die es aufgrund ihrer moralischen Überlegenheit und Intelligenz verdient haben (die die es auf eigene Faust versuchen, die anderen übervorteilen wollen mal schnell allein den Keller durchsuchen wollen, sind gewöhnlich die ersten, die über die Klinge hüpfen). Wie gesagt kann ich dem nichts abgewinnen und weiß deshalb nicht, warum Leute das anschauen, aber es hat wohl damit zu tun, dass es einen gewissen Grusel erweckt, dass das was da in der Fiktion passiert auch in der Realität eintreten könnte. Man kann sich also mit den Figuren identifizieren und sich überlegen was man selbst tun würde. Wenn man das tut, haben die Hersteller der Fiktion schon fast gewonnen, denn man interessiert sich für das Schicksal der Figuren und bleibt also am Ball.

Vermutlich ist es dabei wichtig, dass die Fiktion nicht völlig unrealistisch ist: Die meisten Leute “wissen” nicht viel über Nordkorea, nur das es unberechenbar, aggressiv und bösartig ist, was wohl heißt, dass dieses Nordkorea durchaus gewillt sein könnte, über friedliebende Amerikaner herzufallen. Also haken dahinter.

Es ist aber eben auch wichtig, dass die Fiktion nicht so realistisch ist, dass ich gleich den Fernseher oder PC ausschalte, mir mein Sturmgewehr schnappe und mich im Keller einbunkere. Da die meisten Leute aber auch “wissen”, dass Nordkorea ein armes Land ist, dass die US-Streitkräfte es jederzeit von der Landkarte tilgen könnten, wenn sie das für notwendig hielten, kann man auch hier einen Haken machen.

Alternative Feinde

Super, wir haben also annähernd das perfekte Feindbild. Aber gibt es nicht noch andere, die dafür gut zu nutzen wären? Klaro. Die werden zwar ganzschön ausgeschlachtet, vor allem weil Feindbilder nach dem Ende der Sowjetunion knapp wurden. Wenn man mal ehrlich ist, gibt es eben keinen perfekten Antagonisten mehr, der als Vermarktungsgruseleffekt wirken kann und auch die Politik von George W. Bush hat dazu beigetragen, dass die Feinde (zumindest auf staatlicher Ebene) knapp wurden. Andere Feinde wie Terroristen, Piraten und Drogenhändler sind zwar auch immer mal gern genommen, aber eben auch ein bisschen kompliziert. Bei einem staatlichen Feind muss man nur eine Flagge an den Helm kleben und schon ist klar, was es zu tun gilt, die anderen sind da ein bisschen schwieriger zu “definieren”.

Warum China ein schlechtes Feindbild ist

Aber natürlich viele dem Einen oder Anderen da noch ein Feindbild ein, dass grundsätzlich noch besser als Vermarktungsträger passen würde weil die Fiktion mit dem eben noch ein bisschen näher an der Realität wäre. Ich glaube es gibt durchaus ein paar Amerikaner die sich irgendwo im Hinterland darauf vorbereiten, die Gelbe Gefahr aus China abzuwehren. Und tatsächlich war sowohl beim Spiel als auch beim Film anfänglich China als Feind vorgesehen. Das war aus zwei Gründen nicht besonders schlau. Erstens haben wie gesagt einige Leute in den USA und anderswo tatsächlich Sorgen, dass wir bald alle mit Haut und Haaren den Chinesen gehören, oder so ein Unfug. Die Folge könnte sein, dass ich gleich den Fernseher oder PC ausschalte, mir mein Sturmgewehr schnappe und mich im Keller einbunkere. Dann bin ich ein schlechter Kunde und der Gruseleffekt war ein bisschen zu doll. Der zweite Grund ist noch schlagender. Wenn ich “China” als Feind nehme, verliere ich auf einen Schlag etwa ein Sechstel der Weltbevölkerung als potentielle Kunden. Ok, es gibt vermutlich noch ziemlich viele Chinesen, die keinen PC haben und auch kein Kino im Dorf, aber es gibt mittlerweile eben auch sehr viele, die über beides verfügen. Bei den Nordkoreanern ist das anders. Dort würde man noch so oder so keine Umsätze machen können.

Bitter aber wahr. Nordkorea als perfekte Wahl.

So bitter das also für Herrn Foster-Carter ist, Nordkorea ist einfach ein perfekter Feind für ein PC Spiel oder einen Film. Und weil wir eben in einer freien und marktwirtschaftlich geprägten Welt leben, suchen Unternehmen nach genau solchen Feinden und erfinden hanebüchene Storys, um damit ihre Gewinne maximieren zu können. Ob das schlimm ist weiß ich nicht so genau, dazu bin ich ein bisschen viel zu wenig Sozialpsychologe. Natürlich kann es sein, dass sich bestehende Feindbilder verfestigen und manche danach noch mehr Angst vor “den Nordkoreanern” haben. Allerdings weiß ich erstens nicht wie weit diese Wirkung geht und zweitens würde ich dann auch empfehlen, sich gleichermaßen offensiv über die Fox-News und die BILD zu beschweren. Da wissen nämlich weit weniger Leute, dass die “Nachrichten” die sie gerade sehen oder lesen, öfter mal auf Fiktion beruhen. Auch wenn Herr Foster-Carter sich nicht so sicher ist, ob die Spieler von Homefront in der Lage sind zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden (diese Meinung vom hohen Ross gerufen empfinde ich im Übrigen als einzigen wirklich kritikwürdige Aspekt an seinem ehrlich empörten Artikel) dürften mehr Leute ihr “Feindbild Nordkorea” über die klassischen Medien bezogen haben. Die Film/Spielemacher haben nur davon profitiert.

Es gibt übrigens auch aufrechte Medienmacher, die sich nicht vor der Nutzung des „chinesischen Feindbildes“ scheuen. Mit einem Augenzwinkern und William Shatner, kann man daraus echt einiges machen, wie die Macher der großartigen Serie Boston Legal bewiesen haben. Ich musste ganzschön lachen, allerdings ist es noch etwas lustiger, wenn man die Serie öfter guckt und Denny Crane kennt, ist nämlich schon etwas mehr dahinter als nur bunter Klamauk…

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