Mehr Kompetenzen bringen mehr Verantwortung: Choe Yong-rims Job als “reisender Problemlösungskummerkasten”

Wer in den letzten Monaten gelegentlich mal bei KCNA reingelesen hat, dem dürfte vielleicht eine interessante Veränderung in der Berichterstattung aufgefallen sein (ich meine, seit dem Relaunch von KCNA gibt es natürlich viele interessante Änderungen, mehr Berichte, neue Themen und opulente Bebilderung etc. aber diese finde ich besonders spannend). Seit dem 27. Februar wird nämlich nicht mehr nur regelmäßig über Kim Jong Ils vor-Ort-Anleitungen berichtet, sondern auch der Premier des Kabinetts, Choe Yong-rim, findet in der Berichterstattung relativ regelmäßig Platz mit eigenen Inspektionsbesuchen. Seit der ersten Visite an der Baustelle des Elektrizitätswerks von Huichon wurde insgesamt über zwölf Inspektionsbesuche in etwa viereinhalb Monaten berichtet. Im Fokus stehen dabei landwirtschaftliche Betriebe, Minen und (schwer-)industrielle Anlagen.

Choe Yong-rim Quelle: Naenara

Choe Yong-rim

Ich frag mich was soll das Bedeuten…

Die Tatsache, dass neuerdings über die Aktivitäten des relativ neuen Premiers berichtet wird, wirft für mich/uns natürlich ein paar Fragen auf. Grundsätzlich frage ich mich natürlich, ob der Unterschied nur ist, dass nun über die Inspektionen berichtet wird, die auch vorher schon genauso stattgefunden haben, oder ob der ganze Sachverhalt neu ist. Das weiß ich nicht so genau, aber ich habe die starke Vermutung, das Choe und seine Vorgänger schon immer verschiedene Anlagen inspizieren um ihrem Kerngeschäft, das im Bereich Wirtschaft angesiedelt ist, nachzukommen. Darüber hinaus kann man unabhängig davon, ob die Inspektionen neu sind oder nicht, darüber nachdenken, warum darüber berichtet wird. Dem kann man sich vielleicht annähern, wenn man sich mal anschaut, wie sich die Berichterstattung über Choes Inspektionen von denen über Kims Besuche unterscheiden.

Der kleine Unterschied: Choes Inspektionen vs Kims Anleitungen

Ich hab mir die Berichte also mal durchgelesen und verschiedene Dinge erkannt:

  • Choe inspiziert nur Anlagen aus dem wirtschaftlichen Bereich. Militärische Anlagen fallen nicht unter seine Kompetenzen. Das ist auch nicht weiter überraschend, sollte aber der Vollständigkeit halber gesagt werden.
  • Dementsprechend sind auf nur zwei Fotos Uniformierte zu sehen.Das überhaupt Militäs zu sehen sind ist auch nicht weiter verwunderlich, wenn man die weitreichenden Wirtschaftsaktivitäten des Militärs und seine Einbeziehung in Baumaßnahmen bedenkt.
  • Choes Entourage wird eigentlich nicht genannt. Wenn man sich die Bilder anschaut, kommen einige Gesichter öfter mal vor (bspw. ein verwegener Typ in legere Kluft), aber in den Berichten sind eigentlich nie Namen zu finden. Das könnte ein Fehler im Umgang mit der neuen Tatsache gewesen sein (es war im zweiten Bericht der dazu veröffentlicht wurde), dass nun über Inspektionen berichtet wird, die nicht Kim Jong Il durchführt (denn da gehören Namen ja fest zum Schema). Damals wurde Jo Pyong-yu, Vize Premier und Minister für Maschinenbau namentlich erwähnt.
  • Choe ist anders als Kim Jong Il nie “erfreut” oder “zufrieden” mit den Fortschritten, die die jeweiligen Anlagen gemacht haben (Bei Kims Besuchen sind diese Aussagen feste Bestandteile).
  • Choe gibt auch nie (mehr oder weniger) Lebensnahe Ratschläge, wie der Ausstoß weiter gesteigert werden kann (auch das tut Kime eigentlich immer, wobei er immer zur Nutzung neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse und Spitzentechnologie rät, egal ob in Schweinefarmen, Kohleminen oder Schuhfabriken).
  • Choe beruft immer ein Treffen mit den Verantwortlich ein.
  • Dort — und das finde ich sehr interessant — diskutiert man dann die weitere Entwicklung des Betriebes, wobei die Verantwortlich auch konkrete Probleme und Mängel ansprechen (was von KCNA auch relativ ungeschminkt vermittelt).

The meeting called on the Cabinet and other related units to take specific measures for preferentially and timely supplying power for water pumps and farming materials badly needed for cultivating vegetables.

  • Normalerweise scheinen dabei auch konkrete Maßnahmen im Mittelpunkt zu stehen, wie die Arbeit verbessert werden kann und manchmal macht Choe zusagen darüber, dass bessere Bedingungen geschaffen oder mehr Strom und Maschinen geliefert werden sollen.

The meeting underscored the important duty of the complex to bring about leaping progress on the agricultural front, the lifeline for improving the standard of people’s of living, and took measures for boosting the fertilizer production including those for updating the gasification project on the basis of ultra-modern science and technology and ensuring a timely and sufficient supply of raw materials and power by the related units.

Choe Yong-rim bei einem Inspektionsbesuch (KCNA)

Choe als Lückenfüller

Und damit sind wir wieder bei dem “Wozu die Berichterstattung?” angekommen. Die Inspektionen Choe Yong-rims haben meiner Meinung nach eine andere Funktion als die Kim Jong Ils. Während Kim als übermenschlicher Motivator dienen soll, der den Menschen zeigt, dass er sich ständig um sie sorgt und sie an seiner Weisheit teilhaben lässt, den man dummerweise aber auch nicht offen kritisieren kann (das heißt Probleme ansprechen), füllt Choe die Lücken, die Kim dabei lässt. Er ist eine Art reisender Kummerkasten, wie die Arbeiter ein fast ganz normaler Mensch, mit dem man scheinbar recht offen sprechen kann. Er gibt auch nicht nur Tipp, ohne Mittel bereitzustellen sondern ist auch ein Problemlöser, der kommt um Schwierigkeiten zu identifizieren und zu lösen (wobei sich letzteres natürlich nicht nachprüfen lässt). Mit seiner Kappe, die vermutlich an vergangene Zeiten erinnern soll (oder die er einfach schön findet, wie auch einige Begleiter, das erinnert mich daran, dass auf Kims Stippvisiten graue Anoraks auch immer hoch im Kurs liegen) kommt er für mich recht Volksnah rüber und das ist wohl auch sein Job.

Nicht ohne Risiko

Die Berichterstattung ist da, um zu zeigen, dass der nordkoreanische Staat vor dem wichtigen Jahr 2012 tatsächlich etwas für die wirtschaftliche Entwicklung tut. Allerdings dürfte das Ganze für Choe auch nicht ganz ohne Risiko sein. Denn wie gesagt, er ist ein ganz normaler Mensch, dem man seine Probleme klagen kann. Man klagt ihm die Probleme, weil man hofft, dass er etwas ändert. Wenn man das hofft, dann geht man wohl davon aus, dass er eine gewisse Verantwortung trägt und Einfluss hat. Was nun, wenn sich nach Choes Besuchen nichts ändert, wenn sich insgesamt nichts ändert? Wer ist dann der, der von der Bevölkerung als der Verantwortliche gesehen wird? Kim der Übermensch der ohnehin soviel zu tun hat, oder Choe, dessen Job es ist für Besserung zu sorgen? Naja und dass Kims Regime im bringen von Bauernopfern (wobei “Opfer” hier sehr wörtlich gemeint ist) gut ist, um im Zweifel Volkes Zorn zu besänftigen, das ist ja hinlänglich bekannt. Choe hat also einen ganzschön gefährlichen Job angetreten und bei einer Sache bin ich mir recht sicher: Er dürfte sehr motiviert sein, die wirtschaftliche Lage tatsächlich zu verbessern…

Offtopic: An wen richten sich die Meldungen von KCNA?

Meine Schreiberei bringt mich jetzt wieder zurück zu einem Punkt, den ich hier nicht angesprochen habe, der mich aber öfter mal beschäftigt. An wen richtet sich KCNA? Denn alles was ich oben beschrieben habe richtet sich nach innen. Den Nordkoreanern dürfte bewusst sein, dass sie uns nicht wirklich überzeugen können, dass Choe allein die Wirtschaft des Landes rettet. Ich denke diese Artikel sollen nur nach innen wirken. Das macht aber nur Sinn, wenn die Zielgruppe, hier der “normale Arbeiter” erreicht werden kann. Ich weiß nicht wieviele normalsterbliche Nordkoreaner Zugang zu KCNA haben, aber ich kann mir vorstellen, dass Nordkoreas Internetbemühungen der letzten Zeit nicht zuletzt darauf abzielen, der Bevölkerung mittelfristig ein gewisses Inter-/Intranet Angebot (bspw. nur .kp Seiten) zur Verfügung zu stellen. Ist mir eben so durch den Kopf gegangen, aber wir werden schon sehen.

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5 Antworten

  1. “…warum ins Englische übersetzten?”
    Pjöngjang befindet sich da in einer langen Tradition: Der Verlag für fremdsprachige Literatur Moskau wurde 1931 gegründet, Radio Moskau brachte ab 1929 Sendungen für Hörer im Ausland. Der Verlag für fremdsprachige Literatur Peking wurde 1949 gegründet, Radio Peking brachte ab 1960 deutschsprachige Sendungen. Selbst das unterentwickelte Albanien unterhielt bis zur Wende zwei deutschsprachige Magazine und leistete sich mit Radio Tirana einer der größten Auslandssender Europas… Der Unterschied ist allerdings, dass die sowjetische, chinesische und selbst die albanischen Propaganda noch eine echte Zielgruppe gefunden haben.
    Diese fremdsprachige Propagandatätigkeit hat meiner Meinung nach in erster Linie eine Bedeutung für die Inlandspropaganda. Jede Broschüre mit Werken der beiden Kims, egal aus welchem Winkel der Welt, egal mit welcher Auflage, ist eine Meldung von KCNA wert. Soll zeigen, dass Nordkorea keinen isolierten Standpunkt hat, sondern in aller Welt zur Kenntnis genommen wird. Das Internet erfordert ja keinen großen Aufwand, Propaganda zu verbreiten. In den siebziger Jahren haben die Nordkoreaner noch wesentlich aufwendigere Kampagnen gefahren. So wurden damals öffentliche Bibliotheken in Europa mit den aufwendig gedruckten Werken von Kim Il Sung beglückt ! (beim nächsten Besuch mal im Katalog der örtlichen Stadtbücherei unter nachsehen…)
    Das Regime ist angewiesen auf jede Form internationaler Anerkennung. So widersprüchlich es auch ist, die internationale Anerkennung (und sei es nur ein bloßes “zur Kenntnis nehmen”) scheint umso wichtiger je isolierter das Land ist.

  2. Hallo Tobi,
    danke für die schnelle Antwort! Mir ist auch aufgefallen, dass die KCNA deutlich mehr publiziert als auch schon. Vielleicht will sich Nordkorea auch einfach eine internationale Nachrichtenagentur leisten wie jedes andere Land auch? Ich kann mir aber beim besten Willen nicht vorstellen, dass es irgendein Medium gibt, das Inhalte von der KCNA übernimmt…
    Jedenfalls ist auf der englischsprachigen Website eine Kontakt-Email angegeben – wäre interessant da mal nachzufragen, wer eigentlich ihre Zielgruppe ist. Ich denke, Deinen Blog kennen die Nordkoreaner sowieso schon, falls Du da mal eine Anfrage startest ;-)
    Anderseits leistet sich Nordkorea ja auch einen internationalen Kurzwellendienst (den ich vor Jahren als Junge übrigens empfangen habe und auch Bestätigungen von Radio Pjöngjang erhalten habe ;-) ). Deren deutschsprachige Hörerzahlen werden auch gegen Null streben).

  3. Was Du unter “Off-Topic” anmerkst, finde ich sehr interessant. Weshalb macht sich die KCNA die Mühe, den Artikel auf englisch zu schreiben, wenn er nicht fürs Ausland bestimmt ist? Ich gehe mal davon aus, dass der Artikel nicht 1:1 aus dem koreanischen übersetzt wurde, sondern dass in den nordkoreanischen Zeitungen weit mehr Platz für diese Besuche eingeräumt wird. Wäre interessant, das mal zu überprüfen mit einer nordkoreanischen Zeitung…

    • Hallo Oliver,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Du hast schon recht, warum ins Englische übersetzen? Es beschäftigt mich wirklich schon länger wer genau die Zielgruppe des englischsprachigen KCNA sein soll, ich bin noch nicht ganz dahintergekommen, aber ich denke, manche der Nachrichten sind nach außen Gerichtet, andere eigentlich nicht, aber wenn ich mich nicht täusche (es mangelt mir nämlich leider an den notwendigen Sprachkenntnissen), werden weitgehend alle Artikel von KCNA routinemäßig ins Englische übersetzt. Allerdings gibt es da glaube ich schon kleiner inhaltliche Unterschiede, die aber teilweise auch von einem nicht so guten Englisch herrühren könnten: http://nordkoreainfo.wordpress.com/2010/12/22/kcnas-geschlechterstudien/.
      Was den Vergleich mit Zeitungen angeht, so glaube ich (auch hier bin ich kein Experte und es kann sein, dass das Unfug ist, so habe ich es mir nur zusammengereimt), dass die Medienlandschaft grundsätzlich anders organisiert ist. Die Zeitungen sind Organe von Organisationen innerhalb des Regimes (bspw. die Rodong Sinmun der Partei) und inhaltlich unabhängig von KCNA (KCNA beruft sich sehr oft auf nordkoreanische Zeitungen, bzw. zitiert direkt, ich weiß nicht inwiefern das umgekehrte der Fall ist). Ich weiß auch nicht genau, wo KCNA organisatorisch im Apparat untergebracht ist.
      Meine Vermutung ist jedenfalls, dass KCNA künftig eine stärkere Funktion nach innen erfüllen soll. Bis vor einem Jahr gab es da ja auch nur ganz wenige Nachrichten und seitdem sind es ständig mehr und internationalere geworden. Aber wen will das Regime denn mit Nachrichten über Trockenheiten und Naturkatastrophen hinter dem Ofen vorlocken, das sind doch eher Neuigkeiten, die für die eigenen Leute gedacht sind. Das Übersetzen findet vielleicht weiter statt, weil es immer schon so war? Das kann ich mir auch nicht wirklich erklären, aber wie gesagt habe ich das Gefühl, dass in letzter Zeit viele Nachrichten dazugekommen sind, die nach außen keine wirkliche Funktion erfüllen.

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