Chinesischer Weg? Rason als erster Schritt zum ökonomischen Experimentieren

Wenn man das, was man über die Sonderwirtschaftszone Rason im nordöstlichen Zipfel Nordkoreas, in den letzten Wochen so zu lesen war, glauben kann, dann wird immer deutlicher, dass es der nordkoreanischen Regierung zumindest mit diesem Experiment wirklich ernst ist. Zwar sind viele der Entwicklungen, die zu verzeichnen sind auf Investitionen aus Russland und China zurückzuführen (beide Länder stellen vernünftige Straßen und Schienenverbindungen nach Rason her), aber erstens muss dazu der Wille Pjöngjangs vorliegen dafür förderliche Bedingungen zu ermöglichen und zweitens scheint Pjöngjang außerdem selbst Maßnahmen zu ergreifen, die für das bisherige Agieren des Regimes sehr weitgehend sind.

Oben rechts hervorgehoben, die SWZ Rason, die an China und Russland grenzt. Oben Links die zweite nördliche SWZ bei Sinuiju

Werben um Investoren und ungewöhnliche Freiheiten

Kürzlich fand dort die erste internationale Handelsmesse statt, auf der neben lokalen Wirtschaftsvertretern aus Nordkorea, China und Russland auch aktiv um Teilnehmer aus Europa und den USA geworben wurde. Scheinbar ist dieses Werben um Investoren nicht ohne Erfolg, denn es wird berichtet, dass es bereits eine Reihe von Interessenten aus der Region gäbe, die vor allem Textilien dort produzieren lassen möchten. Auch scheinen die Einwohnern der Region ungewöhnliche (nicht nur) ökonomische Freiheiten zu genießen. So seien die Märkte gut frequentiert und man könne dort aus einem wirklich beeindruckenden Warenangebot (ob das mit dem I-Pad wirklich stimmt, kann man natürlich nicht nachprüfen) wählen. Auch habe die Kaufkraft der Einwohner zugenommen, die “Kleiderordnung” sei liberaler als sonstwo in Nordkorea und Nordkoreaner, die ihr Mobiltelefon nutzten seien nicht selten (Diese Berichte klingen zwar interessant, aber dabei muss bedacht werden, dass sie nur aus wenigen Händen stammen, die vielleicht auch eigene Interessen verfolgen könnten (Ich finde Choson Exchange zwar eine gute Sache, aber naja, aber für sie ist es wichtig zu berichten, dass sich was tut, sonst ist ihr Projekt für Geldgeber uninteressant)). Allerdings ist noch nicht alles blendend in Rason. Die Stromversorgung scheint nach wie vor alles andere als sicher zu sein und zumindest das müsste behoben werden, wenn ernsthaft Investoren gewonnen werden sollen, denn ohne Strom produziert sich so ziemlich alles schlecht. Aber vielleicht wäre das ja ein Job für die Russen. Kim hat ja auf seinem Trip ein Wasserkraftwerk besucht und vielleicht könnte man ja von dort aus die Stromversorgung Rasons absichern…

Die Regeln des Marktes…

Interessant fand ich auch einen Bericht über den Mindestlohn für Rason. Der soll nämlich mit 80 US-Dollar im Monat etwa 17 Dollar höher liegen, als der der Zone in Kaesong, wo an der innerkoreanischen Grenze, vor allem südkoreanische Unternehmen produzieren. Der Schluss den ich daraus ziehe ist, dass auch die verantwortlichen in Pjöngjang die Regeln des Marktes sehr gut kennen. In Rason nimmt man halt das, was man kriegen kann und scheinbar ist da ein Aufschlag für nicht vorhandene politische Spannungen mit der Regierung der Investoren und für die hervorragende geografische Lage drin. Man hat ja trotzdem noch einen beachtlichen Lohnabstand zu China.

Laboratorium zum ökonomischen Experimentieren

Natürlich kann ich nicht sagen, wie ernsthaft Pjöngjang bei früheren Anläufen versucht hat, seine Sonderwirtschaftszonen ans Laufen zu bringen, aber mir scheint es zumindest im Fall von Rason so zu sein, dass wir hier an einer wichtige Wegmarke für die wirtschaftliche Zukunft Nordkoreas stehen (zumindest wenn es nach dem Willen des Regimes geht). Man ist bereit, Kosten und Risiken einzugehen um die Wirtschaft ans Laufen zu bringen (wenn auch bis auf weiteres nur  regional begrenzt). Eben habe ich mir überlegt, dass in dieser Entwicklung auch Know-How eine wichtige Rolle spielen könnte, das man in Kaesong erworben hat. Man hat zugesehen wie die Zone dort entwickelt wurde und als man glaubte, dass man genug gelernt hat, hat man es dann selbst in Rason versucht (vermutlich hat man sich aber auch aus China den einen oder anderen Rat geholt, was SWZs angeht, dort gibt es ja hervorragende Erfahrungen). Jetzt hat man zwei Laboratorien des wirtschaftlichen Experimentierens, die relativ weit ab vom Schuss liegen und sich relativ gut abschirmen lassen. Wie gesagt: Ich glaube dieses Experiment hat seine Tücken für das Regime in Pjöngjang, aber gerade deshalb glaube ich, dass es ernst gemeint ist. Mir scheint es so, als würde sich Pjöngjang langsam am Vorbild Chinas orientieren. Ich werde deshalb auch versuchen im Auge zu behalten, ob und wie sich die andere SWZ entwickeln wird. Sollte es da andere Ideen und Methoden geben, dann spricht das ganz klar dafür, dass man tatsächlich das Experimentieren nach chinesischem Vorbild beginnt und das der chinesische Weg der ist, den das Regime gehen möchte.

Schlussbetrachtung

Es wurde ja schon seit über zehn Jahren darüber spekuliert, ob Pjöngjang den chinesischen Weg einschlagen würde und es wurde immer wieder Kritik geübt, weil Pjöngjang das nicht tat. Man könnte aber auch zurückfragen, ob das nicht vollkommen vernünftig war, erst einmal abzuwarten, ob Peking die Prozesse, die die eigene wirtschaftliche Entwicklung in Gang setzt im Griff behalten kann und das chinesische Modell wirklich ein erfolgreiches ist. Dessen kann sich Pjöngjang heute wesentlich sicherer sein als damals. Es sieht, dass es der chinesischen Bevölkerung ökonomisch besser geht und dass die Partei in Peking weiterhin die Macht fest im Griff hat. Außerdem kann Pjöngjang mit einem solch großen zeitlichen Abstand hervorragend von dem Wissen profitieren, dass China aus den eigenen Experimenten gezogen hat. Chancen und Risiken lassen sich besser abwägen und Pjöngjang senkt die Gefahren des Manövers für die Macht der Partei. Da dem Regime nach wie vor der Machterhalt das oberste Ziel ist, ist es folgerichtig, dass man die wirtschaftliche Entwicklung solange zurückstellt, bis die Gefahren die davon ausgehen so gering sind, dass der Machterhalt gesichert ist. Alternativ könnte es auch eine Kostenabwägung gewesen sein, die Pjöngjang in diese Richtung drängte. Was ist zu dem gegebenen Zeitpunkt riskanter? Im Stillstand zu verharren oder ein Experiment zu starten…

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