Bis zum bitteren Ende — Für wen oder was hat sich Kim Jong Il eigentlich geopfert?

Man kann Kim Jong Il ja vieles nachsagen und das Meiste davon ist wohl auch wahr. Eines jedoch kann man nicht über den verstorbenen Despoten behaupten. Dass er sich nicht aufgeopfert hätte.

Nun ist der Begriff der “Aufopferung” natürlich grundsätzlich positive besetzt und in Verbindung mit Kim Jong Il klingt das daher irgendwie seltsam, aber es ist ja nicht per Definition festgelegt, dass man sich nur für eine gute Sache aufopfern kann, denn auch das kann man Kim nicht nachsagen. Nun wird es aber kaum so sein, dass der ehemalige Diktator einfach nur zum Spaß auf Kosten seiner Gesundheit — was ihm Berichten zufolge auch bewusst gewesen sein muss — nicht von den Staatsgeschäften zurückzog, sondern (fast wörtlich) bis zum bitteren Ende in hoher Frequenz Vor-Ort-Anleitungen durchführte und vermutlich auch ansonsten seiner Arbeit ungebremst nachging. Daher finde ich es spannend, mal kurz darüber nachzudenken, was wohl das Motiv für dieses Handeln Kims war.

Kim Jong Ils Aufopferung

Zuerst möchte ich euch aber nochmal kurz einen Überblick über das Verhalten Kim Jong Ils geben, dass mich zu dem Schluss kommen lässt, dass er sich für irgendetwas (auf-)geopfert hat. Die Liste der Krankheiten, die Kim Jong Il angeblich hatte, ist sehr lang und man begann eigentlich schon daran zu schreiben, als er offiziell als Nachfolger Kim Il Sungs vorgestellt wurde, also in den 80er Jahren. Jedoch lassen sich all die Gerüchte von Diabetes und allen möglichen Krebserkrankungen kaum bewerten und so einiges wird vermutlich den Wünschen der Propagandisten aus anderen Ländern entsprungen sein. Den ersten validen Beleg, dass Kim Jong Il tatsächlich mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte, gab es dann 2008. Nachdem Kim nicht an der Parade anlässlich des 60. Geburtstags Nordkoreas erschien und weiter von der Bildfläche verschwunden war, verdichteten sich die Hinweise, dass tatsächlich etwas mit ihm nicht stimmte. Auch die teils kruden Versuche der Propagandaabteilung seines Landes, diese Gerüchte mit “Bildbeweisen” zu wiederlegen, scheiterten. Die letzten Zweifel, dass Kim schwer erkrankt war wurden spätestens durch die Bilder seines Auftretens bei der Obersten Volksversammlung im Jahr 2008 ausgeräumt. Da sah er nämlich Gollum aus dem Herrn der Ringe ähnlicher, als sich selbst vor einem Jahr. Auch wirkte er zu dieser Zeit sehr geschwächt.

Kim Jong Il wirkte kurz nach seiner Genesung 2009 deutlich gezeichnet

Nichtsdestotrotz nahm er die Amtsgeschäfte danach wieder relativ zügig in die Hand, kehrte zur alten Routine der Vor-Ort-Anleitungen zurück (mit zunehmend hoher Frequenz) und besuchte China (insgesamt viermal (plus eins auf dem Heimweg aus Russland)) sowie Russland. Er zeigte sich natürlich auf allen wichtigen Anlässen und empfing darüber hinaus einige wichtige Staatsgäste. Diese Umtriebigkeit hielt er durch bis zu seinem Tod durch. Seine letzten beiden Vor-Ort-Anleitungen datieren zwei Tage vor seinem Dahinscheiden. Ob er allerdings an seinem Todestag auch tatsächlich in seinem Sonderzug saß, um einen Besuch durchzuführen, wird von südkoreanischer Seite mittlerweile angezweifelt (jedoch sollte man in solch aufgeregten Zeiten vorsichtig mit Gerüchten und Geheimdienstinformationen umgehen).

All den gennannten Aktivitäten ging Kim nach, obwohl ihm nach dem Schlaganfall von 2008 nach den Aussagen des französischen Arztes Roux vollkommen klar gewesen ist, dass die Gefahr eines weiteren Schlaganfalls wuchs. Da Kim laut den Aussagen zumindest für Wochen, wahrscheinlich aber für Monate, außer Gefecht war, müssen andere die Amtsgeschäfte für ihn geführt haben. Allgemein wird angenommen, dass vor allem Jang Song-thaek ihn damals vertreten habe. Dass dies über Monate hinweg möglich war, ist ein deutliches Anzeichen dafür, dass das Regime loyal zu ihm stand und dass er nicht unersetzlich war.

Motive für Kims Opferbereitschaft

Warum kehrte er aber dann mit voller Wucht in sein Amt zurück? In der Folge werde ich einfach einige Ideen ausformulieren, die ursächlich dafür sein könnten. Eine richtig gute Erklärung habe ich jedoch nicht. Ich bürge auch nicht für Vollständigkeit. Ich schreibe einfach auf, was mir in den Sinn kommt.

Die offizielle “Wahrheit” und Kims mangelnder Realitätsbezug

Considering it as his maxim to believe in the people as in Heaven, he worked heart and soul day and night, without having any good rest, prompted by his desire to enable the Korean people to become the most dignified happy people in the world. He did just the way the President did as he always traveled a lot to mix with the people.

[Der Maxime folgend, dass er an die Menschen glaubt wie an den Himmel, arbeitete er mit Herz und Seele Tag und Nacht, ohne Pause. Dabei ließ er sich von seinem innigen Wunsch leiten, die Menschen Koreas dazu zu befähigen, zu den würdevollsten und glücklichsten Menschen der Erde zu werden. Er machte es genau wie es der Präsident [Kim Il Sung] tat, als er immer viel reiste, um sich unters Volk zu mischen.]

Vielleicht tat Kim Jong Il all dies wirklich aus dem Glauben heraus, ein besseres Land und eine bessere Zukunft für seine Bevölkerung zu schaffen. Zugegeben, das klingt seltsam, aber vielleicht wähnte er sich auf dem Weg dorthin und vielleicht sah er sich als unersetzlich auf diesem Weg. Natürlich ging und geht es vielen Nordkoreanern schlechter als den meisten anderen Menschen auf der Welt, aber es kam in der Weltgeschichte ja nicht gerade selten vor, dass Staatenlenker und Revolutionäre glaubten, mit Aussicht auf eine bessere Zukunft die Gegenwart einer oder mehrerer Generationen opfern zu müssen.

Jeder ist sich selbst der Nächste

Vielleicht hatte Kim Jong Il schlicht Angst davor, dass er sich, wenn er die Macht abgäbe, früher oder später vor einem nationalen oder internationalen Gericht verantworten würde müssen. Hätten seine Nachfolger einschneidende politische Veränderungen vorgenommen, wäre dies ein denkbares Szenario gewesen. Der einzige sichere Weg zu verhindern, dass er irgendwann die Konsequenzen für sein Tun würde tragen müssen, war es, einfach bis zum Ende zu regieren, oder bis sein Sohn fest im Sattel sitzt.

Eine ähnliche Zielrichtung hat die Idee, dass bei Kim die Ansicht vorgeherrscht hat, dass das Regime ihn oder seinen Sohn, wenn er weitgenug ist, braucht, um als Symbolfigur und Legitimation gegenüber den Trägern des Regimes und der Bevölkerung zu wirken. Hätte er aufgehört, hätte er damit das Regime ins Wanken gebracht und sich selbst eine unruhige Zukunft beschert.

Aufhören wollen, aber nicht dürfen

Wiederum mit der vorherigen Idee verbunden ist der Gedanke, dass er vielleicht gerne aufgehört hätte, ihm dies aber von den Mitgliedern des Regimes, die ihn umgaben, schlicht nicht erlaubt wurde. Hier kann es sein, dass die Führungseliten Angst davor hatten, wenn das Regime zusammenbräche für das was sie getan haben (es gibt vermutlich nicht viele, die sich keine Sorgen vor objektiven Gerichten machen müssten, geschweige vor einem wütenden Mob) gerade stehen zu müssen bzw. ihr luxuriöses Leben aufgeben zu müssen, dass ihre Positionen mit sich bringen. Vielleicht zogen sie auch die relativ berechenbare Situation einer möglicherweise wesentlich unberechenbaren und vielleicht gefährlicheren Lage ohne den “Kim-Deckel”, der alle Konflikte abdeckte, vor.

Vaterliebe

Vielleicht hatte Kim seinen Sprössling auch so gern, dass er ihn unbedingt an die Staatsführung heben wollte und um die Nachfolge des Sohnes sicherzustellen musste er eben noch einige Zeit im Amt bleiben. Es spricht zwar einiges dagegen, dass das Motiv ist, aber man kann ja nie wissen. Die Frage die ich mir stelle ist nur, warum der junge Kim sich nicht vom Acker gemacht hat bzw. macht, solange er noch aus der Nummer rauskäme. Oder ist er schon soweit drin, dass es nicht mehr anders geht? Warum Kim Jong Un sich bereitgefunden hat, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, ist aber ein anderes Rätsel, für das ich ebenfalls nicht wirklich eine Erklärung habe.

Verrückt

Vielleicht haben auch diejenigen recht, die immer behauptet haben, Kim Jong Il sei schlicht verrückt. Dann kann es tatsächlich sein, dass er all das einfach nur so gemacht hat, denn dann muss sein Handeln ja nicht unbedingt von Rationalität geprägt gewesen sein. Allerdings kann ich mir nach wie vor kaum vorstellen, wie jemand der Verrückt ist, ein Land lenken soll, dass in einer permanenten schweren Krise steckt. Ich glaube wenn er verrückt gewesen wäre, dann würden wir nicht erst jetzt über sein Ende sprechen.

Warum hat er’s getan?

Ich weiß nicht wie es euch geht, aber ich bin mit alldem noch immer nicht wirklich zufrieden. Es kann natürlich ein Konglomerat aus alldem gewesen sein, eine Mischung aus Staatsräson und Sendungsbewusstsein, Selbstüberschätzung und Realitätsverlust sowie Vaterliebe. Aber selbst dann weiß ich nicht so genau. Und so wird es wohl auch bleiben. Wir werden es wohl nie so genua wissen.

Ich fände es aber sehr interessant und vielleicht auch erhellend, wenn ihr eure Meinung oder Ideen äußern würdet. Warum hat Kim gearbeitet, bis sein (wahrscheinlich) relativ gnädiges Ende gekommen war?

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5 Antworten

  1. Noch mal eine Bemerkung, die ich am letzten Tag des Jahres loswerden will, und die nirgends so richtig hinpaßt.
    Die Uno-Vollversammlung hatte letzte Woche eine Schweigeminute für Kim Jong Il eingelegt, die von den Vertretern der USA, Japans und einiger Europäischer Staaten boykottiert wurde.
    Man kann sicherlich geteilter Auffassung über Nordkorea sein, und Kim Jong Ils Politik war sicher nicht Mainstream, aber eine Trauerminute zu boykottieren ist einfach fies, das macht man nicht.
    Respekt vor Gestorbenen ist weltweit in jeder Kultur ein hoher Wert. Da haben sich die westlichen Länder selbst ins moralische Abseits gestellt.

  2. @ Mi Fu: Klingt teilweise schlüssig, dass Kim tatsächlich sein eigenes Wohl nach dem Ideal des Kommunismus unter das des Kollektivs stellte. Allerdings scheint er in anderen Bereichen diesen Idealen nicht so sehr gefolgt zu sein (jedenfalls wenn nur ein Bruchstück der Berichte über sein luxuriöses Leben stimmt). Daher muss er zumindest ein bisschen Schizophren beim Verfolgen seiner Ideale gewesen zu sein.
    Weiterhin lässt sich die Frage stellen, ob er wirklich noch glauben konnte, dass das paradiesische Nordkorea je entstehen wird. Denn wenn man für eine Vision arbeitet und dieser nie auch nur einen Schritt näher kommt, dann sollte man seine Zielsetzungen überprüfen.
    Was ein erstrebenswertes Leben für die Bevölkerung angeht, so lässt sich gut darüber sprechen, wenn man die Wahl hat. Wenn die Menschen in Nordkorea tun und lassen könnten, was sie wollten, dann würden wir wissen, was sie erstrebenswert finden.
    @ bagameri: Ich kann deinen Gedankengang gut nachvollziehen, denn ich habe früher ähnlich gedacht. Allerdings bin ich in den letzten Jahren zu der Überzeugung gelangt, dass es kaum etwas Gefährlicheres gibt, als bei der Verfolgung von Idealen die Realität auszuklammern. Das endet meistens mit vielen Toten und ohne Fortschritt für die einzelnen Menschen. Wenn man nach einem Ideal strebt, das sich noch nie auch nur annähernd umsetzen ließ, dann muss man vielleicht die Grundannahmen überprüfen, denn da sehe ich das Problem. Die Grundannahme von der menschlichen Natur, denen viele Idealisten in der Vergangenheit gefolgt sind, sind selbst nicht reale Ideale. Wenn man nach einem idealen Staat mit idealen Menschen strebt, dann sollte eins von Beiden schon real sein, denn ohne ideale Menschen gibt es keinen idealen Staat und ohne idealen Staat keine ideale Menschen. Und da liegt das Problem, denn offensichtlich scheint es keines von beidem zu geben.

    • In Medienberichten lese ich, Nordkorea wäre ein “black box”, selbst die westlichen Geheimdienste wüßten kaum etwas davon, was in dem Land vorgeht. Wieso dann gerade das Privatleben von Kim Jong Il im Detail bekannt sein kann? Das läßt Zweifel am Wahrheitsgehalt dieser Meldungen aufkommen.

      Wahlmöglichkeiten: da sollte man die westlich orientierten Staaten nicht überschätzen. Welche Wahlmöglichkeiten hat ein Südkoreaner, der in einer Samsung-Fabrik schuftet? Welche Möglichkeiten seinen eigenen Lebensweg zu bestimmen? Formalrechtlich wohl schon, in der Praxis aber kaum.

      Interessant aber die Frage der Zielsetzung, der Realisierbarkeit von Kim’s Vision. Was hat er gedacht, als er China bereiste und dort die moderne Industrie und Luxusgeschäfte gesehen hat? Wir werden es wohl nie erfahren.
      Aber vielleicht lerne ich ja mal einen Nordkoreaner hier in Beijing kennen, wäre interessant, was die denken.

  3. Vielleicht ein bisschen Off-topic, aber ich nehme an, man (die Medien, Politiker) im Westen haben Kim Jong Il unterschätzt. Sicher, er war äußerlich nicht attraktiv, und hatte (zumindest für Westler) kein sichtbares Charisma. Aber, das hatten z.B. Kohl und Deng Xiaoping auch nicht.
    Was einen Politiker, der in die Geschichtsbücher eingehen will, ausmacht, sind eine Vision und die Fähigkeit die Macht in den Händen zu behalten, um die Vision umzusetzen oder ihr zumindest näher zu kommen. Das hatten (sonst so völlig unterschiedliche Politiker) wie Kohl, Deng und Kim gemeinsam.

    Von daher denke ich, daß es Kim ganz klar darum ging, für seine Vision, die Juche-Ideologie “bis zum letzten Atemzug” zu arbeiten.
    Für einen Kommunisten galt immer, sein eigenes Leben unter das Wohl der Gemeinschaft zu stellen, und in dieser Tradition steht auch die Kims, das dürfte Kim Song Il von Kindheit an von seinem Vater eingebleut sein worden (und das dürfte er auch an die nächste Generation weitergegeben haben).

    Immerhin, Nordkorea existiert noch, hat sich sein Juche-System bewahrt. Selbstverständlich war das bei der Amtsübernahme von Kim Song Il ja wirklich nicht.
    Ob die Alternative, zu Niedrigstlöhnen für Apple und Co zu schuften wirklich so attraktiv ist?

  4. “Vielleicht tat Kim Jong Il all dies wirklich aus dem Glauben heraus, ein besseres Land und eine bessere Zukunft für seine Bevölkerung zu schaffen. Zugegeben, das klingt seltsam,”

    Ja, es mag für uns hier im Westen tatsächlich ungewöhnlich und um nicht zu sagen geradezu absurd klingen das ein Politiker ernsthaft aus derlei edlen Absichten handelt.Die Zeiten in denen man bei uns noch naive Idealisten in und außerhalb der Politik beobachten konnte liegen nun schon etwas länger zurück.Man denke da an die ersten Grünen zum Beispiel, oder an die RAF.Überflüssig zu erwähnen das die meisten dieser armen fehlgeleiteten irren letztendlich doch noch zum guten bekehrt werden konnten und jetzt im Namen des Kapitals agieren so wie jeder andere anständige Politiker auch.
    Es gibt jedoch einige wenige Orte auf diesem Erdenrund an denen die Uhren anders zu laufen scheinen.Einer dieser Orte ist Nordkorea.Ich bin mir in höchstem Maße sicher das das Regime (also Kim) tatsächlich aus idealistischen Gründen heraus handelte.Wenn man die Realität einmal ausklammert und das betrachtet was Nordkorea eigentlich sein will so sind das auch sehr edle Ziele.Oder etwa nicht?
    Für die Zukunft wünsche ich den Menschen auf dem Nordteil der koreanischen Halbinsel das ihr Land diesem revolutionären Anspruch näher kommen kann und irgendwann tatsächlich das prosperierende Paradies wird was es in der Propaganda schon längst ist.

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