Vermuten — Glauben — Wissen: Informationen über Nordkorea und ihr Wert

Gerade in der aktuellen Situation stecken Medienmacher wie Experten in ihrem Tun in einer gewissen Zwickmühle. Denn einerseits ist es für beide Parteien unumgänglich, möglichst viel über Nordkorea zu sagen, andererseits dürfte so manchem die Basis dazu ein Stück weit fehlen. Sowohl Medien, als auch Experten steht es nämlich nicht gut an, das was sie sagen hauptsächlich auf Vermutungen und Glauben zu stützen. Fakten sind das, was die informierten Bürger haben wollen. Allerdings ist das mit den Fakten und Nordkorea ja immer so eine Sache, denn selbst die Experten können sich fast nur dessen gewiss sein, das sie mit eigenen Augen gesehen haben. Die nordkoreanische Propaganda gewährt uns zwar etwas tiefere Einblicke als das noch zum Tod Kim Il Sungs der Fall war, aber über diese Informationen darf man sich keine allzugroßen Illusionen machen, denn das was da gezeigt wird, ist genau das, was gezeigt werden soll (auch wenn das manchmal schiefgeht). Aus diesem Grund wollte ich anhand von zwei Beispielen nur nochmal kurz ins Bewusstsein rücken, wie wenig tatsächliches Wissen über aktuelle Vorgänge in Nordkorea existiert.

Kim Jong Ils Tod

Am Montagmorgen dem 19. Dezember wurden überall in der Welt (OK, hier war es morgens, sonstwo Nachts, Mittags oder Abends) Medienleute, Wissenschaftler und Politiker gleichermaßen von der Nachricht überrascht, dass Kim Jong Il seit zwei Tagen tot sei (wobei man sich noch nicht einmal überall sicher ist, ob man dieser Aussage glauben soll). Obwohl Nordkorea wohl eines der Länder ist, das mit unter der stärksten Beobachtung von geheimdienstlichen Schwergewichten wie der CIA steht und an dem auch viele andere Staate und v.a. Südkorea ein gesteigertes Interesse haben, hat niemand etwas gemerkt. Auch die zahlreichen Menschenrechtsgruppen, die im Grenzgebiet Informationen zu sammeln versuchen, wurden scheinbar nicht allarmiert. Ähnliches lässt sich hinsichtlich der Urananreicherungsanlage in Yongbyon sagen, die trotz eines langjährigen Verdachts der USA direkt unter der Nase zahlreicher Beobachtungssatelliten aufgebaut wurde, ohne dass es jemand bemerkte.

Es lässt sich also festhalten, dass wirklich wichtige Informationen in der Vergangenheit nicht nach außen gesickert sind, ehe das Regime das Zuließ. Daher ist mit “geheimen” Informationen über Vorgänge in der Führungsspitze, die von Medien oder Menschenrechtsaktivisten publik gemacht werden auch sehr vorsichtig umzugehen, denn inwiefern es sich um echtes Wissen oder um Enten handelt, ist schwer zu identifizieren. Jedoch ist die Entengefahr nicht zu unterschätzen, wenn man bedenkt, wie oft Kim schon totgeschrieben wurde und dass gerade bei seinem tatsächlichen Ableben dann niemand auf die Idee kam. Hinsichtlich aktueller Ereignisse wissen wir also wirklich fast nur das, was wir wissen “sollen”.

Kim Jong Uns Schweizer Zeit

Mittlerweile ist ja erwiesen, dass Kim Jong Un in einer Schule nahe Bern für einige Jahre eine freiheitlich-demokratische Grundausbildung erfuhr. Darauf stützt sich so ziemlich alles, was wir über Kim Jong Un den Privatmann wissen und darauf begründen sich manche Hoffnungen, dass er das erlernte in Nordkorea umsetzen wollen würde.

Aber halt: Was wissen wir eigentlich über Kim Jong Uns Schweizer Zeit? Schaut mal diesen Beitrag des Heute Journal an, der fasst super zusammen was wir wissen: Ok, auf der Steinhölzli Schule in der Nähe von Bern lernte von 1998 bis 2000 ein nordkoreanischer Schüler mit anderem Namen, der aufgeschlossen und gut integriert war, die Sprache schnell gelernt hat und sportinteressiert war.

Dass ist das, was ich von diesem jungen Mann sagen kann

wie es der Mann ausdrückt, der für die Schulen in der Region zuständig ist. Was er nicht sagen kann und will ist, dass dieser junge Mann tatsächlich Kim Jong Un war. Und wenn der Schüler eine Frau zusammenstaucht, dann heißt das noch lange nicht, dass der junge Haustyrann mit dem jungen Staatstyrannen identisch ist. Und wenn der Reporter aus dem off noch so oft sagt, es sei Kim Jong Un gewesen, der dort auf der Schule war. Einen Beweis dafür habe ich nicht hier und auch sonst nirgends gehört.

Liest man aber in Medien und auch bei Experten nach, dann handelt es sich bei der Schweizer Zeit des jungen Kim nicht um eine Vermutung, oder einen Glauben, sondern um eine absolute Gewissheit. Nur wird etwas eben nicht wahr, weil man es hundertmal oder tausendmal schreibt. Und wenn dann irgendwelche Schlauberger anfangen auf Basis dieses “Wissens” Psychogramme vom jungen Kim zu erstellen und andere Schlauberger anfangen auf Basis dieser Psychogramme ihr politisches Handeln auszurichten, dann hat davon eigentlich niemand etwas. Allerhöchstens der junge Kim und seine Leute.

Aber vielleicht war er ja in der Schweiz und vielleicht hat er da die Grundzüge der Demokratie und der deutschen Sprache gelernt. Na und? Wisst ihr worüber Saif al Islam, der fiese Sohn des fiesen lybischen ex-Diktators seine Doktorarbeit im freien, demokratischen London geschrieben hat? Man würde es kaum glauben: “The Role of Civil Society in the Democratisation of Global Governance: From ‘Soft Power’ to Collective Decision-Making?” Nur weil man das Konzept der Teilhabe von Zivilgesellschaften verstanden hat, muss man das noch lange nicht in der Praxis umsetzen (vielleicht hilft das Wissen ja sogar beim Gegenteil). Aber das nur am Rande.

Unwissen — Pseudowissen — Wissen

Naja, im Endeffekt wird wohl niemand etwas an unserem Unwissen und Pseudowissen ändern können, denn Politik, Wissenschaft und Medien folgen nunmal allesamt eigenen Handlungslogiken und da scheint es oft opportuner zu sein, so zu tun, als ob Wissen vorhanden sei, als nochmal einen Schritt zurückzugehen und die Grundlagen zu erforschen. Gut ist das nicht (ich wüsste mal gerne, ob wir heute noch auf den Bäumen sitzen würden, wenn die Menschheit immer so vorgegangen wäre), aber vielleicht hat man ja Glück und die konstruierten Wahrheiten stellen sich im Nachhinein als richtig heraus, oder man hat Glück und die falschen Annahmen ziehen keine allzuschlimmen Folgen nach sich…

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5 Antworten

  1. Das Fahrzeug im Vordergrung ist ein lager Schlitten. Zwischen den beiden Bildern ist es um eine Fahrzeuglänge gefahren. zuzügliche je einem Meter vorher und nacher. Der Schlitten ist recht lang, also ich schätzte alles in allem eine Bewegung von 8 Metern.

    Schrittgeschwindigkeit ist 6 km/h. Bei einer solchen Veranstaltung aber wohl eher 3 km/h. Somit müssten etwa 100 Sekunden zwischen den Aufnahmen vergangen sein. Da könnten die Leute auch so verschwunden sein. Dafür sprechen die hinterlassenen ‘Spuren’ in zwei Krreisen.

    Dagegen spricht aber die entspannte Haltung der Leute, die schwere Kamera. Die Kreise könnten auch Folgen einer schlechten Bildmanipulation sein.

    100 Sekunden aber sind eine Menge Zeit.. köönte auch eine Möglichkeit sein.

    Stefan

    • Danke für den Kommentar.
      Ich weiß es auch nicht, aber ich gehe einfach davon aus, dass die Nachrichtenagenture, die sich damit befasst haben, die Fotos im Detail untersucht haben. Und bei früheren Fällen gab es da auf “Pixelebene” eindeutige Hinweise. Hier ist außerdem darauf hinzuweisen, dass auch die Spuren der Leute verschwunden sind. Wenn es nicht superheftig geschneit hat, ist das seltsam…

  2. Ein Punkt, der in der ganzen Diskussion über mögliche Änderungen in Nordkorea nicht beachtet wurde: es gibt eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, aber es gibt auch das Gegenteil: eine Erwartung wird nicht erfüllt weil sie zu massiv vorgetragen wird.
    Nordkorea KANN sich in den nächsten Jahren gar nicht ändern. Wenn sich Nordkorea zum jetzigen Zeitpunkt deutlich ändert, hieße es, daß die Regierung die Amtszeit von Kim Jong Il negiert. Das hieße, gegenüber dem westlichen Ausland komplett sein Gesicht zu verlieren. Unmöglich!
    Auch gegenüber der eigenen Bevölkerung wäre das nicht zu vermitteln.

    Dabei ist sicher allen in Nordkorea klar, daß die Amtszeit von Kim Jong Il suboptimal verlaufen ist. Die Frage ist warum? Weil die Juche-Idee nicht konsequent genug durchgeführt wurde (Abhängigkeit von der SU, als die SU zerfiel geriet Nordkorea mit in den Strudel, jetzt geht es wieder aufwärts), oder weil eine Integration in die Weltwirtschaft doch mehr Vor- als Nachteile bringt. Beide Interpretationen sind möglich.

    Egal wie die Analyse ausgehen wird, ich erwarte nur schrittweise Änderungen in Nordkorea, und auch dann wird Nordkorea immer betonen, daß sich die Änderungen innerhalb der Juche-Ideologie bewegen und auch von Kim Jong Il und Kim Il Sung gutgeheißen worden wären.

  3. Naja, komisch, dass das bearbeitete Bild einen größeren Bildausschnitt zeigt, als das angebliche Original. Und selbst wenn ist es keine Fälschung – oder war der hinfortretuschierte Achselschweiß unserer Kanzlerin eine Fälschung? Über die nachträgliche Anpassung der Belichtung bzw. Gradiationskurven will ich mal garnicht sprechen, dass macht jeder… sogar das Fotolabor schon automatisch.

    • Es sind ja zwei verschiedene Bilder, die nur das etwa gleiche Motiv zum etwa gleichen Zeitpunkt zeigen und daher ist klar, dass die Leute auf dem einen Bild nicht plötzlich samt Spuren verschwunden sein können.
      Ich stimme dir zu, dass es vermutlich völlig normal ist, wenn Bilder nachbearbeitet werden.
      Allerdings geht es hier glaube ich mehr um das Rechtliche. Ich weiß nicht genau wie das bei der Übernahme von Bildern anderer Agenturen ist, aber vermutlich gibt es da eine Regelung, nach der die Empfänger das Rohmaterial erhalten müssen. Wenn das nicht so ist, sind sie wahrscheinlich angefressen, weil sie ja schließlich dafür bezahlen. Und da es eine gewisse Historie der “Bildbearbeitung” durch KCNA gibt, ist man da wohl recht sensibel.
      Ich könnte mir vorstellen, dass damit auch so ein bisschen auf der Agentur AP rumgehackt wird. Die haben ein Kooperationsabkommen mit KCNA und erst im letzten Jahr ein Büro in Pjöngjang eröffnet. Damit haben sie vermutlich Zugang zu exklusiverem Bildmaterial. Das ist aber nicht viel wert, wenn man ständig von der vielleicht neidischen Konkurrenz unter die Nase gerieben bekommt, dass die Bilder verfälscht sind (aber das ist nur eine kleine Verschwörungstheorie meinerseits).

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