Die Rattenfänger von Pjöngjang — Hintergründe zur jüngsten anti-Lee-Kampagne

Von der nordkoreanischen Propaganda ist man ja einiges gewohnt. Neben einem kreativen Umgang mit der Realität pflegt man in den journalistischen Produktionsstätten des Landes auch einen sehr kreativen Umgang mit der Sprache. Besonders wenn es darum geht, die politischen Gegner aus dem Ausland und vor allem aus den USA und Südkorea zu diffamieren, verfügt man über einen schier unerschöpflichen Schatz von Beleidigungen, die mitunter eine leicht humoristische Note annehmen (ich persönlich finde den ” just like a thief crying “stop the thief””-Spruch irgendwie immer witzig) und die nach Bedarf kombiniert werden können (der “random insult generator” von NK News.org trifft es ganz gut).

“Ratstorm”

Aber der “shitstorm” der momentan durch Nordkoreas Medien schwappt, ist wohl bisher präzedenzlos. Seit ungefähr einer Woche hat man sich auf Lee Myung-bak eingeschossen und beschimpft ihn als Ratte oder ratten-ähnlich (es gibt mittlerweile 70 Artikel, in denen die Phrase “rat-like” vorkommt und alle stammen aus den letzten acht Tagen). Vor drei Tagen hat man dann auch noch angefangen “satirische Cartoons” zu veröffentlichen, die alle eins gemeinsam haben. Sie zeigen wie der “Ratten-Lee Myung-bak” getötet wird (in Stücke gehackt, stranguliert, zerquetscht usw.). Ganz ehrlich gesagt finde ich die Bilder schon ziemlich krass scheußlich und wenn ihr sie euch angucken wollt, findet ihr zum Beispiel hier eine Sammlung (irgendwie widerstrebt es mir, sie direkt zu verlinken).

Ratte? Warum Ratte? Ach deshalb…

Eigentlich habe ich mich schon relativ bald nachdem die Rattengeschichte angefangen hat gefragt, was zur Hölle das denn jetzt auf einmal soll und nachdem man das so forciert hat, habe ich mal nachgelesen. Scheinbar ist diese Sache mit der “Ratte” nicht den Köpfen der nordkoreanischen Propaganda entsprungen, sondern geistert schon seit längerer Zeit durch das südkoreanische Netz. Der einfache Hintergrund: Die Wörter die Lees Namen und das Wort “Ratte” beschreiben schreiben sich ähnlich und daher war das Wortspiel für seine politischen Gegner wohl naheliegend. Auf den Cartoons findet sich übrigens noch ein anderer “Spitzname” Lees: 2MB. Auch hier schreiben sich “2” und “Lee” gleich. Der Witz: Das Ganze soll als Angabe über das Fassungsvermögen seines Hirns verstanden werden. Manchmal haben die Ratten die gerade erschossen, erstochen oder sonstwas werden, eben noch die Aufschrift “2MB” irgendwo drauf.

Wo die Story herkommt

Auf die Idee für diese tollen Cartoons und das neue Motiv scheinen die Propagandisten in Pjöngjang vor einiger Zeit gekommen zu sein, als sie eine Story aus Südkorea aufschnappten.

Der Denkanstoß? Diffamierendes Bild Lees mit Rattenmotiv (das "G" auf seiner Armbinde)

Danach hat sich die Kreativabteilung wohl die Köpfe heiß gedacht und pünktlich für die Nachwehen des gescheiterten Raketenstarts und der entsprechend extrem verschärften Kriegsrhetorik der letzten Tage, die neue Rattenkampagne an den Start gebracht. Laut nordkoreanischer Propaganda ist die Ursache des ganzen Buheis, die mit massiven (Gewalt-)drohungen gegen Lee und südkoreanische Medien (wobei ich mir unter den angekündigten “special actions” auch was asymmetrisches wie eine Hackerattacke vorstellen könnte) einhergingen, eine Beleidigung der Würde der obersten Führung des Landes. Um genauer zu sein regt man sich extrem drüber auf, dass Lee gesagt hat, Pjöngjang hätte das Geld, dass für die Geburtstagsfeierlichkeiten Kim Il Sungs und den gescheiterten Satellitenstart ausgegeben wurden, besser verwenden können. Aber wenn man die Meldungen von KCNA in den Wochen davor durchschaut, dann sieht man, dass man nur nach irgendeinem gangbaren Grund gesucht hat, um sich in seiner Würde verletzt zu fühlen. Wenn es nicht diese Aussage Lees gewesen wäre, dann irgendeine andere.

Nach innen Zusammenhalt stärken…

Aber warum dann diese schrillen Töne? Nach innen hin folgt das Ganze wohl dem altbekannten Motiv: Wenn die Situation in der Welt bedrohlicher wird (sogar wenn selbst verursacht, aber das dürften die Menschen in Nordkorea vermutlich aufgrund der ausführlichen “Information” durch die Medien anders sehen), halten die Menschen noch enger zusammen und denken garnicht erst darüber nach, ob es Sinn macht, der Führung zu folgen, ob wirklich ein dreißigjährige der Richtige Führer ist und ob das Land jetzt wirklich den Status “Reich und Mächtig” erreicht hat.

…und nach außen Rattenfängerei?

Vielleicht soll die Kampagne sogar auch nach außen, oder vielmehr auf die Lee kritischen, progressiven Kreise Südkoreas wirken, die ja schließlich den “Ratten-Spitznamen” erfunden haben, dann könnte man im doppelten Sinne von Rattenfängerei sprechen (einmal die in den Cartoons abgebildete und dann noch die damit intendierte). Vielleicht dachte man, sich gewissen Kreisen anbiedern zu können, indem man signalisiert: “Wir denken genauso wie ihr. Wir übernehmen sogar eure Schmähungen. Ihr seid durch uns besser vertreten.” Ob das funktionieren wird, finde ich allerdings fraglich. Einerseits ist diese Kampagne so widerlich, dass man schon hartgesotten sein muss, um sich davon überzeugen zu lassen. Andererseits kriegt man in Südkorea wohl nur wenig davon mit. Das Nationale Sicherheitsgesetz verbietet es, die nordkoreanischen Propagandaorgane im Netz zu lesen (bzw. macht es unmöglich) und die südkoreanischen Medien haben recht wenig davon berichtet.

Ärgerlich aber nicht gefährlich

Alles in Allem ist diese Kampagne bisher schrill und ekelhaft, vielleicht sogar besorgniserregend, aber zum Glück nicht gefährlich. Ich hoffe die nordkoreanischen Strategen begnügen sich damit, irgendwas zwischen Abscheu und Belustigung in der Welt geweckt zu haben und verspüren nicht das Bedürfnis, den Drohungen, die mit alldem verbunden sind, Taten folgen zu lassen. Leere Drohungen aus Pjöngjang sind ja schließlich nicht das Neuste vom Neuen, aber dass es auch folgenschwere Ausnahmen gibt, hat sich in der Vergangenheit ja bereits wiederholt gezeigt.

Erbfolge? Hier doch nicht…

Um diese unerfreuliche Geschichte noch etwas versöhnlich bis lustig abzuschließen möchte ich euch noch kurz mitteilen, worin das Regime in Pjöngjang heute einen Angriff auf die Würde der obersten Führung sah. Und zwar hat sich ein Berater Lee Myung-baks doch tatsächlich erdreistet, dass System Nordkoreas als Erbfolgesystem zu bezeichnen. Also sowas. Wie er da nur drauf kam? Hat ja vor ihm auch noch niemand gewagt.

Also wenn man in Pjöngjang darin jetzt schon eine Ehrabschneidung sieht und jedem drohen will, der das behauptet, dann hat KCNA in Zukunft aber viel zu tun. Ich glaube es gibt international nur wenige Medienorgane, die nicht schonmal sowas von sich gegeben haben. Naja…

Noch ein bisschen musikalische Untermalung zur Kampagne. Sogar der Bandname dürfte in Pjöngjang positiv gesehen werden. Ob man Campino aber für ein reunion Konzert in Pjöngjang gewinnen kann, ist fraglich…

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