UPDATE III (22.05.2012): Mysteriöser Zwischenfall im Gelben Meer: Nordkoreaner halten chinesische Fischer gefangen und verlangen Lösegeld

Update III (22.05.2012): Die Chinesen scheinen ihre relative Informationssperre aufgehoben zu haben und berichten nun Details. Die chinesischen Seeleute wurden geschlagen, bedroht und insgesamt schlecht behandelt und mussten ein Dokument unterschreiben, das das Vorgehen der Nordkoreaner im Nachhinein gerechtfertigt hätte.

Bei den Angreifern handelte es sich wohl um Soldaten, vielleicht/vermutlich der Marine. Das finde ich sehr interessant, denn die Soldaten scheinen beim Erwerb ihres Lebensunterhalts ja mithin recht rabiat vorzugehen bzw. vorgehen zu müssen. Aber wenn das soweit geht, dass die gutnachbarschaftlichen Beziehungen zu China darunter leiden, dann muss man sich in Pjöngjang wohl mal ernsthaft Gedanken machen…

Update II (21.05.2012): Das unmittelbare Problem ist zumindest schonmal behoben. Alle nordkoreanischen chinesischen Boote sind samt Besatzung wieder in daheim angekommen und laut chinesischen Medien sind die Matrosen bei guter Gesundheit nicht lebensgefährlich krank oder verletzt. Allerdings ist nach wie vor nicht auszuschließen, dass die ganze Geschichte noch diplomatische Nachwirkungen haben könnte. Die Global Times, die für ihren stramm nationalistischen Ton bekannt ist, fordert zumindest eine Untersuchung des Vorfalls und Bestrafung der Verantwortlichen. Sollten sich das Behördenvertreter zueigen machen, könnte das für Probleme sorgen. Aber wahrscheinlich wird man versuchen, die Geschichte so schnell wie möglich unter den Tisch zu kehren. Schlussendliche Aufklärung ist daher leider nicht zu erwarten. Ich empfehle für eine intensivere Berichterstattung Sino-NK. Adam Cathcart hat heute einen ersten Artikel dazu veröffentlicht, aber da dürfte noch einiges kommen. Gerade hier ist die intensive Auswertung chinesischer Quellen natürlich Gold wert.

Update I (19.05.2012): Es sieht so aus, als kämen die beiden Seiten einer Lösung näher. Mit Berufung auf die chinesische Botschaft in Pjöngjang wird berichtet, dass die Vertreter der Botschaft aktiv auf die nordkoreanischen Behörden eingewirkt hätten und dass von dort die Mitteilung gekommen sei, dass die Schiffsbesatzungen gesund seien und genug zu essen hätten. Ein Teil der Boote und Besatzungen hätte auch schon nach China zurückkehren können.

Scheinbar haben die Verbündeten nochmal die Kurve gekriegt und können die Frage bald beilegen. Ein Flurschaden ist trotzdem entstanden, da der Fall öffentlich wurde. Gut möglich, dass die Hintergründe der Story nie wirklich aufgedeckt werden. Ist zwar unbefriedigend, aber kann man nichts machen. Außer eben schauen, ob es im Gelben Meer in Zukunft weitere Zwischenfälle gibt.

Ursprünglicher Beitrag (17.05.2012): Eben habe ich mal wieder ne Story gelesen, die wohl am besten in die Kategorie “Mysteriös und schwer erklärbar” einzuordnen ist. Da wird unter Berufung auf chinesische Medien berichtet, bewaffnete Nordkoreaner hätten drei chinesische Fischerboote geentert und 29 Besatzungsmitglieder gefangen genommen. Nun würden sie Lösegeld in Höhe von 900.000 oder 1.200.000 Yuan (105.000 bzw. 140.000 US Dollar) für die Schiffe verlangen. Die chinesischen Fischerboote seien laut chinesischen Angaben am 8. Mai im Gelben Meer in internationalen Gewässern unterwegs gewesen und in der Folge in nordkoreanische Gewässer gebracht worden. Berichten zufolge sollen sich unter den Geiselnehmern nicht nur nordkoreanische, sondern auch Personen chinesischer Herkunft befinden. Nach einem der Berichte, wird das Lösegeld von offizieller nordkoreanischer Seite verlangt, während es in anderen Meldungen so klingt, als sei das eine rein “private” Aktion.

Erklärungsversuche

Natürlich sind die Informationen die es bis jetzt gibt relativ dünn und nicht wirklich sicher, aber trotzdem fällt es mir schon auf dieser Basis recht schwer, mir eine Erklärung vorzustellen, die nicht an irgendeiner Stelle seltsam wäre. Hier trotzdem einige Überlegungen.

Pjöngjang schießt vor den Bug

Eine Erklärung könnte der dauerhafte latente Konflikt um Fischwilderei (oder wie man unerlaubtes Fischen im Territorium von Nachbarstaaten auch immer nennt) sein, den China mit eigentlich fast allen Nachbarstaaten auszutragen hat, weil sich chinesische Fischer scheinbar nicht so gern an Grenzen halten, was nicht nur zwischen Seoul und Peking ein großes Thema ist. Auch zwischen China und Nordkorea gibt es dahingehende Probleme, die aber auf kleinerer Flamme gekocht werden. Möglich, dass die chinesischen Fischerboote doch nicht so ganz in internationalen Gewässern unterwegs waren und dass man sich das von nordkoreanischer Seite nicht bieten lassen wollte und eine von oben abgesegnete Aktion gestartet hat, die ein bisschen aus dem Ruder gelaufen ist.

Allerdings klingt die Geschichte mit dem Lösegeld und im Zusammenhang damit, dass man diese doch recht unwichtige Frage so lange hingezogen hat, bis sich die Chinesen gezwungen sahen, das öffentlich zu machen, irgendwie seltsam. Denn ich kann mir nur schwer vorstellen, dass man die so wichtigen Beziehungen zu China in der aktuell ohnehin schwierigen Situation für solch ein marginales Thema gefährden würde. Daher scheint mir das nicht wirklich naheliegend.

“Somalische Verhältnisse”

Eine andere Erklärung wäre, dass (wie manche Artikel dazu nahelegen) der Vorfall nicht mit dem Wissen nordkoreanischer Regierungsinstitutionen stattfand. Das klingt aber in meinen Ohren noch abwegiger, als die erste mögliche Erklärung. Denn das würde ja fast schon somalische Verhältnisse implizieren. Von nordkoreanischem Gebiet aus würden dann bewaffnete Gruppen agieren, die mit Booten ausgestattet sind. Das würde alle bisherigen Einschätzungen über die Kontrolle, die die nordkoreanische Regierung im eigenen Land ausübt, so sehr über den Haufen werfen, dass ich diese Version für sehr unrealistisch halte. Eine andere Spielart wäre, dass die Gruppe aus chinesischen und nordkoreanischen Personen besteht und von China aus agiert hat und sich dann nur in die relativ ruhigeren nordkoreanischen Gewässer zurückgezogen hat, um einen Zugriff der chinesischen Marine zu vermeiden. Das schiene mir schon schlüssiger, allerdings habe ich keine Ahnung, inwiefern ein Zugriff durch die nordkoreanische Marine einem solchen durch die Chinesische vorzuziehen sei. Insgesamt halte ich es für eher unwahrscheinlich, dass das eine rein private Unternehmung war.

Pflicht mit dem Angenehmen verbunden: Geld verdienen auf mittlerer Ebene

Bleibt noch eine dritte Möglichkeit. Mitglieder einer lokalen nordkoreanische Sicherheitsbehörde oder Marineeinheit, was auch immer, haben die chinesischen Boote in nordkoreanischen Gewässern geortet und wollten die Pflicht mit dem Angenehmen verbinden. Also haben sie die chinesischen Boote aufgebracht und wollten eine “Entschädigung” dafür einstreichen. Allerdings haben sie sich scheinbar verspekuliert, was die Verhandlungsbereitschaft der chinesischen Eigentümer anging. Naja und irgendwie ist die Geschichte dann aus dem Ruder gelaufen. Auch das scheint mir irgendwie nicht ganz schlüssig, denn wie kann es denn sein, dass nordkoreanische Truppen ausrücken (mit Boot) ohne dass das gerade vor der sensiblen Zeit der Nachfolge Kim Jong Uns, zwangsweise als Info recht weit nach oben kommt.

So ganz passt das alles nicht…

So wirklich kann ich mir auf die ganze Geschichte echt keinen Reim machen. Sicher ist jedoch, dass das der Führung in Pjöngjang nicht gelegen kommen kann, denn gerade jetzt sind die Beziehungen mit China aufgrund des Raketentests und möglichen Vorbereitungen eines Nukleartests ohnehin sehr angespannt. Da können weitere Probleme nur ungelegen kommen. Interessant aber auch, dass die chinesische Führung den Vorfall öffentlich gemacht hat. Solche Geschichten erzeugen für gewöhnlich großen  Unmut in der chinesischen Bevölkerung und können damit nicht im Sinne der nach Touristen und Investoren suchenden Nordkoreaner sein. Das zeigt zumindest einen großen Unmut auf Seiten Pekings, dass es der nordkoreanischen Führung nach über einer Woche noch nicht gelungen ist, das Problem irgendwie zu lösen. Was auch immer genau dahintersteckt, es zeigt, dass die nordkoreanische Führung ein paar Problemchen hat. Entweder im Einschätzen des eigenen außenpolitischen Handelns, oder in der Kontrolle der Bevölkerung und des eigenen Territoriums, oder in der militärischen Befehlskette. Mal sehen, ob es bald mehr zu der Geschichte gibt.

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3 Antworten

  1. Im Update || muss es wohl eher heissen, dass alle chinesischen Boote wieder in China zurück sind und nicht nordkoreanische.

  2. Das ist mit Abstand das bizarrste was ich je über NK gehört habe.

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