Südkoreanische Aktivisten seit zwei Monaten in chinesischer Haft — Hintergründe

In der vergangenen Woche schlug vor allem in den südkoreanischen Medien eine Geschichte immer wieder Wellen, die aus irgendeinem Grund nicht wirklich in den Deutschland angekommen ist, obwohl ich sie durchaus für bezeichnend für die Umstände im nordkoreanisch-chinesischen Grenzgebiet halte. Dabei geht es um vier südkoreanische Aktivisten, die sich für nordkoreanische Flüchtlinge einsetzen. Diese wurden offenbar schon vor fast zwei Monaten in der Hafenstadt Dalian, etwa 300 Kilometer von der nordkoreanischen Grenze festgenommen. Danach sollen sie nach Dandong, direkt an der nordkoreanischen Grenze gebracht worden sein.

Links gekennzeichnet: Dalian. Im Nordwesten der chinesisch-nordkoreanischen Grenze: Dandong.

Unter den Aktivisten ist der recht prominente Kim Young-hwan. Dieser hatte bis in die 90er Jahre eine pro-nordkoreanische Gruppe in Südkorea geführt, bevor er die Seiten wechselte und sich u.a. für nordkoreanische Flüchtlinge einsetzt. Nur Kim hatte bisher Zugang zu südkoreanischen Diplomaten, als am 26. April der südkoreanische Konsul für eine halbe Stunde mit dem Mann sprechen durfte, dem offenbar Spionage vorgeworfen wird. Die anderen drei Aktivisten hatten bisher vermutlich keine Möglichkeit, mit einem Vertreter der südkoreanischen Botschaft bzw. des Konsulats zu sprechen. Allerdings gibt es darüber etwas gegensätzliche Informationen, denn in einigen Berichten wird auch gesagt, die drei hätten keinen Kontakt mit konsularischen Vertretern haben wollen. Bei diesen Dreien ist auch nicht wirklich bekannt, was ihnen vorgeworfen wird.

Chinesisches Vorgehen nicht tragbar

Dass das Vorgehen der chinesischen Behörden, hier wohl in ausgeführt durch die Abteilung des chinesischen Ministeriums für Staatssicherheit in der Provinz Liaoning ist vor völkerrechtlichen wie moralischen Maßstäben natürlich sehr kritisch zu betrachten, denn es kann nicht sein, dass Staatsbürger eines anderen Landes festgenommen werden und ihnen dann über Monate hinweg ein Treffen mit Anwälten oder konsularischen Vertretern verweigert wird.

Aber vielleicht nur ein Teil der Geschichte

Allerdings ist das vielleicht auch nur ein Teil der Wahrheit. Es ist bekannt, dass manche Menschenrechtsgruppen, die im Grenzgebiet zu China aktiv sind, teils auch mit harten Bandagen kämpfen, um ihre Themen auf die internationale Agenda zu bekommen. Dabei scheint es zumindest in der Vergangenheit nicht unüblich gewesen zu sein, bewusst einen Konflikt mit den chinesischen Behörden heraufzubeschwören, um dann etwas zum Berichten zu haben, das auf das Interesse der Weltöffentlichkeit stößt.

He said that the dynamics of missionary funding and donation solicitation drove many of these groups to “manufacture conflict” with the Chinese authorities in order to tug at the heartstrings of Western- and South Korea-based donors. He cited the NGO practice of locating safe houses and orphanages in not-so-safe and very conspicuous sites overlooking the PRC-DPRK border, so that journalists and foreigners could visit and “sense the danger.”

[Er sagte, dass die Dynamik missionarischer Finanzierung und Spendenwerbung viele dieser Gruppen dazu veranlasste, Konflikte mit den chinesischen Behörden zu "fabrizieren", um so an die Gefühle der westlichen und südkoreanischen Spender appellieren zu können. Er beschrieb die Praxis von Nichtregierungsorganisationen, sichere Verstecke und Waisenhäuser in nicht-so-sicheren und sehr auffälligen Orten nahe der Grenze zu platzieren, damit Journalisten und Fremde sie besuchen und "die Gefahr fühlen" konnten.]

Auffällig unauffällig. Die Zurückhaltung der südkoreanischen Politik

Ich kann den Aktivisten in diesem Fall nicht unterstellen, dass es sich auch hier um eine Art Beispiel für ein solches Vorgehen handelt, aber es fällt auf, dass die große südkoreanische Politik die Finger von dem Thema lässt und dass das auch von den südkoreanischen Medien nicht unbedingt gepusht wird. Dass das auch anders gehen kann, zeigen Vorfälle vor einigen Monaten.

Die aktuelle Vorsicht kann meiner Meinung nach zwei Ursachen haben:

  • Entweder es ist politisch zurzeit nicht opportun. Man hofft China und Nordkorea ein Stückweit zu separieren und will natürlich dann nicht für Ärger auf Seiten Chinas sorgen. Daher kocht man das Thema auf minimal großer Flamme.
  • Oder man weiß, dass die Aktivisten die Situation, in der sie nun stecken entweder provoziert, oder zumindest in Kauf genommen haben. Man will sich nicht vom strategischen Agieren diese Gruppen treiben lassen und erst recht keine Anreize schaffen, künftig häufiger solche Gefangenschaften zu provozieren und damit den diplomatischen Umgang mit China zu erschweren.

In aller Stille loswerden

Jedoch helfen diese strategischen Überlegungen in der aktuellen Situation wenig weiter. Die vier sitzen in chinesischer Gefangenschaft und Gerüchten zufolge haben auch nordkoreanische Sicherheitsbehörden bereits ihre Fühler nach den Aktivisten ausgestreckt. Allerdings ist eine Auslieferung der vier nach Nordkorea kaum vorstellbar. Vermutlich wird man eher versuchen, sie nach einiger Zeit in aller Stille loszuwerden. Die Beziehungen zu Nordkorea sind momentan nicht so herzlich, dass man bereit wäre, großen internationalen Druck auf sich zu nehmen, wie er beispielsweise im Rahmen eines Prozesses entstünde. Wir werden sehen, wie sich das weiter entwickelt.

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