Nordkorea von Trockenheit getroffen — Aber die Ursachen für die Nahrungsmittelknappheit liegen tiefer

Nordkorea ist ja ein Land, das nicht unbedingt vom Wetter begünstigt ist. Eigentlich wird das Land jedes Jahr von extremen Wetterereignissen getroffen und oft haben diese Ereignisse negative Effekte auf die Ernte und das vor dem Hintergrund, dass Nordkorea ohnehin schon unter einer strukturellen Unterproduktion im Bereich Nahrungsmittel zu leiden hat. Jedoch sind die extremen Wetterereignisse schon so häufig, dass man sie eigentlich bei der Kalkulation der erwarteten Ernten mit einbeziehen muss.

Schlimmste Dürre seit 50 Jahren im Westen

Seit einigen Tagen informieren nordkoreanische Medien nun über eine Trockenheit, die die westlichen Teilen des Landes seit Ende April erfasst hat und mit ungewöhnlich heißen Temperaturen einhergeht. Heute berichtete KCNA dann erstmals, dass diese schlimmste Dürre seit 50 Jahren auch Auswirkungen auf die Landwirtschaft habe (Link folgt morgen. Solange über die neue Seite von KCNA). Junge Maispflanzen würden auf den Feldern verdorren und es seien große Anstrengungen nötig, die Folgen der Dürre in Grenzen zu halten. Schaut man sich nun diese Karte der Landnutzung in Nordkorea an, sieht man, dass gerade an der Westküste wichtige Anbaugebiete liegen.

Weite Gebiete an der Westküste werden zum Anbau von Reis, sowie Mais und Getreide genutzt. (Karte: “aluckarta” bei http://mappery.com)

Eine Dürre, die diese Region betrifft, dürfte die Produktion von Nahrungsmitteln in Nordkorea daher besonders beeinträchtigen.

Keine unabhängigen Informationen

Allerdings lässt sich von außen wie so oft nicht wirklich abschätzen, wie dramatisch die Situation wirklich ist. Nur weil in dem, dem Artikel zugehörigen Video rissige Erde und ein paar vertrocknete Maispflänzchen gezeigt werden, heißt das noch nicht, dass es sich hier um eine weitreichende Katastrophe handelt. Bisher hat man auch von unabhängige(re)n Organisationen wie dem World Food Programme oder anderen NGOs nichts zu diesem Sachverhalt gehört. Kann also sein, dass die Berichterstattung zum Teil auch dem “normalen” nordkoreanischen Werben um Hilfen geschuldet ist.

Seltsame Aspekte: Warum wird Mais umgepflanzt?

An dem Bericht fand ich aber noch einige weitere Aspekte interessant, die einiges über die nordkoreanische Landwirtschaft und vor allem über die Ursachen ihrer Probleme aussagen.

Zum ersten habe ich mich ein bisschen gewundert, als ich in dem Artikel gelesen habe, dass der Mais in Nordkorea vorgezogen (das heißt in einer geschützten Atmosphäre gesät und bis zu einer gewissen Größe gezogen) und dann erst an seinen eigentlichen Standort umgepflanzt wird. Das fand ich interessant, denn aus eigener Anschauung weiß ich, dass es hier anders läuft und ehrlich gesagt habe ich von einem solchen Verfahren noch nie etwas gehört.

Deshalb habe ich überlegt und nachgeforscht, was die Ursache für das Vorgehen sein könnte. Sie ist eine klimatische, denn Mais hat es gerne warm und er hat eine recht lange Wachstumsphase. So verlängert man dann also die Wachstumsphase und ermöglicht es dem Mais, vor der kalten Jahreszeit zu reifen:

The average frost-free period is also short, though in an effort to boost maximum production, DPRK rice and corn breeders emphasized the development of long-maturity varieties—typically over 150 days for both crops. In order to successfully grow such varieties, farmers have developed cultural adaptations, such as planting rice and corn seedbeds in March or April and covering them with clear plastic. The four- to five-week-old seedlings are transplanted beginning in mid-April for corn, and in early May for rice.

Wirtschaftlich ineffizient

Das erklärt zwar das Vorgehen, aber gleichzeitig zeigt es auch ein Problem der nordkoreanischen Landwirtschaft. Sie agiert nicht besonders ökonomisch bzw. effizient. Wenn ich mir vorstelle, hier käme ein Landwirt auf die Idee, Mais in irgendwelchen Gewächshäusern zu ziehen um ihn dann irgendwann umzupflanzen… Unmöglich. Der Aufwand dafür wäre viel zu groß. Das heißt, entweder würde der Mais direkt in die Erde gepflanzt, oder es würden andere Früchte angebaut. Das nordkoreanische Vorgehen ist aber wohl ein typisches Merkmal der Ineffizienzen, die planwirtschaftliche Systeme erzeugen können und in der Vergangenheit allzuoft erzeugt haben.

In diese Überlegungen ist bisher noch nicht mit eingeflossen, dass Mais beispielsweise einen sehr hohen Bedarf an Düngemitteln hat und die Böden stark auslaugt. In Nordkorea wächst der Dünger nicht auf den Bäumen und die degradierten Böden sind eines der weiteren vielen Probleme des landwirtschaftlichen Sektors des Landes. Daher sind die wirklich sehr interessanten Empfehlung von Randall Iresons, der davon ausgeht, dass sich Nordkorea bei einer Umstrukturierung der Landwirtschaft und Modifizierungen des Wirtschaftssystems selbst ernähren könnte und sogar glaubt, Nordkoreas Landwirtschaft könne als Basis für die wirtschaftliche Entwicklung Nordkoreas dienen, auch nur folgerichtig. Nach diesen sollte sich die Maisanbaufläche in Zukunft halbieren, während stattdessen die boden-,  anbau-und markttechnisch günstigeren Sojabohnen dort Einzug halten sollten.

Jedenfalls nutzt man in Nordkorea aktuell die knappen urbaren Flächen nicht wirklich effizient, was die Nahrungsmittelsituation natürlich nicht gerade bessert.

Warum wurde zu einem ungünstigen Zeitpunkt umgepflanzt

Bei der Betrachtung des Beitrags zur Trockenheit ist mir aber noch etwas anderes aufgefallen. Da klagt der Landwirt darüber, dass erst zwanzig Tage vergangen sind, seitdem der Mais auf Feld verpflanzt wurde und dass er sich nun schon in so einem jämmerlichen Zustand befinde. Allerdings muss dem Verpflanzen ja bereits eine zehntägige Periode von Trockenheit und Hitze vorangegangen sein und zum Zeitpunkt, wenn man etwas sät oder pflanzt, sollte man sich auch mal den Wetterbericht anschauen. Daher habe ich mich gefragt, warum die Pflanzer nicht einfach den Mais erstmal da gelassen haben, wo er war, um bessere Bedingungen abzuwarten. Denn wie gesagt: Mais ist recht anspruchsvoll und wenn man die jungen Pflanzen in ausgetrocknete Erde steckt und es erstmal nicht nach Regen aussieht, dann ist das keine so gute Idee.

Auch auf diese Frage gibt der Aufsatz von Ireson eine gute Antwort:

Central planning and central diffusion of simplified farming rules strongly inhibited local adaptive behavior. Farmers in each region of the country have memorized specific dates by which rice and corn must be planted. Annual variations in weather are not taken into account

[Die zentrale Planung und zentrale Durchdringung mit vereinfachten Anbauregeln hat zu einer starken Hemmung der Verhaltensanpassung an lokale Gegebenheiten geführt. Landwirte in jeder Region des Landes haben spezifische Termine im Kopf, zu denen Reis und Mais gepflanzt werden müssen. Jährlich unterschiedliches Wetter wird nicht beachtet]

System töten Menschenverstand!

Die staatliche Indoktrination, aus der eine gewisse Hörigkeit der Bevölkerung herrührt (die ja tragendes Element des Systems ist, also die Hörigkeit) führt also dazu, dass der gesunde bäuerliche Menschenverstand ausgeschaltet wird und man den Mais eben pflanzt, wenn der Tag (den vielleicht mal ein großer oder geliebter Führer bei einer Vor-Ort-Anleitung festgelegt hat) gekommen ist. Nicht früher. Nicht später.

Hoffen auf eine denkende “Basis”

Naja, im Endeffekt wird deutlich: Nordkorea ist zwar nicht von den Umständen begünstigt und seine Landarbeiter haben mit mancherlei Widrigkeiten zu kämpfen. Aber eine entscheidende Widrigkeit ist ein System, dass ihnen das selbstständige Denken soweit abgewöhnt hat, dass sie Feldfrüchte säen, die für die Region nicht passen und sich an ein starres Regelkorsett halten, dass auf Besonderheiten keine Rücksicht nehmen kann. Ich hoffe, dass die Arbeit internationaler NGOs, wie zum Beispiel der Welthungerhilfe langfristig dazu führt, dass die Menschen auf Umsetzungsebene ihren Verstand so gebrauchen, dass sie das Beste aus dem Land herausholen, um das sie sich kümmern und dass sie so dazu beitragen, die Dauernahrungsmittelkrise Stück für Stück zu bekämpfen.

About these ads

Meinungen, Anregungen, Kritik? Alles gern gesehen!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 69 Followern an