Juche studieren? Juche studieren! — Wie die KPD die ideologische Armut in Deutschland lindern hilft

In der Vergangenheit war ich ja schon ein bisschen enttäuscht vom ideologischen Zustand der deutschen Gesellschaft. Allem Anschein nach fand sich kaum irgendwo eine Gruppe aufrichtiger Personen, die sich mit den objektiven historischen Gesetzmäßigkeiten auseinandersetzen wollte, wie sie durch die Juche-Philosophie Kim Il Sungs und die zeitlosen Arbeiten Kim Jong Ils (er mag uns verlassen haben, seine Weisheit lebt weiter…), praxis- und realitätsnäher nicht verkörpert werden könnten. Nur in Franken scheinen einige das Licht der Weisheit bereits hell leuchten gesehen haben, allerdings war außer in den Meldungen von KCNA darüber nichts Näheres zu erfahren. Ansonsten scheinen die Aufrechten im ganzen Land verstreut und unfähig sich zu organisieren. Mal hisst einer öffentlichkeitswirksam eine Flagge um das Finanzkapital in seinem Zentrum zu treffen und es so zum Teufel zu jagen (mit Dank an micha im Nordkorea-Info Forum), mal postet einer markige Sprüche in einem Forum (wobei man nicht genau weiß, ob er der Sache mit seinen Tiraden nicht schadet), in dem sich einige der Standhaften formieren konnte und für ihre Überzeugung gegen alle Arten imperialischer Überzeugungspropaganda und Agitation eintreten, die selbst dort hin und wieder um sich greift.

Endlich: Die Juche-Idee kommt nach Deutschland

Aber eine wirklich schlagkräftige Vertretung der übermenschlichen Denkleistungen der beiden ewigen Kims gab es in Deutschland bisher nicht. Ich hatte in der Vergangenheit große Hoffnungen in die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD-Ost) gesetzt, die als eine der wenigen Organisationen im Land die Größe Nordkoreas — und vor allen Dingen die der ehemaligen und aktuellen Führer — objektiv erkannt hat und ermessen kann. Diese schon seit langem keimende zarte Pflanze hegten und pflegte die weise Führung in Pjöngjang (wo das Hegen und Pflegen ja eh die größte Stärke ist, hätte das Land sonst in diesem Jahr den Status “Reich und Mächtig” erreichen können?) indem immer wieder geistiger Dünger in Form von Literatur gespendet wurde. Ja, ihr lest richtig! Deutschland ist ideologisch so verkommen, dass die zwar Reichen und Mächtigen, aber doch irgendwie zum Teil hungrigen Nordkoreaner, uns Bücher spenden müssen. Eine Schande, das! Aber es war ja für einen guten Zweck und seht, aus dem Pflänzchen wurde ein mächtiger Baum, der alle Welt beeindruckt. Denn vor zwei Tagen konnte man endlich dashier bei KCNA lesen:

Group for Study of Works of Kim Il Sung and Kim Jong Il Formed in Germany

Pyongyang, June 17 (KCNA) — The German Group for the Study of Works of Comrade Kim Il Sung and Comrade Kim Jong Il was inaugurated.

An inaugural ceremony took place in Erfurt City on June 11.

Torsten Schoevitz, vice-chairman of the Communist Party of Germany, was elected chief of the group.

He said in his speech at the ceremony that he keenly realized the greatness and vitality of the Juche idea through his participation in the World Congress on the Juche Idea and visit to the DPRK, evincing his resolution to study hard the works of President Kim Il Sung and leader Kim Jong Il and widely disseminate them.

A message to the dear respected Kim Jong Un was adopted at the ceremony.

[Gruppe zum Studium der Werke Kim Il Sungs und Kim Jong Ils in Deutschland formiert

Pjöngjang, 17. Juni (KCNA) -- Die deutsche Gruppe zum Studium der Werke Kim Il Sungs und Kim Jong Ils wurde in Deutschland gegründet.

Eine Gründungszeremonie fand am 11. Juni in Erfurt statt.

Torsten Schoevitz, Vizevorsitzender der Kommunistischen Partei Deutschlands, wurde zum Chef der Gruppe gewählt.

Er sagte in seiner Rede auf der Zeremonie, dass die Größe und Vitalität der Juche-Idee ihm durch die Teilnahme am Weltkongress zur Juche-Idee und den Besuch der DVRK, übermächtig bewusst geworden sei. Er sei entschlossen die Arbeiten von Präsident Kim Il Sung und Führer Kim Jong Il eifrig zu studieren.

Eine Nachricht an den hoch geschätzten und respektierten Kim Jong Un wurde auf der Zeremonie beschlossen.]

Nordkoreas kontinuierliche Entwicklung: Trotz Kriegsdrohungen und Störversuchen der Imperialisten

Na wenn das so ist, dann ist ja alles bereit für das zukünftige Reiche und Mächtige Juche-Deutschland. Die Begeisterung von Torsten Schöwitz für die Vitalität der Juche-Idee wird über kurz oder lang abfärben. Die kann man auch ganz gut aus seinem Bericht über die Reise in die DVRK herauslesen, der kurz in der Roten Fahne, dem Organ der KPD widergegeben wird (übrigens sehr zu empfehlen (auf Seite 2 bedankt sich Margot H. wohnhaft in Chile für die Ehrenmitgliedschaft (wieder zeigen sich die Leute von der KPD als standhaft, bei allem Dreck, der auf die Dame geworfen wurde, setzen sie ein Zeichen!)):

Zu Beginn der Tagung – an der die RO-Vorsitzenden sowie Vorsitzende der Kommissionen des ZK teilnahmen – berichtete Torsten Schöwitz, stellvertretender Parteivorsitzender, in Wort und Bild über seine Reise in die Demokratische Volksrepublik Korea vom 9. bis 17. April 2012. Er folgte einer Einladung des ZK der Partei der Arbeit Koreas und nahm an den Feierlichkeiten anläßlich des 100. Geburtstages des Staatsgründers, Genossen Kim Il Sung, sowie an einem Weltkongreß der Dschutsche-Ideologie teil.

Genosse Schöwitz dokumentierte anschaulich, daß sich dieses sozialistische Land trotz aller imperialistischen Störversuche und Kriegsdrohungen unter Führung der Partei der Arbeit kontinuierlich weiter entwickelt und moderne Technologien beherrscht. Er wurde beauftragt, in „Die Rote Fahne“ und in Parteiveranstaltungen über seine Eindrücke und Erkenntnisse zu berichten. Daran sollten auch die Bündnispartner der KPD teilnehmen, um den Lügenberg, den die imperialistische Propaganda über die DVRK verbreitet, zu widerlegen.

Was soll man dazu noch sagen? Gut dass sich in der KPD-Ost noch ein paar Aufrechte an dem Lügenberg abarbeiten!

Klein aber fein: Heute die KPD, morgen das ganze Land!

Und gerade ein fähiger Mann wie Schöwitz übernimmt die Aufgabe, die Wahrheit in Deutschland zu verbreiten, hervorragend! Dass er wirklich fähig ist, lässt sich ganz gut am Eintrag im Verfassungsschutzbericht Thüringens (2010, S. 120f) zur KPD festmachen. Der ist nämlich länger als in keinem anderen Bundesland, in dem die KPD einen Landesverband hat. Nun gut, die Partei wird mit ihren geschätzten 150 Mitgliedern vorerst nicht die Volksmassen in Bewegung bringen, aber jede Idee fängt ja klein an und am Ende wird dann die Qualität sprechen (ach nein, ich glaube ich bin wieder im kapitalistischen Propagandagebäude. Qualität spielt hier keine Rolle! Es geht doch nur um historische Notwendigkeiten, oder?).

Naja, jedenfalls können wenigstens ein paar Leute in unserem schönen Land jetzt an dieser vitalen Idee teilhaben. Das ist doch schonmal was. Jedenfalls mehr, als die ständige Grüßerei und Kondoliererei, die ansonsten die Beziehungen der KPD nach Pjöngjang definierten.

Glaubensfragen

Nur eine Sache irritiert mich noch ein bisschen. Wenn ich die nordkoreanische Realität richtig verstanden habe, sind Kim Il Sung und Kim Jong Il im Endeffekt eins, was logischerweise zur Folge hat, dass auch Kim Jong Un dazu gehört, auch wenn er noch auf Erden weilt. Nun frage ich mich, ob man das bei der KPD nicht verstanden hat, oder was sonst der Grund sein kann, die Arbeiten Kim Jong Uns nicht so zu würdigen, wie die seiner Ahnen. Traut man dieser Dreieinigkeit nicht ganz? Darf man überhaupt Juche studieren, wenn man nicht wirklich daran glaubt? Aber vielleicht werden solche Vergehen vergeben, wenn nur fleißig Botschaften an Kim Jong Un geschickt werden.

P.S.: Einheitsfront

Ihr versteht nicht ganz, welche Rolle die KPD in den linken Sekten innerhalb der kommunistischen Einheitsfront Deutschlands so spielt? Ich auch nicht, aber ich kenne mich auch nicht so mit objektiven historischen Notwendigkeiten aus und Dialektik kann ich auch nicht so gut. Es hat jedenfalls irgendwas mit Revisionismus und so zu tun… Am besten schaut ihr euch dashier an, das klärt das Meiste auf:

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4 Antworten

  1. Seit langem, wieder einmal Günter:
    Juche studieren ist eine preiswerte Variante meiner Reise. Ich habe mehrere “Gruppen” im Hotel getroffen, die von Nordkorea eingeladen waren. Gruppen zu zwei Personen aus Spanien, Frankreich (der Rest der Reststance), Alter über 80! Unsere Hoffnung! Unsere Zukunft!

    • Hallo, schön von dir zu hören!
      Das ist es was zu vermuten ist. Wenn KCNA über diese und jene Juche Studiengruppe irgendwo in Bangladesch, Nigeria oder Großbritannien schreibt, die sich zu diesem oder jenem äußerte, dann klingt das immer sehr international und spektakulär.
      Ob aber da am Ende zwei Leute oder 200 über die Nachricht an Pjöngjang abgestimmt/diskutiert haben, das weiß man nicht so genau. Und wenn alle Gruppen dieser Art ähnliche Strukturen wie die KPD haben, naja, dann ist es nicht so sehr beeindruckend.

      • Mir ist nicht ganz klar, warum man Leute, die sich mit der Juche- Ideologie beschäftigen, von oben herab so lächerlich machen muss.

        Zunächst einmal ist die Juche-Ideologie “an sich” eine durchaus emanzipatorische Weltanschauung (“Der Mensch ist der ‘Herr der Welt’ und bestimmt sein Schicksal selbst”). Dass sie mit Marxismus nur wenig zu tun hat, sondern eine rein idealistische Sicht auf die Welt ist, kann man ihr ja vor werfen, nur dann müsste man sich genauso gut auch etwa über Christentum und Buddhismus lustig machen.
        Ob der Kerngehalt der Juche-Ideologie etwas mit der gesell. Realität in der DVRK zu tun hat, ist eine ganz andere Frage.
        (Was hat der urchristliche Gedanke von Frieden und Gerechtigkeit mit einer Gesellschaft zu tun, wo Profitstreben und Maximalgewinn unsere Triebfedern sind… ?)

        tobid – du müsstest vielleicht mal sagen, was an der Juche-Ideologie ‘an sich’ so lächerlich ist – dass sie vielleicht nicht als “Weltrettungsformel” taugt, teilt sie wohl mir zig anderen Ideen – sind deren Anhänger auch alles lächerliche Zeitgenossen ?

        Du hast hier schon wirklich viele tolle Artikel geschrieben, die ich auch sehr gern lese, aber das war glaube ich der mit Abstand schwächste, weil du einfach ‘main stream’ machst …

        • Hallo Zange,

          danke für Deine klare Positionierung und deine Kritik (und entschuldige bitte meine späte Antwort ich war ein bisschen unterwegs die letzten Tage).
          Deine Kritik war klar und sachlich formuliert und verdient eine ebensloche Antwort, die ich zu geben versuche.
          Wie Du richtig erkannt hast, habe ich den Artikel nicht ohne Augenzwinkern geschrieben. Allerdings bekam ich von anderer Seite das Feedback, dass nur schwer zu erkennen gewesen sei, ob ich das ernst meine oder nicht (Wenn man das Blog schon länger verfolgt hat man da wahrscheinlich eine eindeutige Idee), das wirft nun die Frage auf, worin genau das “lächerlich machen” liegt. Darf ich einen bestimmten Duktus nicht verwenden, nur weil ich von der damit verbundenen Weltsicht nicht überzeugt bin? Und wird der Duktus nur dadurch lächerlich, das ich ihn verwende, aber wenn es überzeugte Leute tun nicht? Oder hat der Duktus vielleicht etwas innewohnendes realsatirisches an sich?
          Aber wie gesagt. Du hast recht: Ich habe mich über einige Leute die sich in Deutschland mit den Arbeiten Kim Il Sungs und Kim Jong Ils (das geht über die reine Juche hinaus, wenn ich das nordkoreanische Ideologiegebäude richtig verstehe) in einger gewissen Weise lustig gemacht (über Juche eher weniger). Ob von oben herab oder nicht sei mal dahingestellt. Aber ich habe, glaube ich, nicht geschrieben: Jeder der sich mit Juche beschäftigt ist ein Spinner. Das habe ich ganz einfach deshalb nicht geschrieben, weil ich das nicht so sehe. Einige Leute die ich sehr respektiere haben sich damit befasst. Wissenschaftlich und Kritisch. Sie hatten nicht das Ziel, die Welt nach den Kategorien von Juche zu deuten, sondern Juche im Kontext der Welt zu verstehen. Das ist ein himmelweiter Unterschied.
          Und glaub mir. Leute die mir aufgrund irgendwelcher Schriften was von Armageddon erzählen wollen, oder von einer Welt die in sieben Tagen geschaffen wurde, die kommen bei mir keinen Schlag besser weg, als Leute, die die Welt immer durch die Juche Brille sehen wollen. Das ist ein und dasselbe. Man versucht nicht, etwas zu verstehen und geht offen an eine Frage ran, sondern man hat eine Frage (die sich aus irgendeinem Grund stellt) und eine Antwort (die die Ideologie/Religionsschrift/Fortschrittsglaube/Marktgläubigkeit vorgibt) und man versucht nur den Weg dazwischen zu erklären bzw. zu konstruieren. Ich habe mit solchen Antworten nichts am Hut. Ich will nicht Wege konstruieren, die zu vorgegebenen Antworten führen, sondern in einem offenen Prozess nach Antworten suchen. Wenn man so will ist das die Ideologie der ich folge und bei Leuten, die mir Antworten geben wollen, nur weil irgendwer sie irgendwann aufgeschrieben hat, die kann ich nur begrenzt respektieren.
          Noch kurz zu Juche: Wenn ich mich richtig erinnere gibt es da neben dem emazipatorischen Element auch Überlegungen zur Konstruktion eines Volkes. Soweit ich das verstanden habe, ist das eine Art organischer Volkskörper. Und wie jeder gute Körper sitzt oben drauf ein Kopf. Das ist der Führer. Ohne den kann das Volk nicht leben. Das finde ich garnicht so emanzipatorisch, denn wenn man das nicht aus Juche Perspektive betrachtet, ist das Heil aller Menschen in Nordkorea immer von einem Menschen abhängig und daraus ergibt sich die Folgerung, dass man sehrviele Menschen Opfern kann um den Einen zu schützen, denn wenn der zu Schaden kommt, wird das Volk ja ohnehin zugrunde gehen. Das finde ich sehr schwierig denn damit kann man sehr viel rechtfertigen.
          Vielleicht war ich hier Mainstream. Vielleicht bin ich das öfter. Ich hoffe doch, denn ich kann ja nichts dafür, wenn manchmal auch die breite Masse vernünftige Ansichten hat. Ich bin nicht da, um ständig gegen alles zu sein und mir nur Mühe zu geben, möglichst weit ab von der Mehrheitsmeinung zu sein. Wenn die Mehrheit gute Ideen hat, dann freue ich mich, denn dann gibt es viele Leute mit denen man sich darüber unterhalten kann. Das heißt aber nicht, dass ich nicht kritisch auf die Mehrheitsmeinung zu gucken vversuche.

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