Keine halben Sachen: Pjöngjang bringt Nachfolger für Ri Yong-ho in Stellung

Nachdem gestern das militärische und politische Schwergewicht Ri Yong-ho äußerst überraschend aus allen seinen politischen Ämtern entfernt wurde, während  bisher nicht bekannt gemacht wurde, dass er auch den Posten des Generalstabschefs verloren hat, scheint man sich in Pjöngjang daran gemacht zu haben, adäquaten Ersatz für ihn zu suchen. Noch gestern Abend wurde bekanntgegeben, dass das relativ unbeschriebene Blatt Hyon Yong-chol zum Vize-Marschall der Koreanischen Volksarmee ernannt (nicht zum neuen Armeechef, wie manche schreiben). Die Entscheidung sei gemeinsam von der Zentralen Militärkommission der Partei und dem Nationalen Verteidigungskomitee getroffen worden.

Hyon Yong-chol: Unbeschriebenes Blatt mit guten Perspektiven

Hyon, der im Rahmen der Parteikonferenz 2010, als Kim Jong Un der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, gemeinsam mit Kim in den Rang eines Vier-Sterne Generals befördert wurde, ist ansonsten bisher kaum in Erscheinung getreten. Er wurde 2010 Mitglied des Zentralkomitees der Partei und stand in der Liste des Begräbniskomitees für Kim Jong Il (diese Listen sind immer eine beliebte Methode, die Macht einer Person zu bemessen, je weiter vorn, desto mächtiger) an 77. Stelle (danke fürs Zählen C.R.!). Erstmals wurde Hyon 2009 als Delegierter der 12. Obersten Volksversammlung erwähnt. Jedoch kann man ansonsten in den nordkoreanischen Medien nichts weiter zu ihm finden. Er gehörte also auch nicht zu den Begleitern Kim Jong Uns bei seinen Truppenbesuchen und Vor-Ort-Anleitungen, was sonst oft als Gradmesser für die Karriereaussichten von Mitgliedern des Regimes gesehen wird. Das könnte aber damit zu tun haben, dass er laut North Korea Leadership Watch vermutlich das VIII. Armeekorps (keine Ahnung, ob das die richtige deutsche Bezeichnung ist) kommandiert hat. Das steht im Nordwesten des Landes u.a. an der chinesischen Grenze, ist also ein bisschen weg von Pjöngjang.

Neubesetzung formal noch nicht vollzogen

Zu bemerken bleibt allerdings, dass Ri Yong-ho bisher nicht offiziell aus seinen Armeeposten entfernt wurde und dass Hyon bisher offiziell nur einen Rang, nicht aber eine Position bekommen hat. North Korea Leadership Watch weist zurecht darauf hin, dass Personalwechsel innerhalb des Militärs mitunter erst Wochen nachdem sie stattgefunden haben auch publik werden, so war das zum Beispiel als Ri Yong-ho Generalstabschef wurde, also wäre es denkbar, dass wir erst in einige Zeit definitiv von dem Personalwechsel erfahren. Allerdings sind frühere Wechsel eigentlich immer mit wesentlich weniger Getöse abgelaufen und ich frage mich, ob es gegenüber der nordkoreanischen Öffentlichkeit (Militär und Bevölkerung) vertretbar ist, ein Vakuum, dass für alles sichtbar ist, unausgefüllt zu lassen (es ist eben etwas anderes, ob ein Soldat weiß oder nicht weiß, dass er gerade keinen obersten kommandierenden Offizier hat. Im Moment weiß er es.). Daher halte ich es nach wie vor nicht für unwahrscheinlich, dass Ri bald auch offiziell seines militärischen Amtes enthoben wird und Hyon ihm nachfolgt. Allerdings hätte ich gedacht, dass für diesen Akt die beiden Organe zuständig sind, die Hyon zum Vize-Marschall ernannt haben. Und warum hätten die das gestern nicht alles in einem Aufwasch erledigen sollen? Naja, mal abwarten.

Ähnlichkeiten zwischen Ri und Hyon: Keine Politiker

Generell habe ich gestern darauf hingewiesen, dass Ri Yong-ho seit 2009 (also als man sich für Kim Jong Un als Nachfolger entschieden hatte) relativ plötzlich in die erste Reihe des Regimes gespült worden war und dass es daher vielleicht etwas leichter gewesen sein dürfte, ihn auch wieder aus der ersten Reihe rauszunehmen, weil er nicht soviel Zeit hatte, sich Netzwerke aus Freunden und Abhängigen aufzubauen. Jetzt kommt Hyon Yong-chol ebenfalls aus dem relativen Nichts in die Spitzengruppe. Wie es scheint ist er zwar ein verdienter Militär (als Kommandant des VIII Korps) aber eben kein Politiker. Damit kommt wieder jemand nach Pjöngjang, der sich erstmal selbst etablieren und eine Basis aufbauen muss. Der daher wohl nicht so viel Zeit hat, in irgendwelchen Ränkespielen mitzumischen und der daher an der Spitze des Militärs für seine Umgebung keine große Gefahr darstellt. Gleichzeitig hat er wie Ri wohl den Vorteil, dass man ihn im Zweifel ohne allzugroße Gegenwehr loswerden könnte.

Kein Konflikt zwischen Institutionen sondern zwischen Familien?

Die große Frage hinter alldem ist natürlich nach wie vor, was wir da gestern gesehen haben. Ziemlich sicher ist, dass irgendwer über irgendwen triumphiert hat und dass es Konflikte in der Führung gibt, denen Ri zum Opfer gefallen ist. Alles Andere bleibt Spekulation. Allerdings habe ich gestern noch eine weitere interessante Richtung der Analyse von Rüdiger Frank gelesen. Er widerspricht der Überlegung, dass es einen Konflikt zwischen Militär und  Partei geben könne, da die Verbindungen so eng seien, dass eine Trennung schlicht nicht möglich sei (naja und er kennt sich gut aus). Er brachte vielmehr die Überlegung ins Spiel, dass es sich um einen Konflikt zwischen einigen der etwa 50 Familien handeln könnte, die den Machtkern des Regimes in Pjöngjang bilden.

Amtswechsel und Verteidigungsbereitschaft der Armee: Risiko oder Strategie?

Ganz abseits aller Spekulationen um Gründe, Hintergründe, Sieger und Verlierer, habe ich mir gestern noch eine eher militärstrategische Sache überlegt. Irgendwie kann es doch nicht wirklich gut für das Funktionieren einer Armee sein, wenn die Besetzung der höchsten Kommandoposten politisch getroffen wird. Wenn sich die Leute auf diesem Posten die Klinke in die Hand geben, dann ist es vermutlich schwieriger, reibungslose Abläufe in der Armee zu garantieren. Ich frage mich, was ein Soldat denkt, der ständig verteidigungsbereit gegen die Imperialisten sein soll, die im Süden stehen, wenn diese Verteidigungsbereitschaft von der Führung untergraben wird. Aber das scheint auch schon unter Kim Jong Il System gehabt zu haben. Der hat scheinbar gezielt immer wieder funktionierende Einheiten durcheinandergewürfelt und Kommandanten in andere Ecken des Landes versetzt um zu verhindern, dass Loyalitäten entstehen, die in Konkurrenz zur absoluten Loyalität gegenüber der Führung treten könnten. Vielleicht ist auch das der Gedanke hinter den aktuellen Entwicklungen.

Und Kim Jong Un?

Und was hat Kim Jong Un eigentlich während dieses doch sehr ungewöhnlichen Vorgangs gemacht? Keine Ahnung, aber am Tag davor hat er den Schmusebär gegeben, ein gutes Kontrastprogramm also. Er hat einen Kindergarten besucht und dort nach Herzenslust die Kinder geherzt und die Angestellten gelobt, dass es eine Freude war. Mit dabei war auch die mysteriöse Frau, über die alle spekuliert haben, bis es mit Ri Yong-ho ein noch besseres Spekulationsobjekt gab. Nachdem ich das Video überflogen habe, sieht es zumindest so aus, als sei sie Kim Jong Un sehr vertraut. Interessant zu beobachten ist auch, dass das nordkoreanische Protokoll bisher scheinbar keine wirklichen Vorkehrungen getroffen hat für die Begleitung des Führers durch eine Person, die nichts zu notieren hat, weil sie in einem andern Verhältnis zu ihm steht, als alle Anderen. Irgendwie war sie nämlich einen Großteil der Zeit damit beschäftigt, nicht am falschen Platz zu stehen. Sieht so aus, als würde sich der junge Kim zu einem richtigen Staatsmann entwickeln, butterweich und volksnah wenn möglich knallhart und gnadenlos wenn nötig (das würde ich jetzt mal als imagemäßigen Subtext destillieren).

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Eine Antwort

  1. Neuer Generalstabschef Hyon Yong Chol

    In der KCNA-Meldung “Servicepersons Vow to Be Faithful to Leadership of Kim Jong Un” war nämlich folgender Satz zu finden:
    “Hyon Yong Chol, chief of the General Staff of the KPA, offered the highest glory and the warmest congratulations to the respected supreme commander in reflection of the warm respect and ardent loyalty of all the servicepersons.”
    Es steht daher außer Zweifel, dass Ri Yong Ho sämliche Posten verloren hat.

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