UPDATE (Kim Jong Un verheiratet, 25.07.2012): Die Sache mit der Symbolik: Warum Kim Jong Uns Micky-Moment eigentlich ein Obama-Moment war

Update (25.07.2012): Holla! Das ist ja mal ein Ding (dem ich mich trotz sehr knaper Zeit kurz widmen muss). Hab ich vor ein paar Tagen noch über die symbolische Bedeutung des Auflaufens der jungen Dame neben dem jungen Diktator rumgesponnen, da legt man in Pjöngjang heute noch eine Schippe drauf. Nach ziemlich glaubwürdigen Berichten hat Kim Jong Un tatsächlich seine geheimnisvolle Begleiterin, die jetzt garnicht mehr so geheimnisvoll ist, geheiratet. Die Dame heißt Ri Sol-ju und ist wohl Sängerin. Ich glaube was darüber hinausgeht ist Spekulation. Nichtsdestotrotz wird eines deutlicher. Kim Jong Un pflegt einen anderen Stil und das kann man nicht als unwichtig abtun. Ich habe ja schonmal darüber nachgedacht, dass er durch die reine Tatsache, dass er eine öffentliche Rede gehalten hat, ein ganz anderes Verhältnis zur Bevölkerung hat, als das bei seinem Vater der Fall war. Dass er jetzt soviel Einblick und irgendwie auch Zugriff auf sein Privatleben erlaubt, verstärkt diese Wahrnehmung weiter.

Ursprünglicher Beitrag (23.07.2012): Mit den aktuellen Entwicklungen in Nordkoreas Führung werde ich mich erstmal nicht weiter beschäftigen und abwarten, bis sich all der Staub, der von den jüngsten Ereignissen aufgewirbelt wurde ein bisschen gesetzt hat und man die Konturen des “neuen” Regimes vielleicht ein etwas besser erkennen kann (alles andere bringt glaube ich eh nicht viel). Allerdings möchte ich mich kurz mit einem anderen Thema befassen, das in den vergangenen Wochen ebenso für wirbelnden Staub gesorgt hat. Es geht um Micky-Mäuse, Rocky und junge Frauen. Also eigentlich geht es nicht wirklich um Micky-Mäuse, Rocky und junge Frauen, sondern mehr um Symbolik. Um genau zu sein  geht es darum, dass manche Dinge auf einem Platz höchste Symbolkraft besitzen, während sie andernorts kaum wahrgenommen werden.

Kim Jong Uns Micky-Moment

Nachdem Kim Jong Un vor zwei Wochen das irgendwie denkwürdige Konzert der neugegründeten Moranbong Band besucht hatte, wurde ja viel über die junge Frau über tanzende Winnieh Puuhs und Mickys und über das Abspielen der Rocky-Musik samt einiger Filmausschnitte geschrieben. Dem wurde eine symbolische Bedeutung in Richtung einer Mickyisierung und damit (ganz klar) Amerikanisierung der nordkoreanischen Gesellschaft zugeschrieben und viele frohlockten, wenn auch vorsichtig, dass Nordkorea nach unseren Kategorien “normal” würde. Immerhin scheint Kim Jong Un als respektierter Führer seines Landes auch einen eher volksnäheren Führungsstil verfolgen zu wollen, der ihn mehr als ganz normalen Menschen zeigt, der eben auch ein Privatleben hat (was das Vorzeigen der First Lady verdeutlicht).

Ist ein Symbol immer ein Symbol?

Allerdings möchte ich erstmal hinterfragen, wieviel und welche Symbolkraft diese ganze Inszenierung im Endeffekt hatte und damit verbunden überlegen, was das Ziel der Übung gewesen sein könnte.

Micky: Imperialistenmaus in nordkoreanischen Kinderzimmern?

Erstmal zu Micky. Ganz ehrlich gesagt verstehe ich nicht wirklich, wieso man Micky (als Flaggmaus eines der “amerikanischsten” Konzerne der Welt) und den anderen Disneyfiguren eine großartige Aussage nach innen hin andichten möchte. Um in einer Sache mehr zu sehen, als sie grundsätzlich ist, muss man vorab über die Symbolik hinter dieser Sache informiert sein (Ich erwarte beispielsweise hinter dem Besitzer des Autos mit dem Kennzeichen HH-HH-88 eine ganz bestimmte Art Menschen und generell liegt man mit solchen Vermutungen bei HH-88 Kennzeichen oft auch nicht ganz falsch. Wenn man über die Symbolik hinter den Buchstaben aber nicht informiert ist, dann ist es eben einfach ein Autokennzeichen, das gut zu merken ist).

Das heißt ein Symbol ist nicht zwangsweise für jeden ein Symbol und eine Maus ist nicht zwangsweise der Inbegriff der amerikanischen Konsumgesellschaft. Im Endeffekt heißt das, wenn ich im nordkoreanischen Fernsehen Mickymaus und die anderen Disneyfiguren tanzen lasse, dann denken die meisten Nordkoreaner vermutlich. Oh, eine nette Maus (oder oh, eine hässliche Maus)! Wenn ich Lust habe, kann ich vermutlich auch Micky in einem Zeichentrickfilm gegen die amerikanischen Imperialisten kämpfen lassen und keinem würde das komisch vorkommen. Warum soll also Micky für Wirbel in Nordkorea sorgen. Ich vermute mal, dass Micky höchstens in Spitzenfunktionärskreisen mit der entsprechenden symbolischen Besetzung bekannt ist und die finden das Vorzeigen der Figur vermutlich eher amüsant (eine gesalzene Portion Realitätssinn/Zynismus gehört wohl dazu, wenn man Spitzenfunktionär in Pjöngjang werden will, von daher wird sich das Entsetzen in Grenzen gehalten haben).

Die einzigen, die wirklich eine großartige Symbolik in Mickys Auftritt erkannt haben dürften, dass sind wir. Für uns ist es klar für wen Micky steht und wir können Micky garnicht einfach so als irgendeine Mausfigur denken. Deshalb ist es doch auch naheliegend, dass Micky nur für uns, bzw. für “den Westen im Allgemeinen” auf die Bühne gezerrt wurde. Mit welchem Ziel? Keine Ahnung, aber wenn man Micky Symbolik unterstellen möchte, dann war es wohl eine an uns gerichtete Symbolik. Wer mag kann ja darüber nachdenken, was man uns damit sagen wollte, aber irgendwas dürfte es gewesen sein.

Rocky: Nichtkoreanischer Underdog beißt sich durch

Als nächstes Rocky. Bei dem ist die Sache schon etwas anders gelagert. Während die Musik zum Film wohl einfach nur Musik ist (auch wenn sie vom Stil her vielleicht etwas anders klingt, als das, was man sonst so in Nordkorea gewohnt ist), ist Rocky natürlich nicht ganz so unpolitisch anzusehen. Offensichtlich handelt es sich um einen martialisch (die Haare) aussehenden Kampfsporttypen im Tanktop. Und, was die ganze Sache interessanter macht: Offensichtlich handelt es sich nicht um irgendeine modernisierte Filmversion irgendeines koreanischen Taekwondo-Heroes. Dazu fehlen ihm einfach einige physiognomische Merkmale und einige Taekwondomoves. Das heißt zwar noch lange nicht, dass die nordkoreanischen Bürger, die einen Ausschnitt von Rocky gesehen haben automatisch denken: “Oh, unser respektierter Führer zeigt uns eine amerikanische ein-Mann-Kampfmaschine mit Hang zum Tragischen, das muss doch was bedeuten” aber es dürfte auf jeden Fall bemerkenswert gewesen sein. Vielleicht könnte Rocky ja als Ergebnis russischer Filmkunst interpretiert wird (davon gibt es ja scheinbar hin und wieder was zu sehen im nordkoreanischen Fernsehen), aber er dürfte die Leute trotzdem vor einige Rätsel gestellt haben. Allerdings ist eine pro-amerikanische Symbolik vermutlich auch hier für den normalsterblichen Nordkoreaner nicht ersichtlich.

Und wenn man hier schon von Symbolik spricht, so liegt hinter dem Rockyfilm ja ganz sicher ein Motiv, das wir relativ einfach entschlüsseln können: Das des Underdogs, der sich entgegen aller Erwartungen durchbeißt und zumindest moralisch als Sieger aus dem Ring geht. Aber wiederum können eben nur wir und nicht unbedingt die nordkoreanischen Menschen auf der Straße dieses Symbol entschlüsseln. Für die ist das schlimmstenfalls (für das Regime) etwas seltsam.

Junge Frau: Kim Jong Uns Image als volksnaher Erneuerer

Auf großes Interesse und eine symbolische Deutung dürfte dagegen die junge Dame an Kim Jong Uns Seite auch in der nordkoreanischen Bevölkerung gestoßen sein. Was mit den Führern zu tun hat, ist immer irgendwie interessant und wichtig und die öffentlichen Inszenierungen der gemeinsamen Auftritte mit der Dame stellen in der Selbstdarstellung der Kim Familie soweit ich das überschauen kann eine absolute Neuerung dar. Über Kim Jong Ils Privatleben und Beziehungen zu Frauen sind eigentlich immer nur Gerüchte publik bekannt geworden und Kim Jong Ils Mutter Kim Jong Suk starb so früh, dass sie kaum die Möglichkeit hatte, glänzende Auftritte als First Lady hinzulegen. Ich weiß nicht genau, wie es Kim Il Sung in der Folge mit den Frauen hielt, aber mir fällt auch nichts in diese Richtung ein (außerdem wäre es bei der propagandistischen Bedeutung Kim Jong Suks seltsam, wenn eine andere für längere Zeit öffentlich als First-Lady fungiert hätte). Damit hat Kim Jong Un eine Art Tabu gebrochen und das dürfte niemandem verborgen geblieben sein. Dieses Vorgehen könnte in das von mir postulierte Bild eines “volksnahen Führers” passen. Er ist ein Mensch wie du und ich, er hat ein Privatleben und er verbirgt nichts vor dem Volk.

Außerdem bietet das Hinzufügen eines weiblichen Elements dem Regime die Möglichkeit auch eine weichere Seite zu etablieren. Vielleicht ist die Dame in Zukunft bei Besuchen kultureller Events, vor allem aber bei allem, was mit Kindern, mit Kranken und schwachen zu tun hat, mit dabei. Sie wird sozuagen die mütterliche Kümmerin und tritt damit in die Fußstapfen des Bildes, das um Kim Jong Suk gezeichnet wurde. Das ist zwar noch Zukunftsmusik, würde aber ganz gut passen. Aber diese Symbolik ist jetzt natürlich noch nicht gegeben. Vielmehr könnte das ein weiterer Schritt Kim Jong Uns gewesen sein, sich selbst als Erneuerer zu präsentieren. Einer, mit dem es kein weiter wie bisher gibt, sondern ein junger Mann, der auch mal gerne dazu bereit ist, ein Tabu zu brechen und alte Zöpfe abzuschneiden. Dieser Schluss ist natürlich auch für die anderen beiden oben genannten Symbole nicht auszuschließen, aber im Zentrum des Interesses der Nordkoreaner dürfte wohl das Auftreten mit der Dame gelegen haben.

Symbol ist nicht (immer) gleich Symbol

Das Bild, das sich aus der Nutzung der oben besprochenen Symbole ergibt ist also zwiespältig. Einerseits muss man bei der Interpretation von Symbolen immer darauf achten, wie verallgemeinerbar die innewohnende Symbolik denn im Endeffekt ist und ob man das Symbol, das man da sieht, auch als solches begreifen kann, oder ob es vielleicht nicht mehr ist, als das was man sieht. Allerdings hat zumindest Kim Jong Uns Auftritt mit der jungen Frau einige Symbolkraft besessen und einen Beitrag zur Imagebildung des jungen Diktators geleistet. Er wird als unkonventioneller volksnaher Erneuerer präsentiert.

Riskantes “Obama-Moment”

Dieses Bild, das um ihn gebaut wird bietet ihm kurzfristig sicherlich einige Möglichkeiten, denn es dürfte Bedürfnisse im Volk zu stillen helfen, die bereits seit Jahren bestehen. Den Wunsch nach einer Veränderung, das heißt Verbesserung der Situation. Diese Hoffnungen befeuert er, durch das Bild, das man für ihn entworfen hat und das bringt ihm aus der Bevölkerung vermutlich erstmal Wohlwollen entgegen, aber eben auch Erwartungen. Kurzfristig dürfte er einen gewissen Vertrauensvorschuss haben, der seine Führung gegenüber einem großen Teil der Bevölkerung legitimieren hilft.

Man könnte das als sowas wie ein Obama-Moment auf nordkoreanisch  bezeichnen. Jedoch hat auch Barack Obama eines erkennen müssen: So ein Moment kann schneller verlorengehen als man denkt und dann steckt man in der Tristess des politischen Alltags fest. Auf nordkoreanisch heißt das: Langfristig muss Kim Jong Un die geweckten Hoffnungen auch einlösen, denn unerfüllte Hoffnung könnte irgendwann zu einem Risiko für ihn werden, da die Erwartungsfreude die erzeugt wurde, die Menschen aus ihrer Lethargie gerissen hat und es später nicht einfach sein dürfte, sie da nochmal reinzuzwingen. Daraus ließe sich für mich der Schluss ziehen, dass all die Spekulationen um Wirtschaftsreformen, Kursänderungen und Öffnung nicht ganz aus dr Luft gegriffen sind (vielleicht stellt sich die Überlegung zu Kim Jong Uns Imagebildung als Wirtschaftsmacher, die ich vor knapp zwei Jahren aufgestellt habe am Ende dann doch noch als zutreffend heraus). Das Regime könnte nach zwanzig Jahren tatsächlich die Überzeugung gewonnen haben, dass ein Weiter so nicht mehr möglich ist. Und je mehr man Kim Jong Un zum Erneuerer stilisiert, desto größer werden die Erwartungen und desto unmöglicher wird es, sich weiter durchzuwursteln. Kim Jong Un ist jung und er scheint auch ein Draufgänger zu sein, er setzt alles auf eine Karte, denn ein Zurück wird tagtäglich schwerer.

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