China und Nordkorea nähern sich nach Kim Jong Ils Tod wieder an und kennen nur ein Thema: Wirtschaft!

Wie mir irgendwann zwischen gestern und eben aufgefallen ist, habe ich bei meiner gestrigen Zusammenfassung der letztwöchigen Ereignisse im Zusammenhang doch glatt etwas außer Acht gelassen. Den China-Faktor! Irgendwie ist mir in diesem Zusammenhang ein mittelmäßig wichtiges und ein wirklich wichtiges Ereignis durchgegangen, dass ich jetzt auch noch um einen aktuellen ebenfalls nicht unwichtigen Sachverhalt ergänzen kann.

Handel expandiert weiter

Erstmal zu der weniger wichtigen Meldung: Bereits vor gut zwei Wochen wurde unter Berufung auf Informationen des US-Radiosenders Voice of America berichtet, dass der Handel zwischen China und Nordkorea weiter kräftig wachse und im ersten Halbjahr 2012 die Grenze von drei Milliarden US-Dollar überschritten habe. Dabei nahmen Exporte aus Nordkorea um 22% auf 1,3 Mrd. US-Dollar und Importe nach Nordkorea um 26% auf 1,8 Mrd. US-Dollar zu.

In Nordkorea dürfte man diese Entwicklung mit einem lachenden und einem weinenden Auge betrachten. Denn natürlich ist es nicht schlecht, wenn Waren ins Land kommen und man eigene Güter verkaufen kann. Aber gleichzeitig steigt die wirtschaftliche Abhängigkeit gegenüber China. Einerseits scheint das Handelsdefizit gegenüber dem großen Nachbarn zuzunehmen und irgendwo muss ja schließlich das Geld für diese Einkäufe herkommen. Im Endeffekt wird es sowas wie Kredit aus China sein. Das ist schön und gut, solange er gewährt wird. Fällt er aus, weil China bspw. harte Währung verlangt, dann ist es vorbei mit Exporten auf Pump. Diese Erfahrung hat man in Nordkorea bereits einmal, nach dem Niedergang des Ostblocks gemacht und etwas Ähnliches würde der nordkoreanischen Wirtschaft erneut einen heftigen Schlag versetzen. Aber mal ganz davon abgesehen, ist China zurzeit schlicht der einzige relevante Handelspartner Nordkoreas. In den Statistiken folgt häufig — mit größerem Abstand aber auch die Milliardengrenze deutlich überschreitend — Südkorea. Aber das sind meiner Meinung nach recht fragwürdige Statistiken, denn was unter der aktuellen Regierung in Seoul an handel läuft, beschränkt sich nahezu vollständig auf die Sonderwirtschaftszone in Kaesong. Und da sieht der Handel wie folgt aus: Rohstoffe bzw. Vorprodukte aus Südkorea werden dorthin gebracht (= nordkoreanische Importe aus Südkorea), dann von nordkoreanischen Arbeitern “veredelt”, also weiterverarbeitet und anschließend zurückgebracht (= nordkoreanische Exporte nach Südkorea). Das ist nicht haargenau das, was solche Handelszahlen vermuten lassen und kann daher vernachlässigt werden (denn was bringt es der nordkoreanischen Wirtschaft außer den Arbeitslöhnen?). Und wenn man das tut, ist die einseitige Abhängigkeit Nordkoreas von China noch erdrückender. Naja, aber kurzfristig dürfte man sich wie gesagt über jeden wirtschaftlichen Impuls freuen, während man für die lange Frist vermutlich schon auf der Suche nach Gegengewichten ist.

Kim Jong Un wird außenpolitisch aktiv

Das zweite wichtiger Ereignis fand eher im diplomatischen Bereich statt: Kim Jong Un empfing Anfang des August Wang Jiarui, den Abteilungsleiter für Auswärtige Beziehungen des ZK der KP Chinas. Damit gab der junge Kim in seiner Funktion als Nachfolger seines Vaters sein Debüt im diplomatischen Bereich. Gleichzeitig wurde damit die relative Funkstille zwischen Nordkorea und China auf höchstem politischem Niveau beendet, die seit dem Tod Kim Jong Ils zu verzeichnen war.

Dass Kim Jong Un nun auch außenpolitische Aufgaben übernimmt und die Beziehungen zu China wieder aufgewärmt werden, kann als Signal verstanden werden, dass man in Pjöngjang glaubt, innenpolitisch aus dem Gröbsten raus zu sein und so fest im Sattel zu sitzen, dass man sich wieder mehr nach außen wenden kann. Die Tatsache, dass es ein Vertreter Chinas war, den der junge Kim traf ist nicht weiter überraschend, alles andere wäre dagegen verwunderlich gewesen. China ist und bleibt (vorerst) der herausragende außenpolitische (und außenwirtschaftliche) Pfeiler, auf den sich das Regime in Pjöngjang stützen kann.

In den chinesischen Medien ist von diesem Besuch vor allem eines hängen geblieben, dass folgende Zitat Kim Jong Uns, das seitdem in allerlei Medien die Rund gemacht hat und weiter macht:

developing the economy and improving people’s livelihood so that the Korean people lead happy and civilized lives is the goal the Korean Workers’ Party is working toward

[die Entwicklung der Wirtschaft und die Verbesserung der Lebensumstände der Menschen, so dass die koreanische Bevölkerung frohe und zivilisierte Leben führen kann, ist das Ziel, an dem die Koreanische Arbeiterpartei arbeitet]

Das wird natürlich gerne als Signal für einen stärkeren wirtschaftlichen Fokus des Kim Jong Un Regimes interpretiert und ganz abwegig ist das auch nicht. Allerdings wurde, wenn ich mich recht erinnere auch Kim Jong Il von chinesischer Seite öfter mal mit ähnlichen Aussprüchen zitiert. Man weiß eben in Pjöngjang auch recht genau, was man in Peking hören will. Daher sollte man das auch nicht überinterpretieren.

Jedenfalls wird man von Kim Jong Un in Zukunft wohl öfter auch Auftritte im außenpolitischen Bereich sehen. Es wird spannend zu beobachten bleiben, wen er noch so in Pjöngjang empfängt (Russen, Südostasiaten, z.B. Laoten?), wann er seine erste Reise nach China macht, ob er auch in andere Länder fährt und wie stark sein Engagement in diesem Feld sein wird.

Jang Song-thaek in China

Heute gab es dann weitere Meldungen bezüglich der Beziehungen zwischen China und Nordkorea. Kim Jong Uns Onkel Jang Song-thaek, dem viel Einfluss im Regime zugeschrieben wird und der wohl einer der entscheidendsten Strippenzieher in der bisherigen Nachfolge Kim Jong Uns war, ist mit einer ansehnlichen Delegation (50  Leute) aus Außen- vor allem aber Wirtschaftspolitikern nach China gereist. Anlass der Reise ist laut nordkoreanischen und chinesischen Medien ein Treffen, bei dem es um die gemeinsame Entwicklung der nordkoreanischen Insel Hwanggeumpyeong und der Sonderwirtschaftszone Rason gehen soll. Zum dritten Mal tritt eine chinesisch-nordkoreanische Kommission zusammen, die hierbei federführend ist und der Jang Song-thaek für die nordkoreanische Seite vorsteht.

Es wird viel diskutiert werden, was Jang Song-thaeks Reise zu bedeuten hat, aber auch hier sollte man nicht überinterpretieren, denn erstmal ist es eben sein Job, als Vorstand der Kommission bei den entsprechenden Treffen dabeizusein. Weiterhin ist es ja selbstverständlich, dass Projekte wie die beiden SWZ einer Steuerung bedürfen und dass bei gemeinsamen Projekten auch Koordination notwendig ist. Weiterhin läuft vermutlich nicht alles so, wie man es sich in Nordkorea vorgestellt hat und daher muss hier weiter Engagement gezeigt werden. Gleichzeitig sind die Chinesen von der Idee, den kleinen Nachbarn über den Weg wirtschaftlicher Abhängigkeit zu bändigen vermutlich ziemlich angetan (mal abgesehen von den Billionenschweren Rohstoffreserven unter der nordkoreanischen Erde) und möchten die Projekte daher ebenfalls vorantreiben. Nimmt man dazu eine vermutete oder tatsächliche stärkere Ausrichtung des Kim Jong Un Regimes am wirtschaftlichen Wohl der nordkoreanischen Bevölkerung, dann ist es selbstverständlich, dass diese Fragen mit hoher Priorität behandelt werden.

Was die chinesische Seite  von dem Treffen erwartet, macht dieser Artikel jedenfalls ziemlich deutlich: Wirtschaft! Wirtschaft! Wirtschaft! Interessant in dem Artikel fand ich in diesem Zusammenhang noch einen kleinen Absatz. Dort wird darauf hingewiesen, dass Kim Yong-nam kürzlich für einen dreitägigen Besuch in Vietnam weilte. Laos wird mit keiner Silbe erwähnt. Warum? Vietnam könnte aus chinesischer Sicht als Entwicklungsmodell für Nordkorea dienen, Laos nicht. Die Marschrichtung ist klar. Bleibt nur noch die oben angesprochene Frage, ob man in Pjöngjang bereit sein wird, sich dauerhaft in die Abhängigkeit Chinas zu begeben und damit auch die politische Handlungsautonomie mehr und mehr zu verlieren.

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