Ein Strauß voll Buntes VI: Ernten wenn es reif ist — Papers zu Nordkorea aus sehr verschiedenen Perspektiven

Wie das im Sommer nun eben mal so ist, blüht und gedeiht momentan alles herrlich bunt und prächtig, dass es eine wahre Freude ist. Das ist nicht nur auf meinem Balkon der Fall, sondern auch bei dem, das ich hier im Blog immer gerne zu einem Strauß voll Buntem zusammenpacke.

So ist das eben im Sommer. Blumen allenthalben…

Eigentlich hatte ich garnicht vorgehabt schon wieder einen solchen Strauß zu binden, aber so ist das eben im Sommer: Man muss ernten, bevor die Feldfrüchte verblüht oder verdorben sind. Naja und mit dem, das ich hier verlinke, ist es eben ganz ähnlich: Wenn das Zeug erstmal über ein halbes Jahr alt ist (und das ist es jetzt zum Teil schon fast), dann ist es nurnoch halb so spannend. Also macht euch bereit, für einen farbenfrohen Sommerblumenstrauß…

Visuelle Repräsentation Nordkoreas: Satellitenbilder

Einsteigen möchte ich mit einem Paper aus Deutschland (mir fällt gerade auf, dass der heutige Strauß ohnehin recht “kontinental” ist). Das GIGA in Hamburg setzt seine wirklich spannende Forschung zur visuellen Repräsentation Nordkoreas fort. Der Kopf hinter diesem Vorhaben, David Shim, hat vor ein paar Tagen ein gut 17 Textseiten langes (und mal wieder leider nicht in deutscher Sprache vorliegendes) Working Paper mit dem Titel “Seeing from Above: The Geopolitics of Satellite Vision and North Korea” veröffentlicht.

Das Paper setzt sich aus kritisch politikwissenschaftlicher Perspektive mit der Rolle auseinander, die die visuelle Repräsentation Nordkoreas durch Satellitenbilder in der heutigen Geopolitik spielt und dekonstruiert dabei ein gutes Stück weit das Bild vom objektiven und nicht manipulierbaren Abbild der Realität durch Satellitenbilder. Dazu wirft der Autor zuerst einen kurzen Blick auf Nordkorea, als das schwarze Informationsloch, dass es für ausländische Regierungen häufig darstellt, um dann zum eigentlichen Thema des Aufsatzes, dem Satellitenbild als einer möglichen Lösung für dieses Problem zu kommen.

In der Folge beschreibt er die hohe Autorität, die Satellitenbilder als Erweiterungen des menschlichen Sichtfeldes und als Möglichkeiten des Zugangs zu Gebieten, die eigentlich versperrt sind, bieten. Satellitenbilder sind mehr als nur die bildliche Untermalung von Wissen und Informationen, sie sind selbst Wissen und Informationen und können so zu politischen Schlussfolgerungen führen, aus denen politisches Handeln folgt. Shim beschreibt dann zwei sehr interessante Fälle, in denen sich jedoch zeigt, dass Satellitenbilder keinesfalls rein objektiv sind, sondern erst einen Sinn zugeschrieben bekommen. Und im Laufe dieses Prozesses können die Bilder bestimmten Interessen dienstbar gemacht werden. Erstens zeigen die Bilder nur das, was sie eben zeigen. Hört sich erstmal blöd an, ist aber wichtig, denn diejenigen, die über die Bilder verfügen entscheiden eben auch, welches Bild und welcher Ausschnitt gezeigt wird. Als Beispiel führt er hier das sehr interessante Beispiel der Satellitenbilder von Arbeitslagern in Nordkorea an: Während südkoreanische und US Regierungen schon seit den 1990er Jahren über solche Bilder verfügen, wurden sie von Regierungsseite bisher nie veröffentlicht, sonder nur durch NGOs (z.B. hier). Das wurde damit erklärt, dass man die Fähigkeiten der Aufklärungssatelliten nicht preisgeben wolle. Gleichzeitig wurden jedoch immer wieder Satellitenbilder von Nuklear- und Raketenanlagen veröffentlicht. Das Argument für die Nichtveröffentlichung der Satellitenbilder war also nur vorgeschoben. Shim vermutet, dass sich dies damit erklären ließe, dass Satellitenbilder nur dann wichtig würden, wenn sie Relevanz in aktuellen internationalen Fragestellungen hätten. Da mit Bezug auf Nordkorea aber eine Fixierung auf die Nuklearfrage vorläge, sei es wenig verwunderlich, dass auch nur hier Satellitenbilder veröffentlicht würden. Zweitens ist es für Laien kaum möglich, den Bildern einen Sinn zuzuschreiben, dazu bedarf es erfahrener Experten. Und die können, wie das Beispiel des Auftritts Collin Powells im Vorfeld des Irakkriegs zeigt, im Endeffekt erzählen was sie wollen, Laien können das nicht wiederlegen (ich erinnere mich da auch an irgendeinen Schlaumeier einer großen deutschen Tageszeitung, der einen direkten Zusammenhang zwischen “blauen oder roten Dächern” und Minen für Seltene Erden herstellte (weiß ich ob das so ist? Nein! Weiß er es? Nein! Ist er Fernaufklärungsexperte? Nein!)).

Darauf hin führt der Autor einen sehr interessanten Exkurs zur wohl berühmtesten Satellitenaufnahmen Nordkoreas, der Koreanischen Halbinsel bei Nacht (jetzt dürfte so ziemlich jeder wissen was gemeint ist). Er beschreibt, wie viel diese Aufnahme interpretiert hat, obwohl ihre eigentlich Aussage ziemlich dürftig ist (viel Licht gegen wenig) und zeigt so, dass gerade das berühmteste Satellitenbild nicht eine objektive Darstellung der Realität ist, sondern eine symbolische Repräsentation. Im abschließenden Kapitel versucht Shim anhand von mehreren Beispielen die These zu untermauern, dass im Fall von Satellitenbildern nicht das Glauben aus dem Sehen folgt, sondern man sieht was man glaubt. Das wohl spektakulärste Beispiel hierfür ist die Kumchangri Geschichte. Damals hatten US-Satelliten umfangreiche Baumaßnahmen in Nordkorea gesichtet und die US-Regierung vermutete in der Folge, dass Nordkorea eine unterirdische Nuklearanlage bauen wolle. Gegen die Lieferung von 600.000 Tonnen (!) Lebensmitteln, ließ die nordkoreanische Führung das Loch inspizieren und es stellte sich in der Folge heraus, dass es sich tatsächlich um ein Loch handelte (nicht mehr, nicht weniger). Später wurde bekannt, dass die nordkoreanische Führung, nachdem ihr bekannt wurde, dass das Loch beobachtet wurde, umfangreiche Baumaßnahmen angeordnet hatte, um daraus Kapital zu schlagen.

Im abschließenden Fazit mahnt der Autor, dass es wichtig sei, Satellitenfotos als Informationsquellen mit entsprechender Vorsicht gegenüberzustehen. Dem habe ich nur wenig hinzuzufügen. Außer vielleicht, dass die Lektüre des Artikels eine sehr lohnende Beschäftigung ist und dass ich sie nur wärmsten empfehlen kann.

Outsourcing nach Nordkorea?

Einen interessanten kleinen Artikel habe ich von Paul Tjia gefunden. Er befasst sich auf vier Seiten mit den Möglichkeiten des Outsourcings nach Nordkorea. Das macht er nicht ganz selbstlos, immerhin betreibt der Niederländer eine Consultingagentur, die sich mit dem Outsourcing von IT-Dienstleistungen beschäftigt. Uninteressant ist das Ganze trotzdem nicht, auch wenn der Autor natürlich etwas zu verkaufen hat und daher den Vorteilen einen etwas breiteren Raum gibt als den Risiken. So lernt man die nordkoreanische IT-Landschaft und ihr Portfolio etwas besser kennen und erfährt, dass in diesem Sektor mehr als 10.000 gut ausgebildete Arbeitskräfte teils für weniger als 10 US Dollar die Stunde bereitstehen und das die Gefahr des Job-hoppings wegen der Regulierungen der Regierung nicht so groß ist wie in anderen Ländern. Für alle die das Thema im engeren oder weiteren Sinne interessiert ist der Artikel lesenswert.

Anthropologische Perspektive auf die Nordkoreapolitik der EU

Eduardo Zachary Albrecht hat für das European Institute for Asian Studies den interessanten Artikel “North Korea in the East Asian Puzzle: Anthropological Perspectives for EU Policy Developments” geschrieben. Ich muss sagen, dass ich den Artikel an sich nicht unbedingt gut finde, dass er aber einige Aspekte beinhaltet, die ich wirklich interessant finde so dass ich das Ganze trotz einiger Aspekte die ich schwierig finde verlinke. Albrecht beschreibt in seinem Artikel kurz und recht gelungen die Migrationsströme Ostasien, auch mit einem kleinen historischen Rückblick, wobei mir gerade der Bevölkerungsaustausch zwischen China und Nordkorea bisher so nicht bewusst war (ich dachte die chinesischen Kämpfer wären nach dem Koreakrieg alle wieder zurückgegangen). Darauf folgen zwei kurze Interviews mit nordkoreanischen Flüchtlinge, die zwar nicht uninteressant sind, die zum Inhalt des Papers aber nichts beitragen. Die hätte er sich sparen können, aber vermutlich wollte er sie irgendwie einarbeiten, wenn er sie schon durchgeführt hatte…

Im eigentlich zentralen Teil des Papers (so wirklich kann ich nicht nachvollziehen, wieso dafür das nötig war, das zuvor kam) folgt der Autor weitgehend der These die durch das Buch “The cleansest Race” von Brian Myers in den letzten Jahren recht populär geworden ist: Nordkoreas Führung hat Rassismus und Xenophobie kultiviert und zu einem tragenden Bestandteil ihrer Legitimation gemacht. Albrecht folgert daraus, dass ein Ausgleich mit Nordkorea unmöglich sei, da das Regime die Gefahren für die rassische Reinheit, zu denen nicht nur die Amerikaner und Japan, sondern auch Russen und Europäer zählen, brauche um sich zu legitimieren und sich daher nicht nähern könne. Eine Lösung sieht der Autor in China, der einzigen Ausnahme in der nordkoreanischen Xenophobie. Die EU müsse, wenn sie Einfluss auf die nordkoreanische Politik nehmen wolle, den Umweg über China nehmen, indem sie Gemeinsamkeiten mit diesem auskundschaftet und dann die Politik koordiniert.

Interessante Nebenaspekte in diesem Teil betreffen die Analyse des Autors zur aktuellen Nordkoreapolitik der EU. Er sieht hier einen Wandel, weg von einer Agenda der ökonomischen Öffnung hin zu humanitären Fragen. Wahrscheinlich hat er recht. Eine andere interessante Anmerkung betrifft, ist die “schlechte Angewohnheit” der EU (wie er schön schreibt) hinter den Kulissen andere Ziele zu verfolgen, als sie nach außen verfolgt. Im Fall Nordkorea habe dies dazu geführt (das schreibt er nicht, aber schlechte Angewohnheiten muss man ja erstmal praktizieren, damit sie als solche identifiziert werden können), dass die EU den Status quo aufrecht erhalten habe, indem sie unmöglich zu erfüllende Forderungen an Pjöngjang gerichtet habe. So sei die Öffentlichkeit zuhause zufrieden gewesen (man hat sich ja eingesetzt…) während man selbst sein Ziel erreicht hat (es war alles beim Alten geblieben). Der Autor geht davon aus, dass die EU dieser Angewohnheit nicht mehr folgt, aber irgendwie klingt das eher wie Zweckoptimismus (denn ansonsten wäre es ja eigentlich Quatsch gewesen, das Paper zu schreiben).

Nordkoreanische Perspektive: Vertrauensbildung zwischen den USA und Nordkorea und ein die Möglichkeit einer Wiedervereinigung Koreas als Föderation im Vergleich zur europäischen Integration

Vielleicht werdet ihr euch fragen, wo denn bitte ein nordkoreanischer Standpunkt herkommen soll, wenn nicht von den üblichen Propagandaorganen. Die Antwort ist ganz einfach: Aus Schweden. Das dort ansässige Institute for Security and Development Policy (ISDP) beherbergt nämlich seit einiger Zeit mindestens einmal pro Jahr jeweils zwei nordkoreanische Gastwissenschaftler, die dann jedesmal jeweils ein Paper schreiben. Ich wollte euch schon länger mal darauf aufmerksam machen, hatte es aber zwischenzeitlich vergessen. Ri Hyon-song, der Autor des ersten Papers forscht am Institute for Disarmament and Peace in Pjöngjang. Sein Aufsatz “Confidence Building Between the DPRK and the U.S.: The Foundation for Settling the Korean Issues” sollte sich dem Namen nach mit Vertrauensbildung zwischen Nordkorea und den USA befassen. Aber eigentlich geht es in weiten Teilen darum, den USA die Schuld für die angespannte Situation auf der Koreanischen Halbinsel und der Nicht-Lösung des Konfliktes dort zuzuschreiben. Eigentlich nur das Kapitel zu den Prinzipien der Vertrauensbildung orientiert sich etwas anders. Dort werden als Prinzipien “Gegenseitiges Vertrauen und Respekt” (mutual respect and equality) und “gleichzeitges Vorangehen” (simultaneous action) genannt, auf deren Basis ein Friedensvertrag den Ausgangspunkt für Vertrauen zwischen beiden Staaten legen soll. So weit so wenig neu. Aber eben mal anders präsentiert.

Der zweite Aufsatz von Jong Chol-nam mit dem Titel “Federation: A Comparative Study of European Integration and Korean Reunification” spielt da schon in einer anderen Liga. Der Autor stellt auf zwanzig Seiten die Geschichte der Europäischen Einigung und das nordkoreanische Modell einer Demokratischen Föderalen Republik Koryo vor, um dann einen Vergleich zwischen beiden zu ziehen. Dabei arbeitet er Parallelen und Unterschiede zwischen den Modellen heraus um im Endeffekt eine Föderation als ideales Modell für Korea darzustellen. Abschließend gibt er einen kleinen Ausblick auf die Effekte, die eine Föderation der Koreanischen Staaten auf die EU hätte. Auch wenn häufiger mal Standpunkte durchscheinen, die von einem Weltbild herrühren, dem der Autor folgen muss (was die Arbeit ein Stückweit normativ macht, nämlich immer da, wo es politisch kritisch wird, also die Interessen Nordkoreas einfließen), wird bei der Lektüre des Aufsatzes doch einiges sehr schnell deutlich: Der Autor kennt sich gut mit der europäischen Geschichte und auch Geistesgeschichte aus und hat sich auch mit politikwissenschaftlichen Theorien beschäftigt. Sein Ansatz ist kreativ und handwerklich gut durchgeführt. Wo er keine nordkoreanischen Propagandalinien vertreten muss, merkt man nicht unbedingt, dass der Autor Nordkoreaner ist, man merkt, dass er Wissenschaftler ist.

Damit hebt sich die zweite erfreulich von der ersten Arbeit ab (ganz ehrlich, den Kram hätte ich nach ein bisschen KCNA Lektüre auch zusammenkloppen können), die nur altbekannt nordkoreanische Positionen wiedergab und eigentlich kaum einen wissenschaftlichen Anspruch hatte. Wenn man sich das so anguckt und dazu weiß, dass nordkoreanische Gastforscher eigentlich nur im Zweierpack zu haben sind (damit sie gegenseitig aufeinander aufpassen können), stellt sich hier fast die Frage, ob das ISDP in diesem Fall nicht einen Gastforscher und einen Aufpasser zu Besuch hatte. Wenn ich mal ein bisschen mehr Zeit hab, lese ich mir auch die älteren Publikationen nordkoreanischer Gastwissenschaftler beim ISDP mal an und gucke, ob die qualitativen Unterschiede da ähnlich eklatant sind. Wenn ihr Lust habt, könnt ihr das natürlich auch machen. Hier gibt es die Asienpublikationen des Instituts und solche, deren Autoren koreanische Namen haben sind meistens von den Gastwissenschaftlern verfasst (was euch aber nicht davon abhalten soll, auch mal andere anzugucken, da gibt es nämlich viele interessante).

Hm, mir geht langsam die Puste aus, aber ich habe noch ein bisschen was. Werde mal was schneller machen:

Gute Daten, schlechte Daten: Rüdiger Frank zu den nordkoreanischen Budgetzahlen und was man daraus lernen kann

Rüdiger Frank folgt mal wieder seiner wirtschaftswissenschaftlichen Profession und mischt diese mit seinen Nordkoreaerfahrungen um eine kleine Lehrstunde zur Auswertung der offiziellen Erklärung der nordkoreanischen Regierung zum Staatsbudget zu geben. Dabei zeigt er zuerst die Schwächen auf, die die Zahlen externer Quellen so haben (z.B. die Bank of Korea, die ja jedes Jahr mit einer Zahl wie + 0,8 % die Wirtschaftsentwicklung beschreibt) um dann zu zeigen, was man aus dem, was der Premier alljährlich an konkreten Zahlen so rausrückt, rauslesen kann. Dazu benötigt man laut Frank vor allem die folgenden zwei Kunstfertigkeiten: Das Vergleichen und die kreative Interpretation. Er beschreibt recht einleuchtend, dass die Budgetzahlen vermutlich gute Kennzahlen für die Einschätzungen der Führung über die zivile Wirtschaft des Landes sind. Weiterhin macht er auf zwei bemerkenswerte Aspekte Aufmerksam, die das diesjährige Budget enthielten: Eine Transaktionssteuer und Zahlen für einen gross industrial output. Für Details lest ihr am besten selbst, ist alles was kompliziert zu erklären.

Ein deutscher Blickwinkel: Einschätzungen von Johannes Pflug

Ein kleiner Hinweis noch auf ein Redemanuskript des SPD Politikers Johannes Pflug, der in Bochum vor ein paar Monaten einen Vortrag über Nordkorea hielt (habs zwar schon auf der Freien Beitragsseite verlinkt, aber passt zu meinem bunten Strüssche). Innerhalb Nordkoreas existieren verschiedene Strömungen die um die politische Ausrichtung des Landes streiten (Diesen Punkt macht er sehr stark). Pflug gibt darin seine Einschätzung zur aktuellen Situation in Nordkorea ab und analysiert dabei teilweise recht scharf. Interessant auch, dass er immer mal wieder aus dem Nähkästchen plaudert und Aussagen verschiedener Gesprächspartner zitiert.

Besonders interessant fand ich dabei folgende Einschätzung: Nordkorea wird (oder vielmehr wurde) von einem Quartett geführt: Kim Jong Un, Jang Song-thaek, Kim Kyong-hui und Ri Yong-ho. Was mit Ri ist, wissen wir ja (zumindest, dass er nicht mehr zu einem Führungsquartett gehört) das für unterschiedliche Richtungen steht und nicht für eine kooperative Führung sozialisiert ist. Man könnte die Ereignisse um Ris Entlassung damit erklären, man könnte sie aber auch anders erklären.

Ein paar (zwei sind mir aufgefallen) schwer erklärbare inhaltliche Schnitzer gab es im Manuskript, ich glaube einmal war es eine Jahreszahl und einmal hat er Uran und Plutonium verwechselt (ich glaube 1994 war von Urananreicherung noch keine Rede. Aber sowas kommt vielleicht vor, wenn man viel zu tun hat und das Redenschreiben anderen überlässt, die vielleicht nicht so fit in Nuklearfragen sind. Außerdem finde ich es immer ein bisschen schwierig, wenn jemand nicht mal auf die Idee zu kommen scheint (sie jedenfalls nicht äußert), dass seine Gesprächspartner ihm vielleicht genau das erzählen, was er hören will. Das muss nicht so sein, aber mitunter scheinen das nordkoreanische Offizielle ja zu tun.
Und wenn man deren Aussagen dann kritiklos für seine eigene Argumentation übernimmt, dann handelt man ja auch irgendwie fahrlässig. Nichtsdestotrotz ist das durchaus lesenswert.

Die USA und Nordkorea: So einfach ist die Geschichte nicht

Leon V. Sigal beschäftigt sich in “In Deep Denial on North Korea and Prospects for US-North Korea Negotiations” mit der Nordkoreapolitik der USA in den letzten zehn Jahren und lässt daran fast kein gutes Haar. Dabei nimmt er die Geschichtsinterpretation zweier ehemaliger US-Präsidentenberater für Ostasienfragen (Jeffrey Bader (Obama) und Victor Cha (Bush)) nach fast allen Regeln der Kunst auseinander und zeigt eine andere Lesart der Historie zwischen beiden Staaten auf.

Schade ist dabei nur, dass er überzieht und manche Sacherhalte eindeutig zugunsten Pjöngjangs auslegt (die Hinweise auf die Versenkung der Cheonan gehen garnicht, auch wenn er schreibt, dass Schiffeversenken natürlich kein Weg sei)…
Aber ansonsten, äußerst lesenswert, weil hier einige Zeitgeistthesen hervorragend zerpflückt werden und darauf hingewiesen wird, dass auch die USA einiges dazu beigetragen haben, dass vor allem in den letzten zehn Jahren getroffene Vereinbarungen immer wieder kollidiert sind.

Wer mag kann dann auch noch direkt den Artikel “Kim Jong Un Is No Reformer” von Victor Cha in der Foreign Policy lesen und sich die Thesen angucken, die Cha (den Sigal ja hart angeht) so vertritt. Allerdings ist dazu zu sagen, dass sich Cha (der sonst besser schreibt) dieses Mal nicht mit Ruhm bekleckert hat (So verstehe ich nicht, warum an einer Stelle der Augenschein total wertlos sein soll (Kim Jong Un ist kein Reformer, weil er eine junge Frau hat, in der Schweiz war (wer weiß es?) und Mickey mag während er an anderer Stelle vollkommen legitim ist (Kim Jong Un sieht aus wie Kim Il Sung, deshalb ist er ein Fan einer Hardcore-Juche-Version). Die einzige Erklärung: Weil es dem Autor in den Kram passte.).

Ein Blick ins Innenleben des nordkoreanischen Sicherheitsapparates

Ken Gause, der sich einen Namen als Analyst der inneren Strukturen des nordkoreanischen Regimes gemacht hat, wirft in “Coercion, Control, Surveillance, and Punishment: An Examination of the North Korean Police State” einen Blick in die Funktionsweise des nordkoreanischen Sicherheitsapparates. Das immerhin gut 180 Seiten fassende Buch beschreibt dabei umfassend die verschiedenen Sicherheitsapparate und ihren Aufbau, um dann zu beleuchten, welchen Tätigkeiten die Organisationen nachgehen. Daraufhin beleuchtet er die Entwicklung des ganzen Sicherheitsapparates als Beziehungsnetz zwischen diesen verschiedenen Organen und der Führung des Staates. Ich hab das noch nicht gelesen, aber Ken Gause als Autor und ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis und die Einleitung sagen mir, dass ich in Zukunft öfter dort reinschauen werde.

Nordkorea und die digitale Welt. Ein Blick von innen.

Vor einiger Zeit wurden unsere Medien ja mal kurz mit Berichten über eine Organisation nordkoreanischer Untergrundreporter geflutet, aber irgendwie gab es aus dieser Quelle nicht wirklich viel Interessantes, außer ein paar Fotos. Jetzt hat Rimjin-gang aber was wirklich Spannendes veröffentlicht, das ich euch nicht vorenthalten möchte. Die Leute der Gruppe haben nämlich einen dreiteiligen Bericht zur Nutzung digitaler Medien in Nordkorea produziert.
Im ersten Teil geht es um Handys. Dabei wird beschrieben, wie der Prozess verläuft, in dessen Rahmen man in den Besitz eines Handys kommt (es ist etwas komplizierter als hier), welche Regeln es im Zusammenhang mit Handys gibt, welche Dienste und Modelle verfügbar sind und wie die Geräte genutzt werden. Der zweite Teil befasst sich mit Computern und ist ähnlich wie der erste strukturiert und abschließend werden mögliche Auswirkungen dieser neuen Entwicklungen auf die nordkoreanische Gesellschaft diskutiert. Hier gibt es wirklich einiges Neues zu erfahren, also schauts euch an.

So, dass war viel heute, aber wie gesagt, man muss die Ernte dann einfahren wenn sie reif ist. Also viel Spaß mit dem Strauß…

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