Mobilfunk in Nordkorea: Statusupdate (I)

Es ist ja schon ein ziemliches Zeitchen her, das ich mich intensiver mit dem Mobilfunk in Nordkorea auseinandergesetzt habe. Dem will ich heute abhelfen, weil mir in letzter Zeit zwei ganz gute Quellen aufgefallen sind, die zusammengenommen ein ganz gutes Bild ergeben. Dazu werde ich erstmal auf Basis eines Geschäftsberichtes der Orascom Telecom Media and Technology Holding S.A.E. (OTMT) (heißt heute ein bisschen anders, weil der Orascom Konzern umstrukturiert wurde, aber das soll uns nicht interessieren) ein paar Fakten zum Betrieb der dortigen Tochter Koryolink, die zu 75 % in der Hand des ägyptischen Konzerns ist und gemeinsam mit der staatlichen Korean Post and Telecom. Corp (KPTC)  betrieben wird, liefern. Dann werde ich auf die praktische Nutzung der Mobiltelefone eingehen, wobei ich mich in erster Linie auf einen Bericht des Rimjin-gang Report berufe (den hatte ich zwar schonmal verlinkt, aber ich finde das Thema so spannend, das ich das trotzdem nochmal aufbereiten möchte).

Kurzer Überblick über die Entwicklung des Mobilfunks

Zuerst also mal zu den Fakten des Mobilfunks in Nordkorea. Das aktuelle 3G Netz von Koryolink stellt nicht den ersten Gehversuch Nordkoreas in diesem Bereich dar. Bereits Anfang des vergangenen Jahrzehnts war ein Netz aufgebaut worden. Allerdings wurde Sun Net 2004 (das zumindest in der SWZ Rason betrieben wurde) vermutlich im Zusammenhang einer Zugexplosion, hinter der einige einen Anschlag auf Kim Jong Il vermuteten, wieder abgeschaltet und die meisten Handys wieder eingesammelt. Das Netz wurde danach noch bis 2010 weiter betrieben, allerdings weiß keiner so genau, für wen und in welchem Ausmaß. Interessanter Aspekt am Rande: Der Betreiber von Sun Net war Loxley Pacific, dieselbe Firma, die sich in den letzten Jahren daran gemacht hat, Nordkorea ans Internet anzuschließen. Die Geschäftspartnerschaft hinsichtlich Sun Net scheint also im Guten zuende gegangen sein. Jedoch dauerte es nach der weitgehenden Abschaltung des Netzes wieder bis 2008, bis man einen Neustart in die Welt des Mobilfunks versuchte.

Eckdaten zu Koryolink

Ende 2008 ging dann Koryolink an den Start und bisher kann man die Unternehmung durchaus als Erfolgsgeschichte bezeichnen. Innerhalb von wenig mehr als drei Jahren, gewann das Joint Venture über eine Million Kunden in Nordkorea. Nach Unternehmensangaben werden 94 % der Bevölkerung mit dem Mobilfunknetz erreicht (bei einer Abdeckung von nur 14 % der Landesfläche). Das Netz ist neben Pjöngjang in 14 Großstädten und 86 kleineren Städten vorzufinden. Der Vertrieb läuft (Stand September 2011) über 24 unternehmenseigene Verkaufsstellen in Pjöngjang und 9 weitere in anderen Städten. Weiterhin wird auch die Infrastruktur des KPTC für den Vertrieb genutzt. Koryolink hat ein Kontrakt über 25 Jahre, in dem auch ein Monopol Exklusivrechte  für vier Jahre beinhaltet sind. Nach eigener Aussage strebt man an, diese Rechte, die Ende diesen Jahres auslaufen, zu verlängern. Bisher wurde aber in diese Richtung kein Vollzug gemeldet. 2011 arbeiteten für das Unternehmen 276 Mitarbeiter, wobei nicht klar wird, ob das nur Nordkoreaner sind, oder ob auch Ägypter abgeordnet sind. Interessant fand ich hinsichtlich der Mitarbeiter noch den Hinweis, dass kein Arbeitnehmer von OTMT in einer Gewerkschaft organisiert sei und dass keine Tarifverträge (collective bargaining agreement) existieren würden. Ich dachte, wenn in einem sozialistischen Staat irgendwo Gewerkschaften nötig sind, dann doch wohl da, wo sie sich für die Rechte von Arbeitnehmern, die privatem Kapital gegenüberstehen, einsetzen können. Das scheint man in Nordkorea jedoch anders zu sehen.

Was in Nordkorea ebenfalls anders ist, ist die Tatsache, dass es dort laut der Aussage des Unternehmens nicht so etwas wie eine Werbeindustrie gebe und man daher in diesem Bereich absolutes Neuland betreten habe. Zwei der Ergebnisse davon kann man hier betrachten. Außerdem war Koryolink im vergangenen Jahr die Taekwondo Weltmeisterschaft in Nordkorea und sorgte auch damit für eine Neuerung.

Andere Engagements von Orascom in Nordkorea

Neben dem Betrieb des Netzes betreibt Orsacom in Nordkorea noch eine Bank, die bisher aber scheinbar keine nennenswerten Geschäfte getätigt hat. Die Orabank ist ebenfalls ein Joint Venture mit einem nordkoreanischen Partner, aber zu 95 % in der Hand von Orascom. Das Unternehmen hofft, die Bank in Zukunft mit dem Mobilfunkgeschäft verknüpfen zu können, um den Kunden mobile Bankgeschäfte ermöglichen zu können (die Frage ist allerdings, ob es dafür aktuell überhaupt einen Markt gibt, denn das würde ja eine nennenswerte Kundschaft voraussetzen, die überhaupt Bankgeschäfte tätigt). Weiterhin zeichnet Orascom für den Weiterbau des berühmtesten Hochhauses Nordkoreas verantwortlich. Das Ruyong Hotel (hier ein paar feine Fotos) stellte seit den 1990er Jahren ein perfektes Sinnbild für den Zustand der nordkoreanischen Wirtschaft dar. Eine Ruine eben. Und wer weiß, vielleicht tut es das immernoch: Nach außen hui, nach innen…noch nicht ganz fertig (und irgendwie klingt es auch in dem OTMT-Bericht nicht so, als sollte es nach innen je ganz fertig gebaut werden). Auf jeden Fall hat das Unternehmen bisher (bzw. bis zum September 2011) 30 Mio.US-Dollar in den Ausbau investiert und im Bericht wurden weitere 15 Mio. veranschlagt. Nach eigenen Angaben erwartet das Unternehmen die Rückzahllung der Auslagen, wenn das Gebäude in Betrieb geht. Auch erwartet man, dass man dann Nutzungsrechte für das Gebäude zugesprochen bekommt. Warum ich das “erwarte” unterstreiche? Die Formulierung wurde in dem Bericht genauso benutzt und klingt irgendwie danach, als habe man nichts Schriftliches. Hm, und für manche Vertragspartner hat sich Nordkorea in der Vergangenheit ja schon als Land der enttäuschten Erwartungen erwiesen. Wenn ich Geschäfte dort machen würde, würde ich jedenfalls sicher gehen, dass ich mich am Ende nicht auf Erwartungen verlassen müsste…

Risikofaktoren für das Geschäft in Nordkorea

Aus dem Bericht gehen zwei andere Aspekte hervor, die dem Unternehmen in der geschäftlichen Zusammenarbeit mit Nordkorea Sorgen bereiten zu scheinen, neben den üblichen Geostrategischen- und Sanktionsrisiken).

Erstens wird da auf die Schwierigkeit hingewiesen, den nordkoreanischen Won in andere Währungen zu konvertieren. Das ist deshalb ein Problem, weil etwa 55 % der Erträge in koreanischen Won erzielt werden und die OTMT ihren Anteil aufgrund der Schwierigkeit das Geld (zumindest zum veranschlagten Kurs) zu tauschen, dann entweder in Won oder garnicht bekäme (was ungefähr aufs Gleiche rauskommt). Daher bemüht man sich im Unternehmen scheinbar auch Fremdwährung in Nordkorea einzusammeln. Und das scheint auch zu funktionieren, wie der Hinweis auf ein “Euro Pack” Angebot nahelegt. Dabei werden Kunden, die die Aufladung der Karte mit Euro bezahlen, besondere Konditionen eingeräumt. Zumindest unter den Kunden von Koryolink scheint es also eine substantielle Gruppe von Personen zu geben, die Euros nutzen. Für das “Luxussegment” der nordkoreanischen Wirtschaft scheint zumindest in Teilen so etwas wie eine Parallelwährung zu existieren.

Zweitens wird an verschiedenen Stellen erwähnt, dass es in Nordkorea keine Regulierungen hinsichtlich des Mobilfunkmarktes gebe. Das klingt ja erstmal super, denn wo es keine Gesetze gibt, da kann man dann ja irgendwie machen was man will. Aber in Nordkorea ist das natürlich nicht ganz so. Denn mitnichten kann irgendwer in Nordkorea machen was er will. Die Problematik ist auch dem Unternehmen bewusst, allerdings weiß es eben nicht genau, was man darf und was nicht und hat daher Angst, “falsch” zu handeln. Ich bin kein Betriebs-/Volkswirt, aber Rechtsunsicherheit ist vermutlich für eine wirtschaftliche Entwicklung  mindestens so schädlich wie Überregulierung. Umso interessanter, dass sich in Nordkorea scheinbar noch niemand daran gesetzt hat, eine Regulierung zu erarbeiten. Wenn ich dem Regime böses unterstellen wollte, würde ich vermuten, das hätte System, um sich eine maximale Flexibilität gegenüber dem Geschäftspartner zu bewahren (denn Gesetze binden ja nicht nur die Unternehmen, sondern auch den Staat).

To be continued…

Hm, ist doch mehr als gedacht und ich muss gleich weg. Ich glaube ich liefere den Teil, bei dem es eher um die praktischen Aspekte des Mobilfunks in Nordkorea geht, in Kürze nach. Also ist dashier ab jetzt Teil I und Teil II folgt in Kürze…

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