“Alles auf Reform”: Warum sich unsere Medien von ihren Wirtschaftsreformspekulationen nicht abbringen lassen und weshalb das ganz egal ist, weil am Ende nur die Zeugen Jehovas lachen

Am Montag hatte ich euch ja kurz auf die ungewöhnliche Sitzung der Obersten Volksversammlung Nordkoreas und die damit verbundenen Erwartungen hinsichtlich richtungsweisender ordnungspolitischer Entscheidungen hingewiesen. Dass ich seitdem nicht mehr gebloggt habe, hat nicht nur damit zu tun, dass ich schlecht Zeit hatte, sondern auch damit, dass die getroffenen Entscheidungen nicht so spektakulär waren, dass ich dafür etwas meiner knappen Zeit geopfert hätte.

Oberste Volksversammlung mit unspektakulären Entscheidungen

Um sie kurz zu nennen (im Detail könnt ihr sie hier nachlesen, oder in den Kommentaren des vorherigen Artikels zum Thema (danke C.R.)): Die Schulpflicht wird um ein Jahr auf zwölf Jahre verlängert, wobei angeblich das gewonnene Jahr nicht für eine verstärkte ideologische sondern eine bessere fachliche Bildung genutzt werden soll. Außerdem gab es einige relativ unspektakuläre Personalentscheidungen. Am interessantesten fand ich dabei, den Namen Kwak Pom-gi. Der hat mir irgendwie im Ohr geklingelt.

Alles auf Reform!

Ich habe aber am Montag noch auf etwas anderes aufmerksam gemacht. Nämlich, dass in Phasen der Unsicherheit Spekulationen gerne ins Kraut schössen und das ein “Informant” von Reuters eventuell einfach mal sein Glück im Spekulationsgeschäft versucht habe. Der Informant lag, wie wir jetzt wissen, daneben. Es wurde keine spektakuläre Landwirtschaftsreform, sondern eine mäßig aufregende Bildungsreform verkündet. Dumm nur, dass eigentlich fast alle Medien schon auf den “Juchhu-Die Reformen kommen”-Zug aufgesprungen waren und irgendwas von den Reformen geschrieben hatten, die am nächsten Tag verkündet werden sollten.

Was Medien tun können, wenn sie daneben tippen

Und was macht man, wenn man eine Prognose abgibt, die sich dann nicht bewahrheitet? Da gibt es unterschiedliche Möglichkeiten:

  • Man schweigt einfach zu dem Thema und hofft, dass die Leser solchen Kram so schnell wieder vergessen, wie sie ihn gelesen haben.
  • Man gibt zu, dass man danebenlag und versucht aus dem eigenen Fehler Lehren zu ziehen.
  • Man macht einfach weiter, als wäre nichts gewesen und zaubert einfach einen neuen Informanten aus dem Hut, der die gleichen Reformen für einen späteren Termin ankündigt. Dabei hofft man wohl, dass die Leser nicht zwischen “morgen” und “nächsten Monat” unterscheiden können.

Die letzte Option klingt ziemlich blöd, während mir die zweite grundsätzlich souverän vorkäme. Deshalb wurde die zweite Option auch von keinem Medium gezogen, während sich die letzte großer Beliebtheit erfreute. Oder wie würdet ihr den folgenden Teasertext interpretieren?

Das kommunistische Nordkorea experimentiert offenbar mit Wirtschaftsreformen. Besonders die Landwirtschaft will sich Machthaber Kim Jong-un vornehmen.

“Offenbar” ist nur, dass am Vortag dieselben Reformschritte im selben Medium für den Folgetag verkündet worden waren und zwar unter fast derselben Überschrift. Aber vielleicht hatte da einer schon einen Artikel fertiggeschrieben und wollte den jetzt nicht so mirnichtsdirnichts in den Papierkorb verschieben. Sei’s drum. Ist doch auch irgendwie ne feine Sache. Man muss die Artikelüberschrift nur geringfügig modifizieren, kann den Inhalt teilweise übernehmen und braucht dann nur ein Datum, das ein bisschen weiter Weg ist. Entweder wurden bis dahin dann die Reformen verkündet, oder die blöden Leser haben den ganzen Kram dann endgültig verloren.

Chancen für Tipperfolg bleiben gut: Veränderungen in Nordkorea

Zu vermerken bleibt aber auch, dass die Spekulanten nach wie vor gute Chancen haben, irgendwann mal richtig zu liegen. Darauf deuten zum Beispiel sehr interessante Aussagen von Rüdiger Frank hin, der nach der Heimkehr von seinem jüngsten Trip nach Nordkorea von rapiden Veränderungen spricht (die sogar ihn ein bisschen überraschen zu scheinen). Und naja, die unbekannten Informanten von Reuters und Daily NK in allen Ehren, aber da finde ich das, was Frank so sagt irgendwie tragfähiger. Zwar kommen in seinen Berichten keine Termine vor, dafür wird daraus aber ein Wandel sichtbar, der schon im Gang zu sein scheint. Naja, aber wer mag, der kann eben auch auf die Informanten hoffen.

Nordkorea ein schwieriges Spekulationsobjekt

Allerdings sollte festgehalten bleiben, dass es gerade im Fall Nordkorea garnicht so Ohne ist, auf irgendwelche Entwicklungen zu spekulieren und dahingehende Prognosen abzugeben. Es sei daran erinnert, dass einige Wissenschaftler sich schon zum Tode Kim Jong Ils in die Fall begeben haben, das Ende Nordkoreas für irgendeine absehbare Zeit zu verkünden und seitdem nurnoch damit beschäftigt sind, den Termin des Endes nach Hinten zu verlegen. Aber das alles ist natürlich nichts gegen die armen Zeugen Jehovas, die alle paar Jahre mit dem nicht eintretenden Harmageddon zu kämpfen haben.

Harmageddon oder Wirtschaftsreform? Egal! – Am Ende lachen die Zeugen Jehovas…

Naja, warten wir einfach ab, was zuerst kommt, der Weltuntergang, die Wirtschaftsreformen in Nordkorea oder das Ende des Landes. Ich habe da ziemlich konkrete Vorstellungen und glaube, die Zeugen Jehovas werden erstmal wesentlich enttäuschter sein, als unsere Medien (wie das langfristig aussieht wage ich dagegen nicht vorherzusagen, denn wenn während des Harmageddon die Seelen aller möglichen Redakteure brennend in die Unterwelt fahren, habe sie von ihrem Tipperfolg mit Nordkorea auch nichts mehr). Die Zeiten bleiben auf jeden Fall interessant…

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