Aufbruchsstimmung in Nordkorea? — Interessante Momentaufnahme von Rüdiger Frank

Seit Kim Jong Un in Nordkorea die Zügel in die Hand genommen hat und abzusehen war, dass dieses Vorhaben nicht ganz schiefläuft, fragt sich alle Welt, was der junge Kim wohl plant. Daher ist es auch nicht überraschend, dass jeder Schritt den er tut gedeutet, jedes Wort durchanalysiert und jede Maßnahme seziert wird. Zu wirklich Erkenntnissen hat das bisher noch nicht geführt, aber zu allerlei Spekulationen. Jedoch bringt das alles nicht wirklich etwas, denn im Endeffekt — und da unterscheidet sich Nordkorea nicht großartig von Deutschland — kann die Arbeit von Politikern nur an ihren Ergebnissen gemessen werden. Erste Wasserstandsanzeigen zu den Ergebnissen von Kim Jong Uns Politik kommen jetzt langsam auf den Markt und eine besonders bemerkenswerte möchte ich euch in der Folge kurz vorstellen.

Statusbericht von Rüdiger Frank

Rüdiger Frank, auf dessen fachliches Urteil ich eigentlich schon immer große Stücke halte, hat gestern auf 38 North einen kleinen Statusbericht von seinem jüngste Nordkoreabesuch im September veröffentlicht, den zu lesen es sich definitiv lohnt (und nicht nur, weil er ein bisschen in seinem Fotoalbum gekramt hat). Er erkennt nämlich eine Aufbruchsstimmung in Nordkorea und naja, das dürfte für die Nordkoreaner ein Gefühl sein, von dem sie in den vergangenen Jahren so ziemlich vergessen hatten, dass es das gibt.

Aufbruchsstimmung in der Bevölkerung

Frank macht diese Stimmung nicht nur an den ersichtlichen Unterschieden im Führungsstil Kim Jong Uns gegenüber dem seines Vaters fest (man ist geneigt von “frischem Wind” zu sprechen), sondern auch an konkreten Änderungen im Stadtbild vor allem Pjöngjangs. Die Beispiele die er aufzählt sind vielfältig. Die Frauen tragen kürzere Haare, an den Straßen schießen die Läden wie Pilze aus dem Boden und nicht nur Stände, sondern auch in Häusern untergebrachte Einrichtungen. Die Verkehrspolizistinnen werden durch Ampeln ersetzt, die mit einer zunehmenden  Zahl von Autos unterschiedlichster Fabrikate zu kämpfen haben. Die Veteranen des öffentlichen Nahverkehrs (der Bus im Foto steht kurz davor, seine 2 Millionen km voll zu machen und darf deshalb vielleicht noch ein bisschen), die Oberleitungsbusse, werden durch moderne Modelle ersetzt und naja, das Handys mehr und mehr von der Ausnahme zur Regel werden, darauf habe ich ja kürzlich schon hingewiesen. Auch dass das Arirang Massenspektakel in seiner bisherigen Form dieses Jahr vermutlich zuletzt aufgeführt wurde, sieht er als Hinweis auf die Veränderung (und schon dieses Jahr, wurde auf martialische Drohungen etc. verzichtet). Gleichzeitig vermutet Frank, dass man beispielsweise bei der Fertigstellung der Mansudae Appartements, dem Prestigebauprojekt der letzten Zeit, mehr auf Qualität als auf Tempo geachtet und daher darauf verzichtet habe, die Wohnungen auf Teufelkommraus zu Kim Il Sungs Geburtstagsfete im April fertigzustellen (allerdings schien man bei der Fertigstellung der Kim Jong Il und Kim Il Sung Statuen am Mansudae Hügel die fristgerechte Fertigstellung über die Qualität gesetzt zu haben, die werden nämlich schon wieder renoviert).

Sehnsuchtsziel Pjöngjang?

Interessant finde ich die Einordnung des Sachverhaltes, dass sich Pjöngjang offensichtlich wesentlich rasanter wandelt und entwickelt, als der Rest des Landes. Auch Noland und Haggard befassten sich ja häufiger damit, aber im Gegensatz zu ihnen, sieht Frank in dieser Tatsache ein mögliche Entwicklungsstrategie, der er Erfolgschancen beimisst. Sein Ratio: Wenn innerhalb Nordkoreas ein boomendes “Sehnsuchtsziel” existiert, dann schauen die Leute nicht mehr ins Ausland, z.B. nach Seoul oder Shanghai, um ihr Glück zu suchen, sondern in die eigene Hauptstadt. Gleichzeitig kann sowas auch sehr motivierend wirken, denn für diejenigen, die es nach Pjöngjang geschafft haben, ist der Anreiz sich anzustrengen um dazubleiben größer, während die, die noch in der Provinz leben sich umsomehr mühen, um sich der Hauptstadt als würdig zu erweisen. Auch diskutiert er die Möglichkeit eines “Übergreifens” der Entwicklung aus Pjöngjang in die Provinz.

Mehr und weniger sinnvolle Reformen

Als einen letzten Punkt macht sich Frank Gedanken zu möglichen ordnungspolitischen Maßnahmen, allem voran natürlich die Wirtschaftsreformen, die Gerüchten zufolge ja erstmal auf den Agrarsektor zielen sollen. Ähnlich wie ich vor ein paar Tagen (nur fundierter), argumentiert er, dass es im Falle Nordkoreas nicht sinnvoll sei, nur den landwirtschaftlichen Sektor zu reformieren. Ohne flankierende Reformen im industriellen Bereich würde das zu Inflation führen und während der relativ geringe Anteil der Bevölkerung, der im Landwirtschaftssektor tätig ist davon deutlich profitieren könnte, würde der relativ große Teil der Menschen, der das nicht ist, darunter leiden (hier sieht er einen Unterschied zu Chinas Reformaufbruch in den 1980ern, wo die Bevölkerungsanteile anders aussahen und verhältnismäßig  viele Menschen im Agrarsektor profitieren konnten). Die angekündigte Bildungsreform fügt sich laut Frank gut ins Bild. Einerseits wird das Bedürfnis der Bevölkerung nach bestmöglicher (Aus-)Bildung für die Jugend befriedigt (das zusätzliche Schuljahr soll nicht der ideologischen, sondern der fachlichen Bildung dienen), andererseits werden so besser qualifizierte Arbeitskräfte für die neuen Herausforderungen eines Landes im wirtschaftlichen Aufbruch bereitgestellt.

Die große Herausforderung

Abschließend sieht Frank die Führung des Landes nun vor der wahren Herausforderung: Nachdem Hoffnungen und Erwartungen geweckt wurden, muss es dem Regime gelingen, im wirtschaftlichen Bereich Ergebnisse zu liefern, ohne im politischen Bereich die Stabilität aufs Spiel zu setzen. Das wird ein Tanz auf der Rasierklinge.

Ein heißes Tänzchen

Interessanterweise habe ich mich gestern Abend mit einem Freund genau über diesen Sachverhalt unterhalten: Ob es wohl möglich ist, die notwendigen Rahmenbedingungen für eine echte und nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung zu schaffen, ohne dabei einen entscheidenden Schritt zu weit zu gehen und dadurch die Kontrolle über das Land zu verlieren. Ich erinnere mich jetzt auch wieder gerne an die letzten Absätze meiner Abschlussarbeit. Damals habe ich nämlich das Bild von einem Seiltänzer bemüht. Kim Jong Il ist zeit seines Lebens nicht ohne Sicherung und Netz aufs Seil gegangen. So konnte er zwar nicht abstürzen, aber ein erfolgreicher Seiltänzer konnte er auch nicht werden. Ich habe  das Gefühl als hätte sich sein Sohn gerade vollkommen ungesichert auf den Weg gemacht. Wenn das so ist, kann er entweder gewinnen, oder verlieren. Dazwischen gibt es nicht viel…

Einschränkung

Der Bericht Rüdiger Franks ist sehr eine spannende Momentaufnahme und er bestätigt einige diffuse Wahrnehmungen, die man in den vergangenen Monaten machen konnte. Aber auch wenn Herr Frank ein ausgewiesener Experte ist, zeigt der Bericht natürlich nur einen kleinen und subjektiven Ausschnitt der Realität. Einerseits ist das, was man in ein paar Tagen/Wochen in Nordkorea sehen kann (selbst als geschulter Beobachter) natürlich begrenzt. Andererseits bemerkt man auch, dass in seine Analyse einige ebenfalls wichtigen Aspekte, wie z.B. die Sonderwirtschaftszonen oder auch die wirtschaftliche Abhängigkeit von China, nicht mit einfließen. Daher sollte man seinen Artikel als das behandeln, was er ist: Eine fundierte Momentaufnahme. Ein abschließender Beweis über Wandel oder nicht-Wandel ist das natürlich nicht. Dazu müssen wir noch weitere Wasserstandsmessungen abwarten.

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2 Antworten

  1. “und schon dieses Jahr, wurde auf martialische Drohungen etc. verzichtet”

    Sogar das Hassbanner im englischen KCNA Auftritt ist netter geworden.Aus dem “let us blow up the bases which are used to hurt the dignity of the supreme leadership of the dprk” auf schwarzem Grund ist ein “us imperialists and south korean regime should not act reckless” geworden.Die Hintergrundfarbe ist ein freundliches grün.
    Man will Seoul offenbar nicht mehr in die Luft jagen sondern rät ihnen nur freundlich aber bestimmt doch etwas weniger rückgratlos zu sein.

    • Hehe.
      Man versteht sich eben auf diplomatische Töne…
      Aber mal was Technisches: Verursacht das neue Banner bei dir/der Allgemeinheit auch Grafikfehler (sccheint überdimensioniert zu sein und in andere Areale der HP reizureichen)? Oder liegt das an meinem Browser?

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