(Liebes-)Grüße aus Pjöngjang: Eine kleine Deutsch-Nordkoreanische Geschichte

Vor ein paar Tagen haben wir deutschen ja unseren Nationalfeiertag gehabt und eigentlich hätte ich dazu auch gerne was geschrieben. Leider ist mir aber nicht so richtig was eingefallen. Deshalb habe ich mich gefreut, dass ich im Nordkorea-Info Forum (jaja, die Konkurrenz…) Inspiration finden konnte (ist ja öfter mal in vielerlei Hinsicht inspirierend, dieses Mal sogar im produktiven Sinne). Da wurde nämlich ein bisschen über die Grußbotschaft Kim Yong-nams an Joachim Gauck anlässlich unseres Tags der Deutschen Einheit diskutiert und das brachte mich dazu zu überlegen, ob man aus diesen etwa SMS-langen Nachrichten überhaupt irgendwas herauslesen kann. Also habe ich einfach mal versucht, anhand der Botschaften eine kleine Deutsch-Nordkoreanische Geschichte zu erstellen, die natürlich alles andere als vollständig ist, aber auch irgendwie zeigt, dass man den Grüßen durchaus Aussagen entnehmen kann.

2001

Die erste Grußbotschaft aus Nordkorea gab es 2001. Das ist auch nicht wirklich überraschend, denn zum 1. März diesen Jahres hatten Deutschland und Nordkorea diplomatische Beziehungen aufgenommen. Da damals die diplomatische Verbindung der Länder noch ganz neu war, überrascht es nicht, dass Kim Yong-nam vor allen Dingen hoffte, dass sich die Beziehungen entwickeln würden:

Kim Yong Nam, President of the Presidium of the Supreme People’s Assembly of the DPRK, yesterday sent a message of greetings to Johannes Rau, President of Germany, on the occasion of its national day.

Expressing the belief that relations between the two countries would develop in various fields in the common interests of the two peoples, the message wished the president and people of Germany greater success in their work for the prosperity and well-being of the country.

Kim Yong-nam, Präsident des Präsidiums der Obersten Volksversammlung der DVRK schickte gestern anlässlich des deutschen Nationalfeiertags eine Grußbotschaft an Johannes Rau, den Präsidenten Deutschlands.

Dabei drückte er den Glauben aus, dass sich die Beziehungen der beiden Länder in einer Vielzahl von Feldern gemeinsamen Interesses entwickeln würden, weiterhin wünschte die Botschaft dem Präsidenten und dem deutschen Volk weiterhin viel Erfolg bei ihrem Einsatz für den Wohlstand und das Wohlergehen des Landes.

2002

Der Start des Verhältnisses Deutschlands (und vieler anderer EU Staaten) mit Nordkorea war geprägt von Optimismus und Zuversicht gepaart mit ernsthaften Bemühungen der EU. Daher ist es nicht überraschend, dass die Botschaft des folgenden Jahres echte Zufriedenheit ausstrahlte.

Kim Yong Nam, President of the Presidium of the DPRK Supreme People’s Assembly, sent a message of greetings to German President Johannes Rau on Tuesday on the occasion of Germany’s National Day.

He in the message expressed pleasure at the bilateral relations positively developing in different fields after the establishment of diplomatic relations.

Expressing confidence that the relations between the two countries would continue to deepen and develop in their mutual interests in the future, too, he wished the president bigger success in his work for the prosperity of Germany and the wellbeing of its people.

[...] In der Botschaft drückte er seine Zufriedenheit darüber aus, dass sich  bilateralen Beziehungen in unterschiedlichen Feldern nach der Etablierung diplomatischer Beziehungen positiv Entwickelt hätten.

Sein Vertrauen in die künftige Vertiefung und Weiterentwicklung der Beziehungen beider Länder, wünschte er dem Präsidenten viel Erfolg bei seinem Einsatz für den Wohlstand Deutschlands und das Wohlergehen der Bevölkerung.

 2003

Im folgenden Jahr war von der Zufriedenheit, die noch 2002 geherrscht hatte, nicht mehr so recht etwas zu spüren. Man hoffte immerhin, dass die Beziehungen sich weiter entwickeln würden. Allerdings scheint die Anfangseuphorie ein bisschen verflogen zu sein. Man könnte auch mutmaßen, dass die nordkoreanische Seite nicht mehr so zufrieden mit den Beziehungen war.

Kim Yong Nam, president of the Presidium of the Supreme People’s Assembly of the DPRK, Wednesday sent a message of greetings to Johannes Rau, president of Germany, on the occasion of its national day.

In the belief that the relations between the DPRK and Germany would continue to grow stronger in conformity with mutual interests, the message wished him greater success in his work for the prosperity of the country and well-being of the people.

[...] Im Glauben daran, dass die Beziehungen zwischen der DVRK und Deutschland weiter mit Rücksicht auf die gegenseitigen Interessen wachsen würden, wünschte die Botschaft dem Präsidenten Erfolg bei seinem Einsatz für den Wohlstand des Landes und das Wohlergehen der Bevölkerung.

 2004

Interessant fand ich, dass 2004 die Formulierung “Bundesrepublik Deutschland” in die Botschaft einging. Irgendwie habe ich nämlich das Gefühl, dass man die eigentlich ganz gerne vermeidet. Aber vielleicht überschätze ich das auch. In diesem Jahr sprach man auch nicht mehr vom weiter wachsen der Beziehungen, sondern nur von wachsen.

Kim Yong Nam, president of the Presidium of the Supreme People’s Assembly of the DPRK, Sunday sent a message of greetings to German President Horst Kohler on the national day of the Federal Republic of Germany.

Wishing the German people prosperity and welfare, the message expressed the belief that the friendly and cooperative relations between the two countries would grow in scope and develop in various fields.

[...] Bundesrepublik Deutschland.

Dem deutschen Volk Wohlstand und Wohlergehen wünschend, brachte die Botschaft den Glauben zum Ausdruck, dass die freundlichen und kooperativen Beziehungen zwischen den beiden Ländern in ihrem Ausmaß und verschiedenen Feldern wachsen würden.

 2005

2005 war ein interessantes Jahr. Da gab es nämlich keine Grüße aus Pjöngjang. Kann natürlich sein, dass Kim Yong-nam auf seine alten Tage anfing vergesslich zu werden, aber irgendwie glaube ich, der Mann hat nen Kalender und da steht ganz genau drin, wer wann gegrüßt werden soll. Wenn das nicht passiert, dann gibt es wohl Gründe dafür. Was ich mir gut vorstellen kann: Im Jahr 2005 brachten die EU-Staaten eine Resolution in die Generalversammlung der Vereinten Nationen ein, die sich mit der Menschenrechtslage in Nordkorea beschäftigte. Das dürfte in Pjöngjang sauer aufgestoßen sein, da dieses Thema damit ungleich höher auf der Agenda verankert wurde. Es könnte auch andere Gründe geben, aber die Ursache für die Unzufriedenheit Pjöngjangs dürfte irgendwas mit dem Vorgehen der EU zu tun haben, da die meisten EU-Staaten 2005 auf Glückwunschpost aus Pjöngjang verzichten mussten.

 2006

2006 scheint der Ärger weitgehend verflogen zu sein, denn immerhin bekam man wieder eine Grußbotschaft zugestellt, allerdings konnte man sich seitdem so ziemlich an die Formulierungen gewöhnen. Hier erkannte man immerhin noch an, dass sich die Beziehungen in der Vergangenheit entwickelt hatten und brachte die Hoffnung zum Ausdruck, dass dies auch in Zukunft so sein möge.

Kim Yong Nam, president of the Presidium of the DPRK Supreme People’s Assembly, sent a message of greetings to Horst Kohler, President of Germany, on Oct. 3 on the occasion of its national day.

Kim, in the message, wished the German President success in his responsible work, expressing the belief that the bilateral ties would develop on good terms in mutual interests in the future, too.

[...] Kim wünschte dem deutschen Präsident in seiner Botschaft Erfolg für seine verantwortungsvolle Tätigkeit und brachte dabei den Glauben zum Ausdruck, dass sich die bilateralen Beziehungen auch in Zukunft im gegenseitigen Interesse entwickeln würden.

 2007

Im Jahr 2007 fehlte eine solche Formulierung. Dafür entbot Kim Yong-nam Horst Köhler “ernstgemeinte” Wünsche und nutzte die Formulierung “Bundesrepublik Deutschland”.

Kim Yong Nam, president of the Presidium of the DPRK Supreme People’s Assembly, sent a message of greetings to Horst Kohler, President of the Federal Republic of Germany, on the occasion of its national day on Monday.

Expressing the belief that the relations between the DPRK and Germany would steadily grow stronger by common efforts, the message wholeheartedly wished the German president greater success in his responsible work for the prosperity of the country.

[...] Bundesrepublik Deutschland.

Den Glauben zum Ausdruck bringend, dass die Beziehungen zwischen der DVRK und Deutschland durch gemeinsame Bemühungen stetig stärker werden würden, wünschte die Botschaft dem deutschen Präsidenten ernsthaft viel Erfolg bei seiner verantwortungsvollen Arbeit für den Wohlstand des Landes.

 2008

In den folgenden Jahren…

Kim Yong Nam, president of the Presidium of the DPRK Supreme People’s Assembly, Friday sent a message of greetings to German President Horst Kohler on the occasion of the national day of Germany.

Expressing belief that the cooperative ties between the DPRK and Germany would grow stronger in the bilateral interests, the message wished the people of Germany progress and prosperity.

[...] Den Glauben ausdrückend, dass die koopeartiven Beziehungen zwischen der DVRK und Deutschland im gegenseitigen Interesse stärker werden würden, wünschte die Nachricht den Deutschen Fortschritt und Wohlstand.

 2009

…wurde es eintönig. Standardisierte Sätze, die nicht wirklich auf Besonderheiten der Beziehungen eingingen.

Kim Yong Nam, president of the Presidium of the DPRK Supreme People’s Assembly, sent a message of greetings to Horst Kohler, President of Germany, on Friday on the occasion of its national day.

Expressing belief that the relations between the DPRK and Germany would grow stronger in the mutual interests, the message wished the President and people of Germany success in their work for prosperity of the country.

[...] Den Glauben ausdrückend, dass die koopeartiven Beziehungen zwischen der DVRK und Deutschland im gegenseitigen Interesse stärker werden würden, wünschte die Nachricht dem Präsidenten und dem deutschen Volk Erfolg bei ihrem Einsatz für den Wohlstand des Landes.

 2010

Solche Besonderheiten wurden dann 2010 wieder ins Kalkül gezogen, als es zum zweiten Mal im Untersuchungszeitraum keine Grußbotschaft gab. Warum? Bin mir nicht ganz sicher, aber ich habe die Vermutung, dass es mit der doch sehr deutlichen Verurteilung und damit auch Zuschreibung der Versenkung der südkoreanischen Corvette Cheonan zu tun hat (mehr zur Cheonan hier). Nordkorea verneint ja bis heute die Verantwortung für den Untergang und ich kann mir vorstellen, dass man es den Ländern, die die DVRK trotzdem als schuldigen bezeichneten, übelnahm, indirekt als Lügner dargestellt zu werden.

 2011

Im darauffolgenden Jahr gab es zwar wieder Post aus Pjöngjang, aber die klang irgendwie noch ein bisschen kritischer als vorher, aber immerhin nutzte sie nicht mehr nur Standardformulierungen. Man hoffte nämlich auf eine positive Entwicklung der Beziehungen, allerdings auf Basis des Prinzips von Gleichheit und Gegenseitigkeit. Dass man auf diesen Punkt explizit hinweist, kann man durchaus als Ausdruck einer Wahrnehmung sehen, dass es zurzeit da eine Schieflage gibt. Gleichzeitig zeigt dieser Hinweis aber auch, dass man in Nordkorea den Beziehungen zu Deutschland eine gewisse (wenn auch nicht riesige) Bedeutung beimisst. Denn ansonsten würde man sich die Mühe sparen und entweder garkeine Botschaft schicken, oder so eine, wie die Belgier jedes Jahr kriegen.

Kim Yong Nam, president of the Presidium of the DPRK Supreme People’s Assembly, Monday sent a message of greeting to Christian Wulff, president of Germany, on its national holiday.

Kim in the message wished Germany prosperity, expressing belief that the friendly and cooperative relations between the DPRK and Germany would further develop on the principle of equality and reciprocity.

[...] Kim wünschte Deutschland in seiner Botschaft Wohlstand und brachte seinen Glauben zum Ausdruck, dass die freundlichen und kooperativen Beziehungen zwischen der DVRK und Deutschland sich auf der Basis der Prinzipien von Gleichheit und Gegenseitigkeit weiterentwickeln würden.

 2012

Was? Kein Wohlstandswunsch? Das ist aber nicht nett. Allerdings würde ich es erstmal auch nicht überbewerten, und abwarten, ob das nächstes Jahr auch noch so formuliert wird. Denn ein bisschen Variation ist ja doch immer in den Botschaften drin.

Kim Yong Nam, president of the Presidium of the DPRK Supreme People’s Assembly, Wednesday sent a message of greeting to German President Joachim Gauck on the occasion of its national day.

Kim expressed belief that the relations between the DPRK and Germany would grow stronger in the principle of equality and mutual benefits.

[...] Kim brachte seinen Glauben zum Ausdruck, dass die Beziehungen zwischen der DVRK und Deutschland auf Basis der Prinzipien von Gleichheit und Gegenseitigen Vorteilen stärker werden würden.

Zufall? Eher nicht…

Hm, wie gesagt, die Botschaften sind nicht dazu nutzbar, die Beziehungen zwischen Ländern bis ins Detail zu analysieren, aber sie sind eben auch mehr als nur hohles gerede. Wenn man sie genau anschaut, dann sind sie garkein so schlechter Gradmesser für bilaterale Beziehungen. Natürlich könntet ihr jetzt sagen, dass es ja auch reiner Zufall sein kann, dass die Inhalte relativ gut zum politischen Verhältnis Nordkoreas mit Deutschland passen. Deshalb hab ich mir mal stichprobenartig ein paar andere Grußfreundschaften angeguckt.

Über diejenige zwischen Pjöngjang und Damaskus habe ich ja früher schonmal was geschrieben, aber auch hinsichtlich anderer Staaten erkennt man da recht schnell, dass es nicht immer die gleiche Konservennachricht ist. Wenn ein Deutscher Bundespräsident beispielsweise irgendwann sowas herzliches und ausführliches wie der Staatschef von Laos bekäme, dann müsste vorher so einiges passiert sein. Würden irgendwann nicht mehr nur der Bundespräsident, sondern auch der Außenminister und der Kanzler Post vom nordkoreanischen Gegenstück bekommen, so wie das beispielsweise mit Tschechien ist, dann wäre wohl auch was gelaufen. Gäbe es dagegen einen Einzeiler, wie ihn der belgische König Jahr für Jahr kriegt, dann hätten sich die Deutschen Politiker nicht wohlverhalten. Ich weiß es nicht genau, aber ich glaube, um dauerhaft garkeine Post aus Pjöngjang zu bekommen, muss man wohl die Beziehungen zum Land abbrechen. Und wenn man einmal mit Missachtung gestraft wird, sollte man darüber nachdenken, was man im vergangenen Jahr so angestellt hat…

Wie ihr sehen konntet, gibt es auch aus den langweiligsten Nachrichten von KCNA durchaus interessante Informationen zu gewinnen. Man muss sich nur die Mühe machen genau zu lesen und ein bisschen zu vergleichen.

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