Zurück in die Zukunft mit Kim Jong Un — Wie alte Rezepte in Nordkorea neuen Wohlstand bringen sollen und warum das nicht funktionieren wird

Gestern hatte die Rodong Sinmun, das Organ der Partei der Arbeit Koreas ein Editorial, das ich sehr interessant fand. Genau wie die Macher der Nachrichtenagentur KCNA, die das ganze übernahm, allerdings entweder paraphrasiert oder in eigener Übersetzung. Ich finde den Tenor der ganzen Geschichte so interessant, dass ich da kurz etwas näher drauf eingehen will. Dazu gebe ich euch erstmal die englischsprachige Version an die Hand:

Let’s Learn from Working Manner of Officials Displayed in Period of Establishing Kim Jong Il’s Leadership System

Today the Workers’ Party of Korea is dynamically leading the general offensive in order to shine this year, the first year of the new centenary of the Juche calendar as a year of proud victory in ushering in a heyday for building a thriving nation. It is the lofty intention of the WPK to pervade the whole country with the revolutionary enthusiasm, militant stamina and the spirit of creation and leap with which the people in the 1970s had advanced forward, beating a drum of revolution loudly and blowing a bugle of the Speed Campaign high.

The 1970s was a decade of a historic turn in the strengthening and development of our Party, a decade of a great inheritance during which signal successes were made in all sectors of revolution and construction and a decade of century-old change and miracle.

The officials in the period of laying the foundation for establishing Kim Jong Il’s leadership system were the vanguards who hewed the age of glory in the van of the people and showed the exemplary fighting spirit. They regarded as the greatest glory to devote all their wisdom and enthusiasm to carrying into practice the intention of Generalissimo Kim Jong Il. Their spiritual world was, indeed, pure. The absolute fidelity to their leader, the fiery enthusiasm and strong desire for working to implement the Party’s line to the end without any condition– This is the feature of the officials who had worked during 1970s.

Our Party calls upon the officials to effect a new innovation in their ideology and working spirit and trait to suit the requirements of the present pulsating era and the revolutionary development. In order to do their responsibility and bit as the commanding members in the general offensive for building a thriving nation, our officials should live and strive the way those in the 1970s did.

The loyalty to the leader is the kernel in the ideological and spiritual trait of the officials in the 1970s.

The leadership of the respected Marshal Kim Jong Un is the ever-victorious banner of our revolution in successfully carrying forward the idea and cause of Generalissimo Kim Jong Il.

The officials should become practicians like those in the 1970s who accepted the Party’s line and policy as the most correct ones and implemented them stubbornly to the end.

As the officials in the 1970s did, they should always work at full strain and in a militant way with fervent fighting will and zeal.

All the officials thoroughly embody the working manner and fighting stamina of those in the 1970s and thus perform new miracles and feats in all sectors for building a thriving nation.

Die 1970er. Aber wo ist Kim Il Sung? Überall.

Wer den Artikel liest, dem werden schnell einige Sachen auffallen. Vor allem finde ich dabei interessant, dass die 1970er so mit Kim Jong Il assoziiert werden, bzw. der Vorbereitung seines Führungssystems, während über Kim Il Sung kein Wort verloren wird. Das könnte man natürlich so lesen, dass Kim Il Sung nicht so eine bedeutende Rolle spielen soll und Kim Jong Il eine größere Bedeutung zugeschrieben wird. Ich würde es aber eher anders sehen: Wenn man von den 1970ern als der Zeit, als zuletzt alles irgendwie gut war spricht, dann ist die Assoziation Kim Il Sung automatisch da. Eigentlich würde man in diesem Zusammenhang garnicht an Kim Jong Il denken. Da das aber ideologisch kaum zu vertreten ist, muss aktiv ein Zusammenhang konstruiert werden.

Kritik an der Führungszeit Kim Jong Ils, aber nicht an Kim Jong Il

Trotzdem könnte man aus dem Artikel Kritik an der Führungszeit Kim Jong Ils lesen, denn allem Anschein nach, war die beste Periode seines Engagements ja diejenige, als er seine Führung vorbereitete. Damals hatten die Funktionäre noch die richtige Einstellung und waren loyal etc. Da wird doch dann die Frage gestattet sein, was danach los war… Allerdings sollte man keine Kritik an Kim Jong Il selbst hineininterpretieren, sondern an den Offiziellen, die denen der 1970er Jahre nachfolgten. Die Vorbilder aus den 70ern werden wie folgt charakterisiert:

They regarded as the greatest glory to devote all their wisdom and enthusiasm to carrying into practice the intention of Generalissimo Kim Jong Il. Their spiritual world was, indeed, pure. The absolute fidelity to their leader, the fiery enthusiasm and strong desire for working to implement the Party’s line to the end without any condition– This is the feature of the officials who had worked during 1970s.

[Sie sahen es als größten Ruhm, all ihre Weisheit und Enthusiasmus dem Ziel unterzuordnen, den Willen von Generalissimus Kim Jong Il in die Praxis umzusetzen. In der Tat war ihre spirituelle Welt rein. Die absolute Treue zu ihrem Führer, ihr glühender Enthusiasmus und ihr starkes Verlangen, die Linie der Partei bedingungslos bis zum Schluss zu realisieren -- Das sind die Eigenschaften der Offiziellen, die in den 1970ern gearbeitet haben.]

Implizit schwingt der Hinweis mit, dass diese Eigenschaften nach den 1970ern dann wohl gefehlt haben müssen. Man will also zurück zur Arbeitsmoral dieser Zeit, als die Welt noch in Ordnung war. Daher ist die folgende Forderung nur folgerichtig:

Our Party calls upon the officials to effect a new innovation in their ideology and working spirit and trait to suit the requirements of the present pulsating era and the revolutionary development. In order to do their responsibility and bit as the commanding members in the general offensive for building a thriving nation, our officials should live and strive the way those in the 1970s did.

[Unsere Partei ruft die Offiziellen dazu auf, eine neue Innovation [naja, da sieht man mal, wie ernst es den Autoren ist: Nicht nur "Innovationen" sondern "neue Innovationen" müssen her, obwohl das "neue" eigentlich ja irgendwie scho in der Innovation drinsteckt] in ihre Ideologie und ihren Arbeitsgeist und ihr Wesen einfließen zu lassen, um den Anforderungen der gegenwärtigen pulsierenden Ära und der revolutionären Entwicklung zu entsprechen. Um ihrer Verantwortung als kommandierende Mitglieder in der umfassenden Offensive beim Aufbau einer gedeihenden Nation nachzukommen, sollten unsere Offiziellen leben und handeln, wie es diejenigen der 1907er taten.]

Damit sich die Offiziellen dann nicht irren, was die Verhaltensrichtlinien angeht, wird ihnen in der Folge nochmal vollkommen klar gemacht, was sie tun müssen, um dieses hohe Ziel zu erreichen. Zentral ist absolute Loyalität zur Führung, als Kim Jong Un. Die Offiziellen sollen die Linie der Partei eins zu eins und vollständig umsetzen. Dabei sollen sie militanten Enthusiasmus an den Tag legen. Dann werden sie neue Wunder hervorbringen und das Land zum Gedeihen bringen.

Die übliche Propagandistische Linie: Kim Jong Un – Kim Il Sung. Und Kim Jong Il? Der war irgendwo dazwischen.

Eben habe ich ja bereits darauf verwiesen, dass Kim Il Sung nie genannt wird. Trotzdem schwingt seine Gegenwart in jedem Absatz mit. Das nenne ich eine interessante Leistung, die mal wieder den Bogen von Kim Jong Un zu seinem Großvater schlägt, ohne jedoch wie sonst so oft auf oberflächliche Ähnlichkeitsaspekte zu setzen. Der Bogen wird übrigens auch rhetorisch geschlagen, wenn gesagt wird, dass sich das Land im ersten Jahr des neuen Jahrhunderts des Juche Kalenders befindet. Im ersten Jahr des alten Jahrhunderts wurde dem Land Kim Il Sung geschenkt, im ersten Jahr des neuen Jahrhunderts Kim Jong Un.

Schuldige für den Fall des Scheiterns: Die Offiziellen, die nicht leben wollen wie in den 70ern

Einen weiteren Kniff kann man darin sehen, dass den Offiziellen die Verantwortung für das Wohl des Landes auferlegt und damit der Führung die Verantwortung eines möglichen Scheiterns von den Schultern genommen wird. Denn nach der Lektüre dieses Artikels ist ja wohl jedem klar, wer Schuld hat, wenn das Land nicht zur gedeihenden Nation wird. Das müssen dann die Offiziellen sein, die sich nicht der Arbeitsmoral der 1970er befleißigt haben.

Nordkoreas Gesellschaft soll Zurück in die Zukunft…

Insgesamt kann man diesen Artikel sehr gut in die allgemeine propagandistische Linie einordnen, nach der Kim Jong Un immer wieder die Erinnerung an Kim Il Sung und die besseren Zeiten unter ihm wecken soll. Nicht nur der Führer soll an diese Zeit erinnern, sondern die ganze Gesellschaft soll im Sinne dieser Zeit remodelliert werden. Grundsätzlich ist die Idee nachvollziehbar, denn damit würde Phänomenen wie Korruption und Willkür ein Ende gesetzt, die spätestens seit Ende der 1990er Jahre um sich griffen und seitdem am gesellschaftlichen Zusammenhalt und Wohlstand nagen. Allerdings wird es eine schwere (man könnte auch sagen “unmögliche”) Aufgabe sein, unter den aktuellen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, in denen der Markt (und damit der individuelle Vorteil und in mancherlei Hinsicht eine Art Nullsummendenken) mittlerweile überall eine  Rolle spielt, die Gesellschaft zurückzuverwandeln.

…aber so einfach ist das nicht.

Im Endeffekt überkommt mich bei dieser Idee dieselbe Überlegung, die mich auch immer mal wieder bei meinem exzessiven Konsum von “Zurück in die Zukunft” bedrängt hat: “Irgendwie kann das doch nicht funktionieren”. Egal ob Michael J. Fox oder Kim Jong Un: Zeitreisen funktionieren nicht. Die 70er sind vorbei und man wird sie nicht wiederholen.

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