Eine Landverbindung nach Südkorea schaffen: China soll Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke durch Nordkorea planen


Kürzlich habe ich bei KBS einen Artikel  gelesen, den ich sehr spannend fand. Es ging darum, dass China und Nordkorea angeblich ein Abkommen über die Errichtung einer Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke und einer Autobahn zwischen Sinuiju im Nordwesten des Landes an der Grenze zu China und Kaesong im Südwesten an der demilitarisierten Zone, der de facto Grenze zu Südkorea geschlossen hätten. Das 14,2 Milliarden Dollar Projekt solle 30 Jahre lang von dem chinesischen Konsortium betrieben werden und dann an Nordkorea fallen. Dieser Bericht beruht scheinbar auf Informationen des südkoreanischen Abgeordneten Hong Ik-pyo. Allerdings berichtet Daily NK, eine Seit mit Fokus auf der Menschenrechtssituation in Nordkorea, unter Berufung auf das südkoreanische Vereinigungsministerium, es handle sich hier nur um einen Diskussionsprozess, der schon länger bekannt sei und bei dem bisher noch keine Entscheidung gefallen sei.

Südkorea als “Binneninsel”

Nichtsdestotrotz machte mich dieses Thema hellhörig, denn hierdurch wird eines der großen Pfunde, mit denen Nordkorea wirtschaftlich mittel- bis langfristig wuchern könnte, nochmal sehr deutlich. Es geht im Endeffekt um die geographische Lage Nordkoreas. Dadurch, dass der Nordteil und der Südteil Koreas hermetisch voneinander abgeriegelt sind, macht Nordkorea aus dem Süden eine Art “Binneninsel”. Zwar ist Südkorea durch eine Landverbindung an den Rest Asiens angebunden, aber es kann diese Landverbindung nicht nutzen. Eigentlich ist das Ganze noch unangenehmer als eine Position als Insel, denn Wasser schießt nicht mit Artillerie etc.. Dieser Umstand verschließt Südkorea einiges Entwicklungspotential, denn alles was ausgeführt werden soll, muss erstmal auf ein Schiff verladen werden. Möglicherweise wäre es aber mitunter kosteneffizienter, Dinge per Schiene oder Straße in die Abnehmerländer zu schaffen. Solange aber die politische Situation mit dem scharfen Gegensatz zwischen Süd- und Nordkorea so ist, wie sie nun eben ist, wird das vermutlich nicht passieren. Es sei denn…

Optionen zum Anschluss Südkoreas an das chinesische Hochgeschwindigkeitsschienennetz

…Es sei denn einer der beiden großen Nachbarn Nordkoreas im Norden, also China oder Russland schaffen es eine Vereinbarung mit Pjöngjang zu schließen, die den Bau und die sichere Nutzung einer Schienen oder Straßenverbindung durch Nordkorea ermöglicht. So etwas wäre nicht zuletzt für Nordkorea selbst nicht unwichtig, da die marode Infrastruktur des Landes ein Stück weit aufgewertet würde, das Land damit besser erschlossen würde und wirtschaftlichere Prozesse der Arbeitsteilung und Produktion ermöglicht würden. Weiterhin würden aus einem solchen Projekt auch noch eventuell Nutzungsgebühren der Straßen-/ Schienenbetreiber anfallen, was einen unmittelbareren Anreiz darstellen würde. Eine durchaus interessante Geschichte also, die durch den Bau einer Schienenverbindung zwischen Sinuiju und Kaesong quasi in die Tat umgesetzt würde, denn Kaesong ist ans südkoreanische Schienennetz angeschlossen während Sinuiju mit Dandong über die Freundschaftsbrücke eine Schienenverbindung hat. Derzeit wird auf chinesischer Seite daran gearbeitet, Dandong bis 2015 über Schenjang an das chinesische Hochgeschwindigkeitsschienennetz anzuschließen. Kurz, eine Verbindung durch Nordkorea hindurch würde Südkorea ans Kontinentale Schienennetz anschließen und das wäre ein großer Schritt für Seoul. Zwar ist das grundsätzlich auch jetzt schon so, allerdings dürfte die marode nordkoreanische Schieneninfrastruktur kaum einen zügigeren Transport von Personen und Waren erlauben, als per Schiff.

Ein Pokerspiel – Für alle Beteiligten

Die Möglichkeit, die in solchen Projekten für Nordkorea stecken könnte, zeigt sich auch in dem Interesse Russlands daran, Infrastruktur quer durch Nordkorea bis in den Süden aufzubauen. Hier geht es neben einer Bahnstrecke auch um eine Pipeline, durch die Gas nach Südkorea fließen könnte. Ich bin zwar kein erfolgreicher Geschäftsmann oder so, aber ich weiß, dass sich die besten Geschäfte machen lassen, wenn mehrere Interessenten eine Sache gerne hätten. Naja und wenn  sowohl China als auch Russland daran interessiert sind, Südkorea an ihr Schienennetz anzuschließen, dann öffnen sich hierdurch für Pjöngjang Spielräume für das Spiel, das man dort wohl am liebsten spielt: Zum Pokern. In diesem Spiel könnte der Einsatz, mit dem Nordkorea die beiden ambitionierten Staaten locken könnte, die Erlaubnis zum Bau einer Bahnstrecke sein und beide dürften bereit sein, einiges in den Pott zu legen, denn eine Verbindung nach Südkorea verspricht günstigere Importe von dort und gleichzeitig die Erschließung eines neuen Marktes.
Es bleiben jedoch auch Risiken, denn Nordkorea ist nicht unbedingt als verlässlicher Geschäftspartner bekannt. Das haben die in Kaesong ansässigen Firmen in diesem Jahr erlebt und scheinbar auch schon einige chinesische Unternehmen. Daher werden beide Interessen wohl auch mit einer gewissen Vorsicht an einen möglichen Deal mit Pjöngjang herangehen. Ich bin gespannt was kommt, aber verlieren wird Nordkorea wohl eher nicht daran…

Verkehr auf der Koreanischen Halbinsel (III): Grenzüberschreitende Projekte mit Nordkorea


Klickt auf das Bild und findet die anderen Artikel der Serie, die bisher erschienen sind.

Nikola Medimorec

Der dritte Teil der Serie behandelt die grenzüberschreitenden Projekte von Russland, China und Südkorea mit Nordkorea. Hierbei geht es nicht zu sehr ins Detail, weil die vorgestellten Projekte in der Planung bzw. Umsetzung sind und sich so noch viele Veränderungen vollziehen können. Darüber hinaus ist das Thema mit seiner Mischung aus wirtschaftlichen und politischen Interessen sehr komplex. Vielmehr soll mit dem dritten Teil der Serie „Verkehr auf der Koreanischen Halbinsel“ das Grundprinzip verdeutlicht werden, um die Bedeutung dieser Projekte verstehen zu können.

Das andere Korea

Südkorea ist eigentlich eine Insel. In drei Himmelsrichtungen von Meer umschlossen und im Norden ist die Grenze mit Nordkorea. Das führt zu absurden Überlegungen wie Tiefseetunnel nach Japan und sogar nach China. Die einzige Möglichkeit für die Expansion von Verkehrswegen ist in Richtung Norden, was unter den bestehenden Umständen nur wenige Kilometer über die Grenze möglich ist.

Die Karte zeigt vorhandene und fehlende Bahnverbindungen zwischen Süd- und Nordkorea. (Quelle: LEE, SUNG-WON (2010): Integrated Transport and Logistics Infrastructure Development for Northeast Asia: With Special Emphasis on Korean Peninsula, S. 17.)

Die Sonnenschein-Politik Südkoreas in der vorigen Dekade engagierte sich primär für grenzüberschreitende Projekte mit Nordkorea. Diese sollten für mehr Stabilität, Sicherheit und Annäherung sorgen. Die Wiederherstellung der Schienen- und Straßenverbindung der Kyungui-Linie nördlich von Seoul nach Kaesong (mit der Verlängerung nach Pyongyang), der Aufbau des Kaesong Industriekomplexes und die Entwicklung des Touristenressorts in der Bergregion Geumgang über die Ostküste zählen zu den Projekten. Heute wird nur noch die Autobahn Nr. 1 (oder auch Unification Highway genannt) zum Transport von Gütern und Personen zwischen Südkorea und Kaesong genutzt. Nachdem eine südkoreanische Touristin vom nordkoreanischen Militär im Gebiet von Geumgang erschossen wurde, wurden diese Touren suspendiert. In den fünf Jahren waren um die 300.000 Touristen dort. Ob man Kaesong als Erfolgsmodell bezeichnen kann, ist schwierig zu beurteilen. Die Infrastruktur wurde komplett von Südkorea gestellt und es ist eine Möglichkeit für südkoreanische Betriebe billig Produkte herstellen zu lassen. Die Zahl von Arbeitern und gefertigten Produkten steigt, aber ursprünglich war geplant, dass bis 2012 ca. 730.000 Nordkoreaner dort arbeiten. Diese Zahl wirkt illusionär, wenn man betrachtet, dass es heute nur 50.000 Arbeiter sind. 2008 suspendierte Nordkorea jeglichen Zugtransport von Kaesong in Richtung Süden. Aber der Gütertransport per Schiene hat sich wegen dem geringen Produktionsvolumen nie wirklich gelohnt. Auf der Westverbindung operieren nur noch Lkws, die Rohstoffe anliefern und mit fertigen Produkten wiederkommen. Als eine weitere Verbindung zwischen dem Norden und Süden könnte außerdem noch eine Schienen- und Straßenverbindung im Innern der Halbinsel durch einen Wiederaufbau von jeweils weniger als 30 km hergestellt werden.

Russland

Russland ist vor allem daran interessiert den Hafen von Rajin zu benutzen, weil es der nördlichste, über das Jahr komplett eisfreie Hafen an der Westpazifik-Küste ist. 2001, als sich King Jong-Il und Vladimir Putin trafen, wurde der Grundstein für dieses Projekt gelegt. Mittlerweile ist die ca. 52 km lange Schienenstrecke mit Mehrschienengleise (wegen der untersch. Spurbreite) fertiggestellt und ab Oktober 2012 sollen dort Gütertransporte durchgeführt werden. Außerdem spielt Russland eine signifikante Rolle in der Stabilität und Sicherheit auf der koreanischen Halbinsel, weil Russland mit beiden Teilen gute Beziehungen unterhält. Das zeigt sich vor allem durch die Planung der Gas-Pipeline, die von Russland durch Nordkorea nach Südkorea verlaufen soll. Die Bedeutung dieses Projekts für eine Annäherung ist extrem hoch.

Bei den Nachbarn sehr begehrt. Der Hafen von Rajin. (Quelle: Google Earth)

Rohstoffhungriges China

Chinas Intentionen sind relativ klar: Ressourcen und Wirtschaftswachstum. China investiert sehr viel in Nordkorea. Es ist kein Geheimnis, dass China Nordkorea am Leben erhält. Die Investitionen lassen sich in zwei Arten einteilen: Förderung von Ressourcen und Ausbau der intranationalen Infrastruktur. Dazu kommt unter dem Schlagwort „Chang-Ji-Tu“ mehrere Projekte, die für Nordkorea bedeuten, dass China viel Geld in den Ausbau der Infrastruktur stecken wird und dafür die Rechte auf bestimmte Bodenschätze erhält. Die Grenzgebiete Chinas würden wirtschaftlich von Kooperationen mit Nordkorea profitieren. Autobahnen und Grenzübergänge sind bereits auf chinesischer Seite realisiert. Eine Hochgeschwindigkeitsstrecke ist in Planung. Aber auf nordkoreanischer Seite läuft die Umsetzung viel langsamer ab und scheitert teils schon in der Planungsphase bei Verhandlungen oder Finanzierungsfragen. China ist wie Russland auch an der Nutzung von Rajin bzw. anderer Häfen an der koreanischen Ostküste interessiert. Die Straßenverbindung von der chinesischen Region Jilin bis nach Rajin sind verbessert worden und 2011 wurde chinesische Kohle über Land nach Rajin und dann per Schiff nach Shanghai transportiert.

 Grenzüberschreitende Projekte: Schwierige Aufgaben mit großem Potential

Die grenzüberschreitenden Projekte zeigen, wie schwer es unter den aktuell gegeben Umständen, also bei fehlender Stabilität, Sicherheit und Frieden, ist, zwischenstaatliche Kooperationen mit Nordkorea aufzubauen. Gleichzeitig zeigt es aber auch, was für ein Potential Nordkorea in der Zukunft unter den Bedingungen einer freien Marktwirtschaft hätte. Für die wirtschaftliche Entwicklung der grenznahen Regionen Chinas und Russlands sind diese Kooperationen vorteilhaft und für Nordkorea überlebenswichtig. Jedes dieser Projekte wird wichtiger Ausgangspunkt für die wirtschaftliche Entwicklung eines wiedervereinten Koreas.

 

Alle dargestellten Inhalte sind nur ein Abriss meiner Abschlussarbeit „Reunification Through Transport. Lessons from the German Transport Unity Transport Projects for the Korean Peninsula“. Wer sich für die Quellen, mehr Details, weitere Ausführungen interessiert und das gesamte Bild der Verkehrswegestruktur kennenlernen möchte, kann meine Abschlussarbeit unter folgendem Link erwerben: http://www.lulu.com/shop/nikola-medimorec/reunification-through-transport-lessons-from-the-german-unity-transport-projects-for-the-korean-peninsula/ebook/product-20282587.html

Raus aus den Schulden! — Nordkorea vereinbart Entschuldungsdeal mit Russland


Wenn man in Europa schwer überschuldet nurnoch von einem Kredit zum Anderen dahinvegetiert und es rein realistisch betrachtet keinen Weg mehr aus diesem Zustand gibt, als irgendwann den Offenbarungseid zu leisten, gibt es eigentlich nur zwei Wege, diesem Zustand rein unrealistisch betrachtet zu entkommen: Entweder man verlässt sich drauf, dass die EZB beim Gelddrucken noch ein paar Extraschichten einschiebt (Inflation? Was solln der Quatsch? Und was soll dann bitte eine harte Währung werden? Der Grundsolide Dollar, der sich gerade auch per Inflation sanieren will, der Yuan, in absolut politisch stabilem Umfeld gehegt und gepflegt (und von Marktmechanismen ferngehalten wird) oder doch der Yen, der immerhin eine Wirtschaft repräsentiert, die seit Jahrzehnten von Rekord zu Rekord eilt stagniert (und hin und wieder auch stagflationiert)?) und wenn das nicht klappt, verlässt man sich auf den einzigen grundsoliden Haushaltsexperten der Welt, der unter vollkommen realitätsnahen Bedingungen fast jedes Problem behebt.

Nur ein kleines Land in Ostasien leistet Widerstand…

In einem kleinen Land in Ostasien sieht das dagegen ganz anders aus. Dort hat man den Gläubigern schon seit Jahrzehnten erfolgreich Widerstand geleistet, indem man dieses ganze Problemfeld einfach zurückstellte. Will heißen: Man ließ Schulden Schulden sein und Zinsen Zinsen und zahlte einfach garnichts zurück. Damit war man dann auch nicht ständig damit befasst, neue Kredite zu halbwegs tragbaren Konditionen aufzunehmen, oder irgendwelche Rückzahlungsbedingungen auszuhandeln.

Mischkalkulation: Wenig Konsum, Schattengeschäfte und Mäzenatentum

Das alles funktioniert so lange, wie man entweder bereit ist, nur wenig im Ausland einzukaufen und den Großteil der eigenen Konsum- und anderen Güter in Eigenleistung zu produzieren oder in der Lage, jede Menge Devisen durch allerlei Spezialgeschäfte zu erwirtschaften, von denen keiner was wissen darf und wohl auch nur ganz wenige was wissen. Außerdem kann man sich natürlich noch auf das Mäzenatentum wohlwollender Gönner verlassen, die die politischen Künstler im Norden so sehr schätzen oder fürchten, dass sie ihnen einfach irgendwas schenken. Ich glaube im Falle Nordkoreas handelte es sich um eine Art Mischkalkulation: Man konsumierte nicht allzuviel ausländisches und das was man unbedingt brauchte, ließ man sich entweder schenken, oder man kaufte es sich mit Mitteln, die man vorher bei irgendwelchen Schattengeschäften verdient hat.

Veränderte Kalkulation

Irgendwie scheint diese Kalkulation in den vergangenen Jahren aber nicht mehr so gut aufgegangen zu sein, denn Pjöngjang versuchte mit einigen seiner Schuldner Ergebnisse zu erzielen. Nordkoreas Schuldenlast ist nach europäischen Maßstäben lächerlich und wird mit unter 20 Mrd. US-Dollar taxiert. Von diesen Schulden lag der Löwenanteil bei Russland als Nachfolgerin der Sowjetunion (man hat sich auf 11 Mrd. US-Dollar geeinigt). Seit dem Ende der Sowjetunion hatte es zwischen beiden Staaten Unstimmigkeiten über die Höhe und mögliche Rückzahlungsmodalitäten gegeben und das hatte sicherlich auch negative Auswirkungen auf die russisch-nordkoreanische Kooperation im wirtschaftlichen Bereich. Anläufe gab es viele, aber eine Lösung war bisher nie zustande gekommen. Das hat sich dann allerdings vor ziemlich genau einem Jahr geändert.

Kim Jong Il brachte den Deal auf den Weg…

Damals war der inzwischen bekanntermaßen verstorbene Kim Jong Il zu nach Russland gereist und hatte sich unter anderem intensiv mit dem damaligen russischen Präsidenten Dmitri Medwedw unterhalten. Nach seiner Rückkehr in die Heimat war bekannt geworden, dass man sich in Grundzügen auf eine Lösung hinsichtlich der Schuldenfrage geeinigt habe. Danach sollte Russland 90 % der Schulden erlassen und die restlichen zehn Prozent sollten in Gemeinschaftsprojekte in Nordkorea fließen. Die Sache mit den restlichen 10 % habe ich damals nicht richtig verstanden und verstehe es heute immernoch nicht wirklich. Nur eines ist klar. Für Pjöngjang ist das ein hervorragendes Geschäft. Man “zahlt” die eigenen Schulden zurück, ohne einen einzigen Rubel/Won/Dollar in die Hand zu nehmen und hat gleichzeitig noch eine Vereinbarung über russisch-nordkoreanische Gemeinschaftsprojekte in Nordkorea in der Tasche.

…und jetzt ist er vereinbart

Aber zurück zum Thema. Jedenfalls wurde gestern von russischer Seite offiziell bekanntgegeben, dass man sich tatsächlich mit Nordkorea über die Schuldenfrage geeinigt hat und dass die Modalitäten ziemlich genau bei dem geblieben sind, das vor einem Jahr bekannt wurde (Danke C.R. für deinen Hinweis auf der Freie Beitragsseite!). Scheinbar gab es da noch viele Details, die in den letzten zwölf Monaten verhandelt werden mussten, die aber bis jetzt nicht bekannt gemacht wurden, so dass es bis zum vergangenen Montag dauerte, bis die Geschichte unter Dach und Fach war. Wenn da Deutschlands kompetentester Entschulder mal nicht die Finger im Spiel hatte, schließlich ist er ja auch auf staatlicher Ebene ein etablierter Player…

Ein bisschen was bleibt zu tun

Allerdings hat Pjöngjang damit natürlich nicht alle Schuldenprobleme aus dem Kreuz. Es bleiben immernoch ein paar Milliarden, die man nicht so einfach abstottern können wird, weil man die wenigen vorhandenen Devisen für anderes ausgeben muss, die aber einer Rückkehr in das internationale Finanzsystem (mal abgesehen von den Sanktionen der USA, aber die lasse ich hier mal außer Acht) verhindern, weil Pjöngjang noch immer als Kreditunwürdig gilt. Auch hier müssen wohl Lösungen gefunden werden, aber auch hier dürfte Pjöngjang stark darauf bedacht sein, nicht den “klassischen Weg” zur Schuldenrückzahlung zu gehen. Auch hier wären die Künste Peter Zwegats wohl von Nutzen. Nur einen Fall gibt es, da könnte vermutlich eine ganze Zwegatarmee nichts ausrichten.

Komplizierte Geschichte: Die Sache mit dem Süden

Denn auch beim verfeindeten Bruderstaat im Süden steht man in der Kreide. Die Gelder, die während der Sonnenscheinpolitik von Kim Dae-jung und seinem Nachfolger Roh flossen, waren zu einem nicht unbedeutenden Teil Kredite, die allerdings mit teils sehr angenehmen Konditionen für den Norden versehen waren. Das hinderte den Kreditnehmer aber nicht daran, alle Hinweise aus dem Süden in den Wind zu schlagen, dass es an der Zeit sei, nun mit dem Schuldendienst zu beginnen. Um es ein bisschen klarer zu formulieren: Pjöngjang scheint nicht zahlen zu wollen. Das heißt, während auf der einen Seite der Schuldenberg kleiner wird, nimmt er auf der anderen Seite wieder zu. So kommt man nicht nachhaltig aus der Klemme. Allerdings wüsste ich mal gerne, wie die Geschichte ausgehen würde, wenn Südkorea der einzige Gläubiger wäre, der vergeblich bei seinem Nachbarn an die Tür klopfen würde.

Abwarten

Ich bin mal gespannt und werde sowohl auffällige Reisebewegungen Peter Zwegats im Auge behalten, als auch mögliche Versuche Nordkoreas, mit weiteren Gläubigern zu einer Lösung des Schuldenproblems zu kommen. Aber vielleicht hat Herr Zwegat der Führung in Pjöngjang auch den Kontakt zu einem anderen seiner Klienten verschafft und in Pjöngjang hofft man nun auf eine reiche Bescherung von dieser Seite, die alle Probleme aus der Welt schaffen soll.

Der Wald und die vielen Bäume — Einige Fragen zur Annäherung an das große Ganze


Nachdem ich dem Blog ein paar Tage ohne mich abzumelden ferngeblieben bin (ich hatte viele kleine Sachen zu machen, die zusammen einen großen Berg ergaben), bin ich jetzt endlich mal so weit, dass ich was schreiben kann. Wie so oft, wenn man sich nach einiger Zeit nochmal eingehend mit der Materie befasst, fängt man an, ein bisschen mehr den Wald zu sehen und ein bisschen weniger die einzelnen Bäume (weshalb ich es nach wie vor für heilsam halte, ab und zu ein paar Schritte rückwärts zu gehen). Das soll keine Kritik an denen sein, die sich mehr für einzelne Bäume interessieren und weniger für den ganzen Wald (schließlich besteht der überwiegende Teil meines Blogs aus der Betrachtung einzelner Bäume), aber ab und zu sollte man eben auch das Ganze anschauen und sich überlegen, was da die Fragen sind, die es momentan zu stellen gilt. Gerade vor dem Hintergrund der ablaufenden Machtkonsolidierung der neuen Ordnung nach Kim Jong Il, sollte man das mal tun.

Ein Baum. …

…Viele Bäume. … Und der Wald? …

…Irgendwo dahinten.

Naja und da mein Objektiv momentan eher auf Weitwinkel steht, dachte ich, versuche ich mal den ganzen Wald aufs Bild zu bekommen. Das soll und kann allerdings nicht heißen, das ich in der Folge versuchen werde, Nordkorea “als Ganzes” zu erklären oder so einen Quatsch. Stattdessen will ich einfach eine Sammlung von Fragen machen, auf die es soweit ich das sehe, bisher keine abschließenden Antworten gibt, die aber für die nähere und entferntere Zukunft Nordkoreas entscheidend sein werden. Eigentlich werde ich also kein Foto, sondern ein Negativ produzieren. Ich werde aufzeigen, was wir alles nicht sehen.

Machtstrukturen im Regime

Der erste Komplex von Fragen, die indirekt immer wieder gestellt werden (oft in Form von vorgeblichen Antworten, die manche Presseerzeugnisse zu haben glauben), bezieht sich auf die Machtstrukturen des Regimes nach Kim Jong Ils Tod. Es ist schon viel spekuliert, gemutmaßt und analysiert worden und einiges davon war bestimmt richtig, aber wir wissen im Endeffekt nur sehr wenig. Aber sehr wenig ist immernoch mehr als nichts:

  • Es gab Verschiebungen innerhalb der Regimeführung, vor allem beim Militär. Einige der Leute, die schon unter Kim Jong Il, aber in Verbindung mit der Wahl Kim Jong Uns als Nachfolger, ihren Aufstieg begonnen haben, sind noch wichtiger geworden (z.b. Choe Ryong-hae (siehe unten in den Kommentaren) Kim Jong-gak). Andere sind überraschend aus der Führung entfernt worden (z.B. Ri Yong-ho).
  • Jedoch sind andere Bereiche der Führung eher konstant geblieben. Sowohl was die Regierung, als auch den diplomatischen Apparat, das Parlament und die Partei angeht, sind Änderungen weitgehend ausgeblieben.
  • Jang Song-thaek, dem Mann der Schwester Kim Jong Ils, Kim Kyong-hui, scheint tatsächlich eine wichtige Rolle zuzukommen. Er trat nach Kim Jong Ils Tod erstmals mit Militäruniform auf, spielte aber auch im außenpolitischen Bereich, z.B. durch seine China Reise im vergangenen Monat eine wichtigere Rolle.
  • Es scheint innerhalb der Führung eine größere Arbeitsteilung bei der Repräsentation gegenüber der Bevölkerung zu geben. Noch zu Lebzeiten Kim Jong Ils hatte Choe Yong-rim begonnen, eigenständige Vor-Ort-Anleitungen durchzuführen. Diese wurden seit dem Tod aber noch verstärkt und auch der Militär jetzt in Uniform steckende (siehe in den Kommentaren) Choe Ryong-hae durfte ein bisschen Vor-Ort-anleiten. Möglich, dass es das auch schon vorher gab. Aber jetzt wird darüber berichte. Das Regime bekommt also mehr Gesichter.
  • Es gab einzelne Entwicklungen, die von außen betrachtet auf eine inkonsistente Politik hindeuten und mit dem Agieren unterschiedlicher Interessen erklärt werden können. Dass die Führung eine Vereinbarung mit den USA über umfangreiche Lebensmittellieferungen schloss, nur um kurze Zeit später einen Raketenstart anzukündigen, der die Vereinbarung nichtig machte und die Atmosphäre zwischen den beiden Staaten weiter vergiftete, ist mit anderen Gründen nicht leicht zu erklären.

Allerdings sagen diese Beobachtungen wenig darüber aus, was tatsächlich im inneren der Führung geschieht. Hier sind allenthalben nur offene Fragen zu sehen:

  • Waren die Machtverschiebungen im Militär vorab geplant, das Ergebnis von internen Machtkämpfen oder ein Schritt Kim Jong Uns, unbequeme Akteure zu entfernen?
  • Sind die Veränderungen im Regime abgeschlossen, oder besteht weiterer Handlungsbedarf?
  • Haben interne Machtkämpfe Einfluss auf die Politik des Regimes und führen solche Machtkämpfe zu Inkonsistenzen.
  • Hat sich das Gewicht zwischen den verschiedenen institutionellen Machtpolen im Regime verschoben (beispielsweise zuungunsten des Militärs)?
  • Hat sich mit der stärkeren Repräsentation des Regimes nach außen, durch einzelne Akteure auch die Macht stärker verteilt?
  • Welche Position hat Jang Song-thaek (gemeinsam mit seiner Frau Kim Kyong-hui) innerhalb des Regimes? Hat er ein eigenes übergreifendes Machtsystem unabhängig vom institutionellen Machtgleichgewicht etabliert oder stützt er sich auf einzelne Institutionen und Organisationen innerhalb des Regimes, hat jedoch Widersacher in anderen Institutionen?
  • Wie passt Kim Jong Un in das Bild des neuen Regimes?

Und Kim Jong Un?

Die letzte Frage führt zu einem neuen Themenkomplex, denn einerseits könnte die Bedeutung des jungen Kim für die Zukunft seines Landes ähnlich groß sein, wie es die seines Vaters war, andererseits ist es aber auch möglich, dass sein Gewicht überschätzt wird (also ihr wisst wie ich meine…) und er weniger Einfluss hat, als das nach außen hin scheint. Daher erstmal ein Blick auf das was wir wissen.

  • Kim Jong Un hat nach außen hin eine Rolle inne, die der seines Vaters sehr ähnlich ist. Er macht Vor-Ort-Anleitung, wird als der Führer des Landes behandelt und hat die entsprechenden formalen Positionen eingenommen.
  • Er sieht seinem Großvater Kim Il Sung sehr (verblüffend) ähnlich und scheint diese Ähnlichkeit durch Kleidungsstil und Auftreten noch unterstreichen zu wollen.
  • Sein Stil in der Öffentlichkeit unterscheidet sich deutlich von dem seines Vaters. Er hält öffentliche Reden und scheint einen besseren Draht zu den Menschen zu haben. Er tritt gemeinsam mit seiner Frau auf, was im Falle Kim Jong Ils nicht passierte (jedenfalls wurde es nicht von den Medien thematisiert).
  • In seinen Reden setzt er Akzente, die bisher so nicht gekannt waren (z.B. “Die Menschen sollen den Gürtel nicht mehr enger schnallen müssen”).
  • Er nimmt auch außenpolitische Termine wahr.
  • Über seine Vergangenheit und seine Ausbildung, bis zu dem Moment, als er anfing gemeinsam mit Kim Jong Il aufzutreten, liegen keinerlei gesicherte Erkenntnisse vor.

Hier deuten viele der Dinge, die wir wissen in eine gemeinsame Richtung: Kim Jong Un scheint willens und in der Lage, sein Land zu verändern; Oder um genauer zu sein, zu modernisieren. Allerdings muss man mit dieser Einschätzung nach wie vor vorsichtig sein, denn im Endeffekt beruhen fast alle Informationen, die ich hier aufgelistet habe, auf dem, was uns die Staatsmedien zur Verfügung stellen. Das heißt, es kann der Realität entsprechen, es kann sich aber auch um gezielte Manipulation handeln. Daher stehen noch viele Fragezeichen und einige weitere Fragen hinter der Wahrnehmung Kim Jong Uns als Veränderer:

  • Hat Kim Jong Un tatsächlich Macht im Regime, oder ist er nur ein Pappkammerad zum Vorzeigen, der den wahren Machtzentren innerhalb des Regimes hilft, ihren Einfluss zu wahren?
  • Muss (bzw. musste) er um die Mach kämpfen, oder war das Feld soweit bereitet, dass er schlicht übernehmen musste?
  • Wie ist sein Verhältnis zu seinem Onkel Jang Song-thaek? Hat sich dieser untergeordnet, ist er Strippenzieher oder besteht eine latente Konkurrenzsituation?
  • Gibt es innerhalb des Regimes Faktionen, die glauben ohne ihn auskommen zu können?
  • Hat er die Kompetenz, eigene politische Impulse zu setzen, bekommt er sie eingeflüstert, oder wird ihm seine Agenda gar diktiert?
  • Bestand ein Masterplan für seine Machtübernahme und für die Rolle, die er künftig füllen soll und wie weit reicht/e der?
  • Wie ist er sozialisiert worden und was sind seine Ideale (unabhängig von seinem Einfluss und seinen Kompetenzen)? Glaubt er an das System, dem er vorsteht, sieht er es als Mittel zum Zweck oder gar als Übel, dass es zu verändern gilt?

Die Systemfrage

Mit dieser Frage kommen wir zu einem neuen wichtigen Themenkomplex. Unabhängig davon, wie es um die Stabilität und die Dynamiken des gegenwärtigen Regimes bestellt ist, müssen die Leute, die jetzt an der Macht sind ja politische Ziele mit dem Land verfolgen. Dazu kann ich mir grob drei idealtypische Richtungen vorstellen, die man anstreben könnte: Reform und Öffnung, weiter durchwursteln, oder Widerherstellung der Ordnung, die zu Lebzeiten Kim Il Sungs bestand. Eine Bestandsaufnahme der Situation könnte bei einer Annäherung helfen:

  • Nordkorea leidet unter einem strukturellen Nahrungsmittelmangel, der in einem System, das nach Autarkie strebt, kaum zu beheben sein dürfte.
  • Nordkorea hat Ende 2009 eine Währungsreform durchgeführt, die das Ziel hatte, die vom Staat unabhängige Wirtschaft soweit wie möglich einzudämmen.
  • Die Reform ist fehlgeschlagen und nach wie vor bestehen private Schattenwirtschaften, die eine Bevölkerungsgruppe entstehen lassen, die sich vollkommen unabhängig vom Staat versorgen kann und auf die der Staat kaum noch Zugriff (z.B. auch zur ideologischen Schulung) hat. Die Schattenwirtschaft ergänzt gleichzeitig die staatliche Versorgung mit Lebensmitteln um eine teils lebenswichtige Komponente, bietet aber auch staatlich nicht regulierten Zugang zu Konsumgütern und Informationen
  • Die Wirtschaft des Landes ist durch Sanktionen, aber auch durch systemische Mängel marode und kann innerhalb der aktuellen Rahmenbedingungen wohl kaum wieder in Schuss gebracht werden.
  • Nordkorea zeigt ein gesteigertes Interesse an der Idee von Sonderwirtschaftszonen. Vor allem die zwei SWZ im Norden des Landes genießen große Aufmerksamkeit von Seiten des Regimes. Anders als bei früheren Experimenten mit SWZ scheint dieses Mal ein größerer Wille zum Erfolg zu existieren. Währenddessen scheint die SWZ in Kaesong (gemeinsam mit Südkorea betrieben) zu stagnieren.
  • Das Land driftet zusehends in eine einseitige wirtschaftliche Abhängigkeit gegenüber China und ist aktuell auf die Bereitschaft Pekings angewiesen, Unterstützung zu gewähren.
  • Allerdings scheint man in den letzten Monaten auch immer aktiver um Investoren aus anderen Staaten zu werben.

Ich beurteile die Situation in Nordkorea so, dass ein “Zurück zur alten Ordnung” nicht mehr möglich ist. Der letzte Versuch in diese Richtung ist mit der Währungsreform 2009 gescheitert. Damit blieben als Optionen ein Durchwursteln, das darin bestünde, so weit wie möglich am aktuellen Status quo festzuhalten, oder Reform und Öffnung, was eine graduelle Integration Nordkoreas in das globale Wirtschaftssystem bedeuten würde. Während die erste Alternative für die Führung möglicherweise den Reiz hat, dass plötzliche Instabilitäten vermieden werden können und so ein Volksaufstand in naher Zukunft weitgehend auszuschließen ist, hat eine die zweite Variante den Vorzug, dass sie bei Erfolg einen langfristigeren Machterhalt verspricht. Einiges deutet auf eine Reformrichtung hin, allerdings ist auch hier die definitive Marschrichtung nicht klar. Das alles wirft einige Frage auf:

  • Ist bereits über die Zukunft des Systems entschieden, oder wird darüber ein interner Diskurs geführt?
  • Sollte eine Richtung beschlossen sein: Herrscht darüber Konsens oder gibt es Elemente, die sich aktiv oder passiv widersetzen?
  • Gibt es innerhalb der Führungsspitze Gruppen, denen das Wohl der Bevölkerung ehrlich am Herzen liegt, oder ist das nur ein Faktor, wenn es um den Machterhalt geht?
  • Sieht man die Abhängigkeit von China als unmittelbare Gefahr oder als mittelbares Risiko?
  • Hat man bereits auf die SWZ als die entscheidende Lösung zur Behebung der wirtschaftlichen Probleme gesetzt, oder ist man noch in einem Stadium, wo man die Bemühungen in diesem Feld jederzeit einstellen kann?
  • Sollen die SWZ für sich genommen die Probleme des Landes lösen oder nur als gut abgeriegeltes Experimentierfeld dienen?
  • Sieht man eine Integration Nordkoreas in das internationale Wirtschaftssystem als vereinbar mit der Stabilität des Regimes an?
  • Kann man andere Partner außer China gewinnen, die bereit sind in die Entwicklung des Landes ernsthaft zu investieren?

Außenpolitik

Irgendwie sind wir damit auch schon beim letzten Themenkomplex angekommen, dem ich mich bei der Waldbetrachtung widmen will. Dem Äußeren. Traditionell mied Nordkorea einseitige Abhängigkeiten und fuhr eine unkonventionelle Außenpolitik, die nicht selten gegen hergebrachte Regeln verstieß, was Nordkorea für Freunde zu einem unbequemen Partner und für Feinde zu einem unangenehmen Gegner machte. Damit fuhr die Führung des Landes relativ gut (es existiert immerhin noch irgendwie in der Form, in der es bis zu den 90er Jahren zu den sozialistischen Staaten wurde. Das können nicht viele andere Staaten von sich behaupten) allerdings führte es auch zu einem permanenten Balancieren auf Messers Schneide. Auch hier will ich erstmal auf die aktuelle Situation schauen.

  • Nordkorea wird von der westlichen Staatenwelt mit den USA an der Spitze und Südkorea und Japan als wichtige regionale Verbündete (wobei Südkorea natürlich nochmal ein Sonderfall ist) als Unruhestifter und latentes Risiko für den Frieden und die Sicherheit in der Region gesehen. Die Gefahr geht dabei von der Kriegsgefahr mit Südkorea aus, aber auch vom Proliferationsrisiko, dass Nordkoreas Nuklear- und Raketenprogramm entspringt. Allerdings könnten Instabilitäten auch von unkontrollierten Flüchtlingsströmen nach einem Regimekollaps herrühren. Eine direkte Bedrohung aus dem Nuklear- und Raketenprogramm des Landes ist bisher und auch in den nächsten Jahren dagegen höchstens für Japan und Südkorea existent und selbst da ist ein Fragezeichen angebracht.
  • Nordkorea strebt zwar eine Wiedervereinigung mit Südkorea an, allerdings nicht nach einem “deutschen Modell”, was für die Eliten einen weitgehenden Statusverlust bedeuten würde. Der Süden dürfte sich aber aktuell kaum zu einer Föderation bereitfinden. Eine Wiedervereinigung wird es vermutlich daher erst nach dem Ende des aktuellen nordkoreanischen Regimes geben.
  • Das Regime in Pjöngjang ist aktuell auf den Schutz und die Unterstützung Chinas angewiesen. Ohne die wäre das Risiko eines Regimekollapses sehr hoch.
  • Russland und Nordkorea haben sich in den vergangen Jahren sachte angenähert, aber aktuell sieht es nicht so aus, als würde Russland mit China um die Rolle als Schutzmacht konkurrieren.
  • Nordkorea scheint seit einiger Zeit auf der Suche nach neuen Verbündeten in der Gruppe der kleinen und mittleren Staaten. Dabei scheint ein regionaler Fokus auf geographisch näheren Staaten zu existieren.
  • Gegenüber den westlichen Staaten stellt das Nuklearprogramm den einzigen Garanten für Aufmerksamkeit dar und ist gleichzeitig die entscheidende Verhandlungsmasse des Regimes. Durch den Aufbau des Zentrifugenprogramms zur Urananreicherung wurde diese Verhandlungsmasse sozusagen in zwei Teile gespalten.
  • Nuklearwaffen stellen eine ziemlich gute Versicherung vor Angriffen von außen dar. Die Geschichte lehrt, dass nuklear bewaffnete Staaten nicht von anderen Staaten attackiert werden. Nordkorea sieht das nach außen hin genauso.
  • In den drei für Nordkoreas Außenpolitik enorm wichtigen Staaten USA, Südkorea und China wird innerhalb des nächsten Jahres gewählt, bzw. es werden neue Personen die Führung übernehmen (wenn sie denn wieder auftauchen).
  • Ohne eine Annäherung mit den USA wird es nicht zu einer Erleichterung der Sanktionen der Vereinten Nationen (und natürlich der USA) kommen. Ohne eine solche Erleichterung dürfte eine Eigliederung in das globale Wirtschaftssystem kaum denkbar sein.

Das alles sieht recht vertrakt aus. Nordkorea braucht den Westen, um sich aus der einseitigen Abhängigkeit von China zu lösen und die eigene Entwicklung anzustoßen (oder alternativ, um den Status quo bestmöglich aufrechtzuerhalten). Dazu muss es aber glaubwürdig machen, dass es bereit ist, sein Nuklea(waffen)programm aufzugeben. Das stellt aber eine entscheidende Versicherung gegen Angriffe von außen dar (wenn er noch leben würde, könnte man dazu Herrn Gaddafi befragen). Insgesamt hängt das außenpolitische Agieren Nordkoreas aber in erster Linie von den  außenpolitischen Zielen des Landes ab. Und die sind mir nicht wirklich bekannt. Daher in der Folge einige entscheidende Fragen:

  • Strebt Nordkorea nach einem Ausgleich mit Südkorea und den USA? Vielleicht vor dem Hintergrund der Abhängigkeit von China und der Unmöglichkeit von Entwicklung bei existierenden Sanktionen?
  • Wird Nordkorea bereit sein, sein Nuklearprogramm ganz aufzugeben? Wenn nicht, will es einen Teil davon als Verhandlungsmasse nutzen?
  • Werden sich die USA von dem Nuklearprogramm überhaupt noch lange locken lassen? Wenn nicht, was sind alternativen?
  • Gibt es außer China potentielle Verbündete für Nordkorea, die bei allen Nachteilen einen Sinn darin sehen, dem Land Schutz und Unterstützung zu bieten (das zielt vor allem auf Russland, aber auch auf kleine und Mittelstaaten).
  • Werden sich aus den Veränderungen in den Führungen Chinas, der USA (vielleicht) und Südkoreas neue Möglichkeiten für Nordkorea ergeben, außenpolitisch zu manövrieren? Wenn nicht: Was sind die alternativen? Neue provokative Aggressionen?
  • Ist Pjöngjang bereit, durch weitere Aggressionen das Risiko eines Krieges auf der Koreanischen Halbinsel in Kauf zu nehmen?

Hm, das waren jetzt viele Fragen. Ich weiß, das waren bei weitem nicht alle, die zu stellen wichtig wäre, aber vielleicht hat es geholfen, den Wald ein bisschen mehr als Wald und nicht als viele Bäume zu zeigen. Ich bin gespannt, ob wir in Zukunft auf die eine oder andere Frage eine Antwort kriegen werden. Außerdem bin ich gespannt, ob es mir helfen wird, die Fragen anzuschauen, wenn ich mal wieder mitten im Wald bin und nur noch Bäume sehe. Mal gucken…

Nordkoreas Wirtschaftskontakte zu Russland und China — Einige kleine aber interessante Meldungen


In letzter Zeit sind mir ein paar kleine Meldungen aus Nordkoreas großen, eher freundlich gesonnenen Nachbarländern aufgefallen, die sich grob gesagt mit den Wirtschaftskontakten Nordkoreas zu China und Russland befassen und die irgendwie ein gemischtes Bild über den derzeitigen Stand der Kontakte widergeben. Zwar zeigen sie meist nur kleine Ausschnitte des großen Bildes und sollten daher nicht “überanalysiert” werden, aber auf ihre Art sind sie interessant und deshalb will ich euch kurz darauf aufmerksam machen.

Nordkoreanische Investitionen in Russland?

Die erste Meldung kommt aus Russlands fernem Osten und um genauer zu sein aus Nachodka. In dieser Stadt, die etwa 85 km östlich von Wladiwostok liegt und über die ein großer Teil des russischen Frachtverkehrs in Russlands fernem Osten abgewickelt wird, hat das nordkoreanische Generalkonsulat für die Region seinen Sitz (nicht in Wladiwostok). Jedenfalls wird auf dem Internetauftritt berichtet, dass sich der nordkoreanische Generalkonsul in der Region nach seiner Rückkehr von den Feierlichkeiten zu Kim Il Sungs Geburtstag (und den politischen Ereignissen in diesem Zusammenhang) mit dem stellvertretenden Bürgermeister Nachodkas getroffen habe und sprach mit ihm unter anderem über folgendes.

Sim Guk Reon also told about the number of investment projects, which are planned to be implemented in the territory of Nakhodka city district. Among new spheres for cooperation between Nakhodka and the DPRK can be pharmaceutics, agriculture, etc.

[Sim Kuk Reon teilte auch die Zahl geplanter Investitionsprojekte, die innerhalb des Territoriums der Stadt Nachodka umgesetzt werden sollen mit. Unter den neuen Bereichen für Kooperation zwischen Nachodka und der DVRK könnten Medikamente, Landwirtschaft usw. sein.]

Hm, plant Pjöngjang Auslandsinvestitionen? Das verstehe ich nicht wirklich, denn eigentlich sollte man ja denken, dass man die eigene Wirtschaft ankurbeln will. Oder ist Nachodka in seiner Funktion als Transportknoten interessant für nordkoreanische Warenbeschaffer? Vielleicht sucht man auch den Kontakt zu Nachodka, um zu erfahren, was man nicht tun sollte, wenn man eine Sonderwirtschaftszone an den Start bringen sollte.

Nordkoreareisen nicht überall in China beliebt

Die zweite Meldung kommt aus Chinas wirtschaftlichem Herzen, aus der Provinz Jinagsu. In den vergangenen Monaten konnte man ja einiges über Nordkoreas Bemühungen um chinesische Touristen lesen und ich hatte bisher immer angenommen, dass diese Bemühungen auch einigen Erfolg hatten. Das scheint jedoch nicht für die Provinz Jiangsu zuzutreffen, denn die Meldung, auf dem Nachrichtenportal der Provinz besagt, dass man sich in der Region kaum für Reisen nach Nordkorea interessiere. Das Läge vermutlich an den vielfältigen Restriktionen, denen ausländische Touristen trotz einiger Erleichterungen unterlägen und daran, dass es in dieser Preisklasse wesentlich  ansprechendere Urlaubsziele gäbe.

Chinesische Handelskammer in Pjöngjang und Nordkorea interessiert es nicht?

Die letzte Meldung ist vermutlich von größerer Tragweite, schon allein, weil sie im People’s Daily erschien. Dort wird die Eröffnung einer chinesischen Handelskammer verkündet, die die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Nordkorea und China fördern solle. Die Kammer würde dem chinesischen Handelsministerium unterstehen und von der chinesischen Botschaft in Pjöngjang beaufsichtigt. Natürlich ist es wichtig, wenn China die wirtschaftliche Kooperation beider Länder fördern will. In diesem Kontext fiel mir allerdings auf, dass keine nordkoreanischen Gäste im Rahmen der Eröffnung erwähnt werden und das auch die nordkoreanischen Medien dazu scheinbar nichts zu sagen haben. Normalerweise berichtet man in Pjöngjang immer stolz über solche Veranstaltungen und stellt auch Leute dazu ab. Ob das was zu bedeuten hat und wenn ja was, das weiß ich nicht, aber vorerst finde ich es interessant.

Hm, großartige Erkenntnisse kann ich heute nicht liefern, aber ein paar Sachen über die man nachdenken kann…

Rasons langer Weg zum Logistikknoten: Russland und Nordkorea eröffnen in diesem Jahr Bahnverbindung zum Gütertransport


Langsam aber stetig schreitet die Entwicklung der Sonderwirtschaftszone in Rason voran. Die Zone ist für die Nachbarstaaten ja nicht zuletzt deshalb interessant, weil sie potentiell gute Bedingungen bietet, um in Zukunft als Logistikdrehscheibe zu dienen. Den nordöstlichen Provinzen China bietet sie einen nahen Zugang zum Pazifik, der einen weiten Überlandtransport von Gütern erspart und für Russland ist die Tatsache interessant, dass der Hafen der Zone ganzjährig Eisfrei ist und damit eine gewisse Sicherheit in den Abtransportmöglichkeiten bietet.

Aber um ein regionales Logistikzentrum zu werden, ist es natürlich unerlässlich, dass Rason an die regionalen Verkehrsnetze angebunden wird, denn wenn keine Waren hinkommen können, dann können auch keine weiter transportiert werden. Dementsprechend arbeiten China und Nordkorea daran, die Straßenverbindung nach Rason so zu gestalten, dass die chinesischen Produkte auf diesem Weg durchs Land gelungen können und dementsprechend haben Russland und Nordkorea gemeinsam die Bahnverbindung zwischen Rajin (eine der beiden Städte, die den Kern von Rason bilden, die zweite ist Sonbong) und dem Russischen Khasan in den letzten Jahren ausgebaut. Nun hat Nordkoreas Nachrichtenagentur KCNA verkündet, dass noch in diesem Jahr regelmäßig Güterzüge auf dieser Strecke verkehren sollen. Schon im Oktober vergangenen Jahres verkehrte ein Testzug auf der neuen Stecke und ab Oktober diesen Jahres soll es dann ernst werden.

Dann können etwa 100.000 Container pro Jahr auf diesem Weg transportiert werden. Bis dahin sollen laut nordkoreanischen Angaben noch die Bahnhöfe und Kommunikationsnetze an der Strecke in Stand gesetzt werden. Der 54 km lange Schienenweg sei von der Eastern Railway Ryonun Company, einer Tochter der russischen Bahngesellschaft RZD, gepachtet worden, so dass die russische Bahn nun die Rechte an diesem Abschnitt hält. Das dürfte den Russen Geschäftssicherheit bieten und für die nordkoreanische Seite wohl nicht so wichtig sein, denn hier wünscht man hauptsächlich, dass das “Warenbächlein”, das momentan zwischen beiden Seiten tröpfelt (der Handel belief sich im vergangenen Jahr auf 110 Millionen US-Dollar) zu einem echten Warenstrom wird. Diese Strecke ist sicherlich eine gute Möglichkeit dazu.

Ob allerdings der Wunsch in Erfüllung geht, durch den Steckenausbau Rason zu dem entscheidenden Verbindungsstück zwischen Europa und Nordostasien zu machen, wird sich erst noch herausstellen müssen. Ein wichtiger Schritt allemal. Das entsprechende Container-Terminal in Rajin scheint schon fertig zu sein und auf den Warenstrom aus Russland zu warten (der aber für einen wirklichen “Logistikknoten” noch nicht reichen würde. Zum Vergleich: Der Hafen in Hamburg schlug 2010 knapp 8 Millionen Container um (aber das ist zugegeben eine hohe Messlatte)). Die Zukunft wird zeigen, ob die Pläne so umgesetzt werden, aber die Investitionen von russischer Seite zeigen zumindest, dass ein  echtes Interesse besteht.

Noch kurz drei Anmerkungen zu dem Video, dass KCNA mitgeliefert hat.

1. Etwa bei Sekunde 13 sieht man sehr schön, dass die Gleise auf diesem Teilstück für zwei Spurbreiten verlegt wurden. Die breitere russische und die schmale nordkoreanische. Scheinbar sollen auch nordkoreanische Züge auf der russischen Strecke fahren dürfen.

2. Der russische Vertreter war bei der Unterzeichnung des Vertragswerks echt leger gekleidet. das mit dem Business-Dresscode ist wohl von Land zu Lad verschieden.

3. Interessant finde ich, dass auch in diesem Video wieder so ein moderner Zug gezeigt wird. Ich hatte mal auf der Freien Beitragsseite gefragt, was das für ein Zug sein soll und Tobias (Danke dafür) hat recht ausführlich geantwortet, dass es sich dort um CRH-Hochgeschwindigkeitszüge handelt, die in China verkehren. Da frage ich mich doch glatt, warum man die so gern in die eigenen Videos einbaut. Hofft man, dass die Dinger auch bald in Nordkorea verkehren? Oder ist das einfach, um das ganze Video ein bisschen dynamischer aussehen zu lassen?

Die nächsten Tage und Wochen in Nordkorea: Bleibt das Regime stabil oder kollabiert es — Die wichtigsten Aspekte


Der relativ plötzliche, wenn auch nicht vollkommen unerwartete Tod Kim Jong Ils sorgt in aller Welt für Besorgnis und Unsicherheit und das nicht vollkommen zu Unrecht, denn so viel Unklarheit über die Zukunft des Landes, das schon unter der Führung Kims oft für Außenstehende unberechenbar agierte, gab es schon sehr lange nicht mehr (zumindest seit dem Tod Kim Il Sungs 1994, des Vaters Kim Jong Ils). Da sich Nordkorea in der Vergangenheit auch nach außen immer wieder aggressiv gezeigt hatte, erst im vergangenen Jahr durch den Beschuss der südkoreanischen Insel Yonpyong und (vermutlich auch) die Versenkung der (ebenfalls südkoreanischen) Fregatte Cheonan für Kriegsangst gesorgt und gerade in jüngster Zeit wieder massive Drohungen gegen Südkorea ausgestoßen hatte, besteht mit Kims Tod nicht nur ein Risiko für die Stabilität des kommunistischen Staates, sondern für die ganze Region. Daher ist es sinnvoll, einmal zu überlegen, welche Faktoren sich in der näheren Zukunft auf die Stabilität des Regimes in Pjöngjang, dem nun zumindest nominell Kim Jong Un vorsteht, auswirken können.

Innere Stabilität: Kim Jong Uns Nachfolge

Kim Jong Un wurde zwar offenbar als Nachfolger Kim Jong Uns benannt, doch das allein reicht natürlich nicht, um das Regime stabil zu halten. Entscheidend ist vor allem, ob ihm die Eliten auf oberer und mittlerer Ebene auf diesem Weg folgen und ob das Volk ebenfalls stillhält. Daher will ich mir diese drei Gruppen mal kurz anschauen.

Hält das Regime von oben zusammen?

Viele Beobachter befürchteten in der Vergangenheit, dass die Staatspitze Nordkoreas nach dem Tod Kim Jong Ils auseinanderbrechen könnte. Während er das Land seit Jahren mit eiserner Faust regierte und auch Mitglieder der obersten Führung bei illoyalem Verhalten (oder wenn sie im Weg waren) nicht vor Verfolgung sicher waren, ist unklar, ob Kim Jong Un bereits einen Status im Regime erreicht hat, der es ihm erlaubt, ähnlich wie sein Vater früher zu agieren. Kim Jong Il wurde von seinem Vater Kim Il Sung über Jahrzehnte hin systematisch für seine Nachfolge vorbereitet und konnte sich die Strukturen seinen Bedürfnissen entsprechend nach und nach formen. Kim Jong Uns Vorbereitungszeit begann dagegen vermutlich erst 2008 intensiv, nachdem Kim Jong Il vermutlich einen schweren Schlaganfall erlitten hatte und für Monate außer Gefecht war. In den vergangenen Jahren wurden zwar viele personelle und strukturelle Veränderungen an der Struktur des Regimes vorgenommen, um den Boden für Kim Jong Un zu ebnen, jedoch war die Zeit dazu recht kurz und es lässt sich nicht mit Gewissheit sagen, ob alle Mächtigen des Regimes loyal zu Kims Sohn stehen. Sollte dies nicht der Fall sein, könnte es zu inneren Konflikten in der Führung kommen, die einen langsamen oder schnelleren Zusammenbruch des Regimes bewirken könnten. Jedoch sind an absoluten Schlüsselstellen Männer wie Ri Yong-ho, der Generalstabschef des Militärs, Jang Song-thaek, der Mann von Kim Jong Ils Schwester Kim Kyong-hui, der stellvertretender Vorsitzender der Nationalen Verteidigungskommission (das mächtigste militärische und außenpolitische Steuerungsorgan) war und Kim Jong Il als Vorsitzender nachfolgen dürfte und Kims Schwester Kim Kyong-hui installiert (es gibt noch mehr wichtige Stellen, die in den letzten Jahren neu besetzt wurden, was wohl heißt, dass loyal zu Kim Jong Un stehende Menschen dort sitzen), so das mit einem auseinanderbrechen an der Spitze nicht zu rechnen ist. Auch die Tatsache (nicht ganz sicher aber fast), dass Jang Song-thaek die Amtsgeschäfte während Kim Jong Ils Krankheit 2008 führte deuten auf eine Stabilität des Regimes von oben.

Unsicherheit mittlere Führungs- und Verwaltungsebene

Etwas unsicherer und noch schwieriger zu überschauen stellt sich die Situation auf mittlerer Führungs- und Verwaltungsebene dar. Um das Regime weiterhin stabil zu halten genügt es nicht nur, dass der exekutive Apparat in Pjöngjang einheitlich agiert und zusammenhält. Es ist auch notwendig, dass die Militärs, Beamten und Parteikader in der Fläche, das heißt in den Provinzen die Befehle aus Pjöngjang umsetzen und das Regime nicht zu einem Tiger, der zwar einen Kopf aber keinen Körper hat, machen (mir fällt da die Assoziation “Papiertiger” ein). Sollte eine solche Situation eintreten, dann kann das Regime nicht mehr auf Schwierigkeiten in den Provinzen reagieren und es sind sogar bürgerkriegsähnliche Szenarien denkbar (wenn bspw. einzelne Militäreinheiten den Gehorsam einstellen oder sich sogar gegen Pjöngjang richten). Die Gefahr, dass die Kontrolle der Provinzen nicht mehr vollständig funktionieren könnte schätze ich höher ein, als die Möglichkeit einer Erosion von oben. Die Zeit der Vorbereitung für die Nachfolge war recht kurz und es ist möglich, dass zwar an der Spitze, nicht aber in der Breite loyale Kader installiert werden konnten. Auch sind durch den vermehrten Schwarzmarkthandel mit China nahe der Grenze durch Korruption möglicherweise parallele Loyalitäten und Strukturen entstanden, die nun auf eigene Kappe agieren möchten. Alles in allem ist dieses Feld aber wie gesagt kaum zu überschauen.

Die Bevölkerung: Weiter im Griff von Hunger und Angst?

Gerade die Ereignisse des Arabischen Frühlings lassen vermutlich viele darüber nachdenken, ob nicht ähnliche Entwicklungen auch in Nordkorea möglich wären. Vorerst ist wohl mit einem breiten Volksaufstand nicht zu rechnen. Die Kontrolle des Regimes über die Bevölkerung ist noch immer sehr weitreichend. Es gibt keine Bewegungsfreiheit und kaum unabhängige Informations- und Kommunikationskanäle. Außerdem ist die Bevölkerung aufgrund der angespannten Nahrungsmittelsituation einerseits mit dem alltäglichen Überleben beschäftigt, andererseits dürfte auch die Angst vor Verfolgung allgegenwärtig sein. Unruhen in der Bevölkerung wären mit dem zuvor genannten Aspekt, der Erosion aus der mittleren Führungsebene denkbar. Vor allem an der chinesischen Grenze, wo Kommunikation und Information etwas unabhängiger möglich sind, könnte die Bevölkerung aufbegehren. Allerdings dürfte sich auch Pjöngjang dessen bewusst sein und gerade hier den Griff festigen.

Zerfall des Regimes vorerst unwahrscheinlich

Vorerst dürften aber die vorbereiteten Pläne überall im Land greifen und dafür sorgen, dass das Regime seine Stabilität wahrt. Allerdings ist dies nicht mit Sicherheit zu sagen. Vor allen Dingen gibt es auch noch einige andere Faktoren, die sich nachhaltig auf das Regime auswirken könnten. Und die sind kurzfristig vor allem im Agieren der befreundeten, wie der verfeindeten Staaten in der Umgebung zu sehen.

Gefahren von Außen: Nordkoreas Gegner

Viele Regierungen in aller Welt, aber vor allem die in Washington, Seoul und Tokio dürften diesen Moment einerseits erhofft, andererseits aber auch gefürchtet haben, denn die aktuelle Situation zeichnet sich aus durch ein extrem hohes Maß von Unsicherheit und Unberechenbarkeit. Einen gewissen Einfluss können sie dabei auf jeden Fall auf die Stabilität des Regimes haben und auf die Stabilität Pjöngjangs sowohl förderlich als auch schädlich einwirken. Letzteres ist kurzfristig mit einem hohen Risiko verbunden, während ersteres die große Gefahr des “weiter so” mit sich bringt. Ich werde daher einen kurzen Blick auf die Optionen der drei Hauptgegner Pjöngjangs werfen.

Südkorea

Vor allem Südkoreas Präsident Lee Myung-bak steckt wohl jetzt in einem “Gewissensdilemma”. Er hat in den letzten Jahren eine sehr harte Politik gegenüber Pjöngjang verfolgt und vieles getan, um das Regime in Pjöngjang unter Druck zu setzen. Jedoch ist ihm ein echter “Wirkungstreffer” nicht gelungen. In den letzten Monaten waren auch aus seiner Partei, der GNP Stimmen zu hören, die für eine veränderte Linie gegenüber Pjöngjang plädierten und wieder eine kooperativere Linie forderten. Zum aktuellen Zeitpunkt könnte es Lee Myung-bak jedoch tatsächlich gelingen, einen schweren Schlag gegen Pjöngjang zu führen, beispielsweise indem er eine Propagandaoffensive starten würde (vermutlich sind diverse Gruppen schon ihre Luftballons mit “Infomaterial” am bestücken und hoffen auf ein Ok) oder diplomatisch in die Offensive ginge (das Regime ist in Unordnung und man weiß nicht, ob in einem solchen Fall Befehls- und Informationswege zusammenbrechen würden) und beispielsweise Gespräche etc. anböte. Das alles könnte für das Regime zusätzlichen Stress bedeuten und innere Risse noch vertiefen. Die Frage ist nur, ob das auch im Interesse Seouls wäre, denn es müsste auch mit den Folgen eines Regimekollapses klarkommen, was kurzfristig die Gefahr eines inneren oder nach außen gerichteten militärischen Konflikts mit sich brächte. Außerdem bestünde die Gefahr ungesteuerter Proliferation und vor allen Dingen würde ein Regimezusammenbruch wohl unkontrollierbare Flüchtlingsströme bewirken, die Südkorea und andere umliegende Länder unmittelbar betreffen und destabilisieren könnten. Mittelfristig wäre eine Wiedervereinigung vermutlich eine unglaubliche Belastung für Seoul und würde die Wirtschaft des Landes wegen kaum absehbarer Kosten in der risikobehafteten Weltwirtschaftslage weiter schwächen. Daher muss Seoul wohl oder übel die Füße still halten und versuchen, Stress von Pjöngjang fernzuhalten.

Die USA

Grundsätzlich ist die Situation der USA ähnlich der Seouls, jedoch wäre Washington von den möglichen direkten humanitären wie militärischen Auswirkungen eines Regimekollapses in Pjöngjang wesentlich weniger betroffen. Allerdings ist Seoul einer der wichtigsten Verbündeten in der Region und dürfte in der aktuellen Lage das strategische Vorgehen bestimmen. Ein sehr interessanter Aspekt hinsichtlich der USA ist, dass man am vergangenen Freitag einen  Deal mit Nordkorea ausgehandelt hatte, der das Einfrieren des nordkoreanischen Uranprogrammes versprach, wofür die USA im Gegenzug umfangreiche Nahrungsmittelhilfen versprochen haben und weitere Verhandlungen in Aussicht stellten. In diesem Prozess können die USA nun einhaken und versuchen, in dieser frühen Phase Einfluss zu nehmen (die Ähnlichkeit zum Tod Kim Il Sungs, als währende bis kurz nach seinem Scheiden das Genfer Rahmenabkommen (ein Abkommen, dass damals (mit wenig nachhaltigem Erfolg) das Ende des nordkoreanischen Nuklearprogramms besiegeln sollte) vereinbart wurde, ist erstaunlich) während auch Pjöngjang versuchen könnte, aus der veränderten Lage Profit zu schlagen. Es wird spannend zu beobachten sein, was hier passiert.

Japan

Japan wäre zwar von Flüchtlingsströmen aus Nordkorea nur marginal betroffen, sieht sich aber von nordkoreanischen Raketen bedroht. Generell hat das Land, das immernoch mit den Folgen des verheerenden Tsunamis und der Nuklearkatastrophe kämpft und dessen politisches System mit alljährlichen Regierungswechseln alles andere als Stabil wirkt, aktuell vermutlich ein starkes Interesse an Stabilität in der Region. Darauf deutet auch das unmittelbare Kondolieren gegenüber Pjöngjang hin. Auch könnte sich Japan mittelfristig von einem vereinigten und stärkeren Korea bedroht sehen und könnte daher am Erhalt eines stabilen Status quo interessiert sein. Vermutlich verhält man sich in Tokio sehr still und agiert höchstens in enger Absprache mit Seoul und Washington. Solche Absprachen werden ohnehin in den nächsten Tagen zwischen den dreien die Regel sein.

Eine Chance für die Feinde, aber eine zu riskante

Vermutlich werden die drei verbündeten aus den wirklich unglaublich schlechten Optionen die ihnen momentan zur Verfügung stehen die Beste wählen und sich sehr stark zurückhalten. Man will Pjöngjang nicht provozieren, was man durch Propagandaaktivitäten oder ähnliches definitiv bewirken könnte. Einzig der Versuch, sich dem neuen Regime schon in der Anfangsphase zu nähern könnte eine Möglichkeit sein. So wäre vielleicht ein teilweise-Neustart der Beziehungen möglich und man wäre besser über Vorgänge im Land informiert.

Gefahr oder Chance von Außen? Die Freunde

Sowohl zu China als auch zu Russland haben sich die Beziehungen Nordkoreas in den vergangenen Monaten bis Jahren sehr vertieft. Kim Jong Il besuchte China mehrmals und Russland erst vor einigen Monaten. Beide Staaten können nun extrem dazu beitragen, das Regime in Pjöngjang zu stützen, zumindest China hielte aber vermutlich auch einen Dolch in der Hand, mit dem er Pjöngjang den Todesstoß versetzen könnte.

Russland

Russland hat das Regime in Pjöngjang vor allem im letzten Jahr stark unterstützt. Es lieferte umfangreiche Nahrungsmittelhilfen und vereinbarte mit Kim Jong Il einige Deals, die die Wirtschaft des Landes zukünftig stärken und besser in den internationalen Handel einbinden könnten. In den vergangenen Jahren hielt Russland darüber hinaus zusammen mit China in der UN oft eine schützende Hand über Pjöngjang und wurde im diplomatischen Feld zunehmend aktiv. Der politische Einfluss ist zwar bisher begrenzt, aber gerade in dieser Situation könnte Moskau versuchen die Chance zu ergreifen und sich Zugang zu wertvollen Rohstoffreserven und Durchgangsrouten nach Seoul, sowie weitere Vorteile hinsichtlich der SWZ in Rason zu verschaffen. In diesem Zusammenhang wäre ein vertiefter politischer Einfluss denkbar. Russland hat wohl kaum Möglichkeiten schädigend auf die Regimestabilität einzuwirken, es könnte dem Regime jedoch eine bedeutende Stütze sein, wenn Moskau so entschiede.

China

China ist einer der — wenn nicht der — Schlüsselakteure. Würde China nun die Grenzen für Flüchtlinge und Helfer öffnen, seine wirtschaftlichen Unterstützungen für Pjöngjang stoppen und möglicherweise südkoreanische Agenten sowie Hilfsorganisationen uneingeschränkt im Grenzgebiet agieren lassen, dann würde dies zumindest in den Grenzregionen für starken Unfrieden sorgen. Würde es dann noch signalisieren, dass Kim Jong Un nicht die Gunst Pekings habe, könnte auch die Spitze in Unruhe geraten. Das Alles könnte zuviel für das Regime sein. Allerdings hätte China einen Bedeutenden Teil der Folgen zu tragen. Unmittelbare Folge wären massive Flüchtlingsströme, die die Stabilität im Land, um die es, wie das Beispiel Wukan zeigt ohnehin nicht bestens bestellt ist, weiter beschädigen könnten, was Peking nicht recht wäre. Außerdem fände auch China es nicht gut, wenn die Nuklearen Anlagen und Waffen Pjöngjangs außer Kontrolle einer Regierung gerieten. Vor allen Dingen wäre China ein wiedervereinigtes Korea, in dem US-Truppen möglicherweise bis an die Grenze zu China vorrücken würden (die Beziehungen beider Länder haben sich in den letzten Jahren eher verschlechtert), wohl ein Dorn im Auge. Kurz, China kann nicht an einer unkontrollierbaren Lage interessiert sein. Allerdings könnte auch China unter den aktuellen Bedingungen versuchen, mehr Zugriff auf die Führungsspitze und ihre Entscheidungen zu bekommen und den unangenehmen Verbündeten, der China immer wieder bei wichtigen Entscheidungen (wie Atomtests) nicht informiert hatte und damit für Verstimmung gesorgt hatte, besser zu kontrollieren. Das könnte bis zu direkter Einflussnahme auf die Führung reichen, allerdings sind viele Führungspersönlichkeiten in Pjöngjang alte Hasen und haben sich zusammen mit der Kim Familie schon seit Jahrzehnten einem allzu direkten Zugriff der großen Nachbarn entzogen. Interessant wird auch zu beobachten sein, ob China seine Truppen in der Grenzregion massiv verstärkt. Dies könnte darauf hindeuten, dass man mit einer Krise rechnet und sich eventuell sogar für einen Einsatz im Nachbarland (aber wohl nur als absolutes Notfallszenario) vorbereitet. Ansonsten wird China vermutlich versuchen, die Lage ruhig zu halten und den Übergang zur neuen Spitze positiv zu begleiten und vielleicht sogar zu beeinflussen.

Die Freunde bleiben Freunde — Nur, bleiben sie Kim Jong Uns Freunde?

Es ist zu erwarten, dass die beiden Hauptverbündeten Pjöngjangs versuchen werden, Nordkorea weiterhin stabil zu halten und dass sie daher versuchen werden, dem Land eher unter die Arme zu greifen. Ein Fragezeichen bleibt nur hinter ihrer Unterstützung von Kim Jong Un. Beide könnten verführt sein zu versuchen, ihren Einfluss in der aktuellen Phase, in der vieles in Bewegung gerät, zu vermehren und dazu auf anderes Personal als Kim Jong Un zurückzugreifen, oder den Jungen zum Statthalter zu machen. Allerdings unterlägen auch solche Manöver einem innewohnenden Risiko für die Stabilität des Landes. Daher wird man sich vermutlich vorerst zurückhalten bzw. aufs “Helfen” beschränken und versuchen in der Konsolidierungsphase verstärkt Einfluss zu nehmen.

Fazit: Vorerst stabil

Vermutlich reichen die inneren Vorbereitungen des Regimes aus, um in den nächsten Tagen und Wochen Stabilität zu garantieren. Die Zeit danach liegt jedoch bisher im Schatten. Entscheidend wird die tatsächliche Rolle sein, die Kim Jong Un zu spielen  in der Lage ist und die Fähigkeit des Regimes, den Griff über die Provinzen und Sicherheitsbehörden eher noch zu stärken, bis Kim Jong Un eine breite Akzeptanz erreicht hat und zumindest nach Außen und Unten als Führer akzeptiert wird. Wie sich die absolute Spitze ordnet bleibt abzuwarten, jedoch wird der junge Kim sich mehr als sein Vater auf einige Personen in der Spitze verlassen müssen.

Von außen droht vermutlich kein großes Risiko, denn es ist kein Akteur erkennbar, bei dem die Kosten nicht den Nutzen einer Destabilisierung übertreffen würden. Von den Feinden Pjöngjangs ist daher vorerst Stillhalten zu erwarten, von den Freunden zumindest “wohlwollendes Stillhalten” vermutlich aber sogar deutliche Unterstützung.

Leider habe ich gleich anderes zu tun, aber in den nächsten Tagen wird es hier mehr zu lesen geben. Interessanterweise hat die Stiftung Wissenschaft und Politik gerade vor ein paar Tagen ein Paper herausgegeben, das sich u.a. mit Szenarien für die Zeit nach dem Tod oder abtreten Kim Jong Ils befasst. Wenn ihr also über die Perspektive für das (ungefähr) nächsten Jahr weiterlesen wollt, dann klickt hier, da habe ich das Paper verlinkt. Ansonsten findet ihr auf dem Blog Infos zu so ziemlich allem was ich oben geschrieben habe. Wer suchet der findet und wenn ihr weiterführende Inhalte sucht, schaut doch mal auf meinen Seiten mit weiterführenden Links (ziemlich weit oben auf dieser Seite habe ich weitere Seiten mit Medienquellen Think Tanks etc. verlinkt. Da gibts für jeden etwas. Momentan sitzen wahrscheinlich viele weitaus kompetentere Leute als ich an ihren Rechnern und verfassen ihre Bewertungen..

Auf den Spuren nordkoreanischer Holzfäller in Russland: Interessante Filme


Ich habe mir ja vorgenommen, hin und wieder mal etwas über nordkoreanische Arbeiter zu schreiben, die in aller Welt eingesetzt werden, um in den unterschiedlichsten Tätigkeitsfeldern Devisen für Pjöngjang zu erwirtschaften. Eine Gruppe von Arbeitern die in diesem Zusammenhang oft erwähnt wird, sind die nordkoreanischen Holzfäller, die tief in den Wäldern Sibiriens Bäume fällen. Ihre Zahl ist nicht wirklich bekannt, in diesem Bericht von der ICG (allerdings von 2007, S.13) kann man aus bestehenden Verträgen auf 25.000 bis 35.000 schließen. In diesem Artikel im Vantage Point, der sich mit der Frage nordkoreanischer Arbeiter im Ausland insgesamt befasst, schätzt man 20.000. (Juli 2011, S. 24).

Vice auf den Spuren der Holzfäller

Im Zusammenhang mit den nordkoreanischen Holzfällern in Russland trifft es sich gut, dass Vice vor ein paar Tagen eine siebenteilige Serie von Kurzfilmchen gestartet hat, die sich genau mit diesem Thema befasst. Der kräftige Kerl von Vice, den wir schon aus den beiden Nordkoreafilmen der gleichen Firma kennen, hat sich zusammen mit einem freien Journalisten, der dem Thema schon früher nachgegangen ist, auf die Spur der nordkoreanischen Arbeiter gesetzt und seine Erlebnisse filmisch festgehalten. Wie immer sind die Filmchen reißerisch, von Klischees durchsetzt (also mich nervt der Running-gag, alle Russen immer mit Wodka zu belohnen schon irgendwann (obwohl ich das Klischee aus eigener Erfahrung auch nicht ganz von der Hand weisen kann)) und grundsätzlich wohl auf eine junge Zielgruppe ausgerichtet. Trotzdem ist er wertvoll, weil er ja tatsächlich eine selten thematisierte Problematik sichtbar macht und ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rückt. Allerdings kommt in den Kurzfilmen, die zwar in englischer Sprache, aber mit deutschen Untertiteln versehen sind, natürlich nicht nur superspannende investigative Dinge vor, sondern einiges, was eigentlich garnichts mit nordkoreanischen Arbeitern zu tun hat, v.a. in den ersten beiden Teilen. Aber je nach Geschmack ist das auch durchaus unterhaltsam.

Was mich ins Grübeln brachte

Einige Aspekte fand ich trotzdem interessant, bzw. haben sie mich nachdenklich gemacht. Besonders dieser Dialog aus dem dritten Teil, in dem der Journalist den Leiter des Verwaltungslagers, von dem aus die Arbeit nordkoreanischer Holzfäller organisiert und gesteuert wird, hat mich ins Grübeln gebracht („J“ = Journalist; „L“ = nordkoreanischer Leiter):

J: Gibt es Probleme mit Nordkoreanern, die von hier flüchten, um nach Südkorea einzuwandern?

L: Ich bezweifle es.

J: Wenn es doch passieren würde gäbe es in Nordkorea eine Strafe?

L: Das wäre Verrat. Ein Mensch wurde geboren, er wuchs auf, wurde ausgebildet und vom Land ernährt. Und was für ein Mensch ist er geworden? Ein Verräter. Er geht los und rennt weg.

J: Welche Strafe bekommen Verräter?

L: Das kann ich nicht sagen, weil ich damit nichts zu tun habe.

Warum mich das nachdenklich macht? Weil mich das an die deutsche Geschichte erinnert. Die Argumentation der Verantwortungslosigkeit ist die Gleiche. Gegen seine Feinde muss der Staat vorgehen. Was er dann mit ihnen macht, das will ich nicht wissen, um mich nicht vor meinem Gewissen und vielleicht irgendwann vor anderen verantworten zu müssen. Sollte das Regime in Pjöngjang irgendwann mal sein Ende finden, dann wird das Land wie vor über 60 Jahren in Deutschland voller Menschen sein, die von all dem Schlimmen nichts gewusst haben und die, wenn sie als kleine oder größere Räder an dem Schlimmen mitgewirkt haben, nur Befehlen gefolgt sind und halfen, die Verräter ihrer Strafe zuzuführen, die von höherer Stelle festgelegt wurde. Ich urteile nicht darüber, denn ich weiß nicht was ich tun würde, wenn ich in einer solchen Situation stecken würde. Ich finde es nur erschreckend, dass dieselben Muster sich in der Menschheitsgeschichte fortschreiben.

Im vierten Teil finde ich es vor allen Dingen bemerkenswert, dass die Arbeiter tatsächlich in Orten leben, die alles haben, was auch ein nordkoreanisches Dorf haben muss. Es ist fast, als hätten die Arbeiter ihre Heimat nie wirklich verlassen. Aber schaut es euch am besten selbst an. Die bisher erschienen Videos findet ihr hier. Die fehlenden drei Teile sollten in den nächsten Tagen folgen.

BBC zum gleichen Thema: Seriöser aber trotzdem grübelfördernd

Wie gesagt, kann ich mir vorstellen, dass dem einen oder anderen von euch der Stil der Vice-Dokus nicht wirklich zusagt (subjektive Einschätzung, kann auch anders sein). Daher habe ich auch noch ein paar ernsthaftere Infos zu diesem Thema rausgesucht. Der freie Journalist, der das Team ins tiefe Sibirien führt, hat zu dem gleichen Thema vor gut zwei Jahren schonmal recherchiert und auch einen etwa fünfzehn minütigen Film gedreht (allerdings nur auf Englisch). Da er damals für die BBC arbeitete ging das Ganze “seriöser” zu. Er besuchte die gleichen Orte, die er auch bei Vice aufsucht und recherchierte auch, für wen die Arbeiter die Bäume fällen.

Am Ende der Reise ist er in London, wo ein Firmenchef erklärt, er sei froh den nordkoreanischen Holzfällern einen Arbeitsplatz zu bieten und dass es ihnen in Sibirien besser ginge als daheim. Achja und weil ich eben schonmal beim Thema Verantwortlichkeit und Verantwortungslosigkeit war. In diesem Film gibt es die weniger totalitäre und eher kapitalistische Version davon. Für die Lebensbedingungen und das Wohlergehen der nordkoreanischen Arbeiter sei er nicht verantwortlich und darauf könne er keinen Einfluss nehmen, weil sie ja Vertragsarbeiter in Diensten eines Subunternehmens seien und nicht direkt von ihm angestellt (Diese Argumentation ist in Unternehmenskreisen ja sehr beliebt. Ich habe kürzlich eine Reportage über DHL gesehen und da sagte ein Unternehmensvorstand annähernd das Gleiche über Arbeiter seiner Subunternehmer). Auch hier ein gewisses “nicht wissen wollen”, allerdings eher aus eigenen Profitinteressen und nicht aus Sorge um Leib und Leben. Was bedenklicher ist, kann jeder für sich selbst beurteilen.

Ein seltsames Selbstbild: KCNAs Berichterstattung zum Wirtschaftswunderland Nordkorea und eintreffenden Nahrungsmittelhilfen


Heute habe ich mal wieder mit  besonderem Vergnügen die Nachrichten von KCNA gelesen. Einer gewissen Absurdität entbehrt zumindest ein Teil der Inhalte der nordkoreanischen Nachrichtenagentur ja nie, aber heute fand ich es so schön schlagend, dass ich euch kurz darauf aufmerksam machen möchte.

Was mag wohl ein Mensch denken, der die folgenden beiden Überschriften und die zugehörigen Inhalte liest?

Der erste Artikel bezieht sich auf die Schätzungen zu Nordkoreas Wirtschaftsentwicklung von der südkoreanischen Zentralbank “Bank of Korea”. Ich habe mich ja auch bereits zum Wert dieser Zahlen geäußert, die besagen, Nordkoreas Wirtschaft sei im vergangenen Jahr um 0,5 % geschrumpft. Aber naturgemäß fühlt man sich in Nordkorea von den Zahlen und dem daraus gefolgerten Schluss, Nordkoreas Wirtschaft taumele weiter auf den Abgrund zu, tief getroffen. Auch die ungefähr gleichzeitig öffentlich gewordenen Berichte, Chinas Handelsministerium habe vor Investitionen in Nordkorea gewarnt, nimmt man scheinbar sehr übel und sieht darin eine Schmierkampagne, die die (für die Widersacher schwer erträgliche Realität) verdrehen und potentielle Kooperationspartner abschrecken wolle. Die Realität sieht laut KCNA natürlich ganz anders aus:

All these are sophism aimed to distort the true picture of the DPRK’s self-supporting economy. [...]

Today the DPRK’s economy is at the highest tide of its development ever in history.

Significant progress has been made in putting the national economy on a Juche-oriented, modern and scientific basis.

Epochal changes equivalent to the industrial revolution in the 21st century are taking place in the DPRK. [...]

The Ryonha General Machinery Plant pushed back the frontiers in 11-axes processing. It is leading the world in CNC technology and machine-building industry.

The Juche-based steel-making system was perfected and Juche fibre and Juche fertilizer are being churned out in the country.

The DPRK also succeeded in nuclear fusion and made a signal progress in bio-engineering development.

The day is near at hand when a light water reactor entirely based on domestic resources and technology will come into operation in the DPRK.

Hm, das klingt doch alles super für den Leser. Ein bisschen ins Grübeln kommen dürfte er dann vielleicht doch bei der Lektüre des nächsten Artikels:

The delivery of 50 000 tons of food donated to the DPRK by the Russian government was completed [...] Russia’s donation of food to the DPRK is an encouragement to the Korean people in speeding up the building of a thriving country. It will also be helpful to further developing the traditional relations of friendship and cooperation between the two countries.

Also zusammengefasst steht in den beiden Artikeln: Nordkorea hat eine selbsttragende Wirtschaft und ist in vielen Bereich höchstentwickelt. Gleichzeitig lässt man sich von Russland 50.000 Tonnen Getreide spenden (und das trotz der Tatsache, dass Juche Dünger überall im  Land verteilt wird). Also ganz ehrlich gesagt käme mir das spanisch vor, wenn ich diese beiden Artikel direkt hintereinanderweg lesen würde. Das hat ja schon fast was Subversives. Oder ist man in der KCNA-Redaktion so sehr durch die eigene Propaganda-Folklore abgestumpft, dass man gar nicht mehr merkt, dass da was seltsam ist.

Man versteht sich gut: Russland und Nordkorea rücken enger zusammen


Die Beziehungen zwischen Nordkorea und Russland vertiefen sich in jüngster Zeit rapide. Das ist kein Geheimnis und wenn dies hier und da “kleingeschrieben” wird, dann hat das wohl eher damit zu tun, dass es dem Einen oder Anderen nicht in den Kram passt, oder dass es seinem Bild, das er sich gemacht hat zuwiderläuft. In der letzten Woche gab es wieder drei Belege für diese Vertiefung. Die renovierte Eisenbahnverbindung zwischen Rason und Khasan wurde von einem Probezug befahren, der Besuch des Kommandanten der nordkoreanischen Ostmeerflotte in Russland wurde angekündigt und vor allen Dingen besuchte eine Delegation der russischen Amur-Region Nordkorea, unterzeichnete Abkommen und wurde von Kim Jong Il empfangen.

Russland erneuert Transportinfrastruktur und hat große Pläne

Über die Entwicklungen rund um Rason gab es in letzter Zeit ja bereits viel zu lesen und die Wiederherstellung der Schienenverbindung zwischen Khasan und Rajin gehört sicherlich in diese Kategorie. Den Berichten zufolge wurde die Strecke sowohl mit einem Schienenstrang in der nordkoreanischen Spurweite von 1435 mm ausgebaut, als auch in der in Russland genutzten 1520 mm breiten Spur. Allerdings scheinen noch nicht alle Arbeiten an der Strecke abgeschlossen zu sein. Die nächste Ausbaustufe sieht vor in Rajin ein modernes Frachtterminal zu bauen. Außerdem soll eine Machbarkeitsstudie zum Transport und zur Verschiffung von Containerfracht (was ziemlich wichtig ist, wenn Rason tatsächlich ein Logistikknoten werden soll) durchgeführt werden. Die aktuelle Infrastruktur soll vorerst vor allem zum Transport russischer Kohle genutzt werden und ist auf die Menge von 5 Millionen Tonnen Kohle im Jahr ausgelegt. Ins Auge gefasst wird für die Zukunft eine Menge von 17 Millionen Tonnen, wofür aber auch auf russischer Seite noch Ausbaumaßnahmen notwendig sein werden. Ob diese Ziele erreicht werden bleibt natürlich vorerst offen, aber man scheint auch auf russischer Seite gewillt, das Projekt zum Erfolg zu führen und ist mit dem Ausbau der Strecke bereits in Vorleistung getreten.

Die Seeleute verstehen sich prächtig

Auch im Militärischen Bereich geht die Annäherung nach dem Besuch von Vertretern der russischen Marine und der Vereinbarung einer gemeinsamen Übung (zur Seenotrettung) weiter. Der nordkoreanische Kommandant der Ostmeerflotte, Kim Min-Sik, wird in der kommenden Woche Russland besuchen und dort unter anderem ein russisches Kriegsschiff und ein U-Boote besichtigen und mit Vertretern der russischen Marine zusammentreffen.

Nicht nur ein Höflichkeitsbesuch: Gouverneur der Amur-Region war in Pjöngjang

Vor allen Dingen war aber der Besuch einer Delegation der Amur-Region Russlands unter dem dortigen Gouverneur Oleg Kozhemyako ein deutliches Zeichen für die Annäherung beider Staaten. Die nordkoreanische Seite gab sich offensichtlich alle Mühe einen herzlichen Empfang hinzukriegen, denn neben einem Treffen mit Premier Choe Yong-rim gab es für Kozhemyako auch ein Zusammentreffen mit Kim Jong Il. Dass sich Kim mit Offiziellen im Rang Kozhemyako trifft kann ist nicht unbedingt selbstverständlich, denn protokollarisch war das wohl nicht notwendig.

Selbstverständlich ist es nicht, dass sich Kim Jong Il die Zeit für Gespräche mit Oleg Kozhemyako genommen hat.

Daher kann man wohl davon ausgehen, dass der Besuch für Pjöngjang auf Arbeitsebene wichtig war. Hier gab es unter anderem Gespräche zwischen den russischen Besuchern und Nordkoreas Minister für Außenhandel Ri Ryong-nam, der vom stellvertretenden Minister für Stromerzeugungsindustrie (wie auch immer) Kim Man-su begleitet wurde. Insgesamt scheint das Stromthema eine bedeutende Rolle gespielt zu haben, denn in ungefähr jedem KCNA-Artikel zu dem Thema wird berichtet, dass sich die beiden Seiten versicherten, wie “bewegt” sie waren, wechselseitig im Bau befindliche Anlagen zur Stromerzeugung besichtigt zu haben (Kim und Anhang besichtigten auf Kims jüngster Russlandreise eine Kraftwerksbaustelle in Bureya, Kozhemyako besuchte im Rahmen seines Aufenthalts die Baustelle des Huichon Kraftwerks). Daher ist es auch nicht überraschend (aber auch nicht unwichtig), dass Kozhemyako zwei konkrete Möglichkeiten der Kooperation im Energiesektor ansprach:

In Kozhemyako’s opinion, bilateral energy cooperation may be developed through both construction of the Nizhnyaya Bureya HPP and through export of electricity to North Korea via China.

[Nach Kozhemyako's Meinung könnte bilaterale Energiekooperation sowohl durch den Bau des Nizhnyaya Bureya Kraftwerks, als auch durch den Export russischen Stroms über China stattfinden.]

Was die Baustelle in Russland angeht, könnte es sich vielleicht um technische Unterstützung und “Manpower” aus Nordkorea handeln. Die Lieferung von Strom aus Russland dürfte vor allem für Rason, aber auch für die gesamte nordkoreanische Wirtschaft (und Bevölkerung) sehr bedeutend sein, denn bekanntlich herrscht in ganz Nordkorea eine chronische Stromknappheit.

Es gab wohl einiges zu Besprechen. Auch Premier Choe Yong-rim traf sich zu Gesprächen mit Kozhemyako.

Ob das Elektrizitätsthema auch Teil eines der beiden Abkommen ist, die im Rahmen des Besuchs unterzeichnet wurden, weiß man nicht, aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass in den Papieren über die Zusammenarbeit in Handel und Wirtschaft auch ein Abschnitt zu Energie enthalten ist. Das zweite Abkommen betrifft die Zusammenarbeit zwischen der Amur-Region und der Süd-Phyongan Provinz Nordkoreas in technischen, wirtschaftlichen, kulturellen und wissenschaftlichen Fragen. Naja, jedenfalls war die Reise der Russen mehr als nur ein Höflichkeitsbesuch und signalisiert, dass momentan auf beiden Seiten der Wille zu einer vertieften Zusammenarbeit groß ist. Ob die Ergebnisse dann im Endeffekt so weitreichend sind, wie es in Nordkorea sicherlich gehofft wird, werden wir in den nächsten Jahren erfahren.

Beziehungen so gut wie seit Jahren nicht mehr

Offensichtlich ist jedenfalls: Die Intensität der Beziehungen beider Länder nimmt momentan stetig zu und könnte für Pjöngjang ein wichtiger Anker bei der wirtschaftlichen Entwicklung werden. Mittlerweile dürften die Beziehungen den besten Stand erreicht haben, seit die Sowjetunion in sich zusammenfiel (auch besser als während des kurzen Intermezzos zwischen beiden Ländern (Die „Männerfreundschaft“ Putin-Kim kann man dann ja wiederbeleben, wenn Putin wieder Präsident) um die Jahrtausendwende).

Ich kann mir vorstellen, dass dies in einigen Hauptstädten, in denen man sich mit Pjöngjang befasst bzw. befassen muss, zumindest mit gesteigertem Interesse beobachtet wird. Inwiefern die Vertiefung der Beziehungen auf eine mit China koordinierte Strategie zurückgeht ist schwer zu sagen, aber da die Kommentare aus China bisher wohlwollend bis desinteressiert ausfielen, scheint es eine Absprache zu geben. In Washington und Seoul dagegen dürfte man unruhig werden, denn wenn sich Pjöngjang mit Russland eine neue Geldquelle (und diplomatische Unterstützung) erschließt, dann werden die Peitschen, mit denen Südkorea und die USA ohnehin schon recht erfolglos zu drohen versuchen, in Pjöngjang bald wirklich niemanden mehr hinter dem Ofen vorlocken. Vielleicht hat die jüngste Zunahme an Interaktionsbereitschaft aus Seoul und Washington auch damit zu tun, dass man aktuell schwindende Chancen der Einflussnahme befürchtet und versucht zu retten, was zu retten ist… Ganz so dramatisch wie es klingt, wird es nicht sein, aber nachdenklich dürfte die „neuentfachte Flamme der Freundschaft“ (ha! Ich sollte nicht soviel KCNA lesen. Der Pathos frisst sich in mein Hirn!) schon machen…

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