Interessante Veranstaltungen zu Nordkorea im Februar in Berlin, Hamburg, Kiel und Stuttgart


Auch auf die Gefahr hin ein bisschen redundant zu sein, möchte ich heute Aufgrund der Vielzahl wirklich spannender Veranstaltungen in den nächsten Wochen doch nochmal einen kleinen Ankündigungsblock einschieben, damit keiner der Zeit und Lust hat einen der durchweg besuchenswerten Termine verpasst.
Wenn das alles für mich nicht so superweit weg wäre (Hamburg und Berlin), würde ich ganz sicher auf ein oder zwei der Veranstaltungen auftauchen, aber für einen Abend zehn Stunden oder so mit dem Zug unterwegs sein, da habe ich keinen Bock drauf. Naja was ich nur sagen will: Jede der Veranstaltungen lohnt sich und um nicht noch redundanter zu wirken werde ich das jetzt nicht mehr extra jedes Mal sagen.

12.02. Hamburg

Ich gehe einfach mal chronologisch vor: Schon übermorgen dem 12.02. um 19h wird es in  Hamburg (Neuer Jungfernstieg 21, 20354 Hamburg) ein GIGA-Forum geben, das von Patrick Köllner (der sich prima in der Region auskennt) moderiert wird. Auf dem Podium sitzen zwei echte Hochkaräter. Zum einen Rüdiger Frank, den die FAZ nicht zu Unrecht vor allem auf Grund seiner relativ einmaligen Nordkorea-Expertise zu einem der 50 einflussreichsten deutschen Ökonomen gekürt hat und dessen Arbeit auch ich einfach prima finde. Zum anderen der ehemalige britische Botschafter in Pjöngjang James Hoare.  Organisiert wird das Ganze vom GIGA in Kooperation mit der Deutsch-Koreanische Gesellschaft Hamburg (DKGH) und dem Ostasiatischer Verein (OAV).

Hier könnt ihr euch schonmal einen kleinen Eindruck von ihm machen.

17.02. Hamburg

Nächste Woche, am 17.02. um 19h gibt es schon wieder in Hamburg (KörberForum – Kehrwieder 12, 20457 Hamburg, Hamburg) was feines. Da gibt es von der Körber-Stiftung eine Diskussionsveranstaltung mit Jang Jin-sung. Für diejenigen, denen es nach Hamburg zu weit ist (also z.B. mich) gibt es coolerweise einen Livestream, den ihr auf der oben verlinkten Seite findet. Wie ich gerade gesehen habe, steht auf der Seite, dass alle Plätze belegt sind, aber ich glaube wenn ich in Hamburg wäre würde ich da einfach mal anrufen. Jang ist einer der führenden Köpfe hinter News Focus International. Er war vor seiner Flucht aus Nordkorea im Jahr 2004 Teil des Regimes und arbeitete für das United Front Department. Ich denke, dass er über einen ganz anderen Blick auf Nordkorea verfügt als wir und einige Aspekte des Systems, die uns unverständlich erscheinen, gut und einfach erklären kann.

19.02. Berlin

Und weil es sich für Jang wohl nicht lohnt, für einen Termin nach Deutschland zu kommen, tritt er am 19.02. um 19h nochmal in Berlin in der Gedenkstätte Hohenschönhausen (Genslerstraße 66, 13055 Berlin) auf. Organisiert hat das Ganze die Europäische Allianz für Menschenrechte in Nordkorea, eine ganz interessante Organisation, die sich vor allem dafür einsetzt, die Aufmerksamkeit für die Menschenrechtssituation in Nordkorea zu steigern, die Informationsbasis zu verbessern und seriöse Forschung zu dem Thema zu fördern.

17.-22.02. Berlin und 20.-25.02. Kiel

Ebenfalls in Berlin gibt es vom 17. bis 22.02. die 2. DVR Korea-Filmwoche im Babylon Kino (Rosa-Luxemburg-Str. 30, 10178  Berlin) zu erleben. Vielleicht erinnert sich der Eine oder Andere von euch: Vor gut zwei Jahren gab es schonmal sowas Ähnliches, damals war es nur ne Art Tournee, bei der nordkoreanische Filme in verschiedenen Städten Deutschlands gespielt wurden. Scheinbar hat man in diesem Jahr (ich bin auch gerade überrascht, das war mir nämlich bisher entgangen) wieder die gleichen Kinos im Programm wie 2011.
Das heißt für die Nordlichter gibt es vom 20. bis 25.02. in der Pumpe in Kiel (Haßstraße 22, 24103 Kiel) ebenfalls die DVRK Nordkorea Filmwoche. Ob es auch in Köln wie 2011 Veranstaltungen gibt, konnte ich bis jetzt nicht rausfinden, aber das war auch schon damals ein bisschen undurchsichtig. Ich werde mal die Augen offen halten.
Das Programm ist ziemlich umfangreich, deshalb werde ich das hier nicht im Detail auswalzen (könnt ihr ja selber nachlesen), aber wenn ihr euch für nordkoreanisches Kino interessiert oder, was ich sehr spannend fände, für Dokus aus Nordkorea, dann solltet ihr euch das mal angucken. Außerdem dürfte es an beiden Standorten zumindest einen Termin mit nordkoreanischen Filmschaffenden und vermutlich auch Botschaftsleuten geben. Den könnt ihr euch ja mal gesondert vormerken.

17.02. Stuttgart

Zuletzt noch eine Veranstaltung, die vielleicht nicht ganz so hoch hängt, wie die vorgenannten, die ich mir aber auch anschauen würde, wenn ich da wäre. Am 17.02. 19h wird die Friedrich-Naumann-Stiftung in Stuttgart (Hotel Sautter, Johannesstr. 28, 70176 Stuttgart) eine Vortragsveranstaltung mit Lars-André Richter durchführen. Der ist Chef des Regionalbüros der Stiftung in Seoul (damit Nachfolger von Walter Klitz, an den ihr euch vielleicht durch das Interview auf diesem Blog erinnert) und damit auch für die vielfältigen und interessanten Aktivitäten in und zu Nordkorea zuständig. Er dürfte interessantes aus der Praxis zu erzählen haben, auch wenn ich mit ihm in seinen Bewertungen nicht immer auf einer Linie liege.

Viel Spaß

Naja, ihr seht, es gibt einiges interessantes in den nächsten Tagen und Wochen und für fast alle Regionen in Deutschland ist was dabei, außer wenn man eher im Westen wohnt ist blöd. Aber das wird bestimmt auch bald besser und bis dahin wünsche ich euch interessante Veranstaltungen und so.

Ein unambitioniertes Interview: Wie die Saarbrücker Zeitung zum nordkoreanischen Propagandalautsprecher wurde


Vor ungefähr einer Woche habe ich ja über das Interview des nordkoreanischen Botschafters in London geschrieben, das in mehrerlei Hinsicht bemerkenswert war. Damals stellte ich mir unter Anderem folgende Frage:

Ich bin aber gespannt, ob noch andere nordkoreanische Botschafter dazu Pressekonferenzen oder Interviews machen, oder ob Herr Hyon das alleine gemacht hat.

Auf diese Frage gibt es jetzt einige interessante Antworten. Einerseits war das Interview durchaus Teil einer konzertierten Kampagne, wie ich schon gemutmaßt hatte. Denn außer in London, sprachen auch die Botschafter in New York (bei den Vereinten Nationen), Peking und Moskau mit den Medien, allerdings nicht in Form von Interviews sondern auf Pressekonferenzen. Und auch Ri Si-hong, Nordkoreas Botschafter in Berlin beteiligte sich an der Medienoffensive und überraschenderweise auch in einem Interview.

Ri Si-hongs Pseudo-Interview

Allerdings war Ri dabei nicht ganz so ambitioniert wie Hyon Hak-bong. Denn erstens gab es kein Fernseh-, sondern ein Zeitungsinterview, zweitens fand das nicht mit einem Medium aus der ersten deutschen Reihe, sondern mit der Saarbrücker Zeitung statt und drittens war es auch inhaltlich wesentlich wenige ambitioniert.

Der überwiegende Teil des Interviews ist ein aus den anderen Auftritten von Botschaftern bekannter Werbeblock für das “Angebot” der Nationalen Verteidigungskommission an Südkorea die Beziehungen zu verbessern. Das ist ganz klar der Anlass des Ganzen. Ansonsten gibt es nur die Hinweise, dass Jang Song-thaeks Hinrichtung gerechtfertigt war und dass Deutsche ohne Angst in Nordkorea investieren können. Da wundert man sich doch: Wenn ich einen nordkoreanischen Botschafter für ein Interview bekäme, würde ich ihn aber mehr fragen, als Dinge auf die wir seine Antwort eh schon kennen. Weshalb die Vertreter der Saarbrücker Zeitung das nicht gemacht haben steht unter dem Interview:

Ri Si-Hong suchte nun von sich aus zum ersten Mal den Kontakt zur deutschen Presse. [...] Die Botschaft machte in den Vorgesprächen zur Bedingung, dass nur Fragen zum Vorstoß des Verteidigungskomitees gestellt werden dürften, und dass Worte wie „Diktatur“ oder „isoliertes Land“ nicht vorkommen dürften. Außerdem seien die Fragen vorher schriftlich einzureichen. Allerdings war der Gesprächsverlauf dann viel freier und der Botschafter gab sich entspannt. Sein sehr gut deutsch sprechender Stellvertreter übersetzte – korrekt, wie ein externer Dolmetscher anhand des Tonbands hinterher feststellte. Auf eine Prüfung des ausgeschriebenen Interviews verzichtete Ri. Er vertraue der Presse.

Naja, auch wenn das Interview entspannter ablief als gedacht, scheinen die beiden Journalisten die es führten zumindest eine kleine Schere im Kopf gehabt zu haben, bzw. die  Angst, dass das exklusive Interview platzen könnte, wenn sie zu kritische Fragen einreichen. Anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, wie es zu so unambitionierten Fragen kam.
Damit dürfte auch klar sein, warum das Interview nicht mit dem Spiegel, der FAZ, der taz oder sonst einem der großen deutschen Printmedien geführt wurde. Die werden sich für ein solches Pseudo-Interview einfach nicht hergegeben haben, bei dem im Endeffekt die Propaganda nur in ein anderes Format gepackt wird. Informationszuwachs gleich Null.
Der Botschafter wiederum wird froh sein, seinen Job erledigt zu haben. Wenn er für die Zukunft Tipps braucht, wie man so richtig professionell Pseudointerviews produziert könnte er ja mal einen seiner Leute bei der Deutschen Bank einschleusen. Die PR-Abteilung dort weiß nämlich sehr gut — zumindest in der Theorie — wie man das macht. Oder man fragt mal bei Martin Sonneborn nach…

Experimentieren mit „neuen“ Kommunikationskanälen

Interessant ist das alles mit Blick auf die nordkoreanische Medienstrategie trotzdem. Denn es wird deutlich, dass man mit neuen Formaten experimentiert. Nicht mehr derselbe ewig-gleiche-Pressekonferenzzirkus rund um die Welt, sondern auch mal ein Interview. Das ist ja nahezu ein Quantensprung. Gleichzeitig wird aber auch deutlich, dass die Botschafter scheinbar eine gewisse Autonomie darüber haben, wie sie ihren Job machen. Sie kriegen wohl von Zeit zu Zeit eine Depesche aus Pjöngjang, in der verschiedene talking-points stehen, die sie in die Medien ihres Gastlandes einspeisen sollen. Wie sie das machen ist dann scheinbar ein Stück weit freigestellt. Die ganz Unambitionierten machen eine Pressekonferenz, die etwas Kreativeren suchen sich einen Pseudo-Interviewpartner und die wirklich Mutigen, die es wohl noch zu was bringen wollen stellen sich einem Fernsehinterview. Ich bin gespannt, ob die nordkoreanischen Botschaften weiter an ihrer Medienstrategie feilen und ob in Zukunft dem britischen und deutschen Botschafter weitere folgen und sich dem (mehr oder weniger großen) Risiko eines Interviews stellen. Oder aber das nordkoreanische Außenamt weist den Botschaftern die Formate je nach den lokalen Medienlandschaften zu. Wer weiß es. Ich werde das Thema Kommunikationsstrategien Pjöngjangs jedenfalls weiter im Auge behalten.

Die Erfindung des “patient Containment” — Reflektion zu Südkoreas Reaktion auf den Beschuss der Insel Yonpyong durch Nordkorea


Vor ein paar Tagen erschienen die Memoiren des ehemaligen US-Verteidigungsministers (2006 – 2011) Robert Gates, die bei uns unter anderem deshalb ein bisschen Aufmerksamkeit erzeugten, weil sie Barack Obamas Afghanistanstrategie mit sehr eindeutigen Worten als Fehlerhaft brandmarken. Aber das interessiert in diesem Kontext hier natürlich relativ wenig. Spannender ist da schon, was Gates über Korea schreibt. Das ist nämlich ein Stück weit dazu angetan, eine der einschneidenden Episoden der letzten Jahre auf der Koreanischen Halbinsel neu zu bewerten: Den Artilleriebeschuss der südkoreanischen Insel Yonpyong durch nordkoreanische Einheiten im Jahr 2010, durch den zwei südkoreanische Zivilisten und zwei Soldaten ums Leben kamen, bzw. die südkoreanische Reaktion auf diesen Angriff.

Der Angriff auf Yonpyong und die Folgen

Eigentlich hatte ich mich ja wirklich gefreut, den Namen Lee Myung-bak aus meinem Gedächtnis streichen zu können, aber das was Gates über die Zeit nach dem Beschuss der Insel zu berichten hat, finde ich dann doch so erwähnenswert, dass ich nochmal einen Blick auf die unselige Lee-Zeit werfen will:
Auf den Beschuss aus Nordkorea reagierte das südkoreanische Militär damals ja relativ moderat, indem es nur die nordkoreanischen Stellungen unter Feuer nahm, von denen der Beschuss erfolgt war. Auf weitere Vergeltungsaktionen wurde vollständig verzichtet und damit auch eine potentielle Ausweitung zu einem massiveren bewaffneten Konflikt verhindert. So wurden zwar die internationalen Ängste vor einem möglichen Kriegsausbruch gemindert, aber gleichzeitig sah Südkorea ein Stück weit wie der Verlierer des Zwischenfalls aus, vor allem weil es nicht gelang, zusammen mit den USA konsistente Antworten auf dem diplomatischen Parkett zu geben. Der Süden hatte durch seine Zurückhaltung zwar den Frieden gesichert (zumindest in dem Maß in dem er auch vorher auf der Insel zu finden war), aber sein Gesicht und seine Glaubwürdigkeit ein Stück weit verspielt. Der häufig polternde Lee sah aus wie ein zahnloser Tiger. Seine Strategie, die eigentlich auf Abschreckung und Eindämmung Nordkoreas abzielte, zeigte sich als vollkommen inkonsistent, denn eine Abschreckungsstrategie, die nicht glaubwürdig ist, weil sie auf Provokationen nicht wirklich reagiert, wirkt vermutlich fataler als garkeine Strategie.

Eine neue Perspektive auf die südkoreanische Reaktion

Wie das Buch von Robert Gates nun zeigt, war Lee Myung-baks Zurückhaltung jedoch nicht Resultat seiner Angst vor einem Krieg auf der Koreanischen Halbinsel oder irgendwelchen weitergehender Überlegungen, die auf diplomatische Lösungen des Konflikts abzielten, sondern allein auf Druck der USA zurückzuführen. Lees erster Ansatz der nordkoreanischen Aggression entgegenzutreten entspricht in ihrer Beschreibung durch Gates ziemlich genau dem, was ich von Lee erwartet hätte. Er beschreibt Lees ursprüngliche Pläne als “unangemessen aggressiv”. Eigentlich hätte er einen kombinierten Vergeltungsschlag aus Luftwaffe und Artillerie geplant gehabt, der über eine gleichstarke Antwort deutlich hinausgegangen wäre. Nach intensiver mehrtägiger Telefondiplomatie zwischen Washington und Seoul habe er aber davon abgesehen und sich mit dem unmittelbaren Gegenschlag gegen die nordkoreanischen Artilleriebatterien, die den Angriff geführt hatten, zufrieden gegeben. Gleichzeitig hätte auch die chinesische Führung aktiv darauf hingewirkt, dass die nordkoreanische Seite nicht für weitere Eskalation sorgte.

Lee Myung-bak: Einfach gestrickt, aber mit klarem Kompass

Die Informationen, die Gates Memoiren so indirekt über die Hintergründe der Krise liefern sind vielfältig. Einerseits bestätigen sie das Bild, das man später von Lee Myung-bak hatte. Nämlich, dass seine Ideen vom Umgang mit Nordkorea relativ einfach gestrickt und relativ aggressiv waren, dass er aber an ihre Richtigkeit wohl glaubte. Ohne die USA wäre seine Politik gegenüber Pjöngjang vermutlich noch eine Nummer härter gewesen. So wäre wohl die Abschreckungsstrategie Südkoreas intakter geblieben, als sie das durch das Wirken der USA nun ist. Über die Konsequenzen eines solchen Vorgehens zu spekulieren ist Blödsinn, aber die Spannweite dessen, was daraus hätte resultieren können, ist denkbar groß.

Die Erfindung von “patient Containment”: Wie aus zwei konsistenten Strategien eine kontraproduktive Wurde

Andererseits zeigt sich jedoch auch vieles über die Rolle der USA in diesem Konflikt. Ich hatte die Position der US-Regierung unter Obama ja häufig als schwach und eher von Südkorea gesteuert charakterisiert. Das lässt sich so wohl jetzt nicht mehr halten. Vielmehr resultiert die gefühlte Schwäche der USA gegenüber der Lee Administration wohl eher daraus, dass Washington viele Mittel darauf verwenden zu müssen glaubte, zumindest die radikalsten Vorhaben Lees zu abzufedern.
Gleichzeitig zeigt sich aber damit mal wieder ein Problem, an dem die Politik Südkoreas und der USA gegenüber Nordkorea schon seit Jahrzehnten krankt: Man zog anders als ich das wahrgenommen habe wohl doch nicht so ganz an einem Strang, verfolgte also, obwohl man diesen Anschein erwecken wollte, keine abgestimmte Strategie. Während die USA eigentlich gerne “strategic Patience” gemacht hätten, hat Lee wohl eher auf “aggressive Containment” gesetzt. Da man aber anders als in früheren Jahren nicht mehr zwei Strategien unabhängig voneinander fahren wollte, mischte man beides eher.
Das Ergebnis war denkbar schlecht: Man könnte es als “patient Containment” charakterisieren: Man verhielt sich so, als wolle man den Norden aggressiv eindämmen und richtete auch seine Politik danach aus, aber immer wenn man diese Eindämmungsdrohung dann hätte einlösen müssen, schaltete man in den “patient-Modus” und reagierte auf aggressives Verhalten Nordkoreas mit “besonnenem Nichtstun”. Dass die Folgen dieser Politik im Endeffekt so bescheiden geblieben sind, wie sie eben geblieben sind ist kein Wunder. Vermutlich hätte jeder der beiden Ansätze für sich genommen zu besseren Ergebnissen geführt und sogar ein Nebeneinanderher der beiden Strategien hätte nicht so fatal geendet, wie diese zahnlose Eindämmungspolitik.

Korea als Relikt des Kalten Krieges: Es wird wieder riskanter

Mit einer letzten kleinen Beobachtung möchte ich diese Reflektion schließen: Wenn man sieht, wie sehr die USA die Politik Südkoreas in so einem entscheidenden Moment beeinflussen konnten, zeigt dies doch erstaunlich deutlich, wie abhängig Südkorea nach wie vor von den USA ist und wie stark sich Südkoreas konservativer Präsident Lee in das Gefolge des großen Verbündeten gestellt hat (Gates erwähnt unter anderem auch Lees Vorgänger Roh, den er nicht mochte, weil der anders als Lee die Präsenz der USA als Sicherheitsrisiko wahrnahm und das auch offen sagte). Mitunter könnte man sagen, dass die nordkoreanischen Vorwürfe an die Führung in Seoul, man sei ein Vasallenstaat von Gnaden der USA nicht vollkommen aus der Luft gegriffen sind. Wenn es den USA wichtig genug ist und sie diplomatisch intervenieren wollen, dann sind die durchaus in der Lage, Südkoreas politische Richtung zu steuern.
Gleichzeitig zeigt sich hier auch, dass Korea tatsächlich ein Relikt des Kalten Krieges ist, denn ihren Interessen entsprechend intervenieren hüben wie drüben mächtige Verbündete, um das politische Wirken der kleinen Brüder den eigenen Interessen entsprechend zu lenken. Bisher zielten zum Glück die Interessen der USA und Chinas tendentiell eher auf friedliches Miteinander ab. Sollte sich das allerdings irgendwann ändern, dann wird das auch negative Folgen für beide Koreas haben. Daher wäre es wohl im Interesse beider Koreas, ein Stück weit politische Unabhängigkeit von den großen Brüdern zu gewinnen, um nicht im Fall von massiveren Spannungen als Stellvertreter herhalten zu müssen.

Die DDR und Nordkorea — Digitale Fundstellen beim Bundesarchiv


In der Vergangenheit habe ich euch ja immer mal wieder auf Sammlungen von Originaldokumente aufmerksam gemacht, die auf verschiedene Arten in die Öffentlichkeit gelangt sind und aus einem meist westlichem Blickwinkel Auskunft über zeitgeschichtliche Entwicklungen und Einschätzungen im Zusammenhang mit Korea geben. Ich finde es immer ungeheuer spannend und bereichernd in solchen Dokumenten zu stöbern, aber die Quellen, auf die ich euch bis jetzt hingewiesen habe, hatten für gewöhnlich zwei Schwächen: Einerseits waren sie eigentlich immer in englischer Sprache, so dass einige von euch vielleicht keine Lust mehr hatten, sich das anzugucken. Andererseits waren sie aber mit Blick auf Nordkorea auch irgendwie immer (bzw. meistens, denn es gibt ja auch Quellen aus sowjetischen Archiven die digitalisiert sind) nur zweite Hand Informationen und man bekam relativ selten was in die Hand, dass wirklich aus nordkoreanischer Feder stammte.

Deshalb bin ich jetzt froh, euch auf die Arbeit des Bundesarchives hinweisen zu können, das Akten aus der ehemaligen DDR digitalisiert und zur Verfügung stellt. Die drehen sich um allerlei sehr spannende Themen, aber für das Blog habe ich natürlich in erster Linie darauf geachtet, was es da im Zusammenhang mit Nordkorea zu holen gibt. Und das ist durchaus einiges. Ich habe einfach mal ein bisschen rumgesucht und will euch kurz auf ein paar Fundsachen aufmerksam machen, die ich spannend fand, ohne sie komplett durcharbeiten zu können.  Vorher aber noch kurz der Hinweis: Das Navigieren in den Dokumenten ist ein bisschen gewöhnungsbedürftig und nicht extrem nutzerfreundlich, aber ihr werdet euch schon damit zurechtfinden. Nach einigen kleinen Frustrationen klappt das ganz gut…

Politische und ökonomische Zusammenarbeit der Partei- und Staatsführung der DDR mit Staaten und Parteien. Bd. 59 Korea 1956 – 1968 Da gibt es Schriftwechsel u.a. mit Hinweisen auf politische Säuberungen in Nordkorea, aber auch beispielsweise den Text des 2. Fünfjahresplanes Nordkoreas zu lesen. (Wer seine russisch-Kenntnisse auffrischen will, findet da auch ein paar Dokumente (keine Ahnung was drinsteht.).

Büro Erich Honecker: Beziehungen mit Korea 1973 bis 1989 Unter anderem findet man da Transkriptionen von Gesprächen zwischen Erich H. und Kim Il Sung

Büro Egon Krenz: Bd 2: Weltfestspiele der Jugend und Studenten, 1984 – 1986, 1988 – 1989 Das ist insgesamt eine schöne Dokumentensammlung, die für mich ein ganz klares Highlight hat: Einen Steckbrief von Kim Jong Il (S.89). Da steht unter anderem drin: “Geboren in Chabarowsk (UdSSR) nach neuesten offiziellen Angaben der KDVR wurde Kim Tschongil”im Blockhütten-Stabsquartier des Generals der Koreanischen Partisanenarmee als dessen ältester Sohn in der Nähe des nordkoreanischen Bergs Paekdu” geboren”.  Außerdem wird er als bestimmend und impulsiv beschrieben, was man an Sofortmaßnahmen mit bindendem Charakter in Politik und Wirtschaft ablesen könne.

Protokoll der Sitzung des Ministerrats 27.9.1960 Enthält u.a. einen Beschluss und sehr ausführlichen Bericht zur Einstellung der Hilfen beim Aufbau der Stadt Hamhung

Protokoll der 87. Sitzung des Ministerrats am 14.6.1984 Enthält einen ausführlichen Bericht zum Besuch Kim Il Sungs in der DDR

Protokoll der 28. Sitzung des Ministerrats am 15.12.1977 Enthält einen Bericht zum Besuch der Delegation um Honecker in der KDVR 1977 u.a. mit dem Wortlaut eines Kooperationsvertrages zwischen der DDR und der KDVR.

Aber ich denke mal da gibt es noch ein paar weitere spannende Dokumente, die ich hier nicht verlinkt habe. Ich habe erstmal ganz oberflächlich gesucht. Wenn euch gute Suchwörter einfallen oder ihr euch für ganz andere Teile der DDR-Geschichte interessiert, dann könnt ihr hier stöbern. Dabei am besten das Häkchen “nur Material mit Digitalisaten” setzen, sonst kriegt ihr viele Ergebnisse von nicht digitalisierten Fundstellen. Das ist relativ frustrierend. Ganz witzig an OT Sachen fand ich zum Beispiel die Akte “Rockkonzerte“.

Naja, ich hoffe ich habe eure Neugier geweckt und ihr schaut mal selber ein bisschen was die DDR Bonzen so zu Nordkorea verzapft haben.

Natürlich werde ich diese Fundstelle der Seite “Aus den Archiven: Quellensammlungen und Originaldokumente” hinzufügen.

“Eine Reise nach Nordkorea ist wie eine Zeitreise” — Christoph und Ronny von Nordkorea-Reise.de stellen sich vor


Über Tourismus in Nordkorea schreibe ich relativ selten, obwohl ich weiß, dass das Thema viele von euch interessiert. Das hat einerseits damit zu tun, dass ich selbst noch nie dort war und damit vermutlich ein bedeutender Teil der Leser auf mehr eigene Erfahrungen zurückgreifen können als ich, zum anderen hängt es aber auch damit zusammen, dass ich das Gefühl habe, dass es selten was neues zu dem Thema gibt. Wer mal ein paar Reiseberichte aus Nordkorea gelesen hat (hier habe ich ein paar davon  verlinkt), dem wird aufgefallen sein, dass das mit der Zeit ziemlich redundant wird. Und immer nur das Selbe, das finde ich langweilig und dafür ist mir auch meine Zeit zu schade.
Seltener liest man aber etwas aus Sicht derjenigen, die den Tourismus nach Nordkorea ein Stück weit zur Geschäftsgrundlage haben, also von Nordkorea-Reiseanbietern. Deshalb bin ich froh, dass ich Christoph, mit dem ich schon eine Zeit lang bekannt bin und seine Kollegen dafür gewinnen konnte, aus ihrer Sicht als junge Nordkorea-Reiseanbieter zu berichten und zu verschiedenen Aspekten dieses Geschäfts, sowohl was den eigenen Weg zu diesem Geschäftsbild, als auch was eher grundsätzliche Fragen des Reisens nach Nordkorea und den Umgang mit den Partnern dort angeht. Also Bühne frei für Nordkorea-Reise.de:

Wonsan (Foto und Rechte: Nordkorea-Reise.de)

Wonsan (Foto und Rechte: Nordkorea-Reise.de)

Wie einige von Euch sicherlich schon festgestellt haben, existiert seit einigen Monaten ein neuer Reiseanbieter zu Nordkorea auf dem deutschen Markt. Wir, André, Ronny und Christoph sind Nordkorea-Reise.de (für den deutschsprachigen Markt) bzw. Pyongyang-Travel.com (für den internationalen Markt). Wir freuen uns über die Möglichkeit, Euch an dieser Stelle einige unserer Erfahrungen zu Nordkorea im Bereich Tourismus mitteilen zu können und uns bei der Gelegenheit nebenbei auch etwas bekannter zu machen.

Nordkorea ist voller Fragezeichen. Generell ist der Allgemeinheit ja wenig bekannt über das Land, abseits von medial hochgespielten Drohgebärden sowie den üblichen Nachrichten über Hunger und die Menschenrechtslage. Besucht man Nordkorea einmal als Tourist, kehrt man ziemlich sicher mit noch mehr Fragezeichen im Gepäck zurück.

Daher haben wir uns entschlossen, an dieser Stelle ein kleines Selbstinterview zu führen, in welchem wir uns mit den häufigsten Fragen zu unserer Tätigkeit auseinandersetzen und Euch hoffentlich ein paar interessante Einblicke in die Tätigkeit einer sich auf Nordkorea spezialisierenden Reiseagentur geben können.

Wonsan (Foto und Rechte: Nordkorea-Reise.de)

Wonsan (Foto und Rechte: Nordkorea-Reise.de)

Wie kommt man überhaupt auf die Idee, Reisen nach Nordkorea anzubieten?

Ronny:  Wir lernten uns ursprünglich über unterschiedliche Freunde kennen. Unsere Verbindung war, dass wir zunächst aus Interesse für das große Unbekannte unabhängig voneinander Nordkorea besucht haben. Bei einer kleinen Feier tauschten wir uns über unsere Reise-Erfahrungen aus. Wir teilen ein hohes Interesse an Nordkorea, an den aktuellen und vergangenen Ereignissen, den Chancen für die Zukunft und den Analogien der deutschen und koreanischen Teilung. Wir sind, denke ich, mit einigem Fachwissen und der nötigen Expertise über das Land ausgestattet. Christoph als Politikwissenschaftler hat sich bereits während seines Studiums mit Nordkorea beschäftigt, ich als angehender Historiker auch. André ist ein belesener Nordkorea-Experte.

Christoph: Eigentlich hatten wir, zumindest ich, am Anfang nicht gleich vor eine Reiseagentur aufzumachen. Mein erster Besuch in Nordkorea sollte ein einmaliges Wagnis werden. Letztendlich war dieses Erlebnis so prägend für mich als politikinteressierten Menschen, dass ich ein zweites Mal fuhr. Zwischendurch verschlang ich unzählige Bücher über Nord- und Südkorea, den Krieg, die Teilung, etc. Und dann überlegt man sich, wie es wäre hier in Berlin eine kleine Reiseagentur aufzumachen, um aus seinem Hobby auch etwas Zählbares zu machen und die Zeit und Energie, die man in sein Hobby investiert, auch positiv zu nutzen. Alleine wäre das wohl nichts für mich gewesen, doch zu dritt verfügen wir auch über die nötige Ausstattung und Kapazität, solch ein Projekt erfolgreich zu führen.

Wonsan (Foto und Rechte: Nordkorea-Reise.de)

Wonsan (Foto und Rechte: Nordkorea-Reise.de)

Was ist denn für Euch so faszinierend an dem Land?

Christoph:  Viele Leute rieten mir von meiner ersten Reise ab, ich würde dort nur Leid sehen, das Land sei unberechenbar, unsicher, etc. Im Nachhinein kann ich sagen, dass die Reise extrem faszinierend war, das Land ist so dermaßen anderes als alles andere. Eine Reise nach Nordkorea ist wie eine Zeitreise. Was unsere Generation größtenteils nur aus Geschichtsbüchern kennt, existiert dort seit über 60 Jahren, extrem abgeschottet von der Außenwelt. Uns als Tourist ist man dort sehr sicher, die Reisen sind extrem gut geplant, die Reiseleiter sehr professionell und nett.

Ronny: Das ganze Land ist ein Mysterium. Ich bin ein Mensch, der erlebt lieber einmal einen außergewöhnlichen Urlaub wie in Nordkorea als zehn Mal Mallorca oder Ibiza. Zudem gibt es so viele Parallelen und Unterschiede zur deutschen Teilung. Das ist schon sehr interessant.

Wonsan (Foto und Rechte: Nordkorea-Reise.de)

Wonsan (Foto und Rechte: Nordkorea-Reise.de)

Ist es ethisch vertretbar, nach Nordkorea zu reisen?

Christoph: Die Frage ist berechtigt. Natürlich gibt es den Vorwurf, dass das durch den Tourismus erwirtschaftete Geld direkt der Regierung zugehen würde und Touristen im Land für Propagandazwecke genutzt würden.  Mit diesem Vorwurf müssen sich alle Reiseagenturen, die Nordkoreareisen im Angebot haben, auseinandersetzen. Reisen zu organisieren ist zudem etwas anderes als selbst einmal als Tourist dort hinfahren. Insofern fühlen wir schon eine Verpflichtung, uns mit solchen Vorwürfen auseinandersetzen.

Um aber gleich beim Argument der Devisen bzw. des Geldes zu bleiben: Es ist nicht so, dass alles an die Regierung geht. In der beschaulichen Tourismusindustrie Nordkoreas sind in den letzten Jahren viele kleine Jobs entstanden, etwa für Hotelbedienstete, Restaurantangestellte, Reiseleiter, etc. Ein nicht unerheblicher Teil des Geldes geht auch an diese Leute und trägt dazu bei, dass ihr Lebensstandard und der ihrer Familien auf ein besseres Niveau gehoben wird. Für die Devisen, die im touristischen Bereich verdient werden, können sich beispielsweise Hotelangestellte auf den inzwischen existenten Märkten Waren kaufen, die nicht nur ihnen, sondern auch ihren Familien zu Gute kommen. Um nun dem Propaganda-Argument bzw. dem Vorwurf, Touristen würden sich instrumentalisieren lassen etwas entgegenzusetzen: Touristen fordern die offizielle Linie mindestens auch genauso heraus. Denn je mehr Touristen einreisen, desto mehr sehen doch die Leute im Land auch, dass die eben keine Monster sind, die ihnen böses wollen. Ich finde einige der Vorwürfe gegenüber touristischen Reisen nach Nordkorea auch schlicht unfair. Niemand würde auf die Idee kommen, Entwicklungs- oder Nahrungsmittelhilfe zu verteufeln. Diese Hilfen stehen bekanntlich in Gefahr, ähnlich propagandistisch instrumentalisiert zu werden. Würde deswegen aber ernsthaft jemand behaupten wollen, Lebensmittelhilfen müssten gestoppt werden? Touristen können weder etwas für die Menschenrechts- und Versorgungslage, noch für die atomare Aufrüstung des Landes. Wer sowas behauptet überschätzt die Bedeutung des Tourismus maßlos.

Ronny: Diejenigen, die den Tourismus nach Nordkorea kritisieren, müssen sich meiner Meinung nach die Gegenfrage gefallen lassen, was denn dagegen über 60 Jahre Isolation dem Land gebracht haben? Hermetisch abgeriegelt von jeglichen Informationen über die Außenwelt war das Land doch schon immer. In letzter Zeit kommt auch Dank der steigenden Touristenzahl mehr Kontakt und Austausch zustande. Ich kann darin nichts Negatives erkennen. Es ist nicht so, dass man bei einer intensiven Auseinandersetzung mit diesem Thema zu einem absolut einseitigen Ergebnis kommen kann. Es existieren Vor- und Nachteile wie bei allem im Leben. Unserer Meinung nach überwiegen die Nachteile nicht. Und deshalb haben wir auch überhaupt kein ethisches Problem damit, den Tourismus nach Nordkorea zu fördern. Wir sehen auf unseren Reisen, wer alles vom Tourismus direkt oder indirekt profitiert. Das sind vor allem die Reiseleiter und ihre Familienangehörigen sowie alle, die in dem Bereich arbeiten. Darüber hinaus sind wir ein marktwirtschaftliches Unternehmen. Wir wollen natürlich auch Geld verdienen für unsere Arbeit. Ja, die ethische Vertretbarkeit ist uns auch wichtig, aber nur weil es 1-2 Argumente gegen das Reisen in das Land gibt, erheben wir uns nicht in die Position absoluter moralischer Urteilsfähigkeit.

Bergsee (Foto und Rechte: Nordkorea-Reise.de)

Bergsee (Foto und Rechte: Nordkorea-Reise.de)

Wie regierte die Umwelt auf Eure Pläne?

Ronny:  Es gibt natürlich einige, die unsere Pläne für Quatsch halten und uns für Regimeunterstützer halten. Aber dazu haben wir uns ja gerade geäußert.

Christoph: Der Großteil der Leute ist eher besorgt und fragt sich, ob das sicher ist, Reisen nach Nordkorea zu machen. Wenn dann so etwas wie der Fall Newman kürzlich hinzu kommt, nehmen einige so ein Ereignis als Anlass, nochmal ihre Bedenken kundzutun. Aber wenn man dann sich mit dem Fall beschäftigt, so merkt man schnell, dass Newman eben kein normaler Tourist war. Wieder andere sind extrem fasziniert, dass wir so ein Reise-Projekt tatsächlich aufgezogen haben, denn das macht ja nun wirklich nicht jeder.

Ronny: Um nochmal auf Newman zu kommen. Wir informieren unsere Reiseteilnehmer natürlich vorab ausführlich über die Verhaltensregeln im Land. Um dort festgenommen zu werden gehört schon einiges dazu. Wenn man die wenigen Regeln, die es gibt, befolgt und nicht mutwillig bricht, hat man überhaupt keine Probleme.

Bauarbeiten am Masik-Ski-Ressort (Foto und Rechte: Nordkorea-Reise.de)

Bauarbeiten am Masik-Ski-Ressort (Foto und Rechte: Nordkorea-Reise.de)


Wie läuft die Zusammenarbeit mit den nordkoreanischen Partnern?

Christoph: Bislang gut. Man hat auch immer ein offenes Ohr für unsere Pläne und Ideen. Wir haben natürlich viele Innovationen im Hinterkopf, über die man uns aber ganz klar gesagt hat, dass einige noch nicht durchführbar sind in Nordkorea. Ich habe aber das nicht unbegründete Gefühl, dass vieles in den nächsten Jahren machbar wird. Ein gutes Beispiel ist unsere Nahverkehrsreise. Bisher durften ausländische Touristengruppen lediglich 4-5 Stationen der Pyongyang Metro besichtigen. Nachdem wir unseren Kontakten von KITC (des staatliches nordkoreanischen Reiseveranstalters) aber erklärt haben, dass die Besichtigung der gesamten Metro eine Marktlücke ist, haben wir sehr schnell grünes Licht bekommen.

Ronny: Die Reise ist vor allem interessant für Fans des Berliner Nahverkehrs. Denn in Pjöngjang fahren alte Berliner U-Bahnen. Außerdem stehen Fahrten mit anderen nordkoreanischen Nahverkehrsmitteln auf dem Programm, die ebenfalls erst seit kurzer Zeit möglich sind. Wir denken, dass unsere Partner von KITC auch ganz genau wissen, was Reisende an Nordkorea so fasziniert. Natürlich sind die Kontakte aber auf die geschäftliche Ebene beschränkt.

Im letzten Sommer, kurz nach unserer Gründung, hat man uns sogar zu den Feierlichkeiten des 60. Geburtstags von KITC nach Pjöngjang eingeladen. Bei der Gelegenheit konnten wir auch das sich im Bau befindende Masik Ski Resort besichtigen. Auch an einer Konferenz zur Entwicklung des Tourismus nahmen wir Teil. Dort wurden große Pläne verkündet, die wirklich darauf schließen lassen, dass sich das Land noch mehr gegenüber westlichen Touristen öffnen will. Allerdings bleibt natürlich auch abzuwarten, wie viele der angekündigten Neuerungen wirklich umgesetzt werden. Beispielsweise soll in der Nähe von Wonsan ein neuer internationaler Flughafen gebaut werden.

In Nordkorea erfuhren wir die beste Betreuung, die Arbeit mit KITC gestaltete sich als fruchtbar, und uns wurde nahezu alles ermöglicht was wir sehen und tun wollten. So wurde uns immer wieder gesagt, wie sehr sich KITC freut, dass wir Reisen nach Nordkorea anbieten. Uns wurden darüber hinaus Naturschätze gezeigt, welche vorher nicht von Ausländern besucht werden durften. Wir wurden immer wieder darauf hingewiesen, unseren Touristen unbedingt von diesen Plätzen zu berichten und für Reisen zu werben. Vielen ist gar nicht bekannt, dass Nordkorea ein landschaftlich sehr schönes Land ist. Sei es der Kratersee auf dem Berg Paektu, die Gegend um Myohyangsan oder Kumgangsan.

Bauarbeiten am Masik-Ski-Ressort (Foto und Rechte: Nordkorea-Reise.de)

Bauarbeiten am Masik-Ski-Ressort (Foto und Rechte: Nordkorea-Reise.de)

Kennt man sich untereinander in der überschaubaren Community der Nordkorea-Reiseagenturen?

Christoph:  Man kennt ein paar der oft gesehenen Leute, wechselt hin und wieder ein Wort miteinander.

Ronny:  Man weiß natürlich voneinander und hat auch ein relativ offenes Verhältnis zueinander. Über neue Reiseideen redet man natürlich nicht mit der Konkurrenz. Es ist glücklicherweise nicht so, dass man dort nach Ellenbogenmentalität agiert, obwohl der Markt in letzter Zeit sehr gewachsen ist und viele neue Anbieter hinzugekommen sind.

Bauarbeiten am Masik-Ski-Ressort (Foto und Rechte: Nordkorea-Reise.de)

Bauarbeiten am Masik-Ski-Ressort (Foto und Rechte: Nordkorea-Reise.de)

Wie schwierig ist es ein Touristenvisum für Nordkorea zu bekommen?

Christoph: In der Regel ist dies vergleichsweise einfach. Jeder, der mal ein Visum für Russland beantragt hat, weiß was für ein bürokratischer Aufwand das ist. Für das Nordkorea-Visum dagegen benötigt man nicht viel mehr als zwei Passbilder, seinen Reisepass, sowie die wahrheitsgemäße Angabe zum Arbeitgeber (bzw. Universität oder zum früheren Arbeitgeber). Nordkorea möchte bekanntlich keine Journalisten auf touristischen Reisen ins Land lassen. Vor Buchung müssen wir daher eine entsprechende Erklärung verlangen, dass alle gemachten Angaben wahrheitsgemäß sind, und dass die reisende Person nicht als Journalist arbeitet. Denn für den Fall, dass wir unwissentlich Journalisten auf unseren Reisen mitnehmen, drohen uns als Reiseagentur Strafen von nordkoreanischer Seite, so dass wir beispielsweise für zukünftige Reisen gesperrt würden. Uns bleibt also keine Wahl, uns auch rechtlich per Unterschrift der Reisenden gegen falsche Angaben abzusichern, so dass wir etwaige Ausfälle dann auch von den Verursachern zurückverlangen können. Hoffentlich wird es nie soweit kommen. Anderen Reiseagenturen ist es schon passiert. Welche Konsequenzen das für die im Detail hatte, wissen wir allerdings nicht.

Ronny: Natürlich werden die Antragsdaten eines jeden Reisenden vorab von der Botschaft geprüft. Wer Journalist ist, kann uns natürlich um die Herstellung des Kontaktes zur Botschaft fragen. Dort können Journalisten dann auch beantragen, dass sie Nordkorea besichtigen wollen. Allerdings wird solchen Anträgen selten stattgegeben. Alle anderen Berufsgruppen und Nationalitäten sind auf unseren Reisen willkommen, mit Ausnahme von Südkoreanern. Der Grund hierfür liegt aber nicht in den Einreisebestimmungen Nordkoreas, sondern in den Gesetzen Südkoreas, die einen nicht autorisierten Besuch des Nordens unter Strafe stellen.

Bauarbeiten am Masik-Ski-Ressort (Foto und Rechte: Nordkorea-Reise.de)

Bauarbeiten am Masik-Ski-Ressort (Foto und Rechte: Nordkorea-Reise.de)


Wohin wird sich der Tourismus in Nordkorea in den nächsten Jahren entwickeln?

Ronny:  Die Besucherzahlen sind in den letzten Jahren für nordkoreanische Verhältnisse sehr stark gestiegen. Je mehr das Land in den Medien ist, desto attraktiver wird es letztendlich auch für Touristen. Wir gehen aber davon aus, dass der Markt in den nächsten Jahren noch weiter wachsen wird.

Christoph:  Man muss sich nur einmal anschauen, welche touristischen Projekte in Nordkorea alles geplant sind. Beispielsweise das Masik Ski Resort und der Ausbau des Flughafens von Wonsan, um die größten und bekanntesten zu nennen. Es wird also viel investiert in touristische Infrastruktur. Die Touristenzahlen werden somit wahrscheinlich auch weiterhin steigen. Tourismus in Nordkorea wird zudem dezentraler werden. Früher war alles hauptsächlich auf die Hauptstadt Pjöngjang konzentriert und lediglich Besuche etwa nach wie z.B. Myohyangsan, Peaktusan oder nach Panmunjom waren Standard. Inzwischen sind immer mehr Gegenden Nordkoreas für Touristen zugänglich. Wir gehen davon aus, dass Restriktionen für Touristen weiterhin in kleinen und behutsamen Schritten gelockert werden. Man wird mehr sehen und neue Orte besuchen können. Dass man Nordkorea eines Tages ohne Guides auf eigene Faust erkunden kann, wird allerdings auf absehbare Zeit Wunschdenken bleiben.

 

Wenn ihr mehr zum Angebot von Nordkorea-Reise.de erfahren wollt, dann schaut euch doch einfach mal ihre Homepage an oder besucht ihren Facebook-Auftritt

Von 120 hungrigen Hunden und 146 Zuchtmeerschweinen: Warum man viel über Nordkorea schreiben kann, aber nur weniges beweisen muss.


Die meisten von euch werden die Story mit Jang Song-thaeks Hinrichtung mit Hilfe von 120 Hunden zumindest am Rande wahrgenommen und sich vielleicht auch eine Meinung dazu gebildet haben. Eigentlich wollte ich nichts dazu schreiben, denn wenn ich anfangen würde mich über jedes dumme Gerücht über Nordkorea aufzuregen, das von unseren Medien ohne seriöse Quellenprüfung oder Anwendung sonstiger journalistischer Standards zu einer skandalösen Geschichte breitgewalzt und mit tollen Schlagzeilen versehen wird, dann würde ich ja sonst nichts mehr machen (und das ist leider nicht wirklich überspitzt).
Dann hätte ich es mir fast anders überlegt, als ich diese ausgezeichnet verschwörungstheoretisch fundierte aber absolut gehaltlose Analyse meines lieblings-Kommunistenflüsterers, Stalinverstehers und Chefkommentators gelesen habe. Ich habe mich aber dagegen entschieden, weil es mir einerseits um die Zeit zu schade war, andererseits möchte ich nicht den Anschein machen, unter irgendeiner Art von persönlichen Manie zu leiden, so oft wie ich über den Quatsch schreibe, den der Mann von der WELT verzapft (der Grund für meine häufige Beschäftigung mit dem Werk des WELT-Chefkommentators ist schlicht, das niemand in Deutschland so ausdauern und so unterirdisch zu Nordkorea schreibt).
Dass ich aber jetzt doch hier sitze und was zu dem Thema tippe, liegt nicht an irgendeinem Mist, den ich gelesen habe sondern ist Folge eines positiven Impulses:

Schön zu wissen: Deutsche Journalisten sind zur Selbstkritik fähig

Denn tatsächlich gibt es nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland (bzw. zumindest in deutscher Sprache schreibend) Journalisten, die ihrer Arbeit offensichtlich etwas reflektierter nachgehen, als viele ihrer Kollegen und die auch bereit sind, in diesem Rahmen so etwas wie Medienkritik zu üben (unsere Medien sind ja grundsätzlich nicht unkritisch und verstehen es oft gesellschaftliche Phänomene etc. mit scharfer Feder bzw. Worten anzuprangern; Nur wenn es um sie selbst geht, tun sie sich mitunter schwer mit sowas). Naja, lange Rede kurzer Sinn, lest euch auf jeden Fall mal diesen Artikel von Stephan Scheuer durch, alles was er schreibt kann ich auch so unterschreiben.
Das Schöne an seinem Beitrag: Er suggeriert nichts in die eine oder andere Richtung, sondern macht das, was journalistische Texte eigentlich tun sollten: Er ordnet Informationen ein und bietet Hintergründe. Er lässt der Geschichte ihren Raum, macht nicht mehr daraus, als es ist und versucht nicht irgendwelche hochtrabenden Analysen daraus abzuleiten.
Das mag zwar weniger “sexy” sein, als eine Story mit einem grausamen mordenden Diktator mit 120 hungrigen Hunde, aber da ich der Ansicht bin, dass “sexieness” bei Inhalten und Überschriften nicht das oberste Kriterium journalistischer Arbeit sein sollte und gehöre daher zu denen, die solche Artikel wohltuend finden.
Ich hoffe auch einfach mal, dass ihr nicht zu den Leuten gehört, die das anders sehen, denn dann wärt ihr auf diesem Blog vermutlich leider falsch und solltet hier, hier oder hier weiterlesen (allerdings könnt ihr euch dafür dann vielleicht merken, dass die spektakulären, obskuren und “irren” Storys meistens nicht unbedingt wahr sind).

Warum ich unkritische Berichterstattung zu Nordkorea verwerflich finde

Ich will jetzt nicht lange mit irgendeiner Art von moralischem Zeigefinger rumwinken, denn ich habe ja schon oft genug darauf hingewiesen, wie vorsichtig man mit Medienberichten zu Nordkorea umgehen muss. Denn leider machen sich es Medienvertreter allzuoft allzuleicht, übernehmen irgendwelche Gerüchte und halbseidenen Informationen, drehen sie dann so lange vorwärts, rückwärts, kreuz und quer durch die Medienmaschinerie, bis sie selbst glauben, das Gerücht sei wahr.
Natürlich gibt Nordkorea für ein solches Verhalten das ideale “Opfer” ab, denn die informative Abschottung, die teils tatsächlich obskure Propaganda und das damit verbundene vergleichsweise lückenhafte gesicherte Faktenwissen über das Land laden dazu ein, einfach irgendetwas zu schreiben, Wiederspruch kommt ja eh nicht und da man ja weiß, dass das Regime böse ist, trifft es immer den Richtigen, selbst wenn das was man da über Nordkorea geschrieben oder gesagt hat, nicht so ganz der Wahrheit entspricht.
Nur dumm, dass damit eigentlich niemandem geholfen ist, außer vielleicht ein paar Journalisten, die mit wenig Aufwand viele Klicks erzeugt oder Zeilen gefüllt haben. Denn was wir als Leser  bekommen haben ist nur das Gefühl informiert worden zu sein, nicht aber echte Information oder Wissen. Noch schlimmer ist dabei, dass nicht nur wir kleinen Lichter Zeitung lesen, sondern auch diejenigen, die entscheiden dürfen. Auch die richten sich mitunter nach dem, von dem sie glauben, dass es sich um echte Informationen handelt. Wenn aber Politik auf Basis falscher Informationen gemacht wird, nur weil irgendwelche Medienschaffenden denken, dass es schon nicht so schlimm sein wird, wenn man ungeprüfte Gerüchte über Nordkorea (oder irgendein anderes Thema) publiziert, dann bin als Bürger damit nicht einverstanden und würde mir ein bisschen mehr Verantwortungsbewusstsein der Betreffenden wünschen.

Ist die Hundegeschichte wahr?

Und was ist jetzt mit der Hundegeschichte? Kann die nicht doch wahr sein? Klar kann sie wahr sein! Ich glaube das nicht und verweise euch einfach an den oben verlinkten Artikel, aber auch hierher, hierher und hierher und möchte euch darauf aufmerksam machen, dass ziemlich vieles wahr sein kann, weil man ziemlich weniges selbst nachprüfen kann (das betrifft übrigens nicht nur Nordkorea. So funktionieren Verschwörungstheorien). Es könnte auch gut sein, dass Kim Jong Un ein rosa-Meerschweinchen-Fetischist ist und zu diesem Zweck ein Expertenteam syrischer Meerschweinezüchter mitsamt 146 hochgezüchteten Meerschweinen hat einfliegen lassen (hierdurch erklärt sich übrigens die Präsenz nordkoreanischer Militärangehöriger im syrischen Bürgerkrieg: Sie schützen essentielle Meerschweinezuchteinrichtungen und sichern die Evakuierung der Experten ab). Klingt unwahrscheinlich? Klar! Aber beweist mir doch mal das Gegenteil! Könnt ihr nicht! Seht ihr: Und ich würde euch gerne die Belege für die Meerschweinegeschichte liefern, aber weil das Regime so intransparent, irre und böse ist kann ich das leider nicht.
Naja, und das ist das Motto nach dem ein beachtlicher Teil der Nordkorea-Storys funktioniert. Aber weil ihr ja hier regelmäßig mitlest wisst ihr natürlich Bescheid und geht deshalb gerade mit den Geschichten, die am spektakulärsten klingen auch am vorsichtigsten um und das ist auch gut so…

Reminder: Noch bis Ende des Jahres kostenlose Fachaufsätze zu Nordkorea runterladen


Heute will ich euch jenseits von allem Jang Song-thaek Hype (merkt ihr es? Unsere Medien sind mal wieder auf den Hype aufgehupst und berichten jetzt jeden Mist, den es gerade zu Nordkorea gibt, obwohl die ganze Geschichte eigentlich schon gelaufen ist) auf was anderes aufmerksam machen, bzw. euch erinnern.

Im Mai habe ich euch ja schonmal auf die über 150 frei zugänglichen Fachaufsätze zu Nordkorea aufmerksam gemacht, die Taylor and Francis bereitgestellt hat. Da dieses Jahr und damit dieses Angebot jetzt bald zuende geht und die Aufsätze dann wieder kosten, wollte ich nur nochmal einen kleinen Reminder raushauen (und wenn gerade was spektakuläres passiert (zum Beispiel der irre Kim seinen ReformOnkel hinrichten lässt) sind ja eh immer alle doppelt so wissebgierig und scharf auf jegliche Art von Infos…). Aber auch wenn ihr den Kram jetzt nicht braucht oder lesen könnt, vielleicht ist das irgendwann mal anders. Naja und was ihr habt habt ihr. Also einfach runterladen und in nen Ordner legen, dann habt ihr eine nette kleine Artikeldatenbank zu Nordkorea. Ist doch nicht das Schlechteste.

Wenn ihr wollt, lest euch durch, was ich im Mai dazu geschrieben habe oder schaut direkt bei Taylor and Francis vorbei. Jedenfalls könnt ihr nicht klagen, euch hätte keiner bescheidgesagt…

Nordkorea indiziert: Nordkorea belegt auf dem Welt-Nordkorea-Index-Index Platz 87


In einem von keinem Experten erstellten Welt-Nordkorea-Index-Index belegt Nordkorea den 87. Rang. Damit zeigt der erstmals erhobene Index ganz klar, dass Nordkorea ein Land ist, dessen Indizierungs-Index zwischen den Position 86. und 88. einzustufen ist. Viele andere Länder belegen andere Plätze, manche aber auch möglicherweise den gleichen, was der Methodik des Indexes geschuldet ist. Für konkrete weiterführende Bewertungen ist ein normativer Überbau zur Einschätzung Nordkoreas notwendig. So kann man sagen, die Zahl 87 deutet darauf hin, dass Nordkorea ein ganz normales Land ist (stimmt zwar nicht, kann man aber sagen). Man kann auch sagen, Nordkorea liegt vermutlich ganz klar hinter Finnland und Dänemark, was mal wieder beweist, wie gut die Finnen doch sind und wie schlecht die Nordkoreaner. Man kann noch vieles mehr sagen, aber das ist heute hier nicht mein Job. Ich bin Wissenschaftler (bin ich nicht!) und habe diesen Index konzipiert. Die Bewertung und konkrete Schritte liegen jetzt bei der Politik…

Methodik

Wenn das alles für euch nicht so richtig verständlich ist, habt ihr vermutlich recht. Aber so einen Index-Index wollte ich immer schonmal erarbeiten. Wenn ich jetzt noch mehr Lust gehabt hätte, dann hätte ich auch noch die Gewichtung der verschiedenen indizierten Indizes mit eingerechnet und wäre sicherlich zu einem ganz anderen Ergebnis gekommen, das nicht minder aussagelos gewesen wäre. Da der Quatsch aber immer auch eine Grenze haben muss, genügten mit einfache mathematische Operationen wie Addition und Division, um auf mein Ergebnis zu kommen. Das soll jetzt natürlich keine Wertung zu irgendwelchen anderen Indizes oder unserem Indizierungswahn generell sein, sondern nur eine Einleitung zu meiner nicht vollständigen Nordkorea-Index-Liste, die ihr unten findet.

Nordkorea indizieren. Ein komplizierter Job

In den letzten Tagen konnte man mal wieder hören, wie Korrupt Nordkorea ist. Dafür gibt es auch handfeste Beweise. Um genau zu sein einen Index. Dass der Index dabei nicht die tatsächliche Korruption in einem Land misst, sondern die wahrgenommene interessierte die wenigsten Schlagzeilenproduzenten. Noch weniger interessierte es wohl jemanden, wie man bitte aus den Menschen in Nordkorea rauskriegen will, wie sehr sie Korruption wahrnehmen und wie man diese Erkenntnisse dann mit der Wahrnehmung von Menschen in Finnland (wo ja bekanntlich alles am Besten ist) oder so vergleichen will. Aber egal, Hauptsache der Beweis ist angetreten und man kann ganz klar zeigen, in Nordkorea ist die gefühlte Korruption am höchsten.

Indizes: Neutral oder verschleierte Propaganda?

Schön wenn es Indizes gibt. Wie sollte man sonst die Welt verstehen, wenn es nicht ganz objektive Zahlen gäbe, die bewiesen: Dieser ist besser und jener schlechter. Unmöglich. Daher danke an all diejenigen, die sich täglich die Mühe machen, irgendwelche Daten zu sammeln zu aggregieren und irgendwie umzurechnen oder erstmal in Zahlenform zu gießen um uns am Ende dann die Welt ein Stück verständlicher zu machen. Nur frage ich mich manchmal, sind die Indizes da, um die Welt zu erklären, oder weiß man schon vorher, wie die Welt ist und baut sich dann die Indizes so zusammen, dass sie am Ende belegen, was man selbst (aber nicht der ganze verblödete Rest der Menschheit) ohnehin schon wusste. Naja, ich will da garnicht allzutief in die Bewertung einsteigen, denn so differenziert man unterschiedliche Länder und Sachverhalte betrachten sollte, so differenziert muss man sich wohl auch die unterschiedlichen Indizes angucken. Manche geben sich Mühe die Welt abzubilden, andere eher eine Weltsicht.

Nordkorea indizieren: Das Datenproblem

Das alles ist das eine Problem. Das andere Problem sind die Daten, die da aggregiert werden. Ich meine, vermutlich ist die Datenlage zwischen Finnland und Schweden (wo alles fast so gut ist wie in Finnland) ziemlich vergleichbar. Aber wie ist das denn mit Somalia, Finnland, Nordkorea und Honduras? Keine Ahnung, wenn uns einer danach Fragen würde, ob man da wohl zu allem möglichen vergleichbare Zahlen finden kann, würden wir wohl eher sagen: “Keine Ahnung”. Aber wenn jemand kommt und sagt: “Hier hab ich den Index zu dem und  dem, Honduras ist 47, Finnland 1., Somalia 158. und Nordkorea 200. Das haben wir anhand von wissenschaftlichen Vergleichsanalysen herausgefunden”, dann sagen wir: “Prima, hab ich mir schon immer gedacht!”. Aber auch wenn man sich irgendwas schon immer gedacht hat, kann man auch in dem Moment nochmal denken und sich fragen: Können die wissenschaftlichen Analyseexperten das alles über Nordkorea überhaupt wissen? Bei manchen Sachverhalten kann man das bejahen, bei anderen nicht. Aber wenn man etwas nicht weiß, wie kann das dann in einen Index eingehen? Keine Ahnung, aber es passiert. Ich will jetzt hier nicht alle Indizes mit Bausch und Bogen verdammen, aber es gibt doch auch Lösungen, die man nutzen kann, wenn man nichts weiß. Wenn ich nichts weiß, dann versuche ich zum Beispiel nichts zu sagen. Andere machen das ja auch und das finde ich durchaus respektabel…

(K)ein Index-Index

Nungut, lange Rede kurzer Sinn, ich habe euch mal aufs Geratewohl alle möglichen Indizes zusammengetragen, in denen Nordkorea indiziert ist und werde sie hier fast ohne weiteres Kommentar verlinken (ich werde die anhand geheimer wissenschaftlicher Analysemethoden entwickelte Qualitätsbewertung mit Hilfe von “- -” bis “+ +” darstellen). Meine Meinung zum Gebrauch dieser Indizes findet ihr ja oben. Viel Spaß beim Stöbern und wenn ihr noch weitere Aussagekräftigen Indizes kennt, immer her damit.

Bertelsmann Transformationsindex 2012: #125 (von 128) Qualitätsbewertung: -

Corruption Perception Index 2013: #176 (von 177) Qualitätsbewertung: -

Deforestation Index 2012: #3 Qualitätsbewertung: 0

Failed States Index 2013: #23 Qualitätsbewertung: – -

Global Peace Index 2013: #154 Qualitätsbewertung: 0

Happiness Index 2011: #2 Qualitätsbewertung: - -

2013 Index of Economic Freedom: # 177 (von 177) Qualitätsbewertung: -

NTI Nuclear Materials Security Index: #32 (von 32) Qualitätsbewertung: +

Weltverfolgungsindex 2013: #1 Qualitätsbewertung: - -

2013 World Press Freedom Index: #178 (von 179) Qualitätsbewertung: + +

World Soccer Power Index (05.12.2013): #84 Qualitätsbewertung: 0

Ein Bild von Nordkorea (IV): Total monumental


Wie mir kürzlich aufgefallen ist, habe ich die Serie mit den Bildern von Marc ein bisschen schleifen lassen. Das hatte nichts damit zu tun, dass ich die Fotos nicht supergut fände, sondern eher damit, dass ich immer wenn ich Zeit bekam auch gleich ein Thema hatte, das ich nicht übergehen wollte. Heute ist aber ein guter Tag, die Serie fortzusetzen (Hier lang zu den bisher erschienenen drei Teilen der Serie).
Und weil ich ja irgendwie ein Bild von Nordkorea präsentieren will, dass die verschiedenen Facetten des Systems und der Menschen darstellt, kann ich auch ein Thema nicht übergehen, dass sehr häufig unsere Idee des Landes mitprägt: Die brachiale und monumentale Symbolik, die sich im Land in überdimensionierten Bauprojekten ausdrückt und damit natürlich für jeden Fotografen ausgezeichnete Motive hergibt, die wir aus der einen oder anderen Perspektive alle schonmal gesehen haben. Aber manchmal gibt es in diesen großen Bildern doch nochmal kleines zu entdecken und wenn ihr da keinen Bock drauf habt, dann könnt ihr euch auch gerne an der irgendwie verstörenden Faszination der totalitären Symbolbaukultur des Regimes weiden.

Alle Rechte an allen folgenden Bildern liegen bei Marc Ucker.

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"Ja wo sind wir denn hier?" Naja, die Frage ist eigentlich schnell beantworte: "In Korea!" Nicht Nord nicht Süd, einfach nur Korea. Irgendwie sticht das hervor. Zumindest auf dieser Karte. Aber, schaut euch das Bild mal genauer an. Von dieser wichtigen Idee, die Nord und Süd grundsätzlich eint, nämlich dass die Koreas zusammenghören, ist zumindest hier so ein bisschen der Lack ab.

“Ja wo sind wir denn hier?” Naja, die Frage ist eigentlich schnell beantworte: “In Korea!” Nicht Nord nicht Süd, einfach nur Korea. Irgendwie sticht das hervor. Zumindest auf dieser Karte. Aber, schaut euch das Bild mal genauer an. Von dieser wichtigen Idee, die Nord und Süd grundsätzlich eint, nämlich dass die Koreas zusammengehören, ist zumindest hier so ein bisschen der Lack ab.

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Galerie

Die Bilder kennt man. Trotzdem irgendwie spannend, dieser Flur voller Propagandakunst.

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LongWayDownkl

Es ist ein weiter Weg nach unten; Nach oben aber genauso. Gut dass es eine Rolltreppe gibt. Ansonsten würde man sich glaube ich ganzschön müde laufen. Was ist eigentlich immer mit der Treppe in der Mitte? Für Special-Guest oder Rettungsleute reserviert? Oder ne Geschichte für ganz sportliche? Auch diese Treppe könnte man als Sinnbild für das Land nehmen. Nur weiß ich nicht, ob man auf der Abwärts- oder Aufwärtstreppe steht. Und anders als auf Rolltreppen geht selten was von alleine.

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NeueHäuserkl

Kaum ein zeitgenössisches Projekt steht so sinnbildlich für Nordkorea heute wie die Mansudae Apartments. Nur für was sie genau stehen, das kann ich leider nicht sagen. Stehen sie für eine wirtschaftlich erfolgreich aufstrebende Nation? Für Modernität? Für zumindest fragwürdige weiße Elefanten? Oder einfach dafür, dass Nordkorea aus der Zeit gefallen ist und bleibt (denn irgendwie sehen die Gebäude doch nicht mehr modern, sondern wie der Traum eines Architekten der Siebziger aus)? Naja, ich weiß es nicht. Vielleicht ist auch dass das Sinnbild, denn man weiß mit Blick auf Nordkorea eben sehr selten, was man davon halten soll…

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OtherSideofTheRiverkl

Die andere Seite des Flusses erinnert mich an diesen unglaublich guten Song. Schöne Perspektive auf die Stadt. Dass nicht nur Ausländer diese Aussicht (von dem Platz vor dem Juche-Turm aus (oder?)) schätzen, zeigen die vielen anderen Betrachter.

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SonneDesJahrhundertsErhebtSichkl

Achja, Monumentalbauten sind glaub ich einfach deshalb bei autoritären Regimen so unglaublich beliebt, weil sie ihren Untertanen die Interpretation einfacher machen. Hier sagt zum Beispiel die Sonne (des Jahrhunderts? Vermutlich!) dem Volk, das wohl noch fleißig in der großen Studienhalle am Sieg der Revolution büffelt, gute Nacht. Schön wenn der große Führer über sein Volk wacht.
Detailverliebte können den Blick aber auch mal ein Stück senken und sich eines der Geheimnisse der reibungslosen Massenchoreographien auf dem Kim Il Sung Platz näher anschauen. Die Leute machen das nicht von selbst, sie haben nur ganz klare Markierungen, wo wer zu stehen hat. Das macht es einfacher den Schwarm zu kontrollieren. Was wohl passiert wäre, wenn hier der Fotograf ein Stück Kreide und viel Mut dabei gehabt hätte? You never know…

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BurningFlamekl

Und wenn man sich dann von da aus, wo das vorherige Foto geknipst ist, einfach umdreht, dann sollte man ungefähr dieses hier bekommen. Auch nicht schlecht symmetrisch, oder? Und die Flamme von Juche leuchtet dem Volk durch die Nacht, das ist doch mal was. Flammen sind auch herrlich symbolisch, gell. Da muss man nur mal in die Bibel (Pfingsten) oder in eine katholische Kirche (das ewige Licht) reinschauen. Auch hier musste ich an Musik denken, warum auch immer.

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ImGleichschrittMarschkl

Eines der beiden flankierenden Monumente am Mansudae-Hügel, wo die Bronze-Kims wohnen. Die oben wie die unten marschieren im Gleichschritt in ein neues Zeitalter. Blöd nur, wenn der Schuh auf ist. Dann ist der ganze schöne Effekt dahin.

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Andachtkl

Schließlich kann jeder seinen Verkehrskreisel gestalten wie er lustig ist, oder hat damit jemand ein Problem.
Aber mal Spaß beiseite: Wenn gleich zwei große und geliebte Führer wohlwollend auf einen niederschauen (das “Niederschauen” ist ein Motiv, dass sich definitiv durchzieht), was will da noch schlimmes passieren.

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AlteSymbolikkl

Die ganze Gesellschaft gemeinsam für Juche. Da sind Industriearbeiter, Soldaten, Bauern, Akademiker, die gemeinsam die Juche-Flamme hoch. Nur was der Kerl links hinten für einen seltsamen Hut auf hat, das erschließt sich mir noch nicht so richtig, Dabei sollte es grundsätzlich schlichte und einfach zu verstehende Symbolik sein.
Naja. Hat auch alles sein Gutes, denn wenn man sich ein Detail anguckt, dann fällt einem manchmal was ganz anderes auf. Daher gleich noch zwei Bildausschnitte.

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Auf jeden Fall ist mir bei der Betrachtung des Kopfes links aufgefallen, dass auf dem Buch oben drauf irgendwie Stroh oder sowas zu  liegen scheint. Das fand ich seltsam.

Auf jeden Fall ist mir bei der Betrachtung des Kopfes links aufgefallen, dass auf dem Buch (was steht da eigentlich genau drauf?) oben drauf irgendwie Stroh oder sowas zu liegen scheint. Das fand ich seltsam.

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Dann ist mir aber engefallen, dass ich auf dem anderen Bild was gesehen hatte: Vielleicht ha tja jemand das Monument tatsächlich einem praktischen Nutzen zugeführt und sich darauf häuslich gemacht...

Dann ist mir aber eingefallen, dass ich auf dem anderen Bild was gesehen hatte: Vielleicht hat ja jemand das Monument tatsächlich einem praktischen Nutzen zugeführt und sich darauf häuslich gemacht…

Schöne Studie des KINU zu Nordkoreas Machteliten


Bei der Betrachtung des Handelns der nordkoreanischen Führung, durch mich und andere, z.B. Qualitätsmedien, dürfte vielen von euch schonmal aufgefallen sein, wie wenig man eigentlich über die Gründe des Handelns, die Ziele und sogar über maßgebliche Akteure dort weiß. Mitunter führt das dazu, dass Nordkoreas Führung als “Black Box” gesehen wird, deren Handlungen kaum zu  analysieren, zu bewerten oder gar vorherzusagen sind. Oder aber es werden teils abstruse (oder abstrus klingende) Theorien über die Entscheidungsfindung entwickelt und als gegeben gesetzt, die dann als Basis für Analysen dienen, die erstaunlicherweise am Ende teils abstrus erscheinende Ergebnisse haben.
Die einfachste ist beispielsweise die vom irren Diktator. Hier schwingt implizit die Annahme mit, der Führer Nordkoreas habe absolute Autorität und Entscheidungskompetenz und sei daneben “irre” handle also irrational und damit nicht  vorhersehbar. Das gute an dieser Theorie: Man kann damit nahezu alles Vergangene erklären. Das Schlechte: Man kann damit keinerlei Vorhersagen über die Zukunft treffen. Der Pferdefuß: Warum sollte ein Regierungsapparat einen offensichtlich Irren an seiner Spitze dulden, wo Irrsinn doch ein großes Risiko von fatalen Fehlern mit sich bringt.
Naja, das war jetzt ein bisschen überspitzt, aber es gibt durchaus die eine oder andere Theorie oder Annahme über die Struktur, die Motivationen und die Mitglieder der nordkoreanischen Führung, aber viele davon haben irgendwo ihre Schwächen und Pferdefüße. Daher geht es nicht nur mir so, dass es irgendwie sehr komplex und kaum fassbar scheint, die Führung Nordkoreas in einem ersten Schritt zu beschreiben und dann mit geeigneten Hilfsmitteln zu analysieren. Ich versuche es trotzdem hin und wieder, aber im  Endeffekt bin ich mir bewusst, dass es nicht mehr als unsystematische Versuche  sind, nicht validierbares zu erklären. Im Bewusstsein dieser Problematik finde ich es immer mal schön, wissenschaftlich ausgearbeitete Texte zu Funktionsweisen und Strukturen der Führung in Pjöngjang zu lesen.

Studie zu den Machteliten Nordkoreas

Daher habe  ich mich eben gefreut, als ich auf der Suche nach ganz was Anderem auf der Seite des Korea Institute for National Unification die schöne knapp 70-seitige Analyse: “Study on the Power Elite of the Kim Jong Un Regime” (hier lang zu Studie, dann einfach auf das PDF-Piktogramm wo “Eng” drinsteht klicken) gesehen habe. Ich hab sie mir auch gleich durchgelesen, was ich euch auch herzlichst empfehle, will aber in aller Kürze das zusammenfassen, was für mich wichtig bzw. bemerkenswert war:

Einschränkungen

Der methodische Teil der Studie zeigt bereits auf, wo die Schwierigkeiten bei der Analyse der Führung Nordkoreas liegen. Denn einerseits wird angemerkt, dass die meisten Erklärungsmodelle für Nordkoreas Führungssystem nur unter Vorbehalt genutzt werden könne, weil sie nicht zu verifizieren sind. Andererseits wird schnell klar, dass Informationen über Mitglieder der nordkoreanischen Führung nur sehr begrenzt vorliegen. Bei Personen die nicht zur absoluten ersten Reihe des Regimes gehören, ist oft nicht mehr als der Name und daraus abgeleitet das Geschlecht bekannt. Über Alter, Geburtsort oder gar weitere Aspekte der Vita gibt es bei großen Teilen des Führungszirkels keine Informationen. So ist bei etwa einem Drittel der Mitglieder des Zentralkomitees der Partei der Arbeit Koreas und bei Dreivierteln ihrer Stellvertreter das Alter nicht bekannt. Die Zahlen für Herkunft und Ausbildung sind nochmal höher. Diese Einschränkungen machen nochmal schön deutlich, wie wenig wir wissen und wie eingeschränkt Analysen daher auch nur möglich sind.

Modelle zur Erklärung des Regimehandelns

Nichtsdestotrotz bietet die Studie einige Analyserahmen an, die gut nutzbar sind, um damit die inneren Vorgänge in  Nordkorea zu erklären. Die Studie geht dabei davon aus, dass die Entscheidungen und damit das Handeln in Nordkorea nicht allein von Kim Jong Un bestimmt werden, sondern dass es Konfrontationen und Konflikte innerhalb der Eliten gebe, aus denen im Endeffekt die Ergebnisse der Politik resultierten, die wir beobachten können. Diese Annahme splittert sich dann entlang der Frage, wo die Konfliktlinien innerhalb der Eliten verlaufen in unterschiedliche, aber nicht unbedingt gegensätzliche Erklärungsmodelle auf:

  • Das “policy tendency” Modell geht davon aus, dass es innerhalb der Führung zwei Gruppen gibt, die im Konflikt um die politische Ausrichtung des Landes stehen. Eine Gruppe steht dabei für eine eher technokratische, effizienzorientierte Herangehensweise, die eine Verbesserung der Lebensverhältnisse zum Ziel hat, die andere steht für ideoligsche Reinheit, beispielsweise durch die Fortsetzung der Militär-zuerst-Politik.
  • Das “bureaucratic politics” Modell sieht den Wettbewerb zwischen unterschiedlichen funktionalen Einheiten, Institutionen und Organisationen im Vodergrund, die um Macht und die Durchsetzung eigener Interessen kämpfen.
  • Das “factionalism-power” Modell erklärt die Politik ähnlich wie das vorgenannte Modell als Konfikt um Interessen und Macht, nur dass dieser Konflikt nicht durch formelle bürokratische Strukturen ausgefochten wird, sondern durch unterschiedliche informelle Faktionen innerhalb des Regimes.
  • Das “patron-client” Modell schließlich zielt ebenfalls auf informelle Beziehungen ab, sieht jedoch nicht so sehr Gruppen im Vordergrund, sondern individuelle Beziehungen zwischen nicht gleichrangigen Akteuren, die sich durch ein gegenseitiges Geben und Nehmen auszeichnen und auf Basis von Familienbeziehungen, gemeinsamen Erfahrungen etc. ergeben. Aus einer Vielzahl solcher Patron-Klient-Verhältnisse können dann komplexe Loyalitätennetzwerke entstehen, die auch Vertikal und über Organisationsgrenzen hinweg wirken.

Wenn ihr hin und wieder einen Artikel über Nordkorea gelesen habt, der sich mit den inneren Vorgängen im Regime befasst, dann dürften euch zumindest einige dieser Erklärungsansätze bekannt vorkommen. Aus diesem Arsenal speist sich je nach zu erklärendem Phänomen, Wissensstand oder persönlicher Vorliebe des Autors ein Großteil der Regimeanalysen und ich bin mir sicher, dass jedes der oben genannten Instrumente eine gewisse Erklärkraft besitzt. Leider weiß ich und auch sonst niemand, wie sich das Anteilig aufteilt. Aber es ist doch immerhin schonmal was, ein paar Werkzeuge zu haben.

Konkrete Analyse

Aber nicht nur die methodische Vorgehensweise, sondern auch die konkrete Analyse des Regimes ist nicht unspannend. So zeigt sich, dass mindestens 61 Prozent der Mitglieder des ZK der PdAK zwischen 60 und 90 Jahren alt sind. Bedenkt man dann aber noch, dass von 33 Prozent der Mitglieder kein Alter bekannt ist, dann ist klar, dass diese Lenkungsinstitution nicht gerade vor Jugend strotzt. Auch die Bedeutung von Blutsverwandtschaften wird hier nochmal klar hervorgehoben. So sind wirklich viele enge Verwandte ehemaliger Spitzenfunktionäre im heutigen ZK zu finden. Allein die Blutsverwandten Kim Il Sungs stellten ab 2010 deutlich über 5 % der Mitglieder des ZK.
Weitere interessante Hinweise beschäftigen sich mit persönlichen Netzwerken, die sich über gemeinesame Tätigkeiten ergeben. Hier geht es zentral um das Netzwerk von Kim Jong Uns Onkel Jang Song-thaek, dem eine Vielzahl der absoluten Spitzenkräfte des Regimes zugerechnet werden (darunter aber auch ein paar, die von den Säuberungswellen der letzten Jahre weggespült wurden).

Sehr spannend finde ich auch die statistischen Netzwerkanalysen, mit denen die Autoren das Elitennetzwerk Nordkoreas beleuchten. Hier zeigt sich mehreres. So ist das Netzwerk um Kim Jong Un zwar dichter, es sind also häufiger die gleichen Personen, die auftreten, aber auch weniger konzentriert. Das bedeutet, dass das Netzwerk nicht so sehr unizentrisch ist, sondern neben der Person Kim Jong Uns weitere kleine Zentren innerhalb des Netzwerkes (z.B. Jang Song-thaek und Choe Ryong-hae) bestehen.
Weiterhin wird gezeigt, dass Kim Jong Un, anders als sein Vater, weniger “Machtvorsprung” vor anderen Führungsfiguren des Regimes hat. Weiterhin zeigt sich, dass seine Führungstruppe (also mächtige Leute), ein gutes Stück jünger ist, als die seines Vaters. Es scheint also so zu sein, als würde Kim Jong Un seine Macht mehr teilen und das mit jüngeren Leuten.
Was den Einfluss von Institutionen angeht, zeigt sich, dass die Führungsfiguren des Militärs unter Kim Jong Un gegenüber denen der Partei an Einfluss gewonnen haben. Ich weiß nicht genau, wie in diese Analyse eingeht, dass mittlerweile einige wichtigen Anführer des Militärs von der Bildfläche verschwunden sind, aber wenn ich die Ausführungen hier richtig verstehe, ist der Einfluss des Top-Führungspersonals unabhängig von diesen individuellen Veränderungen bestehen geblieben.
Spannend finde ich auch den radikalen Generationswechsel, der zwischen 2009 und 2011 sehr konsequent in den Funktionspositionen der Partei umgesetzt wurde, aber auch beim Militär zu bedeutenden Änderungen führte. Im Rahmen dieser “Erneuerung” wurde ein bedeutender Teil der Funktionspositionen der Partei mit 20 bis 30 jährigen neu besetzt.

Lesen lohnt

Naja, am besten ihr lest das alles selbst durch, es lohnt sich nämlich auf jeden Fall. Es ist zwar nicht alles belegbar und manchmal könnten auch andere Effekte eine Rolle spielen (z.B. kann man die Netzwerkzentralität ja nur anhand der bekannten Auftritte und dessen, was davon berichtet wird, analysieren. Das heißt aber, wenn sich die Art der Berichterstattung unter Kim Jong Un geändet hat, könnte das auch zu einer Veränderung der Analyseergebnisse führen, ohne dass man daraus wirkliche Schlüsse über Machtverhältnisse ziehen könnte), aber einerseits gibt der Bericht einen schönen Überblick über mögliche Analysemodelle der Führung und damit Werkzeug für künftige Bewertungen an die Hand, andererseits lassen sich auch gewisse Trends und Fakten der Zusammensetzung der Führung ablesen, was durchaus spannend ist.

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