Deutschlands Agenda, das Debattenforum für deutsche Außenpolitik, in dem die Arbeit von Bundesregierung und Bundestag sowie aktuelle außen- und sicherheitspolitische Themen diskutiert werden.
Wer am Diskurs v.a. bezüglich deutscher Außen- und Sicherheitspolitik interessiert ist, findet hier prominente Meinungen und Positionen aus Politik und Wissenschaft und kann darüber in angenehm sachlicher Umgebung diskutieren
Highlighting continuities and nuclear disjunctures in North Korean depictions of the Kim family, Adam Cathcart glosses a Heonik Kwon essay and tags the Mansudae Art Studios.
How will Kenneth Waltz be remembered? As far as North Korea is concerned, Waltz's legacy is all it needs to justify its possession of nuclear weapons, argues Steven Denney.
Looking back at a period of bilateral agony, Sino-NK returns to December 2012, capturing several critical months of North Korean discussion about China.
Yonsei University PhD candidate Benoit Berthelier shows that myth in the DPRK not only elevates the position of the three Kim leaders in succession, but implicates individual Koreans into the myth and binds them closer with every retelling.
When we last checked in, Dennis Rodman was chillaxing with his friend “Kim,” doing Sunday morning talk shows, carrying diplomatic messages, and appealing to Kim to “do him a solid” and release Kenneth Bae. It seems that Worm is now losing his patience, indicating that “Obama can’t do sh#t” but promising to make another pitch [...]
In a classic essay, Isaiah Berlin draws on a fragment attributed to Archilochus to draw a distinction between foxes and hedgehogs; the fragment notes that “the fox knows many things, but the hedgehog knows one big thing.” If there was ever a hedgehog, it was Kenneth Waltz. Waltz’s “one big thing” was to view international [...]
Considerable attention focused last week on the visit to Pyongyang by Isao Iijima, special assistant to Japanese Prime Minister Shinzo Abe. As I observed in a post last week, the Japanese public places marginally greater concern on abductees than on the North Korean nuclear program and the abductee issue has been a focal point of [...]
The Pyongyang Project is a Canadian social venture that focuses on travel and educational programs for foreigners and DPRK residents. While many of the group’s educational tours involve trips to Pyongyang, there are some trips that go to other interesting parts of the country. We recently received an advertisement for an upcoming trip that focuses [...]
[This announcement was published by the United Nations News Service on 7 May 2013. --CanKor] The President of the United Nations Human Rights Council, Remigiusz A. Henczel, today announced the appointment of the members of the commission of inquiry set up to investigate alleged abuses in the Democratic People’s Republic of Korea (DPRK). The three-member comm […]
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The 16th Pyongyang Spring International Trade Fair wrapped up at the end of last week. I‘ve taken a look through some of the footage from Korean national television and KCNA and spotted a few companies that were exhibiting. At last year’s trade fair, the Korea Computer Center debuted a new tablet PC. This year didn’t… Source: North Korea Tech Related posts: […]
The recent addition of North Korea to Google’s Maps service made up a small part of the company’s presentation to developers at its annual conference on Wednesday. Brian McClendon, vice president of Google Maps, spoke about adding data and what it meant during at keynote speech at the Google I/O conference in San Francisco. North… Source: North Korea Tech Re […]
Google has posted video of Eric Schmidt’s remarks at the recent “Big Tent” event in Washington, D.C. The Google-organized events act as idea summits and have been running for about three years and the D.C. event took place on April 26. During his speech, the chairman of Google talked about North Korea and the impact… Source: North Korea Tech Related posts: E […]
A weekend attack on North Korean websites staged by members of the Anonymous hacker group appears to have caused some problems for the sites. Connections to several major Pyongyang-based sites, including the Korean Central News Agency and Voice of Korea, were slow although successful in several tests done in the first few hours of the… Source: North Korea Te […]
Heute möchte ich euch kurz auf ein, wie ich finde, ziemlich cooles Angebot der britischen Verlagsgruppe Taylor and Francis aufmerksam machen. Der Verlag für wissenschaftliche Zeitschriften hat nämlich vor ein paar Tagen eine Sammlung mit über 150 wissenschaftlichen Artikeln aus ganz unterschiedlichen Zeitschriften frei zugänglich online gestellt.
Diese Sammlung soll noch bis Ende 2013 frei zugänglich bleiben und naja, man kann auf die PDFs zugreifen und wenn man sich hinsetzt und die mal alle runterlädt, dann bleiben die für einen selbst natürlich noch wesentlich länger zugänglich.
Als Student kennt man ja das Problem: Man sucht ewig nach einem Artikel zu einem bestimmten Thema und wenn man den dann endlich gefunden hat, dann hat die Uni an der man studiert keinen Zugriff auf die Zeitschrift, in der der Artikel zu finden ist. Hier wird denjenigen, die zu Nordkorea recherchieren gleich doppelt geholfen: Einerseits hat man die Artikel alle auf einem Haufen und muss sich nicht durch Datenbanken wühlen, andererseits hat man auch definitiv Zugang. Perfekt.
Naja und die, die gerade nicht an einer Uni eingeschrieben sind haben natürlich noch mehr Vorteil davon. Die haben schließlich im Normalfall garkeinen preisgünstigen Zugang zu wissenschaftlichen Zeitschriften. Manche der Artikel kommen zwar auch aus Zeitschriften, die ohnehin frei zugänglich sind, aber in diesen Fällen erspart man sich wiederum die Sucherei.
Also schaut euch die Sammlung mal an, die nach den Themengebieten “Economic Issues“, “North Korean Politics and Policys“, “Nuclear Programme and Military Strategy“, “Relations Between North Korea and Asia“, “Relations Between North Korea and the West” und “The Korean War” sortiert ist und die ein wirklich breites Spektrum an Themen, Fragestellungen und Perspektiven bietet.
Und wie gesagt: Was ihr habt, das kann euch keiner wegnehmen, also ladet euch nicht nur das runter, was euch aktuell interessiert, sondern auch all das, das euch irgendwann mal interessieren könnte. Also viel Spaß beim Schmökern, das aktuelle “Sommerwetter” lädt ja dazu ein…
Den Hinweis auf die Artikelsammlung werde ich natürlich auch meiner Linkseite “Online Zeitschriften” hinzufügen. Dort findet ihr weitere Publikationen, die im Netz frei zum Download stehen.
Mir sind in den letzten Tagen irgendwie ein paar Dinge untergekommen, auf die ich euch gerne aufmerksam machen möchte. Ist zwar nicht übermäßig viel, aber reicht für ein kleines aber feines Frühlingssträußchen. Also gibt es heute nochmal seit längerem nochmal einen Strauß voll Buntes.
Zu meinen anderen bunten Sträußen kommt ihr mit einem Klick auf das Bild.
Als erstes ist mir ein tolles Angebot aufgefallen, dass leider nur einige Landeszentralen für politische Bildung den Einwohnern ihrer Bundesländer machen. Für Bürger Hamburgs, Brandenburgs und Sachsens gibt es nämlich das Buch “Flucht aus Lager 14″ von Blaine Harden, das als Vorlage zu dem Kinofilm diente, der im vergangenen Jahr hier lief, quasi umsonst. Maximal muss man die Portogebühren bezahlen. Das ist ein Angebot, das man kaum ausschlagen kann, wenn man sich für das Thema auch nur annähernd interessiert. Wer noch etwas mehr zu dem Buch wissen will, kann sich diese Rezension mal anschauen.
Dann bin ich noch über eine ziemlich frische Nordkorea-Bibliografie des GIGA in Hamburg gestoßen, die einen feinen und aktuellen Überblick über die Literatur zum Thema “Nordkorea – Politisches System, Ideologie und die Familie Kim” bietet, wobei die Auswahl relativ weit gefasst ist. Wer auf der Suche nach aktueller Literatur ist oder einfach nur wissen will, was es so gibt, der sollte sich das mal anschauen.
Wenn man nach alten Bildern aus Nordkorea bzw. mit Nordkoreabezug sucht, dann gibt es in diesen beiden Digitalarchiven einiges zu finden. Das Bundesarchiv hat einige Propagandaposter aus der DDR, auf denen es um Solidarität mit den Koreanern geht (u.a. mit dem Slogan “Korea den Koreanern und Deutschland den Deutschen“), Bildern von Nordkoreanern, die in der DDR forschten oder arbeiteten und auch von Staatsbesuchen, zum Beispiel dem Kim Il Sungs. Die Deutsche Digitale Bibliothek hat eine große Zahl weiterer Fotos seit 1950. Die zeigen einerseits Kinder, die nach dem Koreakrieg in der DDR aufgenommen wurden, aber auch Fotos aus Nordkorea vor allem aus den frühen 1980er Jahren sind dabei und vor allem die finde ich durchaus spannend.
Zum Schluss noch ein Termin, den ihr euch vormerken könnt, wenn ihr mögt. Am 11. und 12. Oktober diesen Jahres richtet die Hessische Landeszentrale für politische Bildung in Kooperation mit der Point Alpha Stiftung das Seminar “Die Deutsche Wiedervereinigung — Ein Modell für Korea?” aus. Das Thema klingt nicht uninteressant, aber bis jetzt gibt es auch nicht viel mehr Infos. Aber wenn dort interessante Leute sprechen, dann kann das ne spannende Veranstaltung werden. Ich behalte das im Auge und sage Bescheid, wenn es mehr Informationen dazu gibt.
Eben habe ich bei Yonhap einen kleinen Artikel gelesen, den ich nicht uninteressant fand.
Da wird berichtet, dass Kim Jong Un dazu aufgerufen habe, internationale Maßeinheiten zu nutzen, womit wohl das metrische System gemeint sei.
Generell ist das metrische System in Nordkorea nicht unbekannt und wird vielfach genutzt, z.B. in den (internationalen) Medien des Landes oder auch auf Verkehrsschildern. Allerdings scheint in der Alltagspraxis der Fabriken und Landwirtschaftsbetriebe noch das koreanische System vorzuherrschen. Das verwundert nicht besonders, da sich selbst im Süden, wo die Führung schon lange auf den Wechsel zum metrischen System drängte, selbiges die traditionellen koreanischen Maßeinheiten nicht vollkommen verdrängt hat (ich kannte mich damit bisher auch nicht so gut aus, hatte höchstens mal “Ri” (Länge, knapp 0,4 km) und “pyeong” (Fläche, gut 3,3 Quadratmeter) war aber froh diese recht gute Übersicht zu finden, die sich zwar auf Südkorea bezieht, aber die Maßeinheiten dürften die Kims im Norden ja nicht neu erfunden haben). Weshalb sollte sich da im auf Eigenständigkeit abzielenden Norden ein internationales System durchsetzen?
Kim Jong Uns Internationalisierungsstrategie: Internationalisierung gerne, aber kontrolliert
Diese mir widersprüchlich erscheinende Tatsache scheint Kim Jong Un nicht weiter geschreckt zu haben, für die Aufgabe des traditionellen Systems zu plädieren, um so “den Austausch und die Kooperation mit anderen Staaten in den Bereichen Industrie, Wissenschaft und Technologie und sogar im generellen sozialen Leben zu stärken”. Das kann man durchaus bemerkenswert finden. Neu ist es allerdings nicht. Im ersten (aber nicht mehr einzigen, hier sind alle vier in Deutsch erschienen Hefte herunterzuladen) (Lehr-)Werk Kim Jong Uns, das den schönen Namen “Über die Herbeiführung einer revolutionären Wende bei der Landespflege gemäss den Erfordernissen des Aufbaus eines mächtigen sozialistischen Staates” trägt und auch ansonsten nicht uninteressant zu lesen ist, steht geschrieben:
Rege zu entfalten ist auch der wissenschaftlich-technische Austausch mit anderen Ländern und internationalen Organisationen. Auch im Bereich Landespflege und Umweltschutz sind die weltweite Entwicklungstendenz und viele fortgeschrittene und entwickelte Technologien anderer Länder einzuführen. Wie ich schon gesagt habe, ist es notwendig, im Internet mehr Informationen über die weltweite Tendenz und Materialien über die fortgeschrittene und entwickelte Wissenschaft und Technik anderer Länder zu erschließen und Delegationen in andere Länder zu entsenden, damit sie viel Notwendiges lernen und Informationen sammeln. Das Ministerium für Landespflege und Umweltschutz und andere zuständige Organe sollten mit wissenschaftlichen Forschungsorganen anderer Länder gemeinsame Projekte durchführen, den wissenschaftlichen und Informationsaustausch rege betreiben, an internationalen Konferenzen und Symposien teilnehmen und die fortgeschrittene Wissenschaft und Technik aktiv einführen.
Um dieses Ziel zu erreichen ist es allerdings glasklar erforderlich oder zumindest extrem hilfreich, wenn man eine gemeinsame Sprache spricht. Und gerade im Bereich technischer Wissenschaften sind die Maßeinheiten eben die Sprache, die gesprochen wird.
So gesehen kann man die oben beschriebene Forderung nach der Nutzung eines einheitlichen Maßsystems durchaus als konsequentes Vorgehen im Sinne einer Internationalisierung der nordkoreanischen Wirtschafts- und Wissenschaftssysteme sehen. Diese Internationalisierung mag zwar auf den ersten Blick nicht so ganz ins Bild dessen passen, das auf der Koreanischen Halbinsel in den letzten Monaten passiert ist, aber andererseits ist sie ja genau das, das westliche Staatsführer und Wissenschaftler als einzigen Ausweg der wirtschaftlichen Misere Nordkoreas sehen. Gut möglich, dass die Führung in Pjöngjang das sehr ähnlich sieht, allerdings die Strategie einer Internationalisierung nach eigenen Bedingungen verfolgt. Man will zwar Informationen und auch Partner aus dem Ausland ins Land holen, aber nur absolut kontrolliert und gefiltert.
Ideologie vs Wirtschaft
Das alles halte ich für eine ökonomisch nicht schlechte Idee. Kim Jong Un dürfte klar sein, dass ökonomisch irgendetwas passieren muss, wenn er seine Herrschaft dauerhaft absichern will. Allerdings frage ich mich, ob dieses nach außen wenden nicht ideologische Schwierigkeiten mit sich bringen wird. Denn klar ist, dass Maßnahmen wie die Einführung des metrischen Systems nicht mit einem Schlag der Wissenschaft und Wirtschaft zu einem Aufschwung verhelfen werden. Gleichzeitig fällt den Menschen aber auf, dass man eigene kulturelle Güter (Maßsysteme) aufgibt und sich internationalen Vorgaben anpasst. Irgendwie passt das nicht zum Koreanischen Nationalismus, der Teil der Juche Ideologie ist und so recht passt es auch nicht zur Idee zur Unabhängigkeit, manchmal auch Autarkie, die in der Vergangenheit durchaus propagiert wurden und auf die man stolz war.
Eine gefährliche Operation: Neumodellierung der Führungslegitimation
Aus dem vorher Beschriebenen wird klar, dass es das Ziel Kim Jong Uns ist, die eigene Herrschaft in Zukunft stärker über tatsächlich greifbare wirtschaftliche Erfolge zu legitimieren (man könnte das als einen bedeutenden Aspekt der output-Legitimation bezeichnen) und damit die fragwürdige Tragfähigkeit der ideologischen Legitimation zunehmend zu ersetzen. Allerdings ist dieser Vorgang nicht ohne Risiko, denn um die Möglichkeit zu haben, die Herrschaft ökonomisch zu legitimieren, ist es, wie oben beschrieben, notwendig die Fundamente der ideologischen Legitimation zu untergraben.
Wenn es aber im Rahmen dieses Austauschs zu einer Situation kommt, in der keine der legitimatorischen Säulen trägt, dann könnte das die Legitimität des Regimes vor der Bevölkerung in Frage (bei den Eliten ist Ideologie vermutlich ohnehin keine tragende Säule der Legitimation mehr) stellen und so zu einer instabilen Situation führen.
Diese Darstellung ist natürlich stark vereinfacht und zugespitzt, denn neben der ideologischen und der ökonomischen (output) Legitimation nutzt das Regime weitere Methoden zur Legitimierung bzw. Stabilisierung der eigenen Herrschaft. Prominent dabei ist Kim Jong Uns Versuch, Kim Il Sungs charismatische Qualitäten als Legitimationsmittel anzuzapfen. Als Ergänzende Methode zur Legitimierung ist vor allem Repression zu nennen, aber bei näherer Betrachtung könnte man weitere Aspekte der Legitimierung und Herrschaftssicherung identifizieren.
Nichtsdestotrotz ist es bemerkens- und beobachtenswert, wenn das Regime die zentralen Rechtfertigungsmechanismen der eigenen Herrschaft neu modelliert, denn das ist eine riskante Operation, bei der immer etwas schief gehen kann. Daher werde ich das Thema weiter genau im Auge behalten.
Fast genau vor einem Jahr beschäftigte ich mich mit der Geschichte um Kim Jong Uns Vergangenheit in der Schweiz und der Tatsache, dass es für diese angebliche Vergangenheit eigentlich keine belastbaren Belege gab. Ich stellte die These auf, dass gerade im Falle Nordkorea Medien, Experten und auch die Öffentlichkeit so etwas wie einen Konsens gefunden haben, dass Glauben fast so gut ist wie Wissen, weil man so wenig weiß und sonst so wenig sagen könnte. Seitdem ich mich damals mit dieser Schweizgeschichte beschäftigt habe, sind keine neuen Informationen zu diesem Thema bekannt geworden. Es gibt also weder neue Argumente für noch gegen eine Schweizer Zeit Kim Jong Uns.
Nur ist eben ein Jahr vergangen und man weiß noch immer sehr wenig. Also hat man die angesprochene Realität noch mehr für sich akzeptiert. Kim Jong Un war in der Schweiz und gut ist. So gab es bei n-tv eine ausführliche Geschichte über seine Schweizer Jugend, die BILD hat sogar neue Fotos von den Boulevardkollegen aus Korea und der von mir sonst geschätzte Sender Euronews hatte einen ausgiebigen Bericht, wo die Geschichte immerhin noch als nicht endgültig belegt dargestellt wurde. Auch die ZEIT hat sich umfangreich mit der Schweizer Jugend Kims befasst und nach eingehender Untersuchung für wahr befunden.
Nungut, dass Kim Jong Un in seiner Schweizer Zeit offensichtlich ziemlich gut englisch sprechen konnte, bei dem jüngsten Besuch von Dennis Rodman in Pjöngjang aber kaum noch, das ficht niemanden an, kann es ja schließlich verlernt haben oder auch einfach keine Lust gehabt haben, mit Rodman direkt zu sprechen. Denn wie gesagt. Es ist ja so eine schöne Geschichte, wenn er in der Schweiz war. Da hat dann jeder was zu zu sagen und man kann daraus so schöne Folgerungen ziehen.
Befürchtung bestätigt: Niebel glaubt an Kim Jong Uns schweizer Zeit
Vorgestern zum Beispiel. In der Sendung von Beckmann (die ich aber voll und ganz empfehlen kann, was nicht unbedingt an meiner Verehrung fü Beckmann liegt). Da hat unsere Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit eindrucksvoll unter Beweis gestellt, was ich letztes Jahr als Befürchtung geäußert habe. Er gab eine Einschätzung über die Persönlichkeit Kim Jong Uns ab mit dem Hinweis darauf, der sei ja schließlich auch lange in der Schweiz gewesen (Min. 19:00). Na super; Wenn Herr Niebel das so genau weiß. Vielleicht hat es ihm ja der Ressortchef Politik der SZ geflüstert, der von ziemlich belastbaren Fotos wusste (ab Min 22:50). Nur Rüdiger Frank wollte nicht so ganz mit und meinte, dass man auf den Bildern bestimmt einen Nordkoreaner sehen könne, ob das aber Kim Jong Un sei oder nicht, das wisse man schlicht nicht. Vielleicht ja, vielleicht nein. Das machte Stefan Kornelius von der SZ zwar kurz nachdenklich, aber nur kurz. Dann hatte er wohl beschlossen, dass es nicht sinnvoll sei weiter darüber nachzudenken.
Zwar dürfte die Tragweite der ministeriellen (vielleicht, oder auch nicht, Fehl-) Einschätzung auf Basis nicht vorhandener Informationen nicht besonders groß, aber meine Sorge ist, dass die Vergangenheit Kim Jong Uns nicht das Einzige ist, das auf Basis von unzureichenden Informationen bewertet und eingeschätzt wird und dass Herr Niebel (bei allem Respekt für die Bedeutung seines Amtes) nicht die einflussreichste Person ist, die solche Einschätzungen trifft.
Wo es relevant wird: Realitäten konstruieren im Fall von Raketen
Eine andere Beobachtung, die man seit einigen Tagen machen kann, deutet stark in diese Richtung. Am vergangenen Montag kamen erstmals später bestätigte Gerüchte auf, dass die nordkoreanische Mittelstreckenrakete Musudan an die Ostküste verlegt würde. Dieser Schritt deutete dem Augenschein nach darauf hin, dass Pjöngjang als nächsten Schritt einen Raketentest plane. Eine Überlegung, die mit Blick auf vergangenes Verhalten Nordkoreas nicht ganz abwegig ist und die auch ganz gut zu der These vom Bedarf nach greifbaren Taten nach der überdrehten Rhetorik Pjöngjangs in den vergangenen Tagen gepasst hätte. Allein wollte und wollte Nordkorea seitdem keine Rakete testen. Vielmehr bewegte es die Raketen, als sie an ihrem Bestimmungsort angekommen war, mehrmals hin und her, ohne letztendliche Vorbereitungen zu unternehmen. Dementsprechend kommen heute erste Meldungen aus Südkorea, dass ein Test nicht unmittelbar bevorstehen würde. Haben also die Warnungen des Westens Nordkorea von diesem Schritt abgehalten?
Auch hier ist die Ungewissheit wieder treibendes Moment einer für uns zuerst konstruierten und dann akzeptierten plausiblen Realität. Wir haben mit Hilfe von Satellitenbildern festgestellt, dass die Raketen an der Ostküste aufgestellt wurden. Wir haben die Entwicklungen der letzten Tage im Kopf. Daher ist es plausibel, dass Nordkorea eine oder mehrere Raketen testen wird. Wir wissen nichts, sondern wir glauben, aber mangels besserer Erklärung, um die wir uns allerdings auch nicht sonderlich bemüht haben, akzeptieren wir.
Alternative Realitäten
Auch das könnte ein Fehler sein, der von seinem Inhalt her schon etwas mehr Tragweite hat, als Kim Jong Uns sprachliche und gesellschaftliche Sozialisation in der Jugend. Es könnte, es muss aber nicht. Kann auch sein, dass in den nächsten Tagen eine Rakete fliegt. Aber zurück zu der kaum verfolgten Überlegung, dass wir hier einem Schnellschluss aufgesessen sind. Dazu habe ich drei Anmerkungen zu machen, die die These stärken könnten:
Bisher gibt es keinen Beweis dafür, dass es sich bei Raketen des Bautyps Musudan, wie sie jetzt an die Ostküste verlegt wurden, um funktionsfähige Waffensysteme handelt. Bisher wurden sie nie getestet und bei ihrem ersten (und bisher einzigen) öffentlichen Auftritt auf einer Parade 2010 hatte es sich der Meinung eines ausgewiesenen Experten zufolge (in diesem Bericht aus 2012 nachzulesen) um eine Attrappe gehandelt. Gut möglich, dass es eine kleine Baureihe gab, aber nicht belegt, also nicht gewusst. Um diese Überlegungen wurden sich in den westlichen Medien aber wenig Gedanken gemacht. Die Raketen wurden an die Küste gebracht, also sollen sie getestet werden. Eine positive Ausnahme stellt hier Spiegel Online dar, wo sich ein Journalist mal ein bisschen näher mit der Rakete beschäftigt hat, die da angeblich getestet werden soll.
Natürlich ist das alles kein Beweis dafür, dass man in Pjöngjang diese Rakete nicht testen will, aber irgendwie gehört diese Information der Vollständigkeit halber dazu und zweitens zieht sie die Konsistenz der Testgeschichte etwas in Zweifel: Wirklich eine Rakete, die noch nie getestet wurde, in so einer extrem gespannten Lage über Japan hinweg schießen. Ist das nicht ziemlich riskant, wenn man keinen Wert auf Krieg legt?
Daniel Pinkston, Nordkorea-Experte der International Crisis Group, hat eine interessante andere Lesart der jüngsten Raketenbewegungen geliefert, die von ihrer Konsistenz her genausogut funktioniert, wie die Idee, Nordkorea wolle die Raketen testen, zuvor aber noch ein bisschen damit durch die Gegend fahren. Nachzulesen ist das ganze in diesem Tweet:
Eine Übungen finde ich eigentlich garnicht so schlecht als Erklärung für die Hin-und-Herfahrei der Raketen. Aber irgendwie scheint sich sonst keiner für die Idee erwärmen zu können. Vielleich auch deshalb, weil die allgemein akzeptierte Realität ja bereits ist, dass Nordkorea eine oder mehrere Raketen Testen will und weil es dann irgendwie blöd zu erklären wäre, dass man sich da eben geirrt hat. Da lassen sich im Nachhinein sicherlich bessere alternative Erklärungen finden.
Auch dies ist wieder kein Beweis dafür, dass Nordkorea keine Rakete Testen will und das Eine schließt das Andere ja noch nichtmal aus: Man kann ja ein bisschen üben und wenn man meint, dass man damit durchkommt, ohne einen Krieg auszulösen, dann testet man das Ding eben noch. Aber es bietet eben auch eine Lesart, nach der der Zweck der Übung nicht unbedingt ein Raketenstart gewesen sein muss.
Die Führung in Pjöngjang hat eine gewisse Meisterschaft im ‘Tarnen und Täuschen inne.
Vor allem weiß das nordkoreanische Militär aber sehr gut um die Begrenzungen der südkoreanischen und US-amerikanischen Aufklärung in Nordkorea. Die kann eigentlich fast nur von oben (was Sichtaufklärung) und von außen, was Abhören von Kommunikation angeht, erfolgen. In beiden Fällen hat Pjöngjang in der Vergangenheit bewiesen, dass es in der Lage ist, die toten Winkel der Überwachung auszunutzen (Ein absolut lesenswertes GIGA-Paper zu Grenzen und Risiken der Darstellung Nordkoreas mit Satellitenbildern habe ich hier verlinkt). So stellte das nordkoreanische Militär vor dem Beschuss der Insel Yonpyong alle Einheiten dort von Funkkommunikation auf klassische Telefonverbindungen um (S. 3, rechte Spalte), die eigens für den Einsatz gelegt wurden. Im Vorfeld des Raketenstarts vom Dezember warf man zuerst durch eine Meldung der Nachrichtenagentur KCNA Nebelkerzen, was den Termin anging, um anschließend nurnoch an der Rakete zu arbeiten, wenn gerade kein Satellit das Land überflog. Beide Male standen die Dienste der USA bzw. Südkoreas düppiert da. Vielleicht wollten die Nordkoreaner ja auch einfach mal testen, welche Methoden zur Aufklärung die USA und Südkorea hinzuziehen, wenn die Lage gespannt ist und wo dabei tote Winkel der Aufklärung zu finden sind.
Auch die Tarnen und Täuschen Überlegung schließt sich mit den zuvor angestellten Ideen nicht aus, aber könnte genausogut ein zentrales Ziel der ganzen Übung gewesen sein: Wie schnell merken die anderen, dass wir Raketen transportieren? Wieviel von dem das sie wissen wird bekannt? Wie lange dauert es, bis sie merken, dass sie vielleicht an der falschen Stelle Aufklärung betreiben? Alles das sind Fragen, auf die die nordkoreanischen Militärs durch ihre Manövrierei Antworten bekommen haben dürfte. Wertvolle Informationen, die man in der Zukunft für weitere Überraschungsmanöver einsetzen kann.
Was ist wahr, was nicht? Man weiß es nicht!
Mit diesen ganzen Ausführungen wollte ich euch nicht beweisen, dass Nordkorea in den nächsten Tagen keine Rakete testen will. Ich wollte nur zeigen, dass wir uns recht schnell auf eine Annahme festgelegt haben und alle Informationen, die wir zu dem ganzen Sachverhalt bekommen, unter der Maxime einordnen, dass diese Annahme zutrifft. Wir haben uns mal wieder eine Realität konstruiert, von der wir keine Ahnung haben ob sie zutrifft oder nicht, an die wir aber glauben, weil es am bequemsten ist.
Nur finde ich es, wenn es nicht mehr um Jugendfreundschaft, Basketball und Filmvorlieben, sondern um Raketen geht, sehr, sehr bedenklich, wenn das Risiko besteht, dass Leute die die Kompetenz zum Entscheiden haben, nicht auf Basis von Informationen, sondern von Glauben handeln. Hoffen wir also, dass die meisten Minister und Präsidenten nicht so leichtsinnig sind, das zu glauben, was sie in der Zeitung lesen (auch wenn es zehnmal drinsteht), sondern einen guten Stab um sich haben, der ihnen den Unterschied zwischen Wissen, Glauben und Nichtwissen klarmacht und ihnen das, was so in der Zeitung steht entsprechend einordnet. Das würde ungemein zu meiner Beruhigung beitragen.
P.S.:
Ich habe während ich das geschrieben habe jede viertel Stunde die Nachrichtenlage gecheckt, weil ich Sorge hatte, dass man in Pjöngjang doch beschließt, heute eine Rakete abzuschießen und alles, was ich hier geschrieben habe damit hinfällig wird…
In den vergangenen Wochen und auch aktuell, wird bei der Diskussion der Lage auf der Koreanischen Halbinsel immer wieder das Problem angesprochen, dass es der nordkoreanischen Führung nach all den Kriegsdrohungen und dem verbalen Dramatisieren der Situation — auch nach innen — wohl kaum noch möglich sein würde, aus der Situation herauszukommen, ohne dabei konkrete Maßnahmen zu ergreifen, sprich zumindest eine begrenzte militärische Provokation zu begehen.
Die Staatengemeinschaft stellt dabei nicht so sehr das Problem dar, denn ich denke die Meisten könnten es der Führung in Pjöngjang nochmal verzeihen, wenn sie ihre Pläne, die USA und Südkorea in Schutt und Asche zu legen aufschöbe. Die Schwierigkeit stellt vielmehr die Kommunikation nach innen dar, so die Annahme. Die Führung würde ihr Gesicht verlieren, wenn sie ihre Drohung nicht wahrmachte und Bevölkerung wie Militär sei es nicht zu vermitteln, wenn die permanente Situation am Rande eines Krieges sich plötzlich in Nichts auflöste.
Eine Sache der Wahrnehmung
Allerdings, so möchte ich argumentieren, ist dieses Problem bei näherer Betrachtung weniger frappierend und lässt der Führung in Pjöngjang durchaus noch Spielräume. Dazu muss man allerdings etwas in die Vergangenheit schauen.
Hype vs Routine
Einerseits dürfte uns dann auffallen, dass die gegenwärtige Lage nicht unbedingt etwas Einmaliges darstellt, sondern dass solche Drohungen zum ganz gewöhnlichen außen- und innenpolitischen Arsenal Nordkoreas gehören. Es ist ein Wesensmerkmal des nordkoreanischen Systems, dass die Bevölkerung im permanenten Kriegszustand gehalten wird. Die Eskalation ist Normalität. Es geht keines der Frühjahrsmanöver der USA und Südkoreas ab, ohne dass die Führung in Pjöngjang die rhetorische Keule auspackt — und diese Manöver finden jedes Jahr statt. Es wird auch keine Resolution der Vereinten Nationen gegen Nordkorea beschlossen, ohne dass das Land am Rande eines Krieges stehen kann. Das ist Normal und vermutlich würde die Bevölkerung eher besorgt reagieren, wenn diese Rhetorik einmal ausbliebe. Daher dürfte der nordkoreanischen Bevölkerung die ganze Situation nicht so sehr ungewöhnlich vorkommen wie uns. Dazu kommt ja auch noch unsere medial induzierte Überwahrnehmung, denn wie man hört, bleiben auch die Leute in Südkorea im Verhältnis eher ruhiger, als wir hier. Daher ziehen wir Schlüsse über die Wahrnehmung dort, die so garnicht zulässig sein müssen, denn mal ganz ehrlich, wer von uns hat in den letzten Jahren denn bitte die Drohungen aus Nordkorea und ihre Stärke in Quantität und Qualität bewertet. Vermutlich ziemlich wenige.
Aber trotzdem bleibt natürlich festzuhalten, dass die aktuellen Drohungen stärker sind, als es in der Vergangenheit für gewöhnlich der Fall war. Daher ist es trotz der definitiv vorhandenen Abstumpfung der nordkoreanischen Bevölkerung und des Militärs vorstellbar, dass die Menschen in Folge der besonders scharfen Drohungen denken, dass es eine Kriegsgefahr gibt.
Offensiv vs Defensiv
Allerdings muss man ja nicht nur schauen, ob eine Kriegsgefahr Seitens der nordkoreanischen Bevölkerung wahrgenommen wird, sondern auch, wie sie wahrgenommen wird. Dazu zuerst ein kurzer Rückblick in den Koreakrieg.
Nach nordkoreanischer Geschichtsschreibung wurde der Krieg durch einen Überfall der USA begonnen und kann als Sieg Nordkoreas gewertet werden, weil diese Aggression abgewehrt wurde. Seitdem ist Nordkorea im eigenen (zumindest propagandistischem, in Abgrenzung zur strategischen Einschätzung) Selbstverständnis kein nach außen aggressiver Staat, sondern einer, der von den USA permanent bedroht ist (wie weit man diese Einschätzung teilen will, bleibt jedem selbst überlassen). Die USA halten nach diesem Selbstverständnis auch Südkorea besetzt und haben dort ein Marionettenregime errichtet. Nordkorea verteidigt nur die Unabhängigkeit des koreanischen Volkes gegen diesen Aggressor und bietet sozusagen die Hoffnung auf die Befreiung der südkoreanischen Bevölkerung. Wie sehr die befreit werden will ist ja erstmal egal, denn es geht ja nur um die Botschaft, die die Bevölkerung Nordkoreas permanent eingetrichtert bekommt.
So sind, zumindest aus Sicht der Bevölkerung, die aktuellen Drohungen auch nicht als nach außen aggressive Akte zu sehen, sondern als defensive Reaktionen auf die gegenwärtige verschärfte Bedrohungslage. Und wenn man die Meldungen von KCNA mal anguckt, dann fehlt nirgends der Hinweis, dass man in Verteidigung der DVRK und ihrer Souveränität und Ehre handle.
Nun ist mit dieser Ausführung noch nicht die Frage geklärt, wie die Führung in Pjöngjang ohne Gesichtsverlust aus dem Drohszenario wieder rauskommen soll. Meiner Meinung nach ist das allerdings recht einfach: Wenn man in einer defensiven Position ist, dann erwartet doch niemand einen Angriff. Es reicht vollkommen aus, wenn man den Angriff des Aggressors verhindert oder abwehrt. Die Führung in Pjöngjang hat in dieser Logik nur ihren Job gemacht, indem sie auf die extreme Bedrohung durch die USA mit einer extremen Abwehrbereitschaft reagiert hat. Und wenn die USA nicht angreifen, dann hat die Regierung in Pjöngjang alles richtig gemacht und diese Situation auf Messers Schneide gemeistert.
Wahrnehmungsunterschiede beachten; Eigene Möglichkeiten nutzen
Ich denke, dass es immer Sinn macht zu unterscheiden, zwischen dem das wir wissen und wahrnehmen dem das die nordkoreanische Bevölkerung weiß und wahrnimmt. Beide Wahrnehmungen sind medial verzerrt und gegeneiander verschoben. Die Nordkoreaner haben allerdings im Gegensatz zu uns nicht die Möglichkeit, uns unterschiedlicher Quellen zu bedienen (wir können ihre Nachrichten lesen und ihr Fernsehen gucken, sie aber nicht unsere).
Da wir das können, sollten wir es auch tun und uns es nicht so einfach machen, von unserer Wahrnehmung auf diejenige anderer zu schließen. Allein das würde schon ungemein weiterhelfen, Fehleinschätzungen abzubauen und ein realistisches Bild zu bekommen. Ach by the way: Ist eigentlich schon jemandem aufgefallen, dass sich die nordkoreanische Propaganda etc. seit ein paar Tagen wieder am normalisieren ist? Die Nachrichten der letzten Tage bestanden eigentlich nurnoch aus Stellungnahmen, Einschätzungen und Appellen westlicher Akteure. Aber naja, wie ich geschrieben habe: The Hype must go on…
Dank der jüngsten Drohkaskaden aus Nordkorea, gibt es seit längerem endlich nochmal ordentlich Trash zum Sonntag. Und weil es ja einen nicht zu unterschätzenden Hype um Nordkorea gab, haben sich auch die Premiumtrashproduzenten nicht lumpen lassen (man könnte sogar anzweifeln, dass das was die produzieren wirklich Trash ist (fragt mal das Grimme-Institut) aber mit dem Label Premiumtrash fährt man glaube ich ganz gut. Also gibt es heute eine sehr ausführliche Sonderausgabe von Trash am Sonntag, die ich mit “Drohsh am Sonntag” überschreiben will…
Ein von mir sehr geschätzter Premiumproduzent ist die Heute-Show. Und die widmete am Freitag fast ihre halbe Ausgabe dem Schweinchen Dicktator.
Auch mein Lieblingspremiumtrashverein aus dem Norden hat zugeschlagen und zwei Clips produziert:
Ein Premiumtrahproduzent der besonderen Art ist ja Die WELT. Die wollen das nämlich meistens garnicht. Aber bei solch ungewolltem Trash verstellt einem der Fremdscham ja öfter mal das Vergnügen am Schrott.
Deshalb bin ich ganz froh, dass sie es dieses Mal hingekriegt haben, einfach mal gewollt lustig zu sein. Geht doch! Vielleicht sollten Springers mal ein paar Politikredakteure zu Satirikern umschulen. Viel lernen müssen die da nicht mehr…
Apropos lustig. Den Postillion habe ich zwar gestern schon verlinkt, aber da ich diesen Text so gut fand, hier nochmal der Bericht zu Kim Jong Uns neuester ultimativer Drohung. Dort hat man sich dem Thema aber auch schon früher gewidmet, als der kleine Timmy mit Stinkbomben drohte…
Das Ministerium für Innere Schönheit hat sich dagegen so richtig ins Zeug gelegt und eine Interviewreihe mit Kim Jong Un und seinem Ferd auf die Beine gestellt. Wie einem so ein Interview gelingt könnte er z.B. vom Postillion abgeguckt haben. Naja, wenn sich der Autor noch ein bisschen mehr bemüht hätte, dann hätte er auch Kim Jong Un noch ganz in echt in sein Wohnzimmer bekommen. Ähnlich wie es diesen Leuten vom schwedischen Fernsehen ausversehen “gelungen” ist.
So und damit sind wir auch langsam am Ende der Halde angekommen. Die taz hat nämlich das geschafft, was ich eben oben angesprochen habe und unfreiwilligen Trash produziert. Sie ist einem Fake-Video aufgesessen, aber das kann ja jedem Mal passieren, z.B. mir. Allerdings war die Reaktion, nachdem der BILDblog darauf hinwies, dass es sich um ein Fake handele so bescheuert, dass es dafür eigentlich keine Entschuldigung mehr gibt. Aber lest selbst.
Damit kommen wir auch schon zum internationalen Trash. Hier kenne ich mich leider nicht so gut aus, deshalb nur wenig, dafür aber lustiger Trash aus dem Englischsprachigen.
The Onion hat sich ziemlich ausführlich mit Kim und seinen Eskapaden befasst. Allerdings wurde leider keins der immer großartigen Videos produziert. Macht aber nichts, denn eines der Alten passt eigentlich eins zu eins für die aktuelle Lage. Nur ein kleines Detail stimmt nicht mehr ganz:
Und wer sich nach soviel Trash am Sonntag fragt, was das eigentlich alles soll, für den gibt es noch eine Art theoretischen Überbau zum Nordkorea-Trash und seinem Konsum, für die ich DRadio Wissen sehr dankbar bin (denn ich habe mich schon öfter gefragt, was das alles eigentlich soll). Also hört euch den Meta-Trash einfach mal an, lohnt sich!
Erstaunlicherweise scheint auch Kim Jong Un sich am Wochenende ein bisschen Ruhe gönnen zu wollen und dementsprechend gab es heute mal keinerlei neue Drohung oder sonstige medienwirksame Maßnahmen. Das gibt mir und scheinbar auch Medienvertretern die Möglichkeit zu reflektieren und über das nachzudenken, das in den letzten Tagen und Wochen auf der Koreanischen Halbinsel und auch in der Wahrnehmung selbiger passiert ist.
Drei Sonderlobe und der Chuck Norris des deutschen Expertentums
Zumindest im Fall der Medienvertreter war das eine ziemlich produktive Angelegenheit, denn nachdem die letzten Tage eigentlich nur aus einer Art hysterischer Krisenberichterstattung bestanden und jeder Pups von Kim Jong Un mindestens fünf Schlagzeilen produzierte (das kann man sich ja fast bildlich vorstellen: “Hat Kim Jong Un eine geheime Superwaffe?”) heben die Redakteure so langsam wieder den Blick und versuchen sich einen Reim zu machen und erstellen nicht mehr nur blöde Grafiken mit Raketenreichweiten, spekulieren über die mentale Gesundheit und die Wiederstandfähigkeit Kim Jong Uns gegen die eigenen Propaganda oder versuchen Experten zwanghaft in Interviews irgendwas zu entlocken, dass man in eine apokalyptische Schlagzeile umwandeln kann. Der Expertentechnische Höhepunkt war übrigens wohl der Besuch von Peter Scholl-Latour, dem Chuck Norris unter den deutschen Experten (der Mann der alles kann) bei Markus Lanz (ungefähr Minute 4 bis 15), aber das ist ein anderes Thema (irgendwie hat mich seine Artikulation an Rainer Brüderle erinnert (und wo ich schon bei Brüderle bin ist der Sprung zur Genderdebatte ja nicht mehr weit: Ich fand es rührend: Die Männer reden über Politik, die Frauen gucken zu und sehen schön aus, oder hat eine der Damen ein Wort sagen dürfen zur “großen” Politik?)), bei dem allerdings tatsächlich ein sehr spannender Aspekt angesprochen wurde. Die Hysterie der Deutschen in Bezug auf Nordkorea. Dann schwenkte die allerdings zum Medienhysterie-Standardplot (mal abgesehen von der mode- und haartechnischen Stilkritik an Kim Jong Un durch Herrn Lanz, die mal wieder ganz klar auf seine besonderen Fähigkeiten hinwies). Aber ich schweife schon wieder ab. Eigentlich wollte ich ja nicht kritisieren, sondern loben. Ein Sonderlob haben sich aus meiner Sicht heute nämlich der Focus und die FAZ, sowie die Frankfurter Rundschau verdient. FAZ und Focus haben tatsächlich begonnen darüber nachzudenken, was ernsthafte Motive für das Verhalten Pjöngjangs sein könnten und dabei sind dann vernünftige Analysen jenseits von “Bekloppt”, “Propagandaverwirrt”, ” Selbstüberschätzt” und “Ahnungslos” rausgekommen. Beide haben sich recht fruchtbar Gedanken zu Nordkoreas Strategie gemacht und auch mal ein bisschen weiter zurückgeblickt als eine Woche (auch das Hilft Muster zu erkennen). Beruhigend, dass die deutschen Medien doch in der Lage zu sein scheinen, vernünftige und unaufgeregte Situationsbewertungen zu erstellen. Ein Beitrag der Frankfurter Rundschau gefiel mir, weil da mal ein Blick auf ein Thema jenseits des Standardrepertoires geworfen wurde, indem es einen die Nicht-Rolle der europäischen Staaten auf der Koreanischen Halbinsel (mit daraus gefolgerten Schlüssen über die Position der europäischen Staaten in der Welt) ins Zentrum stellte (ein Thema, das mich auch hin und wieder ziemlich in Rage versetzt).
Die Medien, die Hysterie und der Anlass
Bei meinen heutigen Reflektionen — ziellos mit dem Fahrrad rumcruisen hilft da sehr gut weiter — stellte ich mir aber dann irgendwann die Frage: Warum kommen die Herren Journalisten erst zur Besinnung, wenn Kim zu drohen aufhört und die Hysterie etwas nachzulassen beginnt. Ist das Zufall oder hängt das zusammen? Und wenn es zusammenhängt — also Ende von akutem Berichterstattungsanlass, Beginn vernünftiger Berichterstattung und Abklingen der Hysterie — wie sind da die Beziehungen?
Die Hysterie kann zwei Ursachen haben. Entweder die Berichterstattung, oder den Anlass der Berichterstattung. Da man aber ohne Berichterstattung nicht wirklich was über ihren Anlass erfahren kann (jedenfalls nicht ohne ein bisschen Arbeit und dazu haben hysterische Menschen wenig Zeit) liegt es nahe, dass die Hysterie in erster Linie durch die Berichterstattung befeuert wurde. Das deckt sich auch ganz gut mit den Gedanken, die ich mir vor einigen Wochen hinsichtlich unserer Rezeption der Ereignisse auf der Koreanischen Halbinsel gemacht habe. Damals war mir aufgefallen, dass Nordkorea, zumindest in den Statistiken von Wikipedia durch die Drohungen, die ja schon Anfang März anfingen, ein Vielfaches der öffentlichen Aufmerksamkeit in Deutschland bekam, als zum Beispiel nach dem Nukleartest vom 12.02.2013 oder dem Raketentest vom 12.12.2012, also als wirklich was relevantes passiert war (wenn ihr mögt könnt ihr euch hier durch die Wikipedia-Statistiken klicken und überlegen, welche Ausschläge zu welchen Ereignissen gehören).
Hysterie ist geschäftsfördernd
Aber wenn es so ist, dass die Berichterstattung eine gewisse Hysterie schürt und das gerade dann, wenn es nicht wirklich was zu Berichten gibt, dann könnte man sich doch durchaus fragen, warum das so ist. Eine unangenehme Antwort wäre, weil hysterische Menschen einfacher auszurechnen sind und man so sein Produkt einfacher an den Mann bringen kann. Wenn jemand unter Kriegspanik leidet, will er mehr Informationen über das Thema haben. Wenn diese Informationen dann so aussehen, als würde ein Krieg unmittelbar vor der Tür stehen, dann leidet er am nächsten Tag immernoch unter Kriegspanik und will wieder Informationen und immer so weiter, solange der gute Kim irgendwas zum Berichten liefert. Und da es ja die Medien sind, die ihr Geld mit dem Verkaufen von Informationen verdienen, ist es doch eigentlich ganz praktisch, wenn man eher ein bisschen mehr als ein bisschen weniger Kriegspanik schürt, denn dann kommen potentiell am nächsten Tag eher ein bisschen mehr als ein bisschen weniger Leute zum Kiosk und kaufen sich die Zeitung. Nur brauch man eben irgendeine Vorlage aus Pjöngjang. Und wenn noch nichtmal irgendeine ungenannte Quelle in Seoul irgendetwas spektakuläres und besorgniserregendes über Kim und seine Pläne zu sagen hat, dann kann man die Panikmacherei nicht mehr wirklich weitertreiben ohne grundlegende journalistische Standards zu verletzen (indem man sich einfach was ausdenkt). Das scheint mir mitunter der Zeitpunkt, an dem kluge Redakteure erkennen, dass man nun anfangen kann, guten Journalismus zu machen. Und da sind wir auch schon.
Von Panikmachern und Trittbrettfahrern
Ich will niemandem irgendwelche böse Absicht unterstellen oder so, denn im Endeffekt berichten unsere Medien ja nur über das, was die Leute auch hören wollen. Aber das Ganze ist trotzdem so ein Henne-Ei-Problem, denn kann es nicht sein, dass die Leute das hören wollen, weil sie zuvor von etwas unterkomplex dargestellten Zusammenhängen in Panik versetzt wurden? Ich weiß es nicht, aber ich glaube ich finde diese ganze Panikmacherei nicht gut.
Obwohl: Ein bisschen was habe ich als Trittbrettfahrer natürlich auch von unserem kleinen Hype (mal ganz abgesehen, dass die Panikmacher und Hysteriebeförderer ja vielleicht sogar recht haben werden, wovon ich aber immernoch nicht ausgehe), immerhin hat sich meine Leserzahl in den letzten Tagen versieben- oder achtfacht. Und irgendwie habe ich ja sogar mitgemacht. Ich meine, ich hätte ja auch zu irgendwas anderem schreiben können (ein paar Ideen hatte ich), aber nein, in den letzten Tagen hat es sich hier immer um das Thema gedreht. Ich war sozusagen dem mutmaßlichen Leserinteresse gegenüber opportunistisch und habe keine eigenen thematischen Impulse gesetzt. Und ich mache das Ganze nur zum Spaß und nicht zum Geldverdienen. Kann auch sein, dass ich selbst von dem Hype mitgerissen wurde und das Thema als so übermäßig wichtig empfand, weil dauernd was dazu in den Nachrichten war und so. Ich weiß es ja noch nicht mal selbst. Wer will denn da Medienschaffenden Vorwürfe machen?
War nicht böse gemeint: Der Versuch eines versöhnlichen Abschlusses
Naja, sei’s drum. Hiermit habe ich euch weitgehend die Ergebnisse meiner Fahrradfahrerei verkündet. Ich hoffe ihr fühlt euch jetzt nicht beleidigt, weil ich euch ja irgendwie als hysterisch und panisch und von Medienmeinungsmache beeinflusst dargestellt habe. Das sollte nicht euch persönlich (ich meine rein rechnerisch müssten ja mindesten sieben Achtel oder sechs Siebtel von euch unter die Gruppe fallen, die hier wegen des Hypes gelandet sind) treffen, sondern ist eher als generelles Attest gedacht, zur Rolle der Medien in unserer Gesellschaft und einem Problem, das sich aus der Logik der Medien ergibt. Außerdem habe ich mich selbst ja von dieser Hysteriekiste nicht ausgenommen, von daher seid ihr, wenn ihr euch beleidigt fühlen solltet, wenigstens in guter Gesellschaft.
Und wenn auch das euch nicht versöhnen kann, habe ich zum guten Schluss noch was zum Lachen, das aber auch irgendwie ganz gut in dieses Thema reinpasst und ganz ehrlich: Ich musste sehr lachen! Aber vermutlich kennt ihr es schon alle, weil ihr in eurer Hysterie die ganze Nacht vor dem PC gesessen habt und jeden Text zu Nordkorea gelesen habt, den es gibt…Verdammt! Kann ich nicht mal die Finger still halte?!
Wenn es eine verstärkte Medienberichterstattung egal wozu gibt, dann ist die Nachfrage nach Experten auch immer besonders hoch und dann haben wir die Möglichkeit, Meinung von Leuten zu hören, die sich noch besser mit dem Thema auskennen, als die Journalisten das schon tun. Und dann lohnt auch immer mal ein Blick auf diese Meinungen, der bei mir ja mittlerweile eine Tradition geworden ist (zu früheren Überblicken geht es hier: 08.03. nach Beginn der Drohungen 17.02. nach dem Nukleartest03.01. nach Kim Jong Uns Neujahrsansprache). Die sind auch dieses Mal wieder sehr unterschiedlich und gehen in verschiedenen Aspekten nahezu in gegensätzliche Richtungen. Ich habe mir ganz ehrlich gesagt nicht alles durchgelesen/angehört, sondern nur nach dem gesucht, das Leute gesagt haben, die man als Experten bezeichnen kann. Ihr könnt ja dann selbst reinlesen/hören/gucken…
Nachdem ich in den letzten Wochen ziemlich ausgelastet war und nicht wirklich oft zum schreiben und auch nicht viel zum Lesen gekommen bin, sollte es jetzt erstmal besser werden damit und das heißt, dass ich meinen Blick auch wieder ein bisschen stärker auf die Koreanische Halbinsel richten kann. Damit habe ich heute gleich mal angefangen und habe festgestellt, dass ich garnicht so weit schauen muss, denn vor einigen Tagen/Wochen ist auch im näheren europäischen Ausland etwas passiert, das zumindest eine Erwähnung verdient.
Bericht zur Situation der Menschenrechte in Nordkorea
Wie jedes Jahr stellte am 11. März Marzuki Darusman, Sonderberichterstatter des UN Menschenrechtsrates zur Menschenrechtssituation in Nordkorea, auch in diesem Jahr seinen Bericht zur Lage in Nordkorea vor (der diesjährige Bericht ist hier zu finden). Nun findet natürlich nicht jeder Berichte besonders spannend und vor allem, wenn es um ein schwieriges Thema wie “Menschenrechte in Nordkorea” geht, kommt mitunter schonmal die Frage auf, ob es denn was bringt, jedes Jahr einen tollen Bericht schreiben zu lassen, der Vorstellung des Schriftstücks betroffen zu lauschen, sich nachfolgend angemessen zu echauffieren um dann den Bericht wie die Empörung bis zum nächsten Jahr in der Ablage verschwinden zu lassen. Dem kann man natürlich einerseits allgemein entgegenhalten, dass es ein wichtiger erster Schritt ist, ein solches Problem wie die notorischen Menschenrechtsverletzungen Nordkoreas überhaupt zu dokumentieren und publik zu machen und dass dies als Vorbereitung für weitere Maßnahmen dienen kann. Dieses Mal ist ihm das aufgrund des Sonderziels der Aufbereitung der bisherigen UN-Aktivitäten besonders gut gelungen und der Bericht gibt im umfangreichen Anhang einen perfekten Überblick über das, was man über die Menschenrechtsverstöße in Nordkorea wirklich weiß und gibt ein gutes Gefühl dafür, wie die Verbrechen einzuschätzen sind.
Hier gibt es die komplette Sitzung zum Bericht des Sonderberichterstatters. Sehens-/Hörenswert sein Bericht (er liest den ab, ihr könnt euch also das Lesen sparen, wenn ihr mögt), wobei zu bemerken ist, dass viel Interessantes auch im Anhang steht und der wird nicht vorgelesen. Die Reaktion des nordkoreanischen Vertreters und natürlich der glorreiche deutsche Beitrag. Je nach politischer Einstellung kann man sich dann noch Äußerungen aus Südkorea, Großbritannien oder den USA, oder Myanmar, Weißrussland und Kuba anhören. Jeder wie er mag.
Papier ist geduldig
Allerdings ist dies allein wenig befriedigend, vor allem wenn es, wie im Fall Nordkorea, zwar nicht an Papier über die Verbrechen mangelt, aber an Maßnahmen dagegen. Andererseits kann man speziell in diesem Jahr aber auch die erfreuliche Nachricht vermelden, dass es tatsächlich einmal nicht bei nur einem weiteren Bericht geblieben ist, sondern dass darüber hinaus auch Maßnahmen ergriffen wurde.
Verantwortlichkeiten aufdecken
In der Folge des Berichtes, der sich in diesem Jahr das löbliche Ziel setzte, die bisherigen Aktivitäten (Resolutionen und Berichte) der Vereinten Nationen mit Blick auf die Menschenrechte in Nordkorea seit 2004 zusammenzutragen und zu systematisieren (und wie gesagt: An Aktivitäten hat es nicht gemangelt, weshalb sich Darusman auf nicht weniger als 60 Dokumente berufen konnte) und der darauf einige Handlungsempfehlungen aufbaute, wurde nämlich eine Resolution des Menschenrechtsrates erlassen, die nicht nur das Mandat des Sonderberichterstatters verlängerte, sondern darüber hinaus auch noch eine Untersuchungskommission einsetzte. Diese Kommission soll im kommenden Jahr eine detailliertere Untersuchung der Menschenrechtsverstöße in Nordkorea vornehmen und prüfen, inwiefern es in Nordkorea Vorgänge gibt, die als Verbrechen gegen die Menschlichkeit gewertet werden können, um so Verantwortlichkeiten auszumachen. Mit diesen Informationen könnte beispielsweise das nicht unumstrittene, aber gerade für Fälle wie Nordkorea geschaffene Instrument der responsibility to protect (danach (Paragraphen 138f dieser Resolution) ist jeder Staat in der Verantwortung, seine Bevölkerung vor Genoziden, Kriegsverbrechen, ethnischen Säuberungen und eben Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu schützen. Wenn Staaten das nicht schaffen, soll die Völkergemeinschaft den Staaten dabei “assistieren” (was man weiter und enger auslegen kann)) greifen und vielleicht auch Sachverhalte in Nordkorea der Gerichtsbarkeit des Internationalen Strafgerichtshofes zufallen. Der genaue Text der Resolution bezüglich der Kommission lautet wie folgt:
4. Also decides to establish, for a period of one year, a commission of inquiry comprising three members, one of whom should be the Special Rapporteur, with the other two members appointed by the President of the Human Rights Council;
5. Further decides that the commission of inquiry will investigate the systematic, widespread and grave violations of human rights in the Democratic People’s Republic of Korea as outlined in paragraph 31 of the report of the Special Rapporteur, including the violation of the right to food, the violations associated with prison camps, torture and inhuman treatment, arbitrary detention, discrimination, violations of freedom of expression, violations of the right to life, violations of freedom of movement, and enforced disappearances, including in the form of abductions of nationals of other States, with a view to ensuring full accountability, in particular where these violations may amount to crimes against humanity;
Eine sinnvolle Maßnahme
Zwar ist auch diese Untersuchungskommission nicht mehr als eine vorbereitende Maßnahme, aber wenn die Kommission gute Arbeit leistet, dann könnte in der Folge eine konsistentere und wirksamere Herangehensweise an das Menschenrechtsthema erreicht werden. Ich bin jedenfalls hoch erfreut und sehr zufrieden, dass die Vereinten Nationen auf diesem so schwierigen Feld endlich versuchen, Verbesserungen herbeizuführen. (vielleicht hat ja auch Richard Herzinger von der WELT davon gehört, und kann seine gut gemeinte, aber insgesamt eben doch etwas dümmliche Aufregung über die mangelhafte Empörung gegenüber Nordkoreas Menschenrechtsverbrechern etwas abkühlen…). Eine recht kritische Meinung dazu findet sich beim ohnehin immer recht UN-kritischen One Free Korea. Diese Sicht mache ich mir zwar nicht zu Eigen, aber die wie immer scharfen und durchdachten Analysen sind trotzdem hier und in anderen Fällen einen Blick wert.
Was war sonst noch? Achja, wie immer einige Zusatzinfos am Rande. Sicherlich muss ich euch nicht extra sagen, dass die nordkoreanischen Vertreter in Genf weder dem Bericht, noch der Resolution was Gutes abgewinnen konnten. Man hörte in ihren Wortäußerungen zu den Anlässen und liest in einem Brief, den man im Vorfeld an der Präsidenten des Menschenrechtsrates schickte (wie jedes Jahr) ziemlich viel von “hostile Forces” und falschen, fabrizierten Informationen, die genutzt werden sollen, um eine Konfrontation mit Nordkorea zu erzeugen. Dabei wird wie immer auf die Doppelstandards und die Politisierung des Menschenrechtsrates hingewiesen. Erstaunlich fand ich, dass dieses Mal die EU recht eindeutig in die Gegner-Ecke gestellt wurde. Während man sonst öfter mal versucht hat, möglichst wenig über die EU zu sagen, wird sie hier öfter mal mit den USA und Japan in einem Atemzug genannt. Das mag auch daran liegen, dass die EU die Resolution gemeinsam mit Japan eingebracht hat, die zur Einsetzung der Untersuchungskommission geführt hat. Es mag aber auch an dem konsequenten Beharren der EU gegenüber Nordkorea liegen, im Menschenrechtsthema Fortschritte zu machen. Interessant fand ich auch die Wortäußerung des Deutschen Vertreters bei der Vorstellung des Berichts. Der laberte nämlich irgendwas von dem Film “Flucht aus Lager 14″ und dass der harte Indizien geliefert habe, dass es in Nordkorea umfassende Menschenrechtsverletzungen geben würde. Ganz ehrlich: Da hätte er sich auch was Besseres einfallen lassen können.
Die politischen Rahmenbedingungen: Gut für das Menschenrechtsthema
Sei’s drum. Immerhin gibt es auf diesem Feld Fortschritte, die man irgendwie als konstruktiv ansehen kann und die irgendwann auch mal zu Maßnahmen führen könnten. Das ist weit von perfekt, aber besser als das, was bisher lief. Ich hoffe nur, dass diese Fortschritte nicht von anderen politischen Entwicklungen wieder zunichte gemacht werden. Ich kann mir jedenfalls ziemlich gut vorstellen, dass der eiserne Wille zur Verbesserung der Menschenrechte in Nordkorea, wenn es irgendwann im nächsten Jahr nochmal zu einer Annäherung zwischen den USA und Nordkorea kommen sollte, ganzschnell wachsweich wird und die westlichen Menschenrechtsverfechter plötzlich wieder andere Themen viel wichtiger finden. Aber naja, momentan tut Pjöngjang ja ziemlich viel dafür, dass sich die Beziehungen mit den USA nicht so schnell bessern. Daher könnte man sagen: Die politischen Bedingungen für ernsthafte Bemühungen in der Menschenrechtsfrage sind so gut wie sehr lange nicht mehr. So kann man der anstrengenden aktuellen Lage wenigstens noch etwas Gutes abgewinnen…
Ich hatte kürzlich die Gelegenheit mit Gerhard Tauscher zu sprechen, der von 2011 bis Ende 2012 für die Internationale Föderation des Roten Kreuzes und der Rothalbmond Gesellschaften (IFRC) in Nordkorea Wasser und Sanitärprojekte betreute. Er hat sich viel Zeit für mich genommen und daher habe ich beschlossen, das Interview dreizuteilen.
In diesem dritten Teil wird es um das “Alltagsleben” Tauschers in Nordkorea, den zwischenmenschlichen Umgang mit Nordkoreanern, die Stimmung zur Zeit des Todes Kim Jong Ils und die praktischen Schwierigkeiten beim Bird-Watching in Nordkorea gehen. In den vorherigen Teilen des Interviews ging es um den Arbeitsalltag in Nordkorea und die Hemmnisse, die die nordkoreanischen gesellschaftlichen Normen dabei mit sich bringen und um die Arbeit der IFRC und anderer Entwicklungshelfer in Nordkorea. Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Entwicklungen kann ich euch diesen Teil nochmal empfehlen, denn die Probleme, die Tauscher da vor allem mit Blick auf die Finanzierung beschreibt, stellen sich den Entwicklungshelfern aktuell vermutlich in nicht bekanntem Maß. Die bisher erschienen Teile der Serie findet ihr hier.
Logo der IFRC (Foto von sbamueller unter CC Lizenz Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 US-amerikanisch (nicht portiert) (CC BY-SA 2.0))
NK-Info: Jetzt würde ich gern noch etwas über Ihre persönlichen Erfahrungen sprechen. Um mal ganz harmlos anzufangen: Sie haben auf Ihrem Blog geschrieben, dass Sie ein Konzert des Münchener Kammerorchesters in Pjöngjang besucht haben. Das fand ich interessant, weil ich es ohnehin schön fand, dass trotz aller politischen Schwierigkeiten noch kultureller Austausch stattfindet und weil ich auch selbst was zu diesem Konzert geschrieben hatte. War das für Sie das einzige Mal, dass Sie in solche Events mit einbezogen wurden, oder gab es ähnliche Möglichkeiten öfter?
Tauscher: Das hängt stark vom Counterpart ab. Solche Sachen muss der normalerweise organisieren. Es gibt immer einen, der formal dafür zuständig ist und wenn man den lange genug löchert, dann organisiert er solche Sachen.
Das Münchener Kammerorchester speziell war aber von der deutschen Botschaft organisiert. Die schickt in solchen Fällen dann eine Rundmail: “Wer mag hingehen, wir haben 50 Karten und wer sich zuerst meldet, der bekommt Karten.” Eigentlich gibt es zu vielen Events solche Möglichkeiten. Ungefähr eine Woche vorher waren wir zum Beispiel beim nationalen Sinfonieorchester und wir waren auch mal im Children’s Palace, wo es Vorführungen gab — das ist aber schon wieder eine eigene Geschichte — was da dann für eine “Dressur” stattfindet. Wenn man will, kann man jedenfalls alle diese kulturellen Dinge, die dort angeboten werden, besuchen. Man zahlt dann natürlich den “Ausländereintritt”, aber man kann da ganz viel mitnehmen. Das hängt von der eigenen Initiative ab und ein bisschen auch vom Geschick des Counterparts, denn der muss die Karten irgendwie organisieren und manche bekommen das eben besser hin und manche weniger gut.
NK-Info: Und sind auf solchen Veranstaltungen dann auch viele Nordkoreaner? Also kommen da “normale Leute” hin, oder ist das dann vorsortiert?
Tauscher: Das ist immer gemischt. Aber wie die koreanischen Gäste jetzt genau ausgesucht werden, kann ich nicht sagen. Das sind normalerweise Gruppen, die irgendwie an die Tickets kommen. Es gibt also keinen freien Kartenverkauf, sondern da sind dann immer ganze Arbeitseinheiten.
Neben diesen gibt es noch eine Art Veranstaltungen, die einen ganz anderen Charakter hat. Zu denen wird man geladen. Ganz offiziell. Das ist dann zum Beispiel die Eröffnung der neuen Statuen, zu der wir ganz hochoffiziell geladen wurden. Solche Einladungen erfolgen üblicherweise kurzfristig und ein bisschen geheimniskrämerisch. Als Grund wird dafür immer die Sicherheit vorgeschoben.
Einmal waren wir zum Beispiel relativ kurzfristig zu “einem Konzert” geladen. Da hat dann diese neue Moranbong Band gespielt. So wurde uns das verkauft. Wir wurden dann dorthin gebracht und auf die Ehrentribüne gesetzt. Da saßen dann vielleicht 200 Ausländer, einige die in Pjöngjang ansässig sind und ein paar Touristen und der Rest der Halle war voll mit Militär. Der Anlass war das 60-jährige Jubiläum der Gründung der Militäruniversität. Sowas erfährt man dann im letzten Moment, sitzt dann da auf der Ehrentribüne und irgendwann kommt auch noch der Staatschef. Dann ist natürlich auch klar, dass vorher nicht kommuniziert wird, dass er auch kommt und wo es genau sein wird. Man könnte ja sonst versuchen, dem was-weiß-ich-was anzutun. Aber das wäre bei uns wahrscheinlich genauso. Aber die Ausländer irgendwo auf die Ehrentribüne zu setzen und das dann im Land — zum Glück nur im Land… — als Beleg dafür zu verkaufen, dass Nordkorea vom Ausland toll gefunden wird. So etwas nervt ziemlich. Solche Versuche gab es immer wieder. Wir haben uns ganz oft auch geweigert, zu solchen Anlässen zu gehen, aber das mögen sie natürlich auch nicht.
NK-Info: Wie äußert sich das denn dann, wenn die nordkoreanische Seite verärgert ist, weil Sie sich geweigert haben? Sind dann die Counterparts in der folgenden Zeit schlecht gelaunt oder wie merkt man das?
Tauscher: Die Counterparts machen auch dann gutgelaunt ihre Arbeit weiter. Aber wir hatten schon ein bisschen den Eindruck, als würde da vielleicht so etwas wie ein Bonussystem für die dahinterstecken. Also dass es für die Counterparts positiv ist, wenn sie “ihren” Ausländer sozusagen gut unter Kontrolle haben. So etwas steckt glaube ich dahinter.
NK-Info: Von Personen, die regelmäßig nach Nordkorea reisen, aber nicht permanent dort vor Ort waren, wie Sie, hat man öfter mal gehört, dass man mit der Zeit und einer zunehmenden Zahl von Besuchen im Land, ein Gespür bekommt, was gerade im Land los ist. Ob da zum Beispiel gerade etwas im Busch ist. Das würde man am Verhalten der Nordkoreaner erkennen. Haben Sie so etwas auch beobachtet?
Tauscher: Nein, ich glaube das würde in meinem Fall zu weit gehen.
Extrem war natürlich die Trauerzeit. Wir waren vor Ort als er [Kim Jong Il, Anm. d. Red.] gestorben ist. Wir sind dann auch einmal um den Sarg geführt worden. Zum Glück bin ich dann bald auf Heimaturlaub geflogen. Die Stimmung war damals schon schwer nachvollziehbar. Diese Trauer war extrem! Wenn man irgendwo hinkam, in irgendein Restaurant oder irgendeine offizielle Stelle, da sammelten sich eigentlich alle Leute nur noch um den Fernseher und haben dagestanden, sich heulend Reportagen über das Leben des Mannes angeguckt. Im Fernsehen kamen nur noch Rückblicke und Ehrerbietungen oder Berichte über seine Orden. Und das ganze Land hat nur geheult.
Es war bestimmt ein Anteil Gruppendynamik dabei, aber im Prinzip war das schon die echte Trauer, glaube ich. Es kam schon raus: “Der Mann, der das Land hierher gebracht hat und alles zusammenhält ist gestorben.” Die meisten Leute waren da einfach tief entsetzt. Im Detail war das vielleicht manchmal übertrieben, aber im Prinzip war es eine echte Trauer. Es war eine extreme, depressive Stimmung. Deswegen war ich auch ehrlich froh, als ich kurz vor Weihnachten da rausgeflogen bin.
NK-Info: Genau danach hätte ich Sie später auch noch gefragt, weil das so eine Sache ist, die kaum nachzuvollziehen ist, wenn man so wie ich in einer ganz anderen Welt lebt. Haben Sie zum Tod von Kim Jong Il von ihren Counterparts oder andere Male Rückmeldungen oder Aussagen gehört? Haben Sie mal darüber gesprochen?
Tauscher: Nein, eigentlich nicht. Darüber habe ich nicht groß diskutiert. Schon eher darüber, dass dann der Sohn inthronisiert wurde. Mich wundert das. Ich meine, dass würde hier ja auch jeden wundern, wenn dann plötzlich so ein junger Typ direkt Oberbefehlshaber wird, ohne je beim Militär gewesen zu sein. Aber dort habe ich trotzdem nie irgendwen kritisch darüber sprechen hören.
Also überhaupt hört man nie irgendetwas Kritisches. Es ist alles super. Letztendlich sind das ja auch Punkte, die vielleicht interessant sind für uns, aber uns eigentlich auch gar nichts anzugehen haben. Wir als Rotes Kreuz machen unsere Projekte. Da gibt es schon genug Politik und Dinge, die da hineinspielen, aber wie die Koreaner jetzt ihren Präsidenten wählen und ob er wirklich die Macht in der Hand hat, all diese Dinge sind interessant, aber das ist eher persönliches Interesse und nichts, was ich mit meinen Counterparts diskutiert hätte.
NK-Info: Also haben Sie nie wirklich etwas darüber erfahren, was die Nordkoreaner über Politik dachten?
Tauscher: Also wir hatten einen im Team, der hat schon gesagt, was er denkt. Mit dem bin ich einmal in einer Diskussion bis zum Koreakrieg vorgedrungen. Da ging es am Anfang um Militärausgaben und er sagte dann: “Wir brauchen das wegen der permanenten Bedrohung und weil wir nicht wieder überfallen werden wollen.” Ich habe dann gefragt: “Wie? Wir wollen nicht wiederüberfallen werden?” – “Ja, die Amerikaner wollen die Welt erobern und uns auch. Deshalb müssen wir uns verteidigen.” Und ich sagte dann: “Ja, zu den Amerikanern kann man natürlich kritisch stehen, aber ich glaube nicht, dass noch irgendjemand Nordkorea erobern will. Ich glaube es ist eher eine Belastung, wenn man Nordkorea wieder auf Vordermann bringen soll.” – “Nein, nein. Die warten nur auf einen schwachen Moment von uns und wollen uns dann erobern. So wie beim letzten Mal.” – “Wie? Wie beim letzten Mal? Beim letzten Mal habt ihr den Süden überfallen.” – “Nein, nein. Die haben uns überfallen!”
Da habe ich gemerkt: Hier kommen wir nicht weiter, das war schließlich ein intelligenter und gebildeter Mensch, der sowas sagte. Aber insgesamt gab es ganz wenige Diskussionen um solch kritische Fragen. Auch weil natürlich normalerweise auch immer zwei Koreaner mit einem sprechen.
NK-Info: Wo wir jetzt mitten in Ihrem Alltag angekommen sind: Entwickelt man eigentlich mit der Zeit eine Art Alltag, oder — Sie haben ja eben schon erwähnt, dass Sie irgendwann dann doch angenervt waren — denkt man nur: “Bin ich froh, dass ich hier nicht geboren bin und bin ich froh, dass ich hier bald wieder weg kann”?
Tauscher: Auf jeden Fall ist man froh, dass man wieder weg kann, das ist eine gute Sache. Ich habe mich schon ein bisschen solidarisiert, aber mehr im Zusammenhang damit, was im Ausland teilweise für ein Müll berichtet wird. In diesem Bezug gab es schon eine gewisse Solidarisierung, aber ansonsten war ich schon froh, dass ich wieder da raus konnte und dass es für mich einen klaren Endpunkt gab. Ich war ursprünglich für ein Jahr dort, habe dann nochmal verlängert bis Ende des Jahres, aber dann war es auch gut. Ich hätte dann nochmal verlängern können, aber noch länger wollte ich wirklich nicht mehr.
Teilweise lag das auch daran, dass es dort keine kritische Diskussion gibt. Wenn man den ganzen Tag nur diese ganzen Ammenmärchen erzählt bekommt, dann steigert das nicht unbedingt die Begeisterung für das Land. Außerdem entwickeln sich keine Freundschaften mit individuellen Nordkoreanern. Die halten alle Distanz, es gibt keinen, der mal mit einem einen trinken geht. Es passiert alles im formalen Rahmen, da trinken sie dann auch mal ordentlich, aber man kann keine Freundschaft im eigentlichen Sinne zu irgendjemand aufbauen. Weil jeder kontrolliert wird. Am Schluss wollte ich dann mal nur das Wasserteam einfach in irgendeine Kneipe einladen und das ging schon nicht. Wir haben es zweimal geschafft, alle unsere Angestellten in unsere Wohnung einzuladen. Aber das funktioniert dann auch so, dass alle geschlossen um sieben kommen, trinken, essen und um neun Uhr alle zusammen gehen.
Und da fehlt mir dann was, um mich sozusagen in dieses Land zu verlieben und mit Herzblut zu sagen: “Das ist ein Ort, an dem ich mir vorstellen kann ewig lang zu bleiben.” Das sind viele Kleinigkeiten, die einen über einen längeren Zeitraum dann auch wirklich nerven.
NK-Info: Also wie Sie das schildern, fühlt man sich dann ja auch immer als Fremdkörper.
Tauscher: Ja. Es gibt auch, glaube ich, eine beachtliche Portion Rassismus. Gut, man ist extrem privilegiert dort und extrem hoch geachtet, aber im Prinzip könnte man das Rassismus nennen, dass dort zum Beispiel gemischte Ehen grundsätzlich unvorstellbar sind.
NK-Info: Dazu existieren ja in der Wissenschaft auch klare Thesen.
Eben haben Sie ja schonmal kurz angesprochen, dass das historische Wissen, auch gebildeter Menschen, nicht unbedingt den realen Fakten entspricht. Wie ist denn ansonsten der Wissensstand der Menschen. Ich hatte mir hier notiert: “technisch” und “politisch”.
Politisch haben Sie eben ungefähr umrissen, aber wissen die Menschen schon, was in der Welt so vor sich geht? Die, die reisen, müssten ja eigentlich Bescheid wissen…
Tauscher: Die, die reisen. Aber das ist eine kleine Elite. Das sind nur die Funktionäre, also Leute, die in hohen Positionen sind und auch viel zu verlieren haben.
Mein Counterpart, der viel reist, hat irgendwann gefragt: “Was macht China anders als wir? Warum ändert sich in China so viel?” In Nordkorea bekommt er verkauft, das er im besten Land der Welt lebt, gemeinsam mit China. Aber dass es in China zurzeit viel besser läuft, sieht momentan jeder Blinde. Aber damit hat sich das auch schon.
Die anderen wissen nicht Bescheid. Und dann noch die ganze Propaganda… Die Finanzkrise in Europa wird im Fernsehen zum Beispiel so verkauft, dass demonstrierende Leute in Athen gezeigt werden, in der nächsten Szene dann ein paar Obdachlose unter einer Brücke und so geht es dann Europa. Deswegen kann dann jeder froh sein in Nordkorea zu sein, denn da geht’s den Menschen wenigstens so, wie es ihnen eben geht. Das ist schon krass und deswegen glaube ich, dass die breite Masse keinen Dunst hat.
Gerade auf dem Land. Da braucht ja jeder, der aus seinem Dorf raus will, schon die Genehmigung vom obersten Dorffunktionär, um irgendwo hinzuradeln. Und aus der Provinz rauszukommen ist nochmal eine ganz andere Sache. Die Leute haben ja noch nicht einmal ein Bild von ganz Nordkorea, sondern die haben nur ihr Bild von ihrem Dorf. Oder von ihrer direkten Umgebung. Daher glaube ich, dass Nordkorea schon ein riesen Land von Ahnungslosen ist.
NK-Info: Also würden Sie sagen, dass die Menschen in der ehemaligen DDR besser über die BRD und den Rest der Welt Bescheid wussten?
Tauscher: Wenn man hier den Vergleich mit Ost- und Westdeutschland zieht, dann gibt es da riesige Unterschiede. Es gibt eben kein Westfernsehen oder Westradio und umgekehrt. Es gibt keinen Familienaustausch. Es gibt null Reisen.
Hm, das ist nicht ganz richtig. Ein bisschen Austausch gibt es mit der koreanischen Bevölkerungsgruppe in Japan. Da sieht man relativ viele Reisegruppen: Jugendliche, High-School-Absolventen aus koreanischen Schulen oder ganze Schulklassen, die ihr “Heimatland” besuchen. Das sieht dann auch immer sehr witzig aus, in der japanischen Schuluniform und ziemlich punkig vom Aussehen her, einfach direkt erkennbar als nicht-koreanisch. Das ist vielleicht so ein kleines Fenster zur Außenwelt.
Aber insgesamt ist das eben so abgeschottet und es gibt keine Informationen. Die große Masse, also bestimmt 90 Prozent, hat keinen Dunst.
NK-Info: Und von der technischen Ausbildung her, also was sie gelernt haben? Man hört ja immer mal, dass die Leute dort eine solide bis gute Ausbildung erhalten.
Tauscher: Ja; Aber! In den ganzen Ingenieurswissenschaften, in Medizin, eigentlich in all den Fächern, in denen in Deutschland und global ein riesiger akademischer Austausch herrscht. In all den Bereichen, in denen in der Wirtschaft globale Netzwerke bestehen, in denen jeder eigenes Know How mitbringt und so für Austausch sorgt, dort hinkt Nordkorea hinterher, denn Austausch gibt es kaum. Und entsprechend sind viele dieser Disziplinen auf dem Stand von vorgestern. Ich glaube die Ausbildung ist gut und der Stellenwert der Ausbildung ist bestimmt hoch, auch wenn ich das im Detail nicht genau beurteilen kann. Aber im Endeffekt schmort man im eigenen Saft.
Da hatte ich auch witzige Diskussionen mit meinen Leuten. Die haben gesagt: “Wie, aber wir schicken doch wieder zwanzig Studenten nach China.” Aber das ist ja kein Austausch. Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Und ob diese Studenten dann letztendlich in der Funktion arbeiten werden, in der sie ihr Wissen in ihrem Fach anwenden können, ist dann auch noch sehr fraglich. Ich glaube, in allen Bereichen, in denen es weiter große Entwicklungen gibt, also zum Beispiel Medizin oder IT gilt das.
Außerdem fehlt das Internet. Also die Möglichkeit das Wissen zu konservieren und jedem zugänglich zu machen. Eine People’s Library, als die große Bibliothek des Volkes, das sieht toll aus, aber das ist natürlich nur für ganz wenige.
NK-Info: Kommen wir vielleicht noch zu aktuelleren Entwicklungen. Rüdiger Frank hat gesagt, es wäre eine Aufbruchsstimmung in der Bevölkerung zu spüren, die sich laut seiner Aussage im Zeitraum von März 2012 bis Oktober 2012 bemerkbar gemacht hat.
Tauscher: Das kann ich nicht genau nachvollziehen. In unseren hitzigen Diskussionen, wie wir das Budget aufstellen, wurde von koreanischer Seite immer gesagt: “Ja, jetzt mit der Aufbruchsstimmung wegen der neuen Führung und den zukünftigen neuen Regierungen im Süden, in China und in Japan, das wird dazu führen, das sich hier alles öffnet und wir dann wieder am Verhandlungstisch sitzen und sich dann alles bessert.”
Aber nach dem gescheiterten Raketenstart im April, als das Land auch fast in eine Art Volkstrauer verfallen ist, war das erst einmal zu Ende. Da war keine Euphorie, sondern die Leute waren wirklich drei Tage lang absolut depressiv. Eine Stimmung, nach der jetzt vielleicht die Zeit für einen Neuanfang ist, habe ich nicht bemerkt.
Auch in der Presse hat Kim Jong Un ja eher seinem Großvater nachgeeifert. In der ganzen Erscheinung, in der ganzen Gestik, das war alles so altbacken. Zum Beispiel diese On-the-spot-guidances: Der geht irgendwo in eine Saftfabrik und erzählt denen, wie sie Saft machen müssen. Das waren die Schlagzeilen. Nichts über Reformen oder das Ausland. Wie gesagt: Mir ist nicht aufgefallen, dass sich da groß etwas geändert hätte. Und spätestens mit dem zweiten erfolgreichen Raketenstart passiert gegenüber dem Ausland wahrscheinlich ein Jahr nichts.
Diese Agrarreform, die da im Raum standen und beschlossen werden sollten, das wäre ein eindeutiges Zeichen gewesen. Und stattdessen hat man dann gerade mal beschlossen, dass ein Jahr länger zur Schule gegangen wird und die Lehrer nicht mehr zur Feldarbeit abkommandiert werden. Das ist nur ein sehr kleiner Schritt. Wenn man das als Reform bezeichnen will: Ok. Aber für mich und ich glaube auch für viele andere war das sehr enttäuschend.
NK-Info: Es gibt die These, dass es quasi zwei Nordkoreas gibt: Pjöngjang-Nordkorea und Rest-Nordkorea und dass viele, die einmal nach Nordkorea fahren und die ganze Zeit dort sind, ein völlig schiefes Bild kriegen. Ich meine in Pjöngjang hat sich ja wirklich viel getan.
Tauscher: Absolut. Diese These kann ich absolut unterstützen.
In Pjöngjang tut sich extrem viel, vom Straßenverkehr angefangen über die ganzen Bauten, die hochgezogen wurden, auch die neuen Supermärkte. Auch wir haben das gemerkt. Man kann jetzt endlich offiziell umtauschen. Früher musste man, um den Schwarzmarktkurs zu bekommen irgendjemanden finden, der umgetauscht hat. Eigentlich war das illegal. Jetzt gibt es da diesen einen chinesischen Supermarkt, der ganz normal zum Schwarzmarktkurs umtauscht. Man kann dann mit dem Geld in diesem Supermarkt einkaufen, aber keiner achtet drauf, ob man das Geld dort wirklich ausgibt.
Aber auf dem Land passiert einfach nichts. Ich habe das immer mal ein bisschen hinterfragt. Ich habe zum Beispiel einmal die Cooparative-Farm Manager gefragt, wie es denn mit der Ernte aussähe, was zu erwarten wäre. In diesem Jahr hieß es zum Beispiel schon mitten im Sommer, dass es gut aussähe. Und dann habe ich gefragt: “Was ist der Grund dafür?” – “Es gibt ja mehr Kunstdünger und Maschinen.” – “Und wie viel Kunstdünger haben Sie denn hier bekommen für Ihre Farm und welche Maschinen?” – “Nicht bei uns! Wir haben keinen bekommen. So allgemein im Land…” Das waren wieder solche “Talking Points”, die vom Staat vorgegeben waren.
Auf dem Land leben die Menschen von der Hoffnung und dieses Jahr war die Ernte eben besser. Aber der Staat tut eigentlich nichts. Zum Beispiel die Autobahn, die von Pjöngjang in den Norden führt, die biegt irgendwann dann zum Friendship Museum ab und für den Touristen, der nur das bereist, sieht das ganz toll aus. Aber meine Projektgebiete waren ein bisschen weiter westlich und ich bin dann auf der Schotterstraße gefahren. Und diese Schotterstraße führt nach Sinuiju an die Grenze. Das ist nicht irgendein Ort, sonder die Haupteingangspforte zu China und dorthin führen dann 100 Kilometer Schotterstraße. Vom ersten Tag an habe ich dann ein paar Kilometer neben der Straße den Bau einer Autobahn gesehen, aber da hat sich nichts getan. Alles Handarbeit, viel Stückwerk, aber kein Baufortschritt, in eineinhalb Jahren.
[Anm. d. Red.: Die Karte unten zeigt das beschriebene Gebiet. Während die Autobahn (dicke gelbe Linie) in Richtung der International Friendship Exhibition am Myonghansan abbiegt (markiert) führt nach Sinuiju (linker Bildrand, Mitte) eine einfache Straße.]
Ein gutes Beispiel für die These ist auch das Kraftwerk, das jetzt eröffnet wurde. Der ganze Strom von da geht nach Pjöngjang. Und ich mit meinen Wasserprojekten: Da sind viele gepumpte Anlagen, die auch Strom brauchen, da hat sich nicht verbessert.
NK-Info: Auf Ihrem Blog haben Sie geschrieben, dass Sie Birdwatcher sind. Hat sich Nordkorea aus dem Gesichtspunkt gelohnt? Ich meine es gibt nicht viel Industrie und ähnliches, kaum Windkraftanlagen…
Tauscher: Hm, zum einen ist das Eurasien. Deswegen ist die Vogelwelt nicht viel anders als hier. Es gibt zwar ein paar Exoten aus der sibirischen Vogelwelt, die sieht man vor allem im Winter. Das nennt man Bedarfstiere: Wenn die Gewässer zufrieren und es zu kalt wird, dann gehen die immer weiter in den Süden. Davon sieht man da einige. Abgesehen davon ist es aber auf Dauer nervig. Nach dem Sommerurlaub hier habe ich mein großes Teleobjektiv dann auch zuhause gelassen. Denn egal wo man hingekommen ist, es gab an jeder Ecke einen der sich berufen fühlte — das waren nicht zwingend immer Offizielle Aufpasser — und dachte, da ist was verkehrt. Und die rufen dann eventuell irgendwo an oder laufen hinter einem her und verscheuchen die Vögel.
Und an der Küste war es auch nicht viel besser. Wir sind bis nach Nampo gefahren, denn da gibt es viele Enten und Wasservögel. Und dort nimmt man dann das Fernglas und schaut Richtung See und wenn man dann hinter dem See an den Hang schaut, dann ist da immer etwas Militärisches. Man will das ja nicht auf den Bildern haben, aber da ist eben an jeder Ecke irgendein Bunker oder ein Unterstand oder eine Garage oder irgendwas anderes. Und dann hat das ein gewisses Risiko. Manchmal wurden dann schonmal die Kameras gefilzt und Fotos gelöscht. Das mit dem Vögel beobachten war im Endeffekt eine nette Freizeitbeschäftigung, aber großes Objektiv mitzunehmen, das hat nichts gebracht. Etwas wirklich Vernünftiges konnte man da nicht machen.
Aber zu dem Birdwatchen habe ich noch eine andere witzige Anekdote: Es gab dort ein, zwei Vogelbücher, die ich mir gekauft habe. Weil sie auf Koreanisch waren, habe sie meinem Counterpart gegeben. Nach dem Wochenende habe ich ihm dann berichtet, was ich so gemacht habe. Das gehört zu seinem Job, das am Montag zu checken. Oft hatte ich zwar den Eindruck, der wusste sehr gut, wo ich war, aber nun gut. Ich habe ihm dann auch genau erzählt, wo ich spazieren gegangen bin und wo ich Fotos gemacht habe. An den Bildern war er dann immer besonders interessiert und wollte die auch sehen. Das gehört wohl auch zum Job, zu gucken, ob da etwas Kritisches drauf ist. Im Winter gab es Seeadler in der Stadt. Mitten in Pjöngjang. Der Fluss war zugefroren und es waren nur zwei, drei eisfreie Stellen, die von tausenden von Enten offengehalten wurden. Und denen gefolgt sind mehrere Seeadler. Und davon habe ich dann Fotos gemacht und habe meinem Counterpart das auch gezeigt. Und er hat sofort in dem Buch nachgeschlagen und da stand dann in dem Textteil: “Das letzte Mal wurden Seeadler in Nordkorea 1957 gesichtet.” Das ist natürlich komplett Blödsinn. Das ist nicht so, dass ich zufällig der Erste gewesen wäre, der da Seeadler gesehen hätte. Ich habe die anderen Bird-Watcher gefragt und die meinten, dass im Winter 2005 bis zu dreißig in der Stadt waren. Das Buch wurde aber auch von Ornithologen geschrieben und ich dachte es wäre schön, Kontakt mit dem Autor oder seinem Institut aufzunehmen und ihn auf den Fehler aufmerksam zu machen. Aber selbst so etwas, das ich aus reinem persönlichem Interesse machen wollte und das in keiner Weise kritisch war, das war nicht möglich zu machen.
NK-Info: So weit habe ich eigentlich alles gefragt, das ich mir überlegt hatte. Haben Sie eine Art persönliches Fazit für sich gezogen?
Tauscher: Also mein Resümee ist, dass dort vieles von falsch gesetzten Prioritäten abhängt und dass es dort grundsätzlich große Potentiale gibt, dass die aber nicht genutzt werden können, solange die Führung die Prioritäten falsch setzt.
Aus humanitärer Sicht bin ich gespannt, wie es jetzt mit der Finanzierung weitergeht, also ob weitere Länder Gelder einfrieren. Ich nehme an, dass man zumindest ein Zeichen setzen will, dass man nicht bereit ist Geld zu geben, solange der nordkoreanische Staat sein eigenes Geld für Dinge wie Raketenstarts verbrennt.
NK-Info: Dann bedanke ich mich recht herzlich, auch im Namen meiner Leser für das Interview und ihre Zeit, die Sie geopfert haben und wünsche Ihnen auf Ihrem beruflichen Weg viel Erfolg und gute Erfahrungen.
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