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Kim Jong Uns Schweizer Zeit revisited: Wo das Konstruieren von Realitäten noch witzig ist und wo es ernst wird


Fast genau vor einem Jahr beschäftigte ich mich mit der Geschichte um Kim Jong Uns Vergangenheit in der Schweiz und der Tatsache, dass es für diese angebliche Vergangenheit eigentlich keine belastbaren Belege gab. Ich stellte die These auf, dass gerade im Falle Nordkorea Medien, Experten und auch die Öffentlichkeit so etwas wie einen Konsens gefunden haben, dass Glauben fast so gut ist wie Wissen, weil man so wenig weiß und sonst so wenig sagen könnte. Seitdem ich mich damals mit dieser Schweizgeschichte beschäftigt habe, sind keine neuen Informationen zu diesem Thema bekannt geworden. Es gibt also weder neue Argumente für noch gegen eine Schweizer Zeit Kim Jong Uns.
Nur ist eben ein Jahr vergangen und man weiß noch immer sehr wenig. Also hat man die angesprochene Realität noch mehr für sich akzeptiert. Kim Jong Un war in der Schweiz und gut ist. So gab es bei n-tv eine ausführliche Geschichte über seine Schweizer Jugend, die BILD hat sogar neue Fotos von den Boulevardkollegen aus Korea und der von mir sonst geschätzte Sender Euronews hatte einen ausgiebigen Bericht, wo die Geschichte immerhin noch als nicht endgültig belegt dargestellt wurde. Auch die ZEIT hat sich umfangreich mit der Schweizer Jugend Kims befasst und nach eingehender Untersuchung für wahr befunden.
Nungut, dass Kim Jong Un in seiner Schweizer Zeit offensichtlich ziemlich gut englisch sprechen konnte, bei dem jüngsten Besuch von Dennis Rodman in Pjöngjang aber kaum noch, das ficht niemanden an, kann es ja schließlich verlernt haben oder auch einfach keine Lust gehabt haben, mit Rodman direkt zu sprechen. Denn wie gesagt. Es ist ja so eine schöne Geschichte, wenn er in der Schweiz war. Da hat dann jeder was zu zu sagen und man kann daraus so schöne Folgerungen ziehen.

Befürchtung bestätigt: Niebel glaubt an Kim Jong Uns schweizer Zeit

Vorgestern zum Beispiel. In der Sendung von Beckmann (die ich aber voll und ganz empfehlen kann, was nicht unbedingt an meiner Verehrung fü Beckmann liegt). Da hat unsere Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit eindrucksvoll unter Beweis gestellt, was ich letztes Jahr als Befürchtung geäußert habe. Er gab eine Einschätzung über die Persönlichkeit Kim Jong Uns ab mit dem Hinweis darauf, der sei ja schließlich auch lange in der Schweiz gewesen (Min. 19:00). Na super; Wenn Herr Niebel das so genau weiß. Vielleicht hat es ihm ja der Ressortchef Politik der SZ geflüstert, der von ziemlich belastbaren Fotos wusste (ab Min 22:50). Nur Rüdiger Frank wollte nicht so ganz mit und meinte, dass man auf den Bildern bestimmt einen Nordkoreaner sehen könne, ob das aber Kim Jong Un sei oder nicht, das wisse man schlicht nicht. Vielleicht ja, vielleicht nein. Das machte Stefan Kornelius von der SZ zwar kurz nachdenklich, aber nur kurz. Dann hatte er wohl beschlossen, dass es nicht sinnvoll sei weiter darüber nachzudenken.
Zwar dürfte die Tragweite der ministeriellen (vielleicht, oder auch nicht, Fehl-) Einschätzung auf Basis nicht vorhandener Informationen nicht besonders groß, aber meine Sorge ist, dass die Vergangenheit Kim Jong Uns nicht das Einzige ist, das auf Basis von unzureichenden Informationen bewertet und eingeschätzt wird und dass Herr Niebel (bei allem Respekt für die Bedeutung seines Amtes) nicht die einflussreichste Person ist, die solche Einschätzungen trifft.

Wo es relevant wird: Realitäten konstruieren im Fall von Raketen

Eine andere Beobachtung, die man seit einigen Tagen machen kann, deutet stark in diese Richtung. Am vergangenen Montag kamen erstmals später bestätigte Gerüchte auf,  dass die nordkoreanische Mittelstreckenrakete Musudan an die Ostküste verlegt würde. Dieser Schritt deutete dem Augenschein nach darauf hin, dass Pjöngjang als nächsten Schritt einen Raketentest plane. Eine Überlegung, die mit Blick auf vergangenes Verhalten Nordkoreas nicht ganz abwegig ist und die auch ganz gut zu der These vom Bedarf nach greifbaren Taten nach der überdrehten Rhetorik Pjöngjangs in den vergangenen Tagen gepasst hätte. Allein wollte und wollte Nordkorea seitdem keine Rakete testen. Vielmehr bewegte es die Raketen, als sie an ihrem Bestimmungsort angekommen war, mehrmals hin und her, ohne letztendliche Vorbereitungen zu unternehmen. Dementsprechend kommen heute erste Meldungen aus Südkorea, dass ein Test nicht unmittelbar bevorstehen würde. Haben also die Warnungen des Westens Nordkorea von diesem Schritt abgehalten?
Auch hier ist die Ungewissheit wieder treibendes Moment einer für uns zuerst konstruierten und dann akzeptierten plausiblen Realität. Wir haben mit Hilfe von Satellitenbildern festgestellt, dass die Raketen an der Ostküste aufgestellt wurden. Wir haben die Entwicklungen der letzten Tage im Kopf. Daher ist es plausibel, dass Nordkorea eine oder mehrere Raketen testen wird. Wir wissen nichts, sondern wir glauben, aber mangels besserer Erklärung, um die wir uns allerdings auch nicht sonderlich bemüht haben, akzeptieren wir.

Alternative Realitäten

Auch das könnte ein Fehler sein, der von seinem Inhalt her schon etwas mehr Tragweite hat, als Kim Jong Uns sprachliche und gesellschaftliche Sozialisation in der Jugend. Es könnte, es muss aber nicht. Kann auch sein, dass in den nächsten Tagen eine Rakete fliegt. Aber zurück zu der kaum verfolgten Überlegung, dass wir hier einem Schnellschluss aufgesessen sind. Dazu habe ich drei Anmerkungen zu machen, die die These stärken könnten:

  1. Bisher gibt es keinen Beweis dafür, dass es sich bei Raketen des Bautyps Musudan, wie sie jetzt an die Ostküste verlegt wurden, um funktionsfähige Waffensysteme handelt. Bisher wurden sie nie getestet und bei ihrem ersten (und bisher einzigen) öffentlichen Auftritt auf einer Parade 2010 hatte es sich der Meinung eines ausgewiesenen Experten zufolge (in diesem Bericht aus 2012 nachzulesen) um eine Attrappe gehandelt. Gut möglich, dass es eine kleine Baureihe gab, aber nicht belegt, also nicht gewusst. Um diese Überlegungen wurden sich in den westlichen Medien aber wenig Gedanken gemacht. Die Raketen wurden an die Küste gebracht, also sollen sie getestet werden. Eine positive Ausnahme stellt hier Spiegel Online dar, wo sich ein Journalist mal ein bisschen näher mit der Rakete beschäftigt hat, die da angeblich getestet werden soll.
    Natürlich ist das alles kein Beweis dafür, dass man in Pjöngjang diese Rakete nicht testen will, aber irgendwie gehört diese Information der Vollständigkeit halber dazu und zweitens zieht sie die Konsistenz der Testgeschichte etwas in Zweifel: Wirklich eine Rakete, die noch nie getestet wurde, in so einer extrem gespannten Lage über Japan hinweg schießen. Ist das nicht ziemlich riskant, wenn man keinen Wert auf Krieg legt?
  2. Daniel Pinkston, Nordkorea-Experte der International Crisis Group, hat eine interessante andere Lesart der jüngsten Raketenbewegungen geliefert, die von ihrer Konsistenz her genausogut funktioniert, wie die Idee, Nordkorea wolle die Raketen testen, zuvor aber noch ein bisschen damit durch die Gegend fahren. Nachzulesen ist das ganze in diesem Tweet:

    Remember KPA & Strategic Rocket Forces have been training. So moving the missiles & TELs around is part of the training.

    Eine Übungen finde ich eigentlich garnicht so schlecht als  Erklärung für die Hin-und-Herfahrei der Raketen. Aber irgendwie scheint sich sonst keiner für die Idee erwärmen zu können. Vielleich auch deshalb, weil die allgemein akzeptierte Realität ja bereits ist, dass Nordkorea eine oder mehrere Raketen Testen will und weil es dann irgendwie blöd zu erklären wäre, dass man sich da eben geirrt hat. Da lassen sich im Nachhinein sicherlich bessere alternative Erklärungen finden.
    Auch dies ist wieder kein Beweis dafür, dass Nordkorea keine Rakete Testen will und das Eine schließt das Andere ja noch nichtmal aus: Man kann ja ein bisschen üben und wenn man meint, dass man damit durchkommt, ohne einen Krieg auszulösen, dann testet man das Ding eben noch. Aber es bietet eben auch eine Lesart, nach der der Zweck der Übung nicht unbedingt ein Raketenstart gewesen sein muss.

  3. Die Führung in Pjöngjang hat eine gewisse Meisterschaft im ‘Tarnen und Täuschen inne.
    1. Die Raketenattrappen, mit denen man schonmal gerne auf Paraden rumfährt und die gephotoshopten Bilder von Manövern sind dabei zwar viel belächelte, aber trotzdem zugehörige Elemente dieser Tarnen und Täuschen Strategie. Denn egal wie stümperhaft gemacht, führen diese Dinge zu zusätzlicher Unklarheit und Ungewissheit über die tatsächlichen Kapazitäten Nordkoreas. Und Ungewissheit ist eine der stärksten Abschreckungsmethoden, die Pjöngjang zur Verfügung hat.
    2. Vor allem weiß das nordkoreanische Militär aber sehr gut um die Begrenzungen der südkoreanischen und US-amerikanischen Aufklärung in Nordkorea. Die kann eigentlich fast nur von oben (was Sichtaufklärung) und von außen, was Abhören von Kommunikation angeht, erfolgen. In beiden Fällen hat Pjöngjang in der Vergangenheit bewiesen, dass es in der Lage ist, die toten Winkel der Überwachung auszunutzen (Ein absolut lesenswertes GIGA-Paper zu Grenzen und Risiken der Darstellung Nordkoreas mit Satellitenbildern habe ich hier verlinkt). So stellte das nordkoreanische Militär vor dem Beschuss der Insel Yonpyong alle Einheiten dort von Funkkommunikation auf klassische Telefonverbindungen um (S. 3, rechte Spalte), die eigens für den Einsatz gelegt wurden. Im Vorfeld des Raketenstarts vom Dezember warf man zuerst durch eine Meldung der Nachrichtenagentur KCNA Nebelkerzen, was den Termin anging, um anschließend nurnoch an der Rakete zu arbeiten, wenn gerade kein Satellit das Land überflog. Beide Male standen die Dienste der USA bzw. Südkoreas düppiert da. Vielleicht wollten die Nordkoreaner ja auch einfach mal testen, welche Methoden zur Aufklärung die USA und Südkorea hinzuziehen, wenn die Lage gespannt ist und wo dabei tote Winkel der Aufklärung zu finden sind.

Auch die Tarnen und Täuschen Überlegung schließt sich mit den zuvor angestellten Ideen nicht aus, aber könnte genausogut ein zentrales Ziel der ganzen Übung gewesen sein: Wie schnell merken die anderen, dass wir Raketen transportieren? Wieviel von dem das sie wissen wird bekannt? Wie lange dauert es, bis sie merken, dass sie vielleicht an der falschen Stelle Aufklärung betreiben? Alles das sind Fragen, auf die die nordkoreanischen Militärs durch ihre Manövrierei Antworten bekommen haben dürfte. Wertvolle Informationen, die man in der Zukunft für weitere Überraschungsmanöver einsetzen kann.

Was ist wahr, was nicht? Man weiß es nicht!

Mit diesen ganzen Ausführungen wollte ich euch nicht beweisen, dass Nordkorea in den nächsten Tagen keine Rakete testen will. Ich wollte nur zeigen, dass wir uns recht schnell auf eine Annahme festgelegt haben und alle Informationen, die wir zu dem ganzen Sachverhalt bekommen, unter der Maxime einordnen, dass diese Annahme zutrifft. Wir haben uns mal wieder eine Realität konstruiert, von der wir keine Ahnung haben ob sie zutrifft oder nicht, an die wir aber glauben, weil es am bequemsten ist.
Nur finde ich es, wenn es nicht mehr um Jugendfreundschaft, Basketball und Filmvorlieben, sondern um Raketen geht, sehr, sehr bedenklich, wenn das Risiko besteht, dass Leute die die Kompetenz zum Entscheiden haben, nicht auf Basis von Informationen, sondern von Glauben handeln. Hoffen wir also, dass die meisten Minister und Präsidenten nicht so leichtsinnig sind, das zu glauben, was sie in der Zeitung lesen (auch wenn es zehnmal drinsteht), sondern einen guten Stab um sich haben, der ihnen den Unterschied zwischen Wissen, Glauben und Nichtwissen klarmacht und ihnen das, was so in der Zeitung steht entsprechend einordnet. Das würde ungemein zu meiner Beruhigung beitragen.

P.S.:

Ich habe während ich das geschrieben habe jede viertel Stunde die Nachrichtenlage gecheckt, weil ich Sorge hatte, dass man in Pjöngjang doch beschließt, heute eine Rakete abzuschießen und alles, was ich hier geschrieben habe damit hinfällig wird…

Eine Sache der Wahrnehmung: Warum die nordkoreanische Führung nicht Gefahr läuft, ohne Krieg ihr Gesicht zu verlieren


In den vergangenen Wochen und auch aktuell, wird bei der Diskussion der Lage auf der Koreanischen Halbinsel immer wieder das Problem angesprochen, dass es der nordkoreanischen Führung nach all den Kriegsdrohungen und dem verbalen Dramatisieren der Situation — auch nach innen — wohl kaum noch möglich sein würde, aus der Situation herauszukommen, ohne dabei konkrete Maßnahmen zu ergreifen, sprich zumindest eine begrenzte militärische Provokation zu begehen.
Die Staatengemeinschaft stellt dabei nicht so sehr das Problem dar, denn ich denke die Meisten könnten es der Führung in Pjöngjang nochmal verzeihen, wenn sie ihre Pläne, die USA und Südkorea in Schutt und Asche zu legen aufschöbe. Die Schwierigkeit stellt vielmehr die Kommunikation nach innen dar, so die Annahme. Die Führung würde ihr Gesicht verlieren, wenn sie ihre Drohung nicht wahrmachte und Bevölkerung wie Militär sei es nicht zu vermitteln, wenn die permanente Situation am Rande eines Krieges sich plötzlich in Nichts auflöste.

Eine Sache der Wahrnehmung

Allerdings, so möchte ich argumentieren, ist dieses Problem bei näherer Betrachtung weniger frappierend und lässt der Führung in Pjöngjang durchaus noch Spielräume. Dazu muss man allerdings etwas in die Vergangenheit schauen.

Hype vs Routine

Einerseits dürfte uns dann auffallen, dass die gegenwärtige Lage nicht unbedingt etwas Einmaliges darstellt, sondern dass solche Drohungen zum ganz gewöhnlichen außen- und innenpolitischen Arsenal Nordkoreas gehören. Es ist ein Wesensmerkmal des nordkoreanischen Systems, dass die Bevölkerung im permanenten Kriegszustand gehalten wird. Die Eskalation ist Normalität. Es geht keines der Frühjahrsmanöver der USA und Südkoreas ab, ohne dass die Führung in Pjöngjang die rhetorische Keule auspackt — und diese Manöver finden jedes Jahr statt. Es wird auch keine Resolution der Vereinten Nationen gegen Nordkorea beschlossen, ohne dass das Land am Rande eines Krieges stehen kann. Das ist Normal und vermutlich würde die Bevölkerung eher besorgt reagieren, wenn diese Rhetorik einmal ausbliebe. Daher dürfte der nordkoreanischen Bevölkerung die ganze Situation nicht so sehr ungewöhnlich vorkommen wie uns. Dazu kommt ja auch noch unsere medial induzierte Überwahrnehmung, denn wie man hört, bleiben auch die Leute in Südkorea im  Verhältnis eher ruhiger, als wir hier. Daher ziehen wir Schlüsse über die Wahrnehmung dort, die so garnicht zulässig sein müssen, denn mal ganz ehrlich, wer von uns hat in den letzten Jahren denn bitte die Drohungen aus Nordkorea und ihre Stärke in Quantität und Qualität bewertet. Vermutlich ziemlich wenige.
Aber trotzdem bleibt natürlich festzuhalten, dass die aktuellen Drohungen stärker sind, als es in der Vergangenheit für gewöhnlich der Fall war. Daher ist es trotz der definitiv vorhandenen Abstumpfung der nordkoreanischen Bevölkerung und des Militärs vorstellbar, dass die Menschen in Folge der besonders scharfen Drohungen denken, dass es eine Kriegsgefahr gibt.

Offensiv vs Defensiv

Allerdings muss man ja nicht nur schauen, ob eine Kriegsgefahr Seitens der nordkoreanischen Bevölkerung wahrgenommen wird, sondern auch, wie sie wahrgenommen wird. Dazu zuerst ein kurzer Rückblick in den Koreakrieg.
Nach nordkoreanischer Geschichtsschreibung wurde der Krieg durch einen Überfall der USA begonnen und kann als Sieg Nordkoreas gewertet werden, weil diese Aggression abgewehrt wurde. Seitdem ist Nordkorea im eigenen (zumindest propagandistischem, in Abgrenzung zur strategischen Einschätzung) Selbstverständnis kein nach außen aggressiver Staat, sondern einer, der von den USA permanent bedroht ist (wie weit man diese Einschätzung teilen will, bleibt jedem selbst überlassen). Die USA halten nach diesem Selbstverständnis auch Südkorea besetzt und haben dort ein Marionettenregime errichtet. Nordkorea verteidigt nur die Unabhängigkeit des koreanischen Volkes gegen diesen Aggressor und bietet sozusagen die Hoffnung auf die Befreiung der südkoreanischen Bevölkerung. Wie sehr die befreit werden will ist ja erstmal egal, denn es geht ja nur um die Botschaft, die die Bevölkerung  Nordkoreas permanent eingetrichtert bekommt.
So sind, zumindest aus Sicht der Bevölkerung, die aktuellen Drohungen auch nicht als nach außen aggressive Akte zu sehen, sondern als defensive Reaktionen auf die gegenwärtige verschärfte Bedrohungslage. Und wenn man die Meldungen von KCNA mal anguckt, dann fehlt nirgends der Hinweis, dass man in Verteidigung der DVRK und ihrer Souveränität und Ehre handle.
Nun ist mit dieser Ausführung noch nicht die Frage geklärt, wie die Führung in Pjöngjang ohne Gesichtsverlust aus dem Drohszenario wieder rauskommen soll. Meiner Meinung nach ist das allerdings recht einfach: Wenn man in einer defensiven Position ist, dann erwartet doch niemand einen Angriff. Es reicht vollkommen aus, wenn man den Angriff des Aggressors verhindert oder abwehrt. Die Führung in Pjöngjang hat in dieser Logik nur ihren Job gemacht, indem sie auf die extreme Bedrohung durch die USA mit einer extremen Abwehrbereitschaft reagiert hat. Und wenn die USA nicht angreifen, dann hat die Regierung in Pjöngjang alles richtig gemacht und diese Situation auf Messers Schneide gemeistert.

Wahrnehmungsunterschiede beachten; Eigene Möglichkeiten nutzen

Ich denke, dass es immer Sinn macht zu unterscheiden, zwischen dem das wir wissen und wahrnehmen dem das die nordkoreanische Bevölkerung weiß und wahrnimmt. Beide Wahrnehmungen sind medial verzerrt und gegeneiander verschoben. Die Nordkoreaner haben allerdings im Gegensatz zu uns nicht die Möglichkeit, uns unterschiedlicher Quellen zu bedienen (wir können ihre Nachrichten lesen und ihr Fernsehen gucken, sie aber nicht unsere).
Da wir das können, sollten wir es auch tun und uns es nicht so einfach machen, von unserer Wahrnehmung auf diejenige anderer zu schließen. Allein das würde schon ungemein weiterhelfen, Fehleinschätzungen abzubauen und ein realistisches Bild zu bekommen. Ach by the way: Ist eigentlich schon jemandem aufgefallen, dass sich die nordkoreanische Propaganda etc. seit ein paar Tagen wieder am normalisieren ist? Die Nachrichten der letzten Tage bestanden eigentlich nurnoch aus Stellungnahmen, Einschätzungen und Appellen westlicher Akteure. Aber naja, wie ich geschrieben habe: The Hype must go on

Nordkoreahysterie, der Chuck Norris des Expertentums und ein Henne-Ei-Problem: Nachdenken über die aktuelle Nordkorea-Rezeption in Deutschland


Erstaunlicherweise scheint auch Kim Jong Un sich am Wochenende ein bisschen Ruhe gönnen zu wollen und dementsprechend gab es heute mal keinerlei neue Drohung oder sonstige medienwirksame Maßnahmen. Das gibt mir und scheinbar auch Medienvertretern die Möglichkeit zu reflektieren und über das nachzudenken, das in den letzten Tagen und Wochen auf der Koreanischen Halbinsel und auch in der Wahrnehmung selbiger passiert ist.

Drei Sonderlobe und der Chuck Norris des deutschen Expertentums

Zumindest im Fall der Medienvertreter war das eine ziemlich produktive Angelegenheit, denn nachdem die letzten Tage eigentlich nur aus einer Art hysterischer Krisenberichterstattung bestanden und jeder Pups von Kim Jong Un mindestens fünf Schlagzeilen produzierte (das kann man sich ja fast bildlich vorstellen: “Hat Kim Jong Un eine geheime Superwaffe?”) heben die Redakteure so langsam wieder den Blick und versuchen sich einen Reim zu machen und erstellen nicht mehr nur blöde Grafiken mit Raketenreichweiten, spekulieren über die mentale Gesundheit und die Wiederstandfähigkeit Kim Jong Uns gegen die eigenen Propaganda oder versuchen Experten zwanghaft in Interviews irgendwas zu entlocken, dass man in eine apokalyptische Schlagzeile umwandeln kann. Der Expertentechnische Höhepunkt war übrigens wohl der Besuch von Peter Scholl-Latour, dem Chuck Norris unter den deutschen Experten (der Mann der alles kann) bei Markus Lanz (ungefähr Minute 4 bis 15), aber das ist ein anderes Thema (irgendwie hat mich seine Artikulation an Rainer Brüderle erinnert (und wo ich schon bei Brüderle bin ist der Sprung zur Genderdebatte ja nicht mehr weit: Ich fand es rührend: Die Männer reden über Politik, die Frauen gucken zu und sehen schön aus, oder hat eine der Damen ein Wort sagen dürfen zur “großen” Politik?)), bei dem allerdings tatsächlich ein sehr spannender Aspekt angesprochen wurde. Die Hysterie der Deutschen in Bezug auf Nordkorea. Dann schwenkte die allerdings zum Medienhysterie-Standardplot (mal abgesehen von der mode- und haartechnischen Stilkritik an Kim Jong Un durch Herrn Lanz, die mal wieder ganz klar auf seine besonderen Fähigkeiten hinwies). Aber ich schweife schon wieder ab. Eigentlich wollte ich ja nicht kritisieren, sondern loben. Ein  Sonderlob haben sich aus meiner Sicht heute nämlich der Focus und die FAZ, sowie die Frankfurter Rundschau verdient. FAZ und Focus haben tatsächlich begonnen darüber nachzudenken, was ernsthafte Motive für das Verhalten Pjöngjangs sein könnten und dabei sind dann vernünftige Analysen jenseits von “Bekloppt”, “Propagandaverwirrt”, ” Selbstüberschätzt” und “Ahnungslos” rausgekommen. Beide haben sich recht fruchtbar Gedanken zu Nordkoreas Strategie gemacht und auch mal ein bisschen weiter zurückgeblickt als eine Woche (auch das Hilft Muster zu erkennen). Beruhigend, dass die deutschen Medien doch in der Lage zu sein scheinen, vernünftige und unaufgeregte Situationsbewertungen zu erstellen. Ein Beitrag der Frankfurter Rundschau gefiel mir, weil da mal ein Blick auf ein Thema jenseits des Standardrepertoires geworfen wurde, indem es einen die Nicht-Rolle der europäischen Staaten auf der Koreanischen Halbinsel (mit daraus gefolgerten Schlüssen über die Position der europäischen Staaten in der Welt) ins Zentrum stellte (ein Thema, das mich auch hin und wieder ziemlich in Rage versetzt).

Die Medien, die Hysterie und der Anlass

Bei meinen heutigen Reflektionen — ziellos mit dem Fahrrad rumcruisen hilft da sehr gut weiter — stellte ich mir aber dann irgendwann die Frage: Warum kommen die Herren Journalisten erst zur Besinnung, wenn Kim zu drohen aufhört und die Hysterie etwas nachzulassen beginnt. Ist das Zufall oder hängt das zusammen? Und wenn es zusammenhängt — also Ende von akutem Berichterstattungsanlass, Beginn vernünftiger Berichterstattung und Abklingen der Hysterie — wie sind da die Beziehungen?
Die Hysterie kann zwei Ursachen haben. Entweder die Berichterstattung, oder den Anlass der Berichterstattung. Da man aber ohne Berichterstattung nicht wirklich was über ihren Anlass erfahren kann (jedenfalls nicht ohne ein bisschen Arbeit und dazu haben hysterische Menschen wenig Zeit) liegt es nahe, dass die Hysterie in erster Linie durch die Berichterstattung befeuert wurde. Das deckt sich auch ganz gut mit den Gedanken, die ich mir vor einigen Wochen hinsichtlich unserer Rezeption der Ereignisse auf der Koreanischen Halbinsel gemacht habe. Damals war mir aufgefallen, dass Nordkorea, zumindest in den Statistiken von Wikipedia durch die Drohungen, die ja schon Anfang März anfingen, ein Vielfaches der öffentlichen Aufmerksamkeit in Deutschland bekam, als zum Beispiel nach dem Nukleartest vom 12.02.2013 oder dem Raketentest vom 12.12.2012, also als wirklich was relevantes passiert war (wenn ihr mögt könnt ihr euch hier durch die Wikipedia-Statistiken klicken und überlegen, welche Ausschläge zu welchen Ereignissen gehören).

Hysterie ist geschäftsfördernd

Aber wenn es so ist, dass die Berichterstattung eine gewisse Hysterie schürt und das gerade dann, wenn es nicht wirklich was zu Berichten gibt, dann könnte man sich doch durchaus fragen, warum das so ist. Eine unangenehme Antwort wäre, weil hysterische Menschen einfacher auszurechnen sind und man so sein Produkt einfacher an den Mann bringen kann. Wenn jemand unter Kriegspanik leidet, will er mehr Informationen über das Thema haben. Wenn diese Informationen dann so aussehen, als würde ein Krieg unmittelbar vor der Tür stehen, dann leidet er am nächsten Tag immernoch unter Kriegspanik und will wieder Informationen und immer so weiter, solange der gute Kim irgendwas zum Berichten liefert. Und da es ja die Medien sind, die ihr Geld mit dem Verkaufen von Informationen verdienen, ist es doch eigentlich ganz praktisch, wenn man eher ein bisschen mehr als ein bisschen weniger Kriegspanik schürt, denn dann kommen potentiell am nächsten Tag eher ein bisschen mehr als ein bisschen weniger Leute zum Kiosk und kaufen sich die Zeitung. Nur brauch man eben irgendeine Vorlage aus Pjöngjang. Und wenn noch nichtmal irgendeine ungenannte Quelle in Seoul irgendetwas spektakuläres und besorgniserregendes über Kim und seine Pläne zu sagen hat, dann kann man die Panikmacherei nicht mehr wirklich weitertreiben ohne grundlegende journalistische Standards zu verletzen (indem man sich einfach was ausdenkt). Das scheint mir mitunter der Zeitpunkt, an dem kluge Redakteure erkennen, dass man nun anfangen kann, guten Journalismus zu machen. Und da sind wir auch schon.

Von Panikmachern und Trittbrettfahrern

Ich will niemandem irgendwelche böse Absicht unterstellen oder so, denn im Endeffekt berichten unsere Medien ja nur über das, was die Leute auch hören wollen. Aber das Ganze ist trotzdem so ein Henne-Ei-Problem, denn kann es nicht sein, dass die Leute das hören wollen, weil sie zuvor von etwas unterkomplex dargestellten Zusammenhängen in Panik versetzt wurden? Ich weiß es nicht, aber ich glaube ich finde diese ganze Panikmacherei nicht gut.
Obwohl: Ein bisschen was habe ich als Trittbrettfahrer natürlich auch von unserem kleinen Hype (mal ganz abgesehen, dass die Panikmacher und Hysteriebeförderer ja vielleicht sogar recht haben werden, wovon ich aber immernoch nicht ausgehe), immerhin hat sich meine Leserzahl in den letzten Tagen versieben- oder achtfacht. Und irgendwie habe ich ja sogar mitgemacht. Ich meine, ich hätte ja auch zu irgendwas anderem schreiben können (ein paar Ideen hatte ich), aber nein, in den letzten Tagen hat es sich hier immer um das Thema gedreht. Ich war sozusagen dem mutmaßlichen Leserinteresse gegenüber opportunistisch und habe keine eigenen thematischen Impulse gesetzt. Und ich mache das Ganze nur zum Spaß und nicht zum Geldverdienen. Kann auch sein, dass ich selbst von dem Hype mitgerissen wurde und das Thema als so übermäßig wichtig empfand, weil dauernd was dazu in den Nachrichten war und so. Ich weiß es ja noch nicht mal selbst. Wer will denn da Medienschaffenden Vorwürfe machen?

War nicht böse gemeint: Der Versuch eines versöhnlichen Abschlusses

Naja, sei’s drum. Hiermit habe ich euch weitgehend die Ergebnisse meiner Fahrradfahrerei verkündet. Ich hoffe ihr fühlt euch jetzt nicht beleidigt, weil ich euch ja irgendwie als hysterisch und panisch und von Medienmeinungsmache beeinflusst dargestellt habe. Das sollte nicht euch persönlich (ich meine rein rechnerisch müssten ja mindesten sieben Achtel oder sechs Siebtel von euch unter die Gruppe fallen, die hier wegen des Hypes gelandet sind) treffen, sondern ist eher als generelles Attest gedacht, zur Rolle der Medien in unserer Gesellschaft und einem Problem, das sich aus der Logik der Medien ergibt. Außerdem habe ich mich selbst ja von dieser Hysteriekiste nicht ausgenommen, von daher seid ihr, wenn ihr euch beleidigt fühlen solltet, wenigstens in guter Gesellschaft.
Und wenn auch das euch nicht versöhnen kann, habe ich zum guten Schluss noch was zum Lachen, das aber auch irgendwie ganz gut in dieses Thema reinpasst und ganz ehrlich: Ich musste sehr lachen! Aber vermutlich kennt ihr es schon alle, weil ihr in eurer Hysterie die ganze Nacht vor dem PC gesessen habt und jeden Text zu Nordkorea gelesen habt, den es gibt…Verdammt! Kann ich nicht mal die Finger still halte?!

Von Worten und Taten: Nordkoreas Drohungen und ihre Wirkung in der deutschen Öffentlichkeit


Vor ein paar Tagen habe ich mich im Zusammenhang mit der Resolution des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen und der nordkoreanischen Reaktion darauf auf den relativ spärlichen Zusammenhang hingewiesen, der im Fall der nordkoreanischen Führung zwischen Worten und möglichen daraus folgenden Taten besteht. Allerdings habe ich dabei nicht wirklich etwas dazu gesagt, welchen Zweck die Worte denn letztendlich haben. Aber im Zusammenhang mit der vorherigen Sicherheitsratsresolution habe ich mich mit den damaligen Drohungen etwas eingehender beschäftigt und sie unter anderem als Strategie benannt, um eine möglichst umfassende Wirkung in den westlichen Medien zu erzielen und damit die öffentliche und politische Meinung in diesen Staaten in einer gewissen Weise beeinflusst werden soll. Im aktuellen Fall geht es wohl darum, dass uns und unseren Regierenden klargemacht werden soll, dass die Situation auf Messers Schneide steht, unberechenbar und gefährlich ist.

Worten und Tate und ihre Substanz

Gleichzeitig bleibt festzuhalten, dass das was aus Nordkorea in den letzten Tagen geäußert wurde, eben “nur” Worte waren, und dass auch Aussagen wie “der Nichtangriffspakt mit Südkorea ist hinfällig” nur Worte sind. Pjöngjang äußerte in der Vergangenheit auch öfter mal, dass man sich nie wieder mit den Sechs-Parteien an einen Tisch setzen würde. Diese Worte galten dann immer so lange, bis das eben nicht mehr opportun war. Ich vermute mal, dass macht für Pjöngjang den gewissen Reiz an Worten als Mittel zur Aufmerksamkeitsgenerierung dar. Man kann sie wieder zurücknehmen bzw. umdeuten. Anders ist das bei Taten. Ein versenktes Schiff bleibt erstmal versenkt (bis die Reste geborgen sind), einen Artilleriebeschuss kann man nicht mehr rückgängig machen, genausowenig wie eine nukleare Explosion (man bekommt aber auch das Plutonium nicht zurück, das man dafür aufwenden muss (und das dem Regime Nordkorea nur in begrenzter Menge zur Verfügung steht)) oder einen Raketenstart (und auch hier bekommt man das Geld nicht zurück, das man dafür einsetzen musste). Vor allem kann man aber auch die intendierten und nicht intendierten Folgen von Taten nicht mehr rückgängig machen. Weder Resolutionen, noch einen massiven Vergeltungsschlag aus dem Süden (den es bisher noch nie gab) oder einen Verlust der Unterstützung Chinas. Solche Reaktionen erfolgen selten auf Worte, häufig aber auf Taten.

Worte und Taten und ihre Öffentlichkeitswirksamkeit. Eine (kleine) Fallstudie

Und das schönste an Worten gegenüber Taten ist, dass sie zumindest in der Öffentlichkeit der westlichen Welt mindestens so viel Effekt entfalten, wie die Taten, die man begehen kann, ohne Risiko zu laufen, in direkter Folge mit ernsthaften militärischen Maßnahmen zu rechnen zu haben. Natürlich ist es nicht gerade einfach, den Effekt zu messen, den Worte bzw. Taten in der westlichen Öffentlichkeit entfalten, aber ein paar Hinweise gibt es dann doch.

Expertenauftritte als Gradmesser

Ein — wenn auch nicht belastbarer — kleiner Gradmesser der Reaktion “der Öffentlichkeit” sind die Auftritte von Experten in den Medien. Die Experten werden dabei natürlich angefragt, also misst man eigentlich eher, wie wichtig unsere Medien die Worte bzw. Taten aus Nordkorea nehmen. Aber da die Öffentlichkeit natürlich auch irgendwie vom Ausmaß und Inhalt der Medienberichterstattung beeinflusst wird, kann man davon ausgehen, dass man ein bisschen was daraus ableiten lässt. Alles in allem lässt sich sagen, dass nach den jüngsten Drohungen aus Pjöngjang mehr Medienberichterstattung mit Expertenkommentaren stattgefunden hat , als zum Atomtest im Februar (ich habe im Fall der Drohungen nur eine Auswahl verlinkt, im Fall des Atomtests alles, was ich gefunden habe.).

Blogaufrufe

Eine etwas belastbarere — wenn auch noch immer nicht wirklich extrem tragfähige –  Aussage zur Einschätzung der Öffentlichkeit, lässt sich aus meinen Blogstatistiken ableiten. Ich kann sehen, wie viele Leute pro Tag auf dem Blog landen. Und da ist das Ergebnis durchaus erstaunlich. Nach den aktuellen Drohungen sind ungefähr um 120 % mehr Aufrufe zu vermelden gewesen, als nach dem Atomtest Nordkoreas. Es gibt natürlich noch ein paar mögliche andere Aspekte die da mit reingespielt haben könnten, aber das deckt sich eigentlich ganz gut mit meiner Wahrnehmung der Medienreaktionen der jüngsten Drohungen. Ich hab mir überlegt, wo ich noch an weitere statistische Daten rankommen kann, aber wirklich viel ist mir leider nicht mehr eingefallen. Wenn ich mich ein bisschen besser mit Twitter auskennen würde, gäbe es vielleicht noch was in den Twitter Trends, aber kann ich eben nicht. Aber warte, da gibt es noch was.

Wikipedia

Wikipedia hat öffentliche Abrufstatistiken. Mal sehen: Oh, das ist überraschend:

Statistik

Und weil ich es gerade so interessant finde, auch noch die englischsprachige Seite “North Korea”:

Statistik Eng

In beiden Statistiken ist die Tendenz die gleiche. Die meiste Aufmerksam bekamen ganz klar die Drohungen aus Nordkorea. an zweiter Stelle kommt dann der Nukleartest. In Deutschland ist dabei der Unterschied wesentlich klarer. Die Drohungen haben gegenüber dem Nukleartest mehr als die doppelte Aufmerksamkeit bekommen. Im Fall Deutschland noch ganz interessant: Der seltsame Medienhype um eine Nicht-Geschichte, den die FAZ Anfang des Jahres lostrat bekam fast soviel Aufmerksamkeit wie der Nukleartest und mehr als der Raketenstart vom Dezember. Dass schon im Januar eine neue Resolution des UN-Sicherheitsrates erlassen wurde (und erstaunlicherweise auch die folgenden Drohungen), scheint in Deutschland kaum jemand registriert zu haben, in den USA schon. Spannend, oder.

Diagnose unserer Zeit

Naja, was ich ja eigentlich nur sagen wollte. In unserer Welt scheint das, was man sagt, mindestens genauso wichtig genommen zu werden, wie das was man tut. Ich weiß nicht, ob ich das jetzt gut oder schlecht finde, aber irgendwie scheint mir das eine Diagnose unserer Zeit zu sein.

Eine deutsche Phantomdebatte: Wie die deutschen Medien sich mit einer Nicht-Geschichte über Nordkorea blamieren


Die Neujahrsansprache Kim Jong Uns, die in unseren Breiten ja für einige Aufregung gesorgt hat, unter anderem weil sich einige Journalisten hier nicht die Mühe machten, sie im Kontext anderer nordkoreanischer Neujahrsbotschaften zu sehen (dann wären einige sprachliche und inhaltliche Punkte nämlich nicht mehr so besonders erschienen), hat eine Wirkung erzielt — zumindest in den deutschen Medien. Hier ist nämlich eine Art Phantomdebatte um nordkoreanische Wirtschaftsreformen entbrannt, die für mich irgendwie schwer zu verstehen ist.

Der Beginn einer Phantomdebatte: Eine seltsame Story

Den Anfang der Debatte bildete die FAZ. Diese kam nach Kim Jong Uns (mehr oder weniger) spektakulären Ankündigungen erstaunlich passend und zeitlich nah mit einem Artikel über deutsche Wirtschaftexperten, die Nordkorea angeblich darin beraten würden, die Wirtschaft des Landes mithilfe eines Masterplans nach vietnamesischem Vorbild umzugestalten. Klingt doch super. Allerdings hatte ich ein paar Schwierigkeiten mit dem Artikel:

  1. Die Wissenschaftler die angeblich helfen bleiben anonym. Natürlich kann es sein, dass man die Arbeit nicht gefährden will, aber naja, die Informationslage ist ein bisschen sehr dünn. Und die Anonymität schützt natürlich nicht nur den Masterplan, sondern auch das Renommee der Wissenschaftler, sollte Pjöngjang die Wirtschaft im kommenden Jahr doch nicht so radikal umgestalten.
  2. Der Zeitpunkt des Artikels kam doch allzupassend. Schon erstaunlich, dass die FAZ gerade ein paar Tage nach Kim Jong Uns Neujahrsansprache mit dem entsprechenden Wissenschaftler gesprochen hat. Dazu habe ich zwei Lesarten: Entweder lag der Artikel schon länger in der Schublade, war aber wegen des dünnen Informationsgehalts schwierig und irgendwie auch nicht zeitgeistig und jetzt hat er eben gepasst. Oder einer der Wissenschaftler wurde von seinem Ego getrieben, doch mal kurz bei der FAZ anzurufen und ein paar unspezifische Infos zu geben, damit man, sollte bei der Geschichte was rumkommen, ein bisschen Publicity bekäme.
  3. Nordkoreas Politiker und Wissenschaftler sprechen öfter mal mit Ausländern. Das ist wahr. Sie sprechen mit vielen Ausländern und sie lassen sich von ihnen gerne Ratschläge geben. Das ist auch wahr! Sie sagen auch eher selten: “Danke für die Tips, aber das alles interessiert uns nicht, jetzt verschwinde, aber sag bitte zuhause, dass wir weiter Entwicklungshilfe wollen.” Das stimmt. Stattdessen sind sie höflich, hören zu und sagen am Schluss auch artig: “Danke.” Das ist wahr. Aber das alles heißt noch lange nicht, dass die Nordkoreaner die Ratschläge umsetzen. Sonst gäbe es heute in Nordkorea ganz sicher keine Atomwaffen mehr, auch keine Raketen, ebenso keine Gefangenenlager, vermutlich auch keinen “Sozialismus nordkoreanischer Prägung” und höchstwahrscheinlich gäbe es auch keine Kim Jong Un Regierung. Man ist in Nordkorea darin geübt, gut gemeinte Ratschläge zu ignorieren. Warum das hier anders sein sollte, weiß ich nicht.
  4. Was ich aber überhaupt nicht verstehen kann: Warum sind deutsche Juristen und Wirtschaftswissenschaftler eigentlich prädestiniert, nordkoreanische Kollegen bzw. Politiker darin zu beraten, ihre Wirtschaft nach dem Vorbild Vietnams umzugestalten. Ich meine, versteht ihr mein Problem? Warum fragen die Nordkoreaner nicht einfach die Kollegen in Vietnam? Schlechte Beziehungen gibt es ja schließlich nicht zwischen den Staaten und die Vietnamesen kennen sich bestimmt genausogut mit ihrem Wirtschaftssystem aus wie die deutschen Experten. Aber nein, die Nordkoreaner lassen lieber von den deutschen einen Masterplan ausarbeiten…Alles klar!

Nur für deutsche Medien berichtenswert.

Naja, aber diese kleinen Unstimmigkeiten hinderten fast keine der deutschen Medien daran, die Story breitzuwalzen und die kaum vorhandenen Infos zu etlichen Artikeln zu verwursten. Dabei scheint es auch keinen weiter gestört zu haben, dass ausländische Medien einen weiten Bogen um die Geschichte gemacht haben und die globale Sensationsökonomie, die sich ja sonst oft für nichts zu schade ist, das ganze fast vollständig missachtete (nur auf die Chosun Ilbo ist Verlass, aber wen wundert das schon). Eigentlich hätte ich zu dem ganzen Sachverhalt nicht viel mehr zu sagen, als das Adam Cathcart in seinem Tweet hier tat und eigentlich hatte ich auch nicht vor, dazu was zu schreiben.

Wenn schon blamieren dann richtig.

Aber irgendwie scheinen einige Medien hierzulande es unbedingt darauf anzulegen, sich so richtig zu blamieren, indem sie sich weder davon abschrecken lassen, dass es eigentlich keine Story gibt, noch davon, dass die Geschichte von Kollegen in anderen Staaten scheinbar nicht als glaubwürdig eingeschätzt wird und auch nicht davon, dass Leute, die sich mehr oder weniger jeden Tag mit Nordkorea beschäftigen recht offen sagen, dass da nichts dran ist.

Spiegel Online ist Spitze…irgendwie

An die Spitze der Ignorantenbewegung hat sich mittlerweile Spiegel Online gestellt. Dort werden in hoher Frequenz mittelmäßige Artikel zu Wirtschaftsthemen und dem “Masterplan im weiteren Sinne” veröffentlicht. Die Artikel zeichnen sich nicht nur dadurch aus, dass sie sich als Berichtsanlass einzig auf den gehaltlosen Beitrag der FAZ stützen, sondern sie sind darüber hinaus auch noch jeweils für sich allein peinlich, weil schlecht recherchiert und reißerisch (oder versteht ihr, warum in diesem Artikel auf den Vorletzten UN-Bericht zur Nahrungsmittelsituation in Nordkorea verwiesen wird und nicht auf den Letzten und damit ein ziemlich verzerrtes Bild widergegeben wird (Wenn man bedenkt, dass der vorletzte Bericht Alarm schlug, der letzte aber Entwarnung gab))?

Schwächer geht immer.

Vorgestern setzte Spiegel Online seinem peinlichen Auftritt aber dann endgültig die Krone (oder Himbeere) auf. Da versuchte man aus einer langweiligen Liste eines drögen Wirtschaftsverbandes und auf Basis eines nahezu inexistenten Handels eine spektakuläre Enthüllungsgeschichte zu machen, was erstaunlicherweise nur mittelmäßig erfolgreich war. Das alles ist ja nicht neu und auch nicht spektakulär und eigentlich wäre es nicht der Rede wert (dass sich der Spiegel mit seinem Onlineauftritt und den Artikeln die für diesen erstellt werden, keinen Gefallen tut indem dort Quantität deutlichen Vorrang vor Qualität erhält, ist ja nicht unbedingt ne Neuigkeit), aber ich meine, wenn man schon eine Enthüllungsstory machen will, dann sollte man doch wenigstens die Munition nutzen, die sich dafür bietet. Wenn man noch nicht mal das schafft, dann blamiert man sich eben.

Was ich damit konkret meine? Der Autorin war aufgefallen, dass auf einer Liste des Ostasiatischen Vereins (OAV), der den Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen deutscher Unternehmen in die Region (zu der Nordkorea ja definitiv gehört) fördern will, 15 Unternehmen gelistet waren, die Geschäftsbeziehungen nach Nordkorea hätten. So weit so unspektakulär, denn Handelsbeziehungen nach Nordkorea zu haben, ist weder verboten, noch ist es zwangsweise verwerflich. Dieser Eindruck soll aber wohl in dem Artikel vermittelt werden, auch wenn die Autorin irgendwo auch anerkennt:

Geschäfte in Nordkorea sind nicht automatisch illegal.

Achwas. Wenn man bei SpOn schon soweit ist, dann besteht ja noch Hoffnung…könnte man denken. Allerdings kann man den Gedanken kurze Zeit später dann auch wieder verwerfen. Denn die Recherche dieses Artikels reichte scheinbar nicht einmal bis zu Wikipedia. Dort hätte die Autorin nämlich ein bisschen was zum Schreiben finden können. Zum Beispiel über die Commerzbank. Ein Vertreter dieses Geldinstituts wird in dem Artikel wie folgt zitiert:

Die Geschäftspolitik der Commerzbank lässt grundsätzlich keine Geschäfte mit Nordkorea zu.

Hätte die Autorin zu diesem Thema mal ein bisschen weiterrecherchiert. In einem (zugegeben nicht offiziell erschienen) UN-Bericht hätte sie nachlesen können, dass die Commerzbank als Geschäftspartner einer nordkoreanischen Bank ins Blickfeld der UN gerückt wäre. Dass die Autorin nun aber nicht unbedingt wusste, dass das in diesem Bericht steht, kann ich ja nachvollziehen. Dass sie auch mein Blog nicht kennt ist auch Ok. Aber dass sie noch nichtmal auf die Idee kam, bei Wikipedia nachzulesen, wo neben den Beziehungen der Commerzbank zu den nordkoreanischen Geldhäusern Korea United Development Bank und der Amroggang Development Bank (die mittlerweile durch EU und UN sanktioniert ist) weitere lose Fäden aus der Story (wie die um die Firmengruppe Prettl) weitergeführt werden. Ich meine, natürlich ist es keine Schande, wenn mal ein Artikel erscheint, in dem nicht Wikipedia als wichtiger Informant herhalten muss. Aber wenn dann gleich vollkommen auf Recherche verzichtet wird, dann ist das schon nicht gerade eine Glanzleistung. Vor allem wenn man so recht einfach eine langweilige Geschichte ein bisschen interessanter hätte gestalten können…

Mit Verlaub…

Naja, sei’s drum. Diese Story passt ja perfekt ins Gesamtbild, das die deutsche Presse mit ihrem Hype zu Nordkoreas Wirtschaftsreformen abliefert. Da bleibt eigentlich abschließend nicht mehr viel zu sagen, außer die Worte zu wiederholen, mit denen Rüdiger Frank die Berichterstattung der westlichen Medien zu Kim Jong Uns Neujahrsansprache charakterisierte:

Mit Verlaub: Das ist ein Armutszeugnis für die westliche Berichterstattung.

und die Bitte an die deutschen Printmedien: Bitte lasst diese blöde Phantomdebatte doch einfach bleiben und schreibt doch lieber mal garnichts, statt igendwelchen schlecht recherchierten Kram. Mir wird’s nämlich auch langsam peinlich…

Solide aber nicht brillant: Amnesty, die Medien und die 30 “gesäuberten” Nordkoreaner


Update (25.05.2012): Eben habe ich einen Artikel in der Chosun Ilbo (natürlich die Chosun Ilbo!) gelesen, in dem erstmals der Hinweis darauf fehlt, dass es sich bei der Geschichte der 30 getöteten Offiziellen um unbestätigte Gerüchte handelt. Damit könnte man dann wohl sagen: “Treffer versenkt”. Die Geschichte ist auf dem besten Weg, eine neue Wahrheit zu werden.

Gerade habe ich auch noch gesehen, dass nicht nur die Käseblätter die Sache mit dem Gerücht übersehen, sondern beispielsweise auch der (m.E. wesentliche weniger käsige) britische Telegraph “vergessen” hat dieses Detail zu erwähnen, sondern einfach schreibt: “Amnesty International claimed that in addition to the 30 who died in purges last year”. Natürlich könnte Amnesty dagegen vorgehen und sagen, dass sie nur auf ein dementsprechendes Gerücht verwiesen haben. Mal sehen…

Ursprünglicher Beitrag (24.05.2012): Hin und wieder bin ich ja geradezu hin und weg, wie Medien im Doppelpass mit anderen Institutionen oder im Zweifel auch sich selbst, erstaunliche Leistungen bei der (Neu-)Konstruktion der Realität vor allem im Hinblick auf Nordkorea (ich hoffe jedenfalls, dass unseren anderen “Wirklichkeiten” nicht ganz so starken medialen Anpassungen unterliegen, wie die nordkoreanischen “Realitäten”) vollbringen. Wenn ich es nicht so extrem ärgerlich fände, würde mich die fast schon ästhetische Gekonntheit, mit der die Gegenwärt vor unser aller Augen auseinandergebaut und dann passend wieder zusammengesetz wird, vielleicht sogar zu Begeisterung hinreißen. Aber ich finde es eben extrem ärgerlich, daher bleibt mir nicht viel, als mich aufzuregen.

Solider Spielzug…

Das neueste Beispiel aus der langen Historie solcher Rekonstruktion hat Amnesty International in Kooperation mit unterschiedlichen Medien geleistet. Hier der kurze Ablauf der Geschichte:

  • Ein ungenannter südkoreanischer Offizieller spricht Mitte 2011 mit der Dong-A Ilbo und sagt, Nordkorea habe etwa 30 (ebenfalls ungenannte) Offizielle bei einer Säuberung aus dem Weg geräumt.
  • Damit ist der Ball im Spiel und wird natürlich von der Dong-A freudig verarbeitet.
  • Von dort geht der Pass an Amnesty International. Die nehmen ihn auf und verarbeiten ihn gekonnt, so dass die Situation langsam interessant wird.
  • Einen Kurzpass nimmt die Chosun Ilbo mit Freude auf und spielt ihn gleich wieder zurück.
  • Amnesty wieder am Ball, gibt die Flanke in Form des Jahresberichts 2012 herein.
  • Jakarta Post Kopfball und…

…keine Ahnung. Vielleicht verwandelt, vielleicht nicht. Aber sollte der Ball nochmal ins Spielfeld zurückkullern könnt ihr sicher sein, es steht einer bereit um abzustauben. Jedenfalls ein erstklassiger Spielzug. In sechs Stationen und etwa einem Jahr aus fast nichts eine fast Wahrheit gemacht. Respekt!

…ohne Substanz…

Was ich daran erstaunlich finde? Es ist eine relativ substanzlose Story, die nun seit fast einem Jahr nicht zuletzt durch die Hilfe von Amnesty als medialer Widergänger ans Licht kommt. Und wenn über sowas oft genug berichtet wird, dann findet sich bald bestimmt der Eine oder Andere, der das in seinem wissenschaftlichen Artikel als “Fakt” oder “Tatsache” darstellt.

…und Sinn und Zweck. Aber…

Gut finde ich das nach wie vor nicht und ich bezweifle auch, dass das für irgendwas gut ist, außer vielleicht fürs Fundraising und die Auflage. Aber weder bei Medien, noch bei NGOs sind das ja eigentlich die Hauptaufgaben.

…die wahren Spielzüge gibts in der Bundesliga!

Naja und wenn ich mir diesen Spielzug so anschaue, dann ist er zwar ganz solide. Aber an Ästhetik kommt er nicht annähernd an das ran, was in dieser Saison im wahren Sport in Deutschland geboten wurde. Egal ob man einen Sinn für Fußball bzw. diese Mannschaft hat. Sowas fast jeden Samstag in der Sportschau sehen zu können ist einfach der Hammer. Um den Beitrag mit etwas weniger ärgerlichem zu beenden hier einige Beispiele für ästhetische Ballkunst.

Kim Jong Un und der Schwachsinn mit der Schweiz — Wie man Realitäten konstruiert


Kim Jong Un ist ja grundsätzlich eine ziemlich unbekannte Größe. Eigentlich weiß man über ihn nicht viel mehr, als das, was uns die nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA so an Informationsbrocken hinwirft. Und das bezieht sich ja immer auf das, was der Junge aktuell tut. Über das, was er bis zu seinem Erscheinen auf der Bildfläche getan hat, wissen wir so ziemlich garnichts.

Warum Vermuten im Fall Nordkorea fast so gut ist wie Wissen

Aber das ist natürlich recht unbefriedigend für Medienschaffende und Analysten und deshalb greift man gerne auf das Vermuten als Ersatz zum Wissen zurück. Vermutungen sind ja auch schonmal eine feine Sache, aber es sind eben keine Fakten. Sie können mehr oder weniger begründet sein und sich aus verschiedenen Quellen speisen, aber im Endeffekt kann man erst sagen, dass man etwas weiß, wenn es einen Beweis gibt. Das macht das Hantieren mit Vermutungen ein bisschen riskant, denn wo ein Beweis aussteht, kann auch noch ein Gegenbeweis erbracht werden. Und alle Schlüsse, die man dann schon aus seinen Vermutungen gezogen hat sind hinfällig, ja man verliert sogar ein bisschen an Glaubwürdigkeit. Aber wo man nichts weiß, da kann man entweder nichts zu sagen, oder man muss vermuten, wenn man unbedingt etwas sagen will. Wenn es um Nordkorea geht, hat schon immer sowas wie ein Konsens bestanden, dass Vermutungen fast genauso gut sind wie Wissen, denn sonst müsste man ja zu so vielem Schweigen. Also schreibt oder sagt man einfach was man so gerade vermutet und versucht es noch irgendwie mit Beweisen zu füttern.

Die Sache mit Kim Jong Uns  Schulkarriere in der Schweiz

Demensprechend wurde auch zu Kim Jong Un in den letzten Jahren schon sehrviel gemutmaßt und geglaubt, aber wenig gewusst. Eine der obskursten Storys aus diesem Feld ist sicherlich seine Schulausbildung. Danach hat er Ende der neunziger Jahre eine Schule in der Schweiz besucht. Aber natürlich nicht als Kim Jong Un, sondern als Un Pak, Sohn eines Schweizer Botschaftsangestellten. Dort soll er nicht besonders erfolgreich in der Schule gewesen sein, sich dafür aber für Basketball und Jean Claude van Damme interessiert haben. Klingt doch gut. Und wie wird diese Behauptung belegt? Durch eine Bildanalyse eines “morphologischen Gesichtsvergleichs” und weil ein ehemaliger Klassenkamerad von Un Pak sagt, der hätte ihm vom Familienleben mit Diktatorenpapa Kim erzählt. Vor allem ist die Story aber nicht widerlegt und daher kann man vortrefflich darüber fabulieren, dass Kim Jong Un jahrelang unter demokratischen Bedingungen gelebt habe und Deutsch spreche, man also viel von ihm erwarten könne, oder sowas. Nur klingt das für mich alles noch nicht so wirklich  überzeugend.

Den Mythos weitergesponnen

Heute habe ich dann eine Meldung gelesen, die mich vollends am gesunden Menschenverstand einiger Medienschaffender hat zweifeln lassen. Da ist nachzulesen, dass Kim Jong Un schon 1991 als achtjähriger in die Schweiz eingereist sei. Dort habe er dann weitere acht Jahre unter dem Synonym Un Pak als Sohn eines Botschaftsangestellten aufgehalten. Allerdings sei nicht bekannt, was er die fünf Jahre vor seiner bisher bekannten Schulausbildung auf der mittlerweile berühmten Steinhölzli Schule gemacht habe.

Absolut logisch…

Klar! Das ist die einzige logische Erklärung, denn schließlich kann man überall nachlesen, dass Pak Un (oder Un Pak) kein anderer als Kim Jong Un sein kann. Es ist höchstwahrscheinlich, dass Kim Jong Il seinen Sohn fast für ein Jahrzehnt irgendwohin weit weg von zuhause schickte, wo vollkommen andere gesellschaftliche Bedingungen herrschen, auf das er sich so gut wie möglich auf eine mögliche Diktatorenlaufbahn (oder Diktatorenbruderlaufbahn) vorbereite.

…und total abwegig

Total abwegig erscheint es dagegen, dass der junge der da 1991 in die Schweiz eingereist ist, Pak Un hieß und Sohn eines nordkoreanischen Botschaftsangestellten war. So ein Schwachsinn, was soll denn Kim Jong Un dann die ganze Zeit getrieben haben. Da hätten unsere ausgezeichneten investigativen Journalisten doch bestimmt was rausgefunden. Sie haben aber nur rausgefunden, dass ein Junge der Kim Jong Un ähnlich sah, für einige Zeit in der Schweiz gelebt hat. Also muss das Kim Jong Un sein.

Mögliche Mythosfortsetzungen

Tja, und wenn Kim Jong Uns Scheinvater 1998 nach Simbabwe oder Kuba versetzt wurde, wer weiß, vielleicht wurde der junge Diktator da auch noch ein paar Jahre ausgebildet. Wäre doch logisch! Und sollte irgendwann irgendwo mal ein Pak Un auftauchen, der bis 1998 auf einer Schweizer Schule war, dann gibt es dafür nur eine einzige logische Erklärung. Es lief alles so ähnlich ab wie bei “Der Mann in der Eisernen Maske”. Kim Jong Un wurde die Identität Pak Uns übergezwängt und auf dem Thron in Pjöngjang sitzt ein Roboterclon oder so. Alles logisch, oder! Hauptache es muss keiner eingestehen, dass man sich da irgendwann mal einen Quatsch zusammenrecherchiert hat in der Schweiz.

Mehr als eine witzige Fußnote

Das alles könnte man natürlich als witzige Fußnote abtun und sich damit begnügen, dass man das selbst ein bisschen anders sieht. Man kann natürlich auch anmerken, dass ich genausowenig beweisen kann, dass Kim Jong Un nicht in der Schweiz zur Schule ging, wie andere beweisen können, dass es so war. Und damit hätte man natürlich auch recht. Was ich allerdings sehr bedenklich finde, sind die Konsequenzen die sich daraus ergeben. Einerseits auf diesen konkreten Fall bezogen, weil wir uns möglicherweise ein falsches Bild von jemandem machen, den das Time Magazine zu den hundert einflussreichsten Persönlichkeiten der Gegenwart zählt und weil vielleicht auf Basis dieses falschen Bildes andere mächtige Leute Entscheidungen treffen, die sie anders getroffen hätten, wenn sie ein richtigeres Bild hätten. Also quasi falsche Entscheidungen.

Die Konstruktion unserer Realität – Ich mach mir die Welt, Widdewidde wie sie mir gefällt

Andererseits ärgere ich mich jedoch, weil dieser konkrete Fall nicht alleine steht, sondern vielmehr sinnbildlich für ein generelles Problem steht. Mangels echter Informationen glauben wir einfach irgendwelchen Gerüchten. Die werden dann eine Zeitlang als Gerüchte behandelt, doch je häufiger darüber geschrieben und je mehr an der Legende weitergesponnen wird, desto mehr konstruieren wir eine neue Realität der Vergangenheit. Aus dem Gerücht wird mehr und mehr ein Fakt. Zeitungen schreiben voneinander ab. Wikipedia beruft sich auf die Zeitungen. Die Zeitungen schreiben nochmal von Wikipedia ab und irgendwann berufen sich ein paar Wissenschaftler auf die Zeitungen. Spätestens dann ist eine neue Realität entstanden. Ein Wissenschaftler zitiert den Anderen und ein paar Jahre später kann man aus fünf Büchern und zwanzig Aufsätzen zitieren, dass Kim Jong Un in der Schweiz zur Schule gegangen sei. Und glaubt ihr, dann würde sich irgendwer noch die Mühe machen, die Herkunft der Geschichte nachzuprüfen? Nein, dazu ist ja keine Zeit mehr und wenn Wissenschaft, Medien und Wikipedia das schreiben, dann wird es schon stimmen.

Was ist/war real, was vermutet? Keine Ahnung.

Dieses Muster hat sich gerade im Fall Nordkoreas so sehr eingespielt, dass man im Endeffekt fast alles doppelt und dreifach nachprüfen müsste, weil man einfach nicht weiß, was auf gesicherten Quellen kommt und was von irgendwelchen Sushiköchen, Oberschülern oder Geheimdienstpropagandisten erfunden wurde, weil es gerade aus diesem oder jenem Grund passend war (ob es da um Supernotes geht, geheime Atomtests für den Iran, Verkauf von Raketen in den mittleren Osten (es gibt da Zahlen, die seit über zehn Jahren durch alle möglichen Publikationen geistern, ohne das ich je irgendeine Art von Beleg gesehen hätte, die aber fast jeder zitiert, weil Zahlen so was dolles sind) oder eben das Privatleben des einen oder anderen geliebten Führers). Im Endeffekt hat ja keiner was davon.

Realitätskonstruktion am Schweizer-Schwachsinnsschulbeispiel

Ihr mögt jetzt vielleicht sagen, dass sei alles garnicht so dramatisch und man schon nicht so schnell dabei ist, mit der Konstruktion von Realitäten, aber gerade dieser Schweizer-Schule-Schwachsinn (der vielleicht ja auch wahr ist, aber mir trotzdem schwachsinnig vorkommt), zeigt, wie schnell das geht. Das Gerücht ist so ungefähr drei Jahre alt und erhielt nochmal richtig Schub, als Kim Jong Un zum ersten Mal auftauchte  und als Kim Jong Il starb. Spätestens zum Tod Kim Jong Ils hatten die Medien es als Fakt akzeptiert, dass Kim Jong Un in der Schweiz zur Schule gegangen war. Bei Wikipedia ist es löblicherweise immernoch als Gerücht gekennzeichnet, aber so lange dürfte das nicht mehr dauern. Schließlich beginnt man auch in der Wissenschaft langsam die neue Realität zu akzeptieren und stellt die Schweizer Zeit nicht mehr in Frage. So kann man in einem der Aufsätze, die ich gestern vorgestellt habe (derjenige, bei dem ich eigentlich nichts zu kritisieren hatte (was sich damit ändert und mich veranlassen sollte, genauer zu lesen)) lesen, es sei eine “Tatsache, dass Kim Jong Un als Schüler wenige Jahre in der Schweiz verbrachte” auch in anderen durchaus zitierfähigen Publikationen kann man ähnliches lesen. Also hat das Gerücht mittlerweile die Reputation einer Tatsache erreicht. Da gibt es also nicht mehr wirklich was zu hinterfragen und selbst wenn es irgendwann mal einen schlagkräftigen Beweis gäbe, dass Kim Jong Un nicht in der Schweiz unterrichtet wurde, dann wird das wohl nicht ausreichen, diese in den letzten Jahren konstruierte Realität aus der Welt zu schaffen. Sie wird neben der neuen, vermutlich wahreren Realität bestehen bleiben und bei Bedarf (wenn man irgendwas damit beweisen oder untermauern will) aus der Schublade gezogen.

Naja…

Naja, ihr wisst jedenfalls Bescheid und wenn die Geschichte am Ende doch stimmt, dann ist man dann ja immernoch früh genug dran, dies für sich als Tatsache zu akzeptieren.

P.S. Achso, nachdem ich jetzt so wild alle möglichen Leute und Institutionen gescholten habe, möchte ich auch noch kurz darauf hinweisen, dass nicht die Gesamtheit der Medien bereit war, das Gerücht für sich akzeptieren. Dieser schöne Artikel in der Aargauer Zeitung hat meiner Meinung nach gut aufgearbeitet, was an der Geschichte Tatsachen sind und was sich auf Vermutungen etc. bezieht. Meine Gratulation an den Autor.

Nur ein Gerücht? — Implikationen der Gerüchte über Kim Jong Uns Ermordung für das Regime in Pjöngjang: Die Gefahr autonomer Kommunikationskanäle


Es war ja schon zu Kim Jong Ils Lebzeiten nichts ungewöhnliches, dass allerlei Gerüchte über ihn die Runde machten. Und je mehr Teilnehmer und damit Gewicht soziale Plattformen wie Twitter und Facebook bekamen, desto viraler und rasender verbreitete sich das Ganze dann. Da zeigt sich auch ganz gut das Risiko der sozialen Medien, denn nicht die Nachrichten, die solide belegt waren verbreiteten sich am schnellsten und stärksten, sondern vor allem die, die besonders spektakulär waren. Nicht ohne Grund kam Joshua von One Free Korea mit seiner “Kim Jong Il Death Watch”-Reihe auf beachtliche 10 Artikel, in denen er sich mit Gerüchten über Kim Jong Ils Tod befasste.

Kim Jong Un ist tot. Nur ein Gerücht!…Nur ein Gerücht?

Jetzt ist Kim II tatsächlich tot und ihm folgte Kim III — nicht nur als zumindest nomineller Führer seines Regimes, sondern auch als Ziel von Gerüchten über seinen Tod. Gerade in der aktuell fragilen Zeit, in der viele Augen nach Pjöngjang schauen, werden Indizien schnell zur Grundlage von Gerüchten. Und Gerüchte verbreiten sich ja wie gesagt unter den Bedingungen des Internet ja wie gesagt blendend. Daher ist es auch nicht weiter überraschend, dass sich gestern bei Weibo, dem chinesischen Pendant von Twitter, Meldungen über Kim Jong Uns Ermordung rasend verbreiteten und dann irgendwann auch von westlichen Medien aufgegriffen wurden und auch innerhalb von ein paar Stunden auf diesem Blog auf der Freien Beitragsseite ankamen (Danke für den Hinweis Tobias und franticek). Grundlage des Gerüchts war eine ungewöhnlich große Zahl von (Rettungs-)Fahrzeugen vor der nordkoreanischen Botschaft in Pjöngjang. Und dann ging eben alles seinen Weg (ein ausführlicher Bericht zur Genese des Gerüchts gibts bei North Korea Tech).

Von der niedrigen Trefferquote von  Gerüchten im Fall Nordkorea

Mit Gerüchten ist das ja nun immer so eine Sache. Manchmal haben sie eine Grundlage in der Realität, meistens aber nicht. Ich glaube dass dieses Mal letzteres zutrifft. Jedoch ist es nicht undenkbar, dass Kim Jong Un irgendwann einem Attentat zum Opfer fällt, oder zumindest Pläne für seine Ermordung geschmiedet werden. Schließlich gibt es ja auch deutliche Hinweise, dass sein Vater wiederholt Ziel von Anschlägen oder Putschversuchen war (und der hatte vor seinem Start als Spitze des Regimes mehr Zeit, alles vorzubereiten und die Gefolgschaft auf Linie zu brzwingen). Daher sollte man die Gerüchte auch nicht immer so einfach abtun, jedoch immer erstmal als das behandeln, was sie sind. Unbestätigte Gerüchte eben. Einen Hinweis, dass man Gerüchte nicht überbewerten sollte liefern jedoch auch die Ereignisse um Kim Jong Ils tatsächliches Dahinscheiden. Denn was es im Vorfeld der Verkündigung seines Todes eben nicht gab, waren irgendwelche Gerüchte über seinen Tod. Der Informationsfilter von Nordkorea nach außen hat also bisher noch blendend funktioniert.

Die Wirkkraft von Gerüchten, unabhängig vom Wahrheitsgehalt

Interessant ist das Aufkommen von Gerüchten auch im Hinblick auf Nordkoreas vorsichtige Öffnung gegenüber dem WWW. Natürlich sind bisher nur einige Propagandaorgane des Regimes online und verbreiten Informationen in alle Welt. Aber einerseits weiß man nicht, inwiefern auch über das nordkoreanische Intranet eine zunehmende Vernetzung möglich ist. Auch die eine Million Mobilfunknutzer in Nordkorea sind nicht zu unterschätzen. Mit zunehmender Möglichkeit zur Vernetzung und damit wachsenden Datenmengen, die auszuwerten sind, dürfte es dem Regime immer schwerer fallen, jede SMS und jede E-Mail zu lesen. Und wie die vermutlich eher wenig Medienkompetenten nordkoreanischen Mediennutzer mit Gerüchten umgehen (immerhin war bisher alles was an Nachrichten oder Informationen verbreitet wurde, irgendwie von staatlicher Seite als “wahr” bestimmt), muss sich erst noch zeigen. Auch ein anderes Moment würde ich nicht ganz außer Acht lassen. Je mehr Propagandalautsprecher Zugang  zum Netz haben (und damit die Möglichkeit zur direkten Verbreitung), desto größer ist auch dort die Fehleranfälligkeit. Natürlich wird es dort mannigfaltige Schutzmechanismen gegen die Verbreitung ungewollter Nachrichten geben, aber undenkbar ist es nicht, dass entweder durch “bösen Willen” Einzelner, oder durch individuelle Fehler Meldungen veröffentlicht werden, die so nicht nach außen dringen sollten. Und sowas ist unter den Bedingungen des WWW eben nicht mehr einzufangen. Auch wenn es nach innen hin recht schnell behebbar sein wird. Früher waren bei Staatsstreichen immer Fernsehsender und Radiostationen zentrale Ziele von Putschisten. Heute dürften auch Schnittstellen zum Netz interessante Ziele darstellen, denn sie lassen sich vielleicht auch ohne dauerhafte Übernahme, für Attacken einer Art “Informationsguerilla” nutzen.

Implikationen für Nordkorea: Risiken von Informationsfreiheit erkennen und bewerten

Das alles sind zwar eher Zukunftsträume und ich glaube nicht, dass Gerüchte oder echte Informationen von innen oder außen das Regime in Pjöngjang in naher Zukunft ernsthaft ins Wanken bringen werden. Jedoch haben die Ereignisse der arabischen Rebellion (bevor man den Frühling tatsächlich einläutet, sollte man genau im Auge halten, ob nicht der Winter nochmal zurückkommt) gezeigt, wie schnell Informationen die sich nicht mehr einfangen lassen eine Dynamik entwickeln. Daher bin ich mir sicher, dass das Regime in Pjöngjang sehr genau beobachtet, wie sich die verschiedenen Möglichkeiten zur Vernetzung und zur informationellen Unabhängigkeit auf die Kontrollmöglichkeiten von Regimen auswirkt. Gerade die Tatsachen, dass die jüngsten Gerüchte in China entstanden sind, wird zu denken geben. Daher wird man sich vermutlich sehr genau überlegen, wie weit man der eigenen Bevölkerung die Möglichkeit geben will, autonom zu kommunizieren und sich unabhängig von der Regierung zu vernetzen.

Das Regime werkelt an der Büchse der Pandora

Das ist im Endeffekt eine recht einfache Kosten-Nutzen-Abwägung für das Regime und ich stelle mir die Frage, wo der Nutzen ist? Die Kosten bzw. Risiken sind ja bekannt. Daher kann ich mir vorstellen, dass man weiterhin sehr vorsichtig sein wird, was das Öffnen weiterer unabhängiger Kommunikationskanäle innerhalb des Landes angeht und erst Recht, was Kanäle von außen nach innen betrifft. Nur der umgekehrte Weg wird vermutlich weiter vorangetrieben werden. Die Frage ist nur, ob man mit der breiten Einführung von Mobilfunk nicht schon die Büchse der Pandora geöffnet hat und einer breiten Bevölkerungsgruppe Möglichkeiten gewährt hat, die nicht mehr beschränkt werden können. Das wird mittelfristig auf jeden Fall ein Thema sein, dass man sehr genau m Auge behalten sollte.

Vermuten — Glauben — Wissen: Informationen über Nordkorea und ihr Wert


Gerade in der aktuellen Situation stecken Medienmacher wie Experten in ihrem Tun in einer gewissen Zwickmühle. Denn einerseits ist es für beide Parteien unumgänglich, möglichst viel über Nordkorea zu sagen, andererseits dürfte so manchem die Basis dazu ein Stück weit fehlen. Sowohl Medien, als auch Experten steht es nämlich nicht gut an, das was sie sagen hauptsächlich auf Vermutungen und Glauben zu stützen. Fakten sind das, was die informierten Bürger haben wollen. Allerdings ist das mit den Fakten und Nordkorea ja immer so eine Sache, denn selbst die Experten können sich fast nur dessen gewiss sein, das sie mit eigenen Augen gesehen haben. Die nordkoreanische Propaganda gewährt uns zwar etwas tiefere Einblicke als das noch zum Tod Kim Il Sungs der Fall war, aber über diese Informationen darf man sich keine allzugroßen Illusionen machen, denn das was da gezeigt wird, ist genau das, was gezeigt werden soll (auch wenn das manchmal schiefgeht). Aus diesem Grund wollte ich anhand von zwei Beispielen nur nochmal kurz ins Bewusstsein rücken, wie wenig tatsächliches Wissen über aktuelle Vorgänge in Nordkorea existiert.

Kim Jong Ils Tod

Am Montagmorgen dem 19. Dezember wurden überall in der Welt (OK, hier war es morgens, sonstwo Nachts, Mittags oder Abends) Medienleute, Wissenschaftler und Politiker gleichermaßen von der Nachricht überrascht, dass Kim Jong Il seit zwei Tagen tot sei (wobei man sich noch nicht einmal überall sicher ist, ob man dieser Aussage glauben soll). Obwohl Nordkorea wohl eines der Länder ist, das mit unter der stärksten Beobachtung von geheimdienstlichen Schwergewichten wie der CIA steht und an dem auch viele andere Staate und v.a. Südkorea ein gesteigertes Interesse haben, hat niemand etwas gemerkt. Auch die zahlreichen Menschenrechtsgruppen, die im Grenzgebiet Informationen zu sammeln versuchen, wurden scheinbar nicht allarmiert. Ähnliches lässt sich hinsichtlich der Urananreicherungsanlage in Yongbyon sagen, die trotz eines langjährigen Verdachts der USA direkt unter der Nase zahlreicher Beobachtungssatelliten aufgebaut wurde, ohne dass es jemand bemerkte.

Es lässt sich also festhalten, dass wirklich wichtige Informationen in der Vergangenheit nicht nach außen gesickert sind, ehe das Regime das Zuließ. Daher ist mit “geheimen” Informationen über Vorgänge in der Führungsspitze, die von Medien oder Menschenrechtsaktivisten publik gemacht werden auch sehr vorsichtig umzugehen, denn inwiefern es sich um echtes Wissen oder um Enten handelt, ist schwer zu identifizieren. Jedoch ist die Entengefahr nicht zu unterschätzen, wenn man bedenkt, wie oft Kim schon totgeschrieben wurde und dass gerade bei seinem tatsächlichen Ableben dann niemand auf die Idee kam. Hinsichtlich aktueller Ereignisse wissen wir also wirklich fast nur das, was wir wissen “sollen”.

Kim Jong Uns Schweizer Zeit

Mittlerweile ist ja erwiesen, dass Kim Jong Un in einer Schule nahe Bern für einige Jahre eine freiheitlich-demokratische Grundausbildung erfuhr. Darauf stützt sich so ziemlich alles, was wir über Kim Jong Un den Privatmann wissen und darauf begründen sich manche Hoffnungen, dass er das erlernte in Nordkorea umsetzen wollen würde.

Aber halt: Was wissen wir eigentlich über Kim Jong Uns Schweizer Zeit? Schaut mal diesen Beitrag des Heute Journal an, der fasst super zusammen was wir wissen: Ok, auf der Steinhölzli Schule in der Nähe von Bern lernte von 1998 bis 2000 ein nordkoreanischer Schüler mit anderem Namen, der aufgeschlossen und gut integriert war, die Sprache schnell gelernt hat und sportinteressiert war.

Dass ist das, was ich von diesem jungen Mann sagen kann

wie es der Mann ausdrückt, der für die Schulen in der Region zuständig ist. Was er nicht sagen kann und will ist, dass dieser junge Mann tatsächlich Kim Jong Un war. Und wenn der Schüler eine Frau zusammenstaucht, dann heißt das noch lange nicht, dass der junge Haustyrann mit dem jungen Staatstyrannen identisch ist. Und wenn der Reporter aus dem off noch so oft sagt, es sei Kim Jong Un gewesen, der dort auf der Schule war. Einen Beweis dafür habe ich nicht hier und auch sonst nirgends gehört.

Liest man aber in Medien und auch bei Experten nach, dann handelt es sich bei der Schweizer Zeit des jungen Kim nicht um eine Vermutung, oder einen Glauben, sondern um eine absolute Gewissheit. Nur wird etwas eben nicht wahr, weil man es hundertmal oder tausendmal schreibt. Und wenn dann irgendwelche Schlauberger anfangen auf Basis dieses “Wissens” Psychogramme vom jungen Kim zu erstellen und andere Schlauberger anfangen auf Basis dieser Psychogramme ihr politisches Handeln auszurichten, dann hat davon eigentlich niemand etwas. Allerhöchstens der junge Kim und seine Leute.

Aber vielleicht war er ja in der Schweiz und vielleicht hat er da die Grundzüge der Demokratie und der deutschen Sprache gelernt. Na und? Wisst ihr worüber Saif al Islam, der fiese Sohn des fiesen lybischen ex-Diktators seine Doktorarbeit im freien, demokratischen London geschrieben hat? Man würde es kaum glauben: “The Role of Civil Society in the Democratisation of Global Governance: From ‘Soft Power’ to Collective Decision-Making?” Nur weil man das Konzept der Teilhabe von Zivilgesellschaften verstanden hat, muss man das noch lange nicht in der Praxis umsetzen (vielleicht hilft das Wissen ja sogar beim Gegenteil). Aber das nur am Rande.

Unwissen — Pseudowissen — Wissen

Naja, im Endeffekt wird wohl niemand etwas an unserem Unwissen und Pseudowissen ändern können, denn Politik, Wissenschaft und Medien folgen nunmal allesamt eigenen Handlungslogiken und da scheint es oft opportuner zu sein, so zu tun, als ob Wissen vorhanden sei, als nochmal einen Schritt zurückzugehen und die Grundlagen zu erforschen. Gut ist das nicht (ich wüsste mal gerne, ob wir heute noch auf den Bäumen sitzen würden, wenn die Menschheit immer so vorgegangen wäre), aber vielleicht hat man ja Glück und die konstruierten Wahrheiten stellen sich im Nachhinein als richtig heraus, oder man hat Glück und die falschen Annahmen ziehen keine allzuschlimmen Folgen nach sich…

Kritische Würdigungen der Wahrnehmung und des Umgangs mit dem Problem Nordkorea von Lankov und Yeo


Kürzlich habe ich mich ja etwas darüber echauffiert, dass viele Medien, politische Entscheidungsträger und Hilfsgruppen ihr Handeln gegenüber Nordkorea mehr auf emotionale Reflexe, dogmatische Meinungen und sachfremde Interessen aufbauen, als auf Fakten und Informationen. Das führt fast zwangsweise bei jeder der genannten Gruppen dazu, dass sie  schlechte Ergebnisse produzieren. Zu allem Unglück interagieren sie dabei und verstärken gegenseitig noch die Wirkung ihrer schlechten Arbeit, bzw. sie liefern sich gegenseitig Argumentationsfutter, dass die ganze Geschichte am Ende so aussehen lässt, als würde sie nicht auf kruden Bauchgefühlen oder Abneigungen beruhen sondern auf realen Fakten.

Ich scheine nicht der Einzige sein, den das nervt. In der letzten Woche sind nämlich zwei sehr interessante Artikel erschienen, die sich mit genau diesem Problemfeld auseinandersetzen, es etwas näher analysieren und Verbesserungsmöglichkeiten aufzeigen. Andrei Lankov geht in dem Artikel “It’s not all doom and gloom in Pyongyang” in der Asian Times kritische mit der Medienberichterstattung westlicher und Nordkorea-freundlicher Medien ins Gericht. Andrew Yeo hat sich auf 38 North der Politisierung der Menschenrechtsfrage in Nordkorea und der nicht wirklich wünschenswerten Folgen daraus gewidmet. Er beleuchtet also das Spannungsfeld zwischen Politik und Hilfsorganisationen und Menschenrechtsgruppen.

Andrew Yeo: Can’t we all just get along? The Politicization of North Korean Human Rights 

Yeo macht dabei deutlich, dass es seit Ende der 1990er Jahre zu einer Polarisierung zwischen Menschenrechtsgruppen und Hilfsorganisationen gekommen. Erstere versuchen von außen auf bestehende Probleme aufmerksam machen und das Regime in Pjöngjang so an den Pranger zu stellen, wofür nicht zuletzt die Tatsache verantwortlich ist, dass man in Nordkorea selbst nur sehr schwer als Helfer fungieren kann, ohne in irgendeiner Art Kompromisse zu machen und das Regime sogar indirekt zu stützen, was den betroffenen Menschen denen man ja helfen will, auch wieder schadet. Genau diesem Vorwurf sind Hilfsorganisationen ausgesetzt, die vor Ort agieren. Sie arbeiten oft im Stillen und sehen mitunter unmittelbare Hilfe als wichtiger an, als vollständige Transparenz und müssen in ihrer Arbeit eher pragmatisch vorgehen. Die Menschenrechtsgruppen ordnet Yeo eher dem konservativen Lager zu, während Hilfsorganisationen nach ihm eher im progressiven Bereich zu finden sind. Fatalerweise haben sich diese beiden Lager im vergangenen Jahrzehnt mit Abneigung gegenübergestanden, da auf Beiden Seiten die Wahrnehmung vorherrschte, dass es nur ein “entweder oder” aber kein Miteinander geben könnte (Man kann nicht in Nordkorea arbeiten, wenn man auf der anderen Seite außerhalb des Landes eine Kampagne gegen das Regime fährt; Man kann die Menschenrechtsverletzungen des Regimes nicht beenden, wenn man es auf der anderen Seite stützt). Yeo sieht aber durchaus die Möglichkeit, beide Positionen miteinander zu vereinen und so ein kohärenteres und sich ergänzendes Handeln gegenüber Pjöngjang zu bewirken.

Nur am Rande wird erwähnt, dass sich die Gruppen im Rahmen ihres Konflikts gegenseitig in Misskredit gebracht haben (aufgrund von völlig unterschiedlicher Kommunikationsstrategien- und Zielen) und dass das im Endeffekt den Eindruck in Politik und Gesellschaft noch bestärkt haben muss, dass es einfach keinen gangbaren Weg im Umgang mit Nordkorea gebe. Diese unterschiedlichen Kommunikationsstrategien lassen sich übrigens noch immer recht gut beobachten und tatsächlich scheint es so, als müsse man eine Entscheidung treffen, welcher Argumentation man folgt. Hilfsgruppen agieren mit menschelnden Bildern von Hungernden und Armen, um so das individuelle Leid der Menschen ins Blickfeld zu Rücken. Wenn Menschenrechtsgruppen Bilder zeigen, dann Satellitenaufnahmen, denn da erkennt man den Einzelnen ja nicht, sondern nur das große Bild. Man agiert mit oft eher technisch klingenden Argumentationslinien, in denen gerne auch mal Zahlen vorkommen können. Interessant ist dabei der Sonderfall Hunger. Denn da ist die Zahl ja ziemlich direkt mit dem Einzelschicksal verbunden und es gäbe (im Gegensatz zu bspw. den Gefangenenlagern) auch ein einfaches Mittel das Problem zu lindern, nämlich Nahrungsmittelhilfen. Hier agieren beide Seiten mit Zahlen, nur dass wie auf dem Markt, die eine Seite möglichst hoch ansetzt und die andere möglichst niedrig. Wie gesagt, im Endeffekt ist keine Seite wirklich glaubwürdig und geholfen ist damit niemandem.

Andrei Lankov: It’s not all doom and gloom in Pyongyang

Auch in Lankovs Artikel spielt ein Meinungsgegensatz eine gewisse (wenn auch keine überragende) Rolle. Er stellt pro-Pjöngjang und westliche Medien gegenüber. Es hätte beide kein wirkliches Interesse daran, die Wahrheit zu schreiben, sondern würden sich aus verschiedenen Gründen in die Tasche lügen. Besonders hart geht er dabei mit unseren Medien ins Gericht. Das Dogma unserer Medien sei, dass

things can only go from bad to worse in that unfortunate country. [sich die Dinge in diesem unglücklichen Land nur von schlimm zu schlimmer entwickeln können.]

Dies sei aber ganz und gar nicht wahr. Dazu führt er drei Beispiele an, von denen ich allerdings nur zwei für hundertprozentig sinnvoll halte. Das Eine ist ein Bericht der (konservativen) Heritage Foundation in Zusammenarbeit mit dem Wall Street Journal. Dabei ging es um die Entwicklung der wirtschaftlichen Freiheit in Nordkorea in den letzten fünfzehn Jahren. Anhand einer Grafik wurde die ökonomische Freiheit dargestellt und ihr dürft raten, welches die einzige Richtung ist, die die Kurve kennt. Dass das totaler Quatsch ist erklärt Lankov recht eingehend ist aber auch für jeden offensichtlich, der sich beispielsweise an die Reformen von 2002 erinnert. Das zweite Beispiel ist die Lebensmittelsituation. Lankov sagt/postuliert, die habe sich stetig gebessert. Ich weiß nicht ob das stimmt. Natürlich gab es da einige Horrorschlagzeilen in letzter Zeit. Aber die basierten eben auf Zahlen von UN-Organisationen, was Lankov zu erwähnen vergisst. Naja, da weiß ich nicht was ich von halten soll. Ein gutes und spannendes Beispiel finde ich dagegen die Menschenrechtssituation. Lankov behauptet, hier habe es in den letzten 20 Jahren eine stetige Besserung gegeben und nennt als Beispiel die weitgehende Abschaffung der Sippenhaft. Hiervon hört man tatsächlich in westlichen Medien nie etwas. Da gibt es dann eher Luftbildaufnahmen von denen keiner mit Sicherheit sagen kann was sie zeigen garniert mit alten Zahlen von Lagerinsassen, die als neu verkauft werden.

Was mir in Lankovs Artikel ein bisschen fehlt, ist die Antwort auf die Frage, warum es nach unseren Medien in Nordkorea immer nur schlechter werden kann. Ich habe darauf leider auch keine richtige Antwort, aber wenn man die hätte, dann könnte man das (mediale) Problem etwas analytischer angehen.

Wichtiger erster Schritt zu reflektiertem Verhalten

Ich finde es gut und interessant, dass in der letzten Zeit im akademischen Bereich das Problembewusstsein über die Wahrnehmung Nordkoreas in unseren Medien und Gesellschaften zuzunehmen scheint (ich messe das einfach mal an der steigenden Zahl von Beiträgen, die mir dazu in letzter Zeit unterkommen). Der nächste Schritt wäre dann nur noch, dass die genannten Akteure ein ähnliches Problembewusstsein entwickeln und reflektierter an das Thema Nordkorea herangehen.

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