Familienzusammenführungen: Geschichte, Fakten, Bewertung

Wie bereits angemerkt, wird die jüngste Annäherung zwischen Nord- und Südkorea begleitet von recht optimistischer, teilweise fast euphorischer Berichterstattung der Medien. Immer wieder wird dabei auf die Wiederaufnahme der Familienzusammenführungen zwischen nord- und südkoreanischen Familien, die nach Ende des Koreakrieges plötzlich von einer unüberwindbaren Demilitarisierten Zone (DMZ) getrennt waren, hingewiesen. Dies ist nicht weiter erstaunlich, denn es ist eine konkret sichtbare Maßnahme die als Zeichen für die Annäherung beider Seiten gesehen werden kann und gut medial darstellbar ist. (Auch wenn der Begriff „historischer Akt“ wohl etwas hoch gegriffen totaler Unfug ist (Zwei Jahre ist wirklich keine so lange Zeit, dass hier „historisch“ gerechtfertigt wäre. Dies schreibe ich mit fester Überzeugung auf meinem ansonsten auch „historischen“ Laptop), aber stimmt schon: Klingt echt super: „historischer Akt“, jedenfalls besser als: „erste Familienzusammenführungen seit zwei Jahren“!) Allerdings wird in den Medien selten mehr über die Familienzusammenführungen berichtet, als dass sich hier seit 1953 getrennt Familien treffen können, die beiderseits der DMZ leben. Diesen (meinerseits verspürten) Mangel an Hintergrundinfos habe ich zum Anlass genommen, mal etwas mehr Informationen zu den Familienzusammenführungen zusammenzutragen.

Geschichte der Zusammenführungen

Die ersten Schritte in diese Richtung gab es bereits 1985, am Ende einer Phase, in der es ebenfalls zu einer vorsichtigen Annäherung  zwischen beiden Seiten gekommen war (Erstaunlicherweise war der Terroranschlag in Rangun 1983, der einen bedeutenden Teil des südkoreanischen Kabinetts auslöschte hier scheinbar kein Hindernis). Nach mehrjährigen Verhandlungen (seit 1971) hatten die jeweiligen Roten Kreuze beider Staaten eine Familienzusammenführung ausgehandelt, bei der 151 Menschen ihre Verwandten in der jeweils anderen Hauptstadt trafen. Allerdings folgten dieser Maßnahme, natürlich unter Anderem bedingt durch das Ende des Kalten Krieges und dem Tod Kim Il Sungs für längere Zeit keine Weiteren mehr. Erst auf dem historischen (hier kann man das Wort wohl ohne weiteres benutzen) Gipfeltreffen zwischen Kim Jong Il und Kim Dae-jung im Jahr 2000  in Pjöngjang wurden die Weichen für weitere Maßnahmen gestellt. Seit 2001 gab es dementsprechend mehrere Zusammenführungsrunden, die aber immer dem Primat der „großen Politik“ unterlagen. Verschlechterten sich die Beziehungen zwischen beiden Seiten so wurden auch die Zusammenführungen unterbrochen, wollte man (sprich: Kim Jong Il) positiv auf die Beziehungen einwirken, so wurden die Maßnahmen wieder aufgenommen. Im geschichtlichen Zusammenhang ist die jüngste Wiederaufnahme der Familienzusammenführungen also keine große Überraschung sondern entspricht gängigen Mustern.

Umfang und gesellschaftliche Bedeutung

Wie das „Ministry of Unification“ Südkoreas schreibt, nahmen seit 2001 auf beiden Seiten der DMZ 19.960 Menschen aus 3.935 Familien an den Maßnahmen teil. Allerdings kam es wie oben bereits beschrieben nie zu einer wirklichen Institutionalisierung der Zusammenführungen. Vielmehr war annähernd jede neue Runde Verhandlungssache. Seit dem Amtsantritt Lee Myung-baks 2007 gab es keine neuen Treffen. In Südkorea haben sich etwa 125.000 Menschen für ein mögliches Treffen mit ihren Verwandten im Norden registriert, wovon aber bereits etwa 40.000 verstorben sind (die südkoreanische Regierung schätzt, das die Anzahl möglicher Aspiranten aus diesem Kreis pro Jahr um 4.000 – 5.000 abnimmt) so dass noch 85.000 interessierte übrigbleiben. In Anbetracht der Tatsache, dass etwa 12.600 der teilnehmenden Menschen aus dem Süden kamen, scheint eine Erfüllungsquote von 10% unter gegebenen Umständen einen relativen Erfolg darzustellen. Allerdings ist erstens: Die Quote derer, die ihre Verwandten auf der anderen Seite definitiv nicht mehr sehen können mehr als dreimal so groß und nimmt zweitens ständig zu. Vor allen Dingen lebten aber drittens Schätzungen zur Folge im Jahr 2000 in Südkorea 7.600.000 Menschen, die keinen Kontakt mit ihren Verwandten im Norden hatten. Also ist nicht die Zusammenführungsquote zwischen beiden Seiten hoch, sondern die Quote derer, die ein Interesse daran haben ihre Verwandten aus dem Norden zu treffen, niedrig. Was sagt uns das? Keine Ahnung, muss jeder selber wissen, aber ich sehe das als Hinweis darauf, dass die Aussichten für eine mögliche Wiedervereinigung (vorerst) relativ schlecht stehen. Denn wer nicht einmal etwas mit seinen Verwandten aus dem Norden zu tun haben will, der will schon zweimal nicht Jahrzehntelang für den Aufbau des in Trümmern liegenden Bruderstaates bezahlen.

Brücken schlagen durch Familientreffen?

Aber zurück zu den Zusammenführungen: Wenn auch nicht besonders viele Menschen in Südkorea Interesse haben, an einer solchen Zusammenführung teilzunehmen, so könnte es doch trotzdem zwischen denen, die daran teilnehmen zu einer dauerhaften Bindung kommen, die erste Brücken über die DMZ zu schlagen hilft. Oder nicht? Der Ablauf (organisatorische) der Zusammenführungen spricht wohl eher dagegen: Sie sind zeitlich stark begrenzt und die Teilnehmer auf nordkoreanischer Seite scheinen aufs Eingehendste vorausgewählt und vorbereitet zu sein (Das Hervorheben der Errungenschaften Nordkoreas im allgemeinen und des geliebten Führers im Speziellen scheint dementsprechend in den Zusammentreffen recht großen Raum einzunehmen). Die Treffen finden an festgelegten Orten statt, es gibt also nicht die Möglichkeit, die Verwandten zuhause zu besuchen. Früher gab es treffen sowohl in Pjöngjang, als auch in Seoul, allerdings wurde 2007 ein Zentrum zur Durchführung dieser Zusammenführungen im Kumgangsan errichtet, was für die nordkoreanische Führung den netten Nebeneffekt hat, dass man die Leute nicht aus dem Land lassen muss, also ein Stück mehr Kontrolle wahren kann. Desweiteren ist das Zusammentreffen unter normalen Umständen eine einmalige Angelegenheit, da die Zahl der Anwärter so groß ist, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass sich dieselben Leute zweimal treffen. Während die Möglichkeiten den Kontakt auf anderem Wege aufrechtzuerhalten, wie zum Beispiel den Umweg über Verwandte oder Vermittler in China zu nehmen, oder per Handy Kontakt zu halten, äußerst begrenzt sind (um es genauer zu sagen: Sie sind für die Menschen in Nordkorea gefährlich und kostspielig). Ein weiteres Problem stellt die Tatsache dar, dass solche Treffen auch auf persönlicher Ebene oftmals schwierig sind, da durchaus nicht alles nur Friede – Freude – Eierkuchen (S. 185 Hier sind generell interessante Informationen zum Thema soziokulturelle Kontakte zwischen Nord- und  Südkorea zu finden, wer sich also näher damit befassen will, dem sei das Buch ans Herz gelegt (Wer alle Seiten lesen will, der kanns ja auch käuflich erwerben…), da gibts auch noch Vergleiche mit Deutschland und dem Jemen zum Thema geteilte Staaten) ist. Denn Fragen wie: „Warum hast du uns damals verlassen ohne bescheidzusagen?“, oder „Warum hast du uns nicht unterstützt oder hier rausgeholfen?“ können, wenn sie 50 Jahre lang in den Köpfen der Leute gearbeitet haben mitunter das Zusammentreffen ganz schön vermiesen.

Die Deutsche Situation in den 1980ern zum Vergleich…

Um die Situation, die heute für die Menschen in Süd- und Nordkorea herrscht noch etwas deutlicher zu machen ist es vielleicht sinnvoll ein anderes Beispiel eines geteilten Landes zur Hand zu nehmen…ach super, da fällt mir doch tatsächlich eins ein, dass bis vor 20 Jahren ebenfalls physische, durch eine Mauer, getrennt war! Im Gegensatz zum Fall Koreas waren hier Reisen von BRD Bürgern in die DDR eher die Regel als die Ausnahme. Westler waren als Lieferant harter Währung willkommen und unterlagen noch nicht einmal Zwangsweise einer permanenten Bespitzelung oder sogar offener Bewachung, wie das in der DVRK die Regel ist. 1985 reisten etwa 2,6 Millionen Menschen aus dem Bundesgebiet in die DDR und es gab 32,2 Millionen Transitreisende zwischen der BRD und Westberlin, die über das Territorium der DDR reisten. Gleichzeitig wurde 35.000 DDR Bürgern die dauerhafte Ausreise gestattet, während auch die Zahl der Reisen aufgrund dringender Familienahngelegenheiten anstieg. (S.90)  Nimmt man diese Zahlen als Maßstab und betrachtet dann die Zahlen aus Korea, natürlich noch mit der zusätzlichen Einschränkung, dass auch telefonische oder postalische Kommunikation nicht gestattet ist, so kann man sich durchaus die Frage stellen, ob zwischen Nord- und die Südkoreaner mehr Gemeinsamkeiten oder mehr Unterschiede bestehen. Und wenn man sich diese beantwortet hat, dann ließe sich durchaus weiterfragen, ob dies nicht auch (negative) Auswirkungen auf eine mögliche Wiedervereinigung, bzw. die Zeit danach haben könnte. (Ich meine: Nicht dass es so wäre, dass in Deutschland, wo Kontakt bestand, und die wirtschaftlichen Unterschiede wesentlich geringer waren, noch zwanzig Jahre nach der Einheit allenthalben von Mauern in Köpfen gesprochen wird und eine „wir“ und „die“ Mentalität noch immer zu überwinden wäre, aber wie gesagt, wir hatten ja auch viel bessere Vorraussetzungen!)

Symbolik…mehr nicht!

Ja was lässt sich also schlussendlich zu den Familienzusammenführungen sagen? Vorweg vielleicht mal, dass es sicherlich auf individueller Ebene wichtige Maßnahmen sind, die den Menschen auf beiden Seiten der DMZ helfen, mit einem besseren Gefühl durchs Leben zu gehen. Daher sind die Maßnahmen an sich nicht zu kritisieren. Was jedoch durchaus kritikwürdig ist, dass ist die Tatsache, dass mancher scheinbar noch nicht gemerkt hat, dass die Familienzusammenführungen genau so eine Karte im Spiel Kim Jong Ils sind, wie Atomtest oder Drohungen gegen die Umwelt. Aber naja, seis drum, meiner Meinung nach sind die Familienzusammenführungen eine symbolische Gesten Nordkoreas, die es eigentlich nicht das geringste Kosten und damit für das Regime in Pjöngjang ein tolles Mittel der Politik darstellen, im aber Westen als großer Erfolg auf dem Weg, ja wohin eigentlich (aber ist ja egal, vielleicht zur Besserung der Lage im Allgemeinen oder so), dargestellt wird, nicht (viel) mehr, aber auch nicht weniger. So hat irgendwie  jeder was davon: Staatsschefs aller möglichen Länder, Leute die ihre verwandten treffen können und nicht zuletzt die Leute die in der Medienbranche damit befasst sind. Die können dann mal was Positives über den Konflikt auf der koreanischen Halbinsel berichten und das auch noch mit tollen emotionalen Bildern unterlegen. Also super für Alle! Was will man mehr!

Ach ja, apropos „Mauer in den Köpfen“…

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