Von der Schwierigkeit über Nordkorea zu recherchieren (I, Christen)

Wie ja bereits angedeutet, möchte ich mich heute ein bisschen mit den Problemen beschäftigen, vor denen man so steht, wenn man versucht glaubwürdige Informationen über Nordkorea einzuziehen. Allgemein ist zu sagen, dass dieses Problem natürlich eine generelle Schwierigkeit ist, vor der man steht, wenn man im Internet recherchiert. Denn hier kann ja grundsätzlich erstmal jeder (ich zum Beispiel) schreiben, was ihm gerade einfällt. Und wenn er Lust dazu hat, kann er dementsprechend Fehlinformationen über ein beliebiges Thema für eine große Menge von Menschen zugänglich machen. Bei den meisten Themen ist das allerdings kein so großes Problem, weil man Informationen aus einer Vielzahl von Quellen schöpfen kann (meist auch direkt vom Gegenstand der Untersuchung). Im speziellen Fall Nordkorea wird das allerdings etwas schwieriger, denn: Erstens ist Nordkorea selbst (bzw. seine Staatsbediensteten bis hin zum Geliebten Führer) dafür berühmt und berüchtigt, einen etwas recht extrem kreativen Umgang mit der Realität bzw. mit Fakten zu pflegen. Daher fällt die Selbstauskunft zur Sammlung wirklich glaubwürdiger Informationen schonmal aus. Zweitens beschränkt sich die Tätigkeit der nordkoreanischen Staatsbediensteten nicht nur darauf, Fehlinformationen zu verbreiten, sie versuchen auch eine Verbreitung der realen Informationen zu verhindern. In Anbetracht der Tatsache, dass nur wenige ausländische Beobachter ins Land gelangen, und dort dann meist trotzdem auf die Informationen der Gastgeber angewiesen sind, gibt es kaum unabhängige Daten, die aus direkter Beobachtung gewonnen werden können. (Meist, so zum Beispiel auch bei den Wirtschaftszahlen, handelt es sich um, von Außen gewonnene Schätzungen (deren Qualität je nach Ressourcenausstattung und Methode der Schätzungen variiert). Aber mit wissenschaftlich gewonnen Schätzungen könnte man sich ja zufrieden stellen. Aber auf manchen Gebieten sind eben noch nicht mal die möglich, bzw. es hat noch niemand das erforscht. Da gibt es dann wirklich keine seriösen Zahlen. Drittens besteht allerdings die Schwierigkeit, dass sowohl Journalisten, als auch Wissenschaftler, die zu dem Thema forschen, nach konkreten Daten und Fakten lechzen. Ansonsten fragt man sich nämlich, warum man einen Text lesen soll, der sich permanent darauf beruft, dass seriöse Daten nicht vorhanden sind und man sich mit groben Schätzungen und allgemeinen Aussagen abfinden muss, so dass am Ende nicht einmal ein belastbares Ergebnis steht. Außerdem klingt es für einen Journalisten einfach viel knackiger zu schreiben „In dem Land, in dem Ende der 1990er Jahre  dreieinhalb Millionen Menschen verhungerten…“ als „In dem Land, in dem Ende der 1990er Jahre zwischen 220.000 und 3.500.000 Menschen verhungerten…“. Naja und was macht man, wenn es keine seriösen Zahlen gibt? Man hat genau zwei Möglichkeiten: Entweder man schreibt es wie es ist, oder man übernimmt die Zahlen, die man eben irgendwo finden kann. Und wenn die Zahlen dann erstmal von einigen Journalisten und Wissenschaftlern übernommen wurden, dann sind sie zitierfähig, sie stehen ja auch in ganz vielen anderen Werken, und ruckzuck sind  die „Fakten“ die sich irgendein Hanswurst ausgedacht hat zu einer Art Wahrheit geworden. Mit genau diesen Problemen muss man sich im Rahmen von Recherchen zu Nordkorea immer wieder rumschlagen, weshalb ich jedem, der was dazu rausfinden will nur raten kann, bei Zahlen immer misstrauisch zu sein, sie auf jeden Fall gegenzuchecken und im Zweifel zu gucken, was die Originalquelle ist. Und weil mir die ganze Sache schon länger extrem auf den Nerv fällt, hab ich mir gedacht, dass ich ab und zu wenn es sich anbietet, was zu konkreten Gebieten schreibe, auf denen man sich vor den „Fakten“ in Acht nehmen muss. Ich habe ja gestern was zu Religion in Nordkorea geschrieben und wers gelesen hat, dem dürfte aufgefallen sein, dass mir das was „Open Doors“ macht, etwas sauer aufgestoßen (gestern hab ich das so ähnlich, nur etwas drastischer formuliert glaub ich) ist.

Das Problem mit „Open Doors“

Als ich meinen Beitrag zu Religion in Nordkorea geschrieben hab, wollte ich anfänglich nur zu Christen schreiben (hab mir dann aber überlegt, warum eigentlich und hab mich letztlich, weil ich keinen Grund gefunden hab, nur über Christen zu schreiben, für den breiteren Rahmen entschieden) und hab mal ganz allgemein bei Google „Christen“ und „Nordkorea“ eingegeben. Was mir erst im Nachhinein aufgefallen ist, ist das Acht der Zehn Treffer auf dieser (aber auch den folgenden Seiten) von „Open Doors“ zitierte, auf diese verlinkten, oder Seiten direkt von „Open Doors“ waren. Ich war auch bei meiner Recherche zur Reise Wolfgang Huber durch einen Artikel im „Rheinischen Merkur“ bereits auf den Namen gestoßen und dachte, wenn selbst die Zeitungen darauf verweisen, wirds wohl seriös sein. Und, ach wie herrlich, „Open Doors“ bietet auch noch Zahlen zu Christen in Nordkorea. Also könnte in diesem Augenblick meine Recherche eigentlich schon vorbei sein: Einfach den Artikel ein bisschen zusammenfassen, besonders die Aussage um:

Das Überleben der Christen, die sich nur im Untergrund versammeln können, ist extrem hart. Entdeckte Christen werden verhaftet, gefoltert oder getötet. Open Doors schätzt, dass es mindestens 200.000 Christen im Untergrund gibt, die Zahl könnte wahrscheinlich sogar bei 400.000 bis 500.000 liegen.

etwas ausbauen, und gut is. Aber irgendwie kommen mir Aussagen wie „die Zahl könnte wahrscheinlich sogar bei 400.000 bis 500.000 liegen“ dann doch etwas schwammig und seltsam vor. Es werden keinerlei Quellen, noch nicht einmal Mitarbeiter vor Ort oder sowas genannt. Was weiterhin komisch ist, ist das zwar auf den Bericht „A Prison without Bars“ verwiesen wird, allerdings ohne den Namen zu nennen, oder gar darauf zu verlinken. Warum das denn? Vielleicht weil in dem Bericht steht, dass es nicht möglich ist, Aussagen über die Zahl der Christen in Nordkorea zu machen, die im Verborgenen praktiziert. Sieht ganz so aus. Und dann noch die Sache mit dem „Weltverfolgungsindex„, auf dem Nordkorea den ersten Rang einnimmt. Auf den ersten Blick ist das ja mal wieder herrlich zum zitieren. „Nordkorea liegt auf dem „Weltverfolgungsindex“ auf Rang 1″, super! Aber wie wird denn der ermittelt? Na ganz einfach:

Der WVI ist das Ergebnis intensiver Recherchen etwa über Übergriffe auf Christen im Berichtsjahr oder Einschätzungen von Länderexperten zur Entwicklung der Religionsfreiheit. Zudem benutzt Open Doors einen eigens hierfür erstellten Fragebogen aus 50 Fragen, die von mehreren erfahrenen und meist einheimischen Mitarbeitern vor Ort oder von Kirchenleitern beantwortet werden. Die Ergebnisse werden mit einer Punktzahl bewertet, die die Situation der Christen in einem Land bzw. Entwicklungen näher bewertet. Die Gesamtzahl der Punkte für ein Land bestimmt dessen Position im Weltverfolgungsindex.

Also der begründet sich in Recherchen oder Einschätzungen und irgendwelchen Fragebogen die entweder von Mitarbeitern vor Ort, oder auch nicht vor Ort, oder von Kirchenleitern (vor Ort oder nicht? keine Ahnung) ausgefüllt werden. Na Super, da kann man vermutlich auch bei Vollmond nen Kilo Hühnerknochen in die Luft werfen, danach den Kaffesatz von letzter Woche draufschütten, schön umrühren und dann daraus wissenschaftlich bestimmen, dass Nordkorea im Weltverfolgungsindex auf Rang 1 liegt. Schönundgut, also hab ich schonmal rausgefunden, dass ich mir die Nennung von „Open Doors“ als Quelle mal lieber spare. Aber weil ich ja von Natur aus ein neugieriger Mensch bin, wollte ich jetzt auch wisssn, was „Open Doors“ überhaupt ist, was die Ziele sind und was es denen bringt, irgendwelche Fabelzahlen über Nordkorea zu verbreiten. Dazu hab ich in der Rubrik „Unsere Berufung“ nachgeschaut:

Im Mittelpunkt steht der Dienst an verfolgten oder benachteiligten Christen. Ziel ist, sie in ihrem Glauben zu stärken, damit sie auch in einer feindlich gesinnten Umwelt das Evangelium verkünden. Unsere Unterstützung gilt christlichen Kirchen aller Bekenntnisse.

Der Auftrag von Open Doors

1. Wir stärken die Kirche, den Leib Christi, wo sie verfolgt und unterdrückt wird, indem wir für ihre Bedürfnisse sorgen: mit Bibeln, Schulungsmaterial, Ausbildungskursen und sozialer und humanitärer Hilfe.

2. Wir helfen der Kirche in unsicheren und bedrohten Gebieten, sich auf bevorstehende Verfolgungen vorzubereiten und ermutigen sie, im Dienst der Verkündigung zu bleiben.

3. Wir informieren die Kirche in der freien Welt und ermuntern sie, sich für die verfolgte Kirche einzusetzen. Unser Grundsatz: «Wenn ein Glied leidet, leiden die anderen Glieder mit.» 1 Korinther, 12,26.

Beim oberflächlichen Lesen hört sich das erstmal nach christlichem Hilfswerk an, und so wird es in den Medien auch oft beschrieben, zum Beispiel von der ZEIT als: „wohltätige Organisation, die sich für bedrängte christliche Gemeinden und Individuen einsetzt“. Liest man aber genauer, so fragt man sich: Warum müssen die eigentlich Schulungsmaterialien und Bibeln verteilen. Klar: weil sie missionieren! Und „informieren“ und „ermuntern“, dass klingt für mich nach den Standardfloskeln, die man nennt, wenn man nicht „Lobbyarbeit“ sagen will. Und wieso betreibt man Lobbyarbeit? Vermutlich um Spenden einzutreiben, worum man auf der Seite von „Open Doors“ schließlich überall mehr oder weniger dezent gebeten wird. Und dann ist der Kreis ja auch schon geschlossen. Wenn die Mitarbeiter von „Open Doors“ ihren eigenen Aussagen glauben („Entdeckte Christen werden verhaftet, gefoltert oder getötet.“), dann ist ja recht klar was (Punkt 1) die Lieferung von Bibeln und Schulungsmaterialien und die „Ausbildung“ von neuen Christen bewirkt: Es gibt mehr verfolgte (Punkt 2) und „gefolterte oder getötete“ Christen in Nordkorea, aber die werden wahrscheinlich schon bei ihrer „Ausbildung“ darauf  „vorbereitet“. Und was macht man da? Genau man „informiert“ und „ermuntert“ (Punkt 3) die Kirchen zur Solidarität. Und wie drückt man die Solidarität am besten aus? Genau! Durch Spenden. Und schon sind wir wieder am Anfang, denn schließlich müssen die Gelder in irgendwas investiert werden; zum Beispiel in die Missionierung von Nordkoreanern. Und alle sind zufrieden…Außer vielleicht die Nordkoreaner, die ohne die tollen Maßnahmen von „Open Doors“ wohl eher nicht „gefoltert oder getötet“ werden würden. Aber es ist ja für eine gute Sache, den schließlich können dadurch wieder Mittel gewonnen werden, um „die Kirche, den Leib Christi“ zu stärken. Und schließlich hat das Märtyrertum im Christentum eine lange Tradition. Und wenn man als „Open Doors“ mal keine Zahlen zur Hand hat, dann erfindet man halt welche, achtet aber drauf, dass sie hoch genug sind, damit auch viele Leute zur Solidarität ermuntert werden. Das Hilfswerk „Open Doors“ (wobei helfen die eigentlich? Ach ja, die Helfen tausenden Koreanern, die bis dahin noch gar nichts vom Christentum wussten, auf schnellstem Wege Märtyrer zu werden!) sollte man daher als Quelle für harte Fakten eher umgehen.

Open Doors und die Medien

Leider tun das viele Journalisten (von privaten Internetnutzern gar nicht zu sprechen) nicht, was natürlich für Open Doors eine wunderbare Promo ist. Den ZEIT Artikel hab ich ja eben schon erwähnt, was ja schon irgendwie erschreckend ist, dass eine DER seriösen Wochenzeitungen so einer zwielichtigen Firma wie „Open Doors“ aufsitzt. (Das fand im Übrigen auch der „humanistische Pressedienst“ der sich kritisch mit Open Doors und Missionswerken im Allgemeinen beschäftigt). Erschreckender fand ich allerdings noch, dass der einzige Artikel zur Reise Wolfgang Hubers nach Nordkorea, der über die Pressemeldung hinausging, ausgerechnet auf „Open Doors“ als Informationsquelle verweist und Bischof Huber ans Herz legt, sich mit Papieren „wie sie zum Beispiel der Informationsdienst Compass Direct und das Werk „Open doors“ herausgeben“ auszustatten. Da hätte der Autor des Artikels, Herr Wolfgang Thielmann, mal fünf Minuten länger Googeln sollen. Aber vermutlich ist Wolfgang Huber da ein bisschen pfiffiger. Aber für „Open Doors“ mal wieder herrliche Pomo, ganz umsonst. Aber zu seiner Ehrrettung muss man dazu sagen, dass er bei weitem nicht der einzige Professionelle ist, der mal besser hätte googeln können. Andere Beispiele gibt es zum Beispiel hier und leider auch hier (Die gleiche Autorin hatte nämlich 2004 einen recht informativen Artikel zum gleichen Thema geschrieben, der noch nicht mit dem Datenmüll von „Open Doors“ verseucht war). Also das muss man den Jungs von „Open Doors“ jedenfalls lassen, in Sachen Propaganda und Desinformation haben sie was drauf. Dazu nutzen sie auch Kanäle wie Blogs oder ähnliches, wo sie so „freundlich“ sind Gastbeiträge zu schreiben. Auch auf Seiten die sich ausschließlich (auch wenn ich diese schon immer kritisch lese, da sie auch als Lobbyinstrument genutzt wird) mit der Problematik Nordkoreas beschäftigen, konnte „Open Doors“ seine „Informationen“ unterbringen.

Meine Meinung

Ok, das wars jetzt soweit von meiner Seite. Der Artikel sollte nur verdeutlichen, dass es recht schwierig ist, unabhängige Informationen zu manchen Themen bezüglich Nordkorea zu bekommen, dass man sich bei der Suche aber nicht davon blenden lassen soll, dass eine bestimmte Informationsquelle seriös aussieht, oder das bestimmte Zahlen immer wieder im Umlauf sind. Was der Artikel nicht sein soll (auch wenns manchmal so klingt), ist ein Frontalangriff gegen „Open Doors“ oder gar das Missionieren an sich. Ich bin zwar kein Fan davon und wenn ich persönlich von irgendwelchen Missionierungsversuchen betroffen bin, dann nervt mich das recht schnell. Aber wenn irgendwer sich aus seinem Glauben heraus berufen fühlt, andere von Selbigem zu überzeugen, dann soll ers halt tun. Was er aber in manchen Fällen bedenken sollte, ist das er den Menschen, die das betrifft (zum Beispiel in Nordkorea, aber bestimmt auch sonstwo), nicht unbedingt einen Gefallen tut. Vielleicht sollte er sich, wenn ihn das Schicksal der Nordkoreaner interessiert, eher für eine Menschenrechtsorganisation engagieren, die auf andere Weise versucht was zu ändern. Und wenn dann alles liberaler ist (ja ich weiß, sehr platt skizziert alles), dann kann er Nordkoreaner bekehren, solange er will und die werden dann bestimmt nicht gefoltert und umgebracht. (Da fällt mir ein: Lädt man nicht irgendwie Schuld auf sich als Christ, wenn man einen Menschen bekehrt, obwohl man weiß, dass der dafür umgebracht wird? Ich weiß, die Kirche würde es vermutlich nicht geben, wenn man das früher nicht gemacht hätte, aber heute sind die Zeiten ja dann doch irgendwie anders…) Und genau das ist es, was mich an „Open Doors“ dann irgendwie doch aufregt: Da sitzen irgendwelche Einfaltspinsel hier in Deutschland, schreiben einen schöne Texte über Nordkorea (und Jemen und Somalia und Irak…), generieren damit Spenden, die zum Missionieren genutzt werde, sind somit vielleicht mit Schuld am Tod von Menschen, und dann wird über die geschrieben, sie seien ein Hilfswerk und so und wahrscheinlich glauben sie den Quatsch auch noch selbst.

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