Der Regierungswechsel in Japan und die Beziehungen zu Nordkorea

Weil im Moment in Deutschland jedermann von den Wahlen und ihren Folgen spricht, dachte ich mir: Betrachte ich auch mal Wahlen und ihre Folgen. Da die Wahlen in Deutschland aber irgendwie nicht besonders relevant für Nordkorea sind (jedenfalls fürs erste und vermutlich auch bis auf Weiteres nicht), möchte ich mich im Folgenden einem Thema widmen, dass für Nordkorea schon eher wichtig sein dürfte. Das Wahlergebnis in Japan, dass im Gegensatz zum deutschen Ergebnis die Bezeichnung „historisch“ voll und ganz verdient hat (obwohl natürlich selbige auch in Deutschland zur Beschreibung des einen oder anderen Parteiergebnisses herhalten musste), könnte, so mag man denken, ja auch zu einer grundlegenden Neuausrichtung der japanischen Außenpolitik führen, was auch für den Fall Nordkorea interessant werden könnte. Aber eins nach dem Anderen: Was ist das Historische an den Wahlen in Japan? Wie sah die japanische Politik gegenüber Nordkorea bisher aus? Und was kann man in Pjöngjang von der Regierung Hatoyama erwarten? Wenn ichs richtig hinkriege, solltet ihr nach der Lektüre dieses Textes einen groben Überblick über diese Punkte gewonnen haben.

Das „historische“ Wahlergebnis in Japan

Am 30. August diesen Jahres gewann mit der Demokratischen Partei Japans (DPJ) erstmals seit 1955 eine andere Partei als die Liberaldemokratische Partei (LDP) die Unterhauswahlen in Japan. Dies gelang ihr zusätzlich noch mit einer Mehrheit, nach der sich die CSU in Bayern selbst zu besseren Zeiten die Finger lecken würde. Fast zweidrittel (308 von 480) der Mandate sind jetzt in der Hand der DPJ, die zusammen mit den Koalitionspartnern der Sozialdemokratischen Partei und der Neuen Volkspartei auch im Oberhaus über eine Mehrheit verfügen. Die Niederlage kam für die LDP allerdings nicht überraschend. Nachdem es seit Anfang der 1990er Jahre nicht gelungen war, Japan aus der Krise zu führen, oder zumindest strukturelle Reformvorhaben anzugehen, nach der Abdankung des charismatischen und (während des größten Teils seiner Amtszeit) beliebten Regierungschefs Koizumi 2006 und dem darauf folgenden recht hohen Verschleiß an Premierministern (seit Koizumis Abtritt jedes Jahr einer (Abe 2007, Fukuda 2008 und auch Aso war bei seiner Abwahl schon durch interne Querelen geschwächt)), hätte alles andere als eine Abwahl der LDP an ein Wunder gegrenzt. Allerdings ist es auch schon verwunderlich, dass Japan so lange benötigte, bis es sich dazu durchrang, von seinen demokratischen Rechten Gebrauch zu machen und eine Veränderung zu wählen. Jedoch bleiben hierzu einige Punkte zu bemerken. Einerseits führte bis zu diesem Zeitpunkt, wollte man auf der politischen Bühne ganz nach oben, kein Weg an der LDP vorbei. Also war sie sozusagen das Sammelbecken des Establishments und konnte durch ihr schieres Gewicht das Aufkommen ernsthafter Alternativen weitgehend verhindern (auch die DPJ setzt sich in großen Teilen aus Politikern zusammen, die einst Mitglieder der LDP waren). Gleichzeitig war sie jedoch genau deswegen keine monolithische Blockpartei. Das, was in anderen Ländern unterschiedliche Parteien leisten, also die Darstellung des gesellschaftlichen Meinungsspektrums, aber auch eine Art von Opposition, das regelte die LDP sozusagen parteiintern in teils heftigen Flügelkämpfen. Daher änderte sich die Politik, wenn auch von der gleichen Partei kommend, oftmals deutlich. Nichtsdestotrotz gelang es nicht, die notwenigen Reformschritte zu vollziehen, um Japan nachhaltig aus der Krise zu führen. Dementsprechend wurde der Wahlkampf dieses Jahr fast ausschließlich um innenpolitische Themen geführt. Außenpolitischen Themen, wie zum Beispiel dem Umgang mit Nordkorea, wurde trotz der damals noch etwas aufgeheizteren Stimmung im Zuge der nordkoreanischen Atom- und Raketentests, nur sehr wenig Raum eingeräumt, so dass diesbezüglich keine echtes Programm der DPJ zu erkennen war. Das unklare außenpolitische Programm der DPJ führte nicht zuletzt zu Unsicherheiten seitens der USA. Diese fürchteten, ihr wichtigster Bündnispartner in (Ost-)Asien könnte ihnen abhanden kommen. Allerdings beeilte sich die Regierung in Tokio die Bedeutung des Bündnisses mit den USA hervorzuheben, um eventuelle Befürchtungen aus dieser Richtung zu entkräften. Möglicherweise wird sich das außenpolitische Profil der neuen Regierung erst noch entwickeln müssen.

Nordkorea und Japan bis zur Regierung Hatoyama

Um mögliche Entwicklungen in den Beziehungen zwischen Japan und Nordkorea genauer analysieren zu können, lohnt es sich, erstmal einen Blick auf die Geschichte der nordkoreanisch-japanischen-Beziehungen zu werfen. Von 1910 an bis zum Ende des zweiten Weltkrieges war Korea ja bekanntermaßen durch Japan besetzt und das koreanische Volk hatte schwer unter dieser Besatzung zu leiden. Dieser Faktor spielt noch heute eine relativ bedeutende Rolle, da es zwischen den koreanischen Staaten (aber auch China) und Japan immer wieder um Konflikte über die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit kommt. Desweiteren steht zwischen Japan und Nordkorea noch immer eine mögliche Rechnung bezüglich japanischer Entschädigungen, die an Nordkorea zu zahlen seien (Südkorea wurde bereits in den 1960er Jahren entschädigt. Anfang diesen Jahrzehnts standen im Falle Nordkoreas Beträge zwischen 5 und 10 Mrd. [!!!] Dollar im Raum), offen. Nachdem Japan dann 1951 seine vollständige Souveränität wiedererlangt hatte, spielten die bilateralen Beziehungen beiderseits des Ostmeers (aka des Japanischen Meers, denn auf einen Namen konnten sich Japan und die Koreas bisher nicht einigen) nur eine untergeordnete Rolle. Die Staaten gehörten den verfeindeten Lagern des Kalten Krieges an und außerdem hatte Japan Südkorea im Zuge der Normalisierung zwischen beiden Staaten anerkannt. Da Nordkorea während des Kalten Krieges eine Art „ein-Korea-Politik“ verfolgte, war die Aufnahme diplomatischer Beziehungen nicht möglich. Trotzdem pflegten die Staaten Handelsbeziehungen, in deren Rahmen Nordkorea einen beständig wachsenden Schuldenberg gegenüber Japan anhäufte. Diese Beziehungen beruhten nicht zuletzt auf der Tatsache, dass in Japan eine starke Gruppe von ethnischen Koreanern existierte, die im Rahmen der Besatzung nach Japan gekommen und dann durch den Koreakrieg von einer Rückkehr nach Korea abgehalten worden waren. Ein bedeutender Teil dieser Gruppe stand loyal zu Nordkorea und unterhielt enge geschäftliche Beziehungen zum Norden, die sich auch in beträchtlichen Geldüberweisungen äußerten. Jedoch nahm die Bedeutung dieser Gruppe, immer weiter ab da sie „auszusterben“ (im wahrsten Sinne) begann, sich dem erfolgreicheren Süden zuwandte, oder aber durch die restriktiveres Regelungen die die japanische Regierung in jüngerer Vergangenheit erlassen hatte. Während der Zeit des Kalten Krieges spielte Japan für Nordkorea also eher eine Rolle als Standort für eine Unterstützergruppe mit nicht zuletzt wirtschaftlicher Bedeutung (Vermutlich kommt es auch daher zu dem interessanten Faktum, dass der Internetauftritt der Nachrichtenagentur Nordkoreas KCNA in Japan gehostet wird).

Ende der 1980er kam es im Rahmen der sich ankündigenden geopolitischen Veränderungen zu einer vorsichtigen Annäherung Japans an Nordkorea. Seit 1989 gab es mehrere geheimen Treffen zwischen Diplomaten beider Länder, die eine Normalisierung der Beziehungen zum Thema hatten. 1990 und 1991 gab es insgesamt 8 Runden offizieller Normalisierungsgespräche, da aber die USA und Südkorea diese Entwicklung etwas zu schnell ablief, man befürchtete, dass eventuelle Entschädigung Japans zum Vorantreiben des nordkoreanischen Nuklearprogramms genutzt werden könnten, sich Nordkorea über Anfragen bezüglich vermisster Japaner störte und das Interesse an einer Normalisierung mit Japan zunehmend erlahmte, da man die Beziehungen zu den USA zunehmend als Schlüssel für die Beziehungen mit den anderen Staaten sah (was bis heute so geblieben ist und oftmals das außenpolitische Handeln Nordkoreas erklärt), wurden die Gespräche 1991 ergebnislos beendet. Nach der ersten Nuklearkrise, die 1994 durch das Genfer Rahmenabkommen zwischen den USA und Nordkorea beigelegt worden war, nahm Japan an den darin vereinbarten Maßnahmen teil und versprach im Rahmen der Korean Energy Deveopment Organisation (KEDO) mit 160 Millione US-Dollar (ca. 20 % der Gesamtkosten) zum Bau der beiden im Genfer Rahmenabkommen versprochenen Leichtwasserreaktoren (LWR) beizutragen. Jedoch scheiterten auch in den Folgenden Jahren Versuche, die Beziehungen beider Länder zu verbessern an Widerständen aus den USA und Südkorea und an der bedeutender werdenden Frage der vermissten Japaner, bei denen eine Entführung durch Nordkorea angenommen wurde. Nachdem Nordkorea 1998 eine Taepodong Rakete zu Testzwecken über Japan hinweg geschossen hatte, versuchte Japan die beiden Bündnispartner Südkorea und die USA zu einer härteren Position gegenüber Pjöngjang zu bewegen, blieb aber gegenüber den von Bill Clinton und Kim Dae-jung geführten Ländern, weitgehend isoliert. 1999 und 2000 gewann die Diplomatie zwischen Tokio und Pjöngjang wiederum an Dynamik. Nicht zuletzt unter Druck gesetzt durch die sich rapide bessernden Beziehungen zwischen Süd- und Nordkorea, sowie den USA und Nordkorea, gingen auch von Japan neue Versuche zur Besserung aus, da man fürchtete, bei einer vollkommenen Normalisierung der Beziehungen zwischen den beiden Koreas und den USA und Nordkorea, in eine schwachen Verhandlungsposition gegenüber Pjöngjang zu geraten.

2002 besuchte dann der 2001 neu ins Amt gekommene Junichiro Koizumi Pjöngjang. Im Rahmen dieses Treffens bekannte Kim Jong Il erstmals öffentlich, dass Nordkorea japanische Staatsbürger entführt habe (wobei auch Fälle erwähnt wurden, nach denen Koizumi gar nicht gefragt hatte), was von Koizumi als Erfolg dieses Gipfels propagiert wurde. Dieses Geständnis durch Kim Jong Il (und eine Vielzahl damit zusammenhängender, noch immer ungeklärter Fragen) und die sich erneut verschärfende Situation um das nordkoreanische Nuklearprogramm brachten jedoch die öffentliche Meinung in Japan so stark gegen Nordkorea auf, das im Folgenden eine Weiterführung der Normalisierungsverhandlungen zwischen beiden Ländern schwierig wurde. Ein später in diesem Jahr arrangierter Besuch von fünf der entführten Japanern (Nordkorea beharrt bis heute darauf, dass die restlichen 8 Japaner zu diesem Zeitpunkt bereits tot waren, allerdings weisen diese Erklärungen Lücken und Widersprüche auf) in ihrem Heimatland, der auf zwei Wochen angelegt war, wurde unter dem öffentlichen Druck dazu genutzt, die Personen „zurückzuentführen“. Die darauf folgenden Gespräche m Oktober 2002 endeten mit gegenseitigen Beschuldigungen und Misstrauen, hauptsächlich bezüglich der Entführungen, aber auch aufgrund des nordkoreanischen Raketenprogramms, das von Japan mehr und mehr als Bedrohung wahrgenommen wurde. 2004 kam es zwar noch zu einem zweiten Gipfeltreffen in Pjöngjang, auf dem Koizumi Familienmitglieder der 5 heimgekehrten Japaner freikaufte (Preis: 250.000 Tonnen Lebensmittel und medizinische Unterstützung im Wert von 10 Millionen Dollar). Allerdings hatte sich die öffentliche Meinung in Japan weiter zuungunsten Nordkoreas entwickelt, so dass das Parlament im selben Jahr Sanktionen erließ, die den Zugang bestimmter nordkoreanischer Schiffe zu japanischen Häfen untersagte. In einer bis heuten letzten Verhandlungsrunde führte dies zu einer verhärteten Position der nordkoreanischen Delegation, die nicht mehr bereit war über die Entführtenfrage, das zentrale Thema der japanischen Seite, zu sprechen. Daraufhin beschloss die Koizumi-Regierung, die Normalisierungsgespräche nicht weiterzuführen. Die Nachfolger Koizumis verfolgten seit 2006 einen harten Kurs gegenüber Nordkorea. Eigene- und UN-Sanktionen wurden streng ausgelegt und umgesetzt; im Rahmen der Sechs-Parteien-Gespräche bestand Japan auf einer Thematisierung der Entführtenfrage; nach dem Nukleartest diesen Jahres war es nicht zuletzt Japan, dass an vorderster Front eine Verschärfung der UN-Sanktionen verlangte; und das Handelsvolumen (Anfang der 1990er Jahre war Japan nach dem Wegbrechen der Sowjetunion kurzzeitig der bedeutendste Handelspartner Nordkoreas) sank beständig und heute besteht praktisch kein (offizieller) Handel mehr zwischen beiden Staaten.

Wie bereits deutlich geworden sein dürfte, war spätestens seit dem Gipfel zwischen Koizumi und Kim Jong Il 2002 die Frage der Entführten Japaner von herausragender Bedeutung für die Entwicklung der Beziehungen beider Staaten. Ohne messbare Fortschritte in dieser Frage war es den Regierungen nach Koizumi, nicht zuletzt aufgrund der öffentlichen Meinung, nicht möglich, die Beziehungen zwischen beiden Staaten weiterzuentwickeln. Weitere bedeutsame Fragen, die auf dem Weg zur Normalisierung geklärt werden müssen, sind das nordkoreanische Raketenprogramm, in dessen Reichweite Japan liegt, was der Test von 1998 eindrücklich zeigte, und das seitens Japans zunehmend als Bedrohung wahrgenommen wurde. In Verbindung damit ist weiterhin das Nuklearprogramm zu nennen, das auch aus historischen Gründen (schließlich ist Japan das einzige Land, dass die Wirkung nuklearer Waffen spüren musste, was im kollektiven Gedächtnis des Landes traumatische Spuren hinterlassen hat) als Bedrohung gesehen wird. Auf Seiten Nordkoreas steht vor allem die Forderung nach einer umfassenden Vergangenheitsbewältigung im Raum, die zwar einerseits nach historischer Aufarbeitung und einem echten Schuldeingeständnis Japans verlangt, aber in Pjöngjang wohl vor allem als Möglichkeit gesehen werden dürfte, bedeutende Ausgleichszahlungen für den durch Japan verursachten Schaden einzustreichen. Jedoch stellte sich, wie bereits gesagt in den vergangen Jahren die Position Japans so dar, dass vor einer weitergehenden Änderung in den Beziehungen beider Staaten, die Lückenlose Aufklärung der Entführtenfrage stehen müsse. Wenn die Verbündeten Japans, vor allem die USA, aber auch Südkorea, dabei eine ähnliche Linie verfolgten wie Japan selbst, war es für die Regierungen in Tokio meist eine recht einfache Übung, auf der Aufklärung der Entführtenfrage zu beharren. Waren andere Regierungen jedoch eher darauf aus, Fortschritte im Rahmen der Sechs-Parteien-Gespräche zu erzielen, so wurde Japans Haltung mitunter als stur kritisiert und Japan als Hemmschuh für die Verhandlungen gesehen, vor allem da sich Tokio seit 2002 weigerte, Beiträge zu Verhandlungslösungen im Rahmen der Gespräche zu leisten, solange die eigenen Belange nicht zur Genüge geklärt seien.

Wer mehr zur Geschichte der Beziehungen zwischen Nordkorea und Japan lesen will (oder mein Gewäsch nicht seriös oder ausführlich genug findet), dem möchte ich folgende Texte ans Herz legen: Einen sehr guten Überblick über die Beziehungen Nordkoreas zu Japan seit der Entstehung Nordkoreas bis heute, aber auch zu anderen bedeutenden Staaten bietet Samuel S. Kim in North Korean Foreign Relations in the Post-Cold War World. David Fouse bietet ebenfalls einen guten Überblick über die Zeitspanne von 1990 bis 2004. Einen weiteren aktuellen Überblick, der sich mit den Beziehungen beider Staaten vor allem in diesem Jahrzehnt beschäftigt, und im Juni 2009 veröffentlicht wurde, gibts von Axel Berkofsky. Vom Congressional Research Service (CRS) der USA gibts den kurzen Bericht North Korea’s Abduction of Japanes Citizens and the Six-Party Talks aus dem Jahr 2008. Wer näheres zur Entführung japanischer Staatsbürger durch Nordkorea lesen will, der kann das Dossier des japanischen Außenministeriums dazu durchschauen. Und schließlich noch ne Quelle die immer gut ist, um sich über aktuelle Entwicklungen bezüglich zwischenstaatlicher Beziehungen in Ost- und Südostasien auf dem Laufenden zu halten (Wenn auch etwas USA-lastig meiner Meinung nach): Die aktuellste Ausgabe von Comparative Connections, und dann in unserem Fall das Kapitel: „Japan-Korea Relations“.

Hatoyama: Regierungswechsel = Politikwechsel?

Wie oben bereits angedeutet, drehte sich der japanische Wahlkampf hauptsächlich um innenpolitische Themen, so dass hier wenige Erkenntnisse bezüglich der Position des neuen Regierungschefs und seiner Partei zur Nordkoreafrage zu finden waren. Außerdem konnte man sehen, dass die japanische Politik gegenüber Nordkorea trotz der Tatsache, dass Japan bisher fast ausschließlich von der LDP regiert wurde, sich im Lauf der Zeit durchaus wandelte, was nicht zuletzt von dem jeweiligen Regierungschef abhing. Jedoch war es in der jüngsten Vergangenheit vor allem die Entführtenfrage, die es japanischen Regierungen nahezu unmöglich machte, von ihrem harten Standpunkt gegenüber Pjöngjang abzurücken. Im Folgenden will ich das, was sich bis jetzt hinsichtlich der Politik der neuen Regierung in Tokio abzeichnet kurz zusammenfassen und erläutern.

Während des Wahlkampfes versuchte die LDP anfänglich das Thema Nordkorea für sich zu nutzen. So begann Taro Aso seine Wahlkampfreise an dem Ort, an dem das letzte bekannte Entführungsopfer verschwunden war. Allerdings ging dieser Schuss nach hinten los, als die spektakuläre Reise Bill Clintons zur Freilassung der beiden festgehaltenen amerikanischen Journalistinnen führte und so auch den Misserfolg der Strategie der letzten japanischen Regierungen gegenüber Nordkorea verdeutlichte (hinsichtlich der Entführtenfrage war es seit dem Abtritt Koizumis zu keinerlei neuen Erkenntnissen gekommen). Weiterhin konnte Hatoyama der LDP den (nordkoreanischen) Wind aus den Segeln nehmen, indem er erklärte, er würde an der festen Position der Vorgängerregierungen festhalten. Genauere Aussagen kamen jedoch von der Seite der DPJ nicht. Interessasant in dieser Hinsicht ist allerdings noch, dass die DPJ ankündigte, dass Bündnis mit den USA einer Prüfung unterziehen zu wollen, was in den USA Sorgen über die Stabilität der Beziehungen zum wohl bedeutendsten Partner in Asien auslöste. Gleichzeitig deuteten diese Aussagen jedoch scheinbar auch Hoffnungen in Pjöngjang aus, Japan würde seine gesamte außenpolitische Position einer Revision unterziehen. dementsprechend sind vermutlich auch Aussagen Kim Yong-nams, desVorsitzenden des Präsidiums der Obersten Volksversammlung Nordkoreas (der Nummer 2 nach Kim Jong Il), der auf „fruchtbare Beziehungen“ zwischen beiden Staaten hofft, zu werten. Allerdings scheinen sich die Hoffnungen Nordkoreas nicht zu bewahrheiten, denn statt entstehenden Rissen vor allem in der Dreierachse Südkorea-Japan-USA sind in jüngster Zeit aus Japan eher Verlautbarungen zu hören, die in eine Entgegengesetzte Richtung weisen. Hatoyama erklärte wiederholt die Bedeutung eines Koordinierten und kooperativen Vorgehens gegenüber Nordkorea und scheint die Politik diesbezüglich in enger Absprache mit den USA und Südkorea betreiben zu wollen. Auch ein Treffen zwischen den Außenministern Südkoreas, Japans und Chinas deutet darauf hin, dass die Parteien versuchen eine einheitliche Position gegenüber Nordkorea aufrechtzuerhalten. Dieses Thema wird wohl auch auf dem in kürze anstehenden Treffen der Staatschefs dieser drei Staaten besprochen werden. Bilateralen Gesprächen erteilte die Regierung in Tokio unter den gegebenen Umständen eine klare Absage. Vielmehr wird wie bisher eine Lösung im Rahmen der Sechs-Parteien-Gespräche angestrebt. Allerdings scheinen Japans Partner im Rahmen dieser Gespräche eine positivere Haltung Japans zu erwarten. So wird spekuliert, dass Tokio, sollte sich Nordkorea kooperativ hinsichtlich seines Nuklearprogramms zeigen, einen Beitrag zu einer Lösung leistet und die Entführtenfrage etwas zurückstellt. Weiterhin glauben Analysten, dass langfristig die Chancen für eine Normalisierung der Beziehungen zwischen beiden Staaten besser stehen könnten, da die neue Regierung auf außenpolitischem Parkett Erfolge erzielen und den Einfluss Japans ausweiten wolle, wozu eine Normalisierung mit Nordkorea ein wichtiger Schritt sei. Dementsprechend scheint die Hoffnung Nordkoreas auf eine neue Dynamik in den Beziehungen zu Japan doch nicht so weit hergeholt. Hierfür sprechen meiner Ansicht nach auch noch einige weitere Punkte. Sollte die amerikanische Regierung tatsächlich Schritte wie zum Beispiel bilaterale Gespräche mit Nordkorea unternehmen, könnten es zu einer schnellen Verbesserung der Situation zwischen diesen Staaten kommen, die auch Einfluss auf die Nord-Süd Beziehungen haben könnte. Hierdurch würde sich wiederum eine Situation ähnlich der Anfang dieses Jahrzehnts ergeben, in der auf Japan, will es aus diesem Prozess nicht ausgeschlossen werden (und damit außenpolitischen Einfluss verlieren), ein erheblicher Druck lastet Normalisierungsverhandlungen aufzunehmen. Weiterhin wurde im Zuge des Wahlkampfes ja durchaus deutlich, dass die japanische Öffentlichkeit zwar auf einer Klärung der Entführtenfrage beharrt, dass aber der kompromisslose Ansatz der Vorgängerregierungen mittlerweile durchaus kritisch gesehen wird.

Mit den oben genannten Gründen lässt sich durchaus die Annahme stützen, dass sich in Zukunft ein (vorsichtiger) Wandel in der Politik Japans gegenüber Nordkorea vollziehen könnte. Allerdings scheint ein Politikwechsel, vor allen Dingen aufgrund des Drucks der Öffentlichkeit kaum zu Erwarten. Bis auf weiteres dürfte die Bevölkerung die japanische Politik gegenüber Nordkorea in großen Teilen an möglichen Fortschritten hinsichtlich der Entführtenfrage messen. Gibt es hier keine Erfolge, sind Zugeständnisse an Nordkorea vermutlich schwer durchzusetzen. Aber, um diesen Beitrag zum Ende kommen zu lassen, genaueres wird man vermutlich erst erfahren, wenn die neue Regierung ihr außenpolitisches Profil etwas geschärft und ihre Stellung vor allem gegenüber den USA festgelegt hat. In welche Richtung sich die Politik Japans bewegen wird, dass wird also vermutlich in einiger Zeit klarer sein. Hierfür wird vermutlich auch die Position der Obama-Administration nicht unbedeutend sein, die sich ebenfalls scheinbar erst im Entwicklungsstadium befindet. Daher bleiben über die Entwicklung der japanisch-nordkoreanischen Beziehungen unter der Hatoyama-Regierung vorerst mehr Fragen offen, als zu beantworten sind.

P.S. Apropos offene Fragen: Eine Frage, für die weder ich selbst, noch jemand anderes eine auch nur halbwegs vernünftige Antwort wusste ist die nach dem Warum! Warum entführt Nordkorea irgendwelche japanischen Passanten. Ich meine wenn sie irgendwelche Funktionsträger geschnappt hätten, dann hätte ich das ja noch verstanden. Ich habe mal die Theorie gehört, dass diese dann als Informationsquelle bzw. als Ausbilder für nordkoreanische Geheimdienstleute und so dienen sollten. Aber da es ja soviele Nordkorea loyale Koreaner in Japan gab, die sich sicherlich mit japanischer Kultur und Sprache nach ein paar Jahrzehnten bestens auskannten, warum nicht welche von denen einfliegen? Ich hab wirklich keine Idee welcher Pfiffikus in Nordkorea auf die Schnapsidee gekommen ist. Aber naja, es ist ja nicht so, dass das die einzige Schnapsidee gewesen wäre. Aber irgendwie wüsste ich irgendwann mal gerne was dahinter steckt.

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