Planloses Navigieren in seichten Gewässern

Am Dienstag dieser Woche kam es zu einem kurzen Feuergefecht zwischen einem nordkoreanischen und zwei südkoreanischen Kriegsschiffen. Dabei wurde das nordkoreanische Schiff schwer beschädigt, ein Besatzungsmitglied starb und drei weitere wurden verwundet.

Wer die Schuld an diesem Zwischenfall trägt, ob eine der beiden Seiten die Verschärfung der Situation beabsichtigten oder ob es nur ein folgenschwerer und unglücklicher (beides trifft zumindest für das oben bereits erwähnte Besatzungsmitglied zu) Zufall war, dass sind Fragen, die von hier aus schwer zu beantworten sind, weshalb ich mich dem entziehe. Aber darüber hinaus bietet dieser Zwischenfall ein herrliches Bild für das, was zur Zeit im politischen Bermudadreieck zwischen Washington Seoul und Pjöngjang passiert.

Zurzeit trifft für die Beschreibung der Strategien der drei genannten Parteien kaum ein Vergleich besser zu als der von planlos durch seichte Gewässer schippernden Kähnen. Ein Ziel scheint es dabei nicht zu geben, wichtig scheint nur, dass man in Bewegung bleibt. Läuft man auf Grund, dann dreht man halt Däumchen bis die Flut kommt, um dann die ziellose Fahrt wieder aufzunehmen. Und wenn man einem der anderen Schiffe begegnet? Tja, was dann rauskommt scheint dem reinen Zufall überlassen zu sein. Es kann sein, dass man den Anderen ignoriert, Kurs hält und vielleicht sogar eine Kollision in Kauf nimmt. Vielleicht hält man sogar gezielt auf das Gegenüber zu, oder aber man dreht bei, bespricht sich und setzt dann die Fahrt fort. Und wenn man sich dann das Nächstemal trifft, tja, dann geht das Spiel wieder von vorne los.

Wie komme ich zu dieser Diagnose? Das ist recht einfach: Betrachtet man die Politik, die die drei Parteien in den vergangenen Monaten betrieben haben, dann bleibt wohl kaum eine andere Beschreibung der Zustände möglich. Nordkorea zeigt sich einerseits gesprächsbereit, lässt die Geiseln aus Südkorea und den USA frei und leitet in einigen, eher „weichen“ Bereichen, wie in Bezug auf Kaesong oder die Familienzusammenführungen Annäherungen ein. Andererseits ist aber die Liste von sicherlich geplanten Provokationen, mit dem Nukleartest, den Raketentests, der Bekanntgabe eines auf Uran basierenden Nuklearprogramms und der Wiederaufbereitung von Plutonium, recht lang. Darüber hinaus gab es noch Zwischenfälle, die nur schwer zuzuordnen sind, wie das Öffnen eines Staudammes und auch der oben genannte Zwischenfall auf hoher See. Allerdings ist man von Seiten Pjöngjangs ja nichts anderes gewohnt. Das Regime um Kim Jong Il hat ja schon seit langem die Rolle des unberechenbaren Geisterfahrers der internationalen Politik kultiviert, wobei allerdings hinzugefügt werden muss, dass man sich in Pjöngjang den Vorteilen, aber auch den Gefahren dieser Strategie durchaus bewusst zu sein scheint. Außerdem ist das Regime durchaus in der Lage, sich in den Verkehr einzureihen, macht das aber zu einem großen Maß vom Agieren der Andren Abhängig.

Die USA dagegen scheinen noch nicht ganz sicher zu sein, wie sie das Fahrzeug, das sie steuern, überhaupt richtig bedienen sollen. Einerseits streut man allenthalben Zucker indem man Bill Clinton nach Pjöngjang schickt und die Bereitschaft zu bilateralen Gesprächen mit Pjöngjang signalisiert, um die Sechs-Parteien-Gespräche wieder in Gang zu bringen (wobei man sich in Washington bewusst sein musste, dass in dem Moment, in dem diese Bereitschaft signalisiert wird, bilaterale Gespräche von Seiten Pjöngjangs als zwingende Voraussetzung für die Wiederaufnahme der Gespräche gesehen werden.). Gleichzeitig legt man aber keine besondere Motivation an den Tag, diese Gespräche schnell stattfinden zu lassen (womit man einer substantiellen Veränderung der Situation dann geradezu im Weg steht, da eine nachhaltige Lösung auch nach eigenem Bekunden nur im Rahmen des Sechs-Parteien-Prozesses möglich ist.), sondern erforscht vielmehr, wenn auch mit relativ wenig Getöse, die Möglichkeiten für Finanzsanktionen gegen Nordkorea. Natürlich könnte man das Alles als eine Art „push and pull“ Strategie sehen. Allerdings wird weder richtig gepusht, noch ernsthaft gepullt, so das es eher wie ein sanftes stupsen und rütteln aussieht, was von Seiten der USA kommt. Klar, Obama ist neu, Obama hat zu Hause auch viel zu tun und Obama will sich seine Prioritätenliste nicht von einem Despoten aus Asien diktieren lassen. Aber: Ein Mann, der einen Friedensnobelpreis für eine Vision einer atomwaffenfreien Welt bekommt, von dem sollte man doch wenigstens erwarten, dass er innerhalb eines Jahres in der Lage ist, zumindest eine Strategie bezüglich eines der bedeutendsten nuklearen Brennpunkte zu entwickeln. Man kann George Bush jr. ja viel nachsagen, aber er hatte (zumindest in seiner ersten Amtsperiode) wenigstens einen Plan (wobei ich mich bei Aussagen bezüglich der Qualität desselben enthalten möchte) der auf bestimmten Prinzipien beruhte und der ein konkretes vorgehen vorsah.

Südkorea zu guter Letzt, hat sich bis vor einigen Monaten eigentlich über eine ganze Dekade dadurch ausgezeichnet, dass ein konkreter Plan bestand, wie mit Nordkorea zu verfahren sei. Dieser Plan war in großen Teilen abhängig von den Ansichten und Vorstellungen der jeweiligen Präsidenten des Landes. Bis zum Amtsantritt von Lee Myung-bak, auch genannt der Bulldozer, waren diese Pläne hauptsächlich gespickt von oft einseitigen Zugeständnissen und Versuchen der Annäherung. Dies brachte zwar eine Annäherung in einigen Bereichen (siehe Kaesong und Kumgangsan), aber keine grundlegenden Änderungen in den Beziehungen beider Länder. Der Bulldozer, wählte dann, wie der Name schon nahelegt, eher das Kontrastprogramm. Keine Leistung ohne Gegenleistung und Annäherung nur bei substantiellen Fortschritten bei der Denuklearisierung des Nordens. Allerdings scheinen die Nuklear- und Raketentest des Nordens den Bulldozer etwas durchgeschüttelt zu haben, und seitdem hat auch er seine Orientierung verloren. Es gab die Zusage, für Lebensmittelhilfen an den Norden, er Empfing anlässlich des Todes Kim Dae-jungs eine nordkoreanische Delegation, es gab Geheimgespräche zwischen beiden Seiten und vermutlich auch Zugeständnisse von Hyundai Asan (klar, ne private Firma, aber in einem solch sensiblen Bereich, wird die wohl kaum ohne Wissen der Regierung Außenpolitik betreiben dürfen) an den Norden. Gleichzeitig wurde aber an der mächtigen Rhetorik festgehalten und wenn sich ein Nord- und ein Südkoreanisches Boot begegnen, dann sieht man ja was passieren kann. Jedenfalls kommt es immer recht zügig zu einer verbalen Aufrüstung des Südens und die Truppen kann man ja auch mal für alle Fälle in Alarmbereitschaft versetzen.

Und was sagt uns das Alles nun?  Naja, klar ist schonmal, dass dieses planlose Agieren wahrscheinlich nichts ändern, und erst rechts nichts verbessern wird. Keine Änderung, das dürfte man in Pjöngjang recht gerne sehen, aber für die beiden anderen Parteien kann dass langfristig keine Option sein. Daher sollten sich die beiden Steuermänner aus Washington und Seoul erstmal überlegen, wo sie hinwollen, dann die Route in ihre Seekarte zeichnen und dann einfach nur noch Kurs halten (wobei sie sich weder von rauer See, noch davon, dass Kim mit seinem angeschlagenen Seelenverkäufer am Horizont die Piratenflagge hisst, zum Abdrehen bewegen lassen sollten). Die anderen Alternativen sind meiner Meinung nach wenig prickelnd: Entweder das Planlose rumschippern führt irgendwann doch noch zu einer Kollision, was meist an beiden Schiffen Schäden hinterlässt, oder man hofft, dass Kims Kutter dochnoch irgendwann absäuft. Nur hat man bis dahin dann keine Möglichkeit Einfluss auf seine Geisterfahrt zu nehmen, und muss sich dann zu guter letzt noch um die Seeleute kümmern, die man ja nicht einfach so verrecken lassen kann.

Hoffen wir also, dass die Parteien langfristig nen sicheren Hafen anpeilen und das Schiffeversenken (im übertragenen wie im realen Sinn) schön bleiben lassen.

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