Von der Schwierigkeit über Nordkorea zu recherchieren (II, Namen)

Oder: Warum Kim Jong Il gleich Kim Jongil ist, nicht aber gleich Kim Yong Il

Eine Sache, die bei der Recherche zu Nordkorea (und natürlich auch Südkorea) immer wieder ärgerlich ist, ist die, dass man sich scheinbar nicht auf eine einheitliche Schreibweise für Eigennamen einigen kann. Den meisten, die sich ein bisschen eingehender mit der Materie beschäftigt haben dürfte zum Beispiel aufgefallen sein, dass Kim Jong Il auch schonmal Kim Jong-il oder gar Kim Jongil heißt. Was genau sein Vorname ist, da scheint sich auch nicht jeder so richtig sicher zu sein. Aber klar, ob da jetzt Kim Jong il oder Kim Jongil oder sonst ne Abwandlung steht, dass ist nicht so schlimm, man weiß ja um wen es geht. Aber neben der Frage mit Bindestrich oder nicht, was klein und was groß oder ganz zusammen gibts ja noch andere Probleme. Die Namen werden nämlich auch oft mit unterschiedlichen Buchstaben transkribiert wie zum Beispiel Kim Dae-jung, der auch recht häufig als Kim Dae-jong (Oder natürlich Kim Dae Jung) zu finden ist. Schwieriger wird das Ganze, wenn man zum Beispiel was über nordkoreanische Politiker recherchieren möchte, oder nach einem bestimmten Buchautor sucht. Hier kann es schnell passieren, dass man nur einen Teil der Meldungen findet, weil zwei Namensvarianten existieren. Deshalb kann die uneinheitliche Schreibweise von Name mitunter ganzschön nervig sein. Daher hab ich versucht, mal die grundlegenden Infos, die einem unbedarften Europäer ohne jegliche Kenntnisse der koreanischen Sprache (ich zum Beispiel) bei solchen Problemen weiterhelfen könnten, zusammenzutragen.

Die Nordkoreanische Schrift und die verschiedenen Transkriptionssysteme

Zuerst mal zu den Grundlagen, die zu einer solchen Vielfalt von „Interpretationen“ koreanischer Namen führt. Wie ja allgemein bekannt ist, besitzt die koreanische Sprache ein eigenes Zeichensystem. Die koreanische Schrift wird Hangul genannt und naturgemäß gehen aus diesem eigenen Alphabet spezifische Konsonanten und Vokale hervor, die nicht oder nur selten ein zu eins in unsere lateinischen Schriftzeichen und Ausspracheregeln übersetzt werden können. Durch diese Tatsache entsteht das Problem der korrekten Übersetzung (was noch zusätzlich erschwert wird durch die Tatsache, dass die Aussprachen bestimmter Laute je Position im Wort variiert, wie das ja in vielen Sprachen der Fall ist). Zwar gibt es Regeln für die Umschrift und damit Übersetzung der koreanischen Sprache ins lateinische Alphabet, allerdings nicht nur eine, sondern mehrere. Die Romanisierungsform, der auch im deutschen Raum weitestgehend gefolgt wird (allerdings in einer leicht abgewandelten Form für die Umsetzung von Namen) ist die McCune-Reischauer Romanisierung, die in den 1930er Jahren von zwei Amerikanern (überraschenderweise McCune und Reischauer) entwickelt wurde und sich weitgehend an einer für englische Leser geeigneten phonetischen Wiedergabe koreanischer Worte orientiert. Die offizielle Romanisierung Nordkoreas lehnt sich weitgehend an diese Form an. Eine weitere Romanisierugsform ist die Yale-Romanisierung die für amerikanische Soldaten entwickelt wurde, aber zunehmend aus dem Gebrauch verschwindet. Seit dem Jahr 2000 gilt in Südkorea die Revidierte Romanisierung, die zwar an die McCune-Reischauer Romanisierung angelehnt ist, aber in einigen Bereichen deutliche Unterschiede enthält. In Südkorea ist man allerdings recht „wechselfreudig“, was die Romanisierungsart angeht. Seit den 1940ern ist die aktuelle die vierte Romanisierungsregel. Daher beachtet die Bevölkerung die offiziellen Romanisierungsregeln im privaten Gebrauch auch eher weniger. Und weil die Romanisierung des eigenen Namens nach eigenem Gutdünken vorgenommen werden kann, werden sehr viele koreanische Namen nach keiner der offiziellen Regeln romanisiert. Werden dann die Namen noch zusätzlich (zum Beispiel von westlichen Medien) nach einer der bestehenden Regeln romanisiert, hat man schonmal oft (zumindest) zwei Schreibweisen mit unterschiedlichen Buchstaben (was bei einer Google Suche oft sehr hinderlich ist).

Vornamen, Nachnamen und ihre Varianten

Diese Regelvielfalt setzt sich auch bei der Frage fort, ob der Name zusammen, auseinander, mit Bindestrich, was groß, was klein, usw. geschrieben werden soll. Und auch hier ist es wieder so, dass im Endeffekt der Namensträger selbst entscheiden kann, wie es geschrieben wird. Koreanische Namen bestehen für gewöhnlich aus drei Silben. Im koreanischen Schriftsystem wird der normalerweise einsilbige Familienname im Gegensatz zu den von uns gewohnten Konventionen an erster Stelle geschrieben (Wie generell im ostasiatischen Raum). Das „Kim“ von Kim Jong Il ist also der Familiennamen (übrigens mit etwa 21 % der häufigste in Korea wobei ich glaub die Zahl ist eher im Süden erhoben), genau wie Roh oder Lee die Familiennamen von ehemaligen und aktuellen südkoreanischen Präsidenten sind. Allerdings setzen manche Koreaner ihren Familiennamen bei der Romanisierung zur leichteren Lesbarkeit für das westliche Publikum an die letzte Stelle. Hier fällt mir als Beispiel der ehemalige südkoreanische Präsident Syngman Rhee ein. Die Vornamen bestehen für gewöhnlich aus zwei Silben. Da im koreanischen Schriftsystem jede Silbe als ein Zeichenblock geschrieben wird, besteht der Vorname folglich aus zwei Blöcken, woraus sich ergibt, dass eine Übersetzung wie „Jong Il“ oder „Dae Jung“ die schriftliche Trennung am ehesten Wiedergibt, jedoch nicht die Tatsache, dass es sich um einen Namen handelt. Daher werden nach McCune-Reischauer die beiden Silben durch einen Bindestrich verbunden, wobei die zweite Silbe klein geschrieben wird. Also zum Beispiel „Jong-il“ oder „Dae-jung“. In der seit 2000 in Südkorea geltenden Modifikation des McCune-Reischauer Systems werden die Vornamen dagegen zusammengeschrieben. Also zum Beispiel „Jongil“ oder „Daejung“. Eine von der HU-Berlin veröffentlichte Dissertation (die sich zwar vor allem an Bibliothekare richtet, die damit vermutlich noch mehr zu kämpfen haben, als normalsterbliche Koreainteressierte, die allerdings für eine Vertiefung der Materie auch gut geeignet ist) hat untersucht, welchen Regeln Autoren bei der Umsetzung ihrer eigenen Namen gefolgt sind. Das erstaunliche Ergebnis: Weder die offizielle Schreibweise von 2000 (0) noch die in Deutschland genutzte Form (1) wurden wirklich angewandt. Der Großteil der Autoren setzten ihren Vornamen vor den Nachnamen, wobei sowohl die Form Zusammen (Jongil) als auch mit Bindestrich verbunden, beide Silben groß (Jong-Il) bzw. die zweite Silbe klein (Jong-il) und getrennt, alle Silben groß (Jong Il) genutzt wurden. Was dann soviel heißt wie: In welcher Form die Silben des Vornamens verbunden sind, ist im Endeffekt egal, man muss vergleichen ob die Silben gleich sind oder nicht.

Gleicher Name verschiedene Umsetzung

Dem kann allerdings die oben genannte Tatsache im Wege stehen, dass die Umsetzung der Zeichen von jedem selbst vorgenommen werden kann, so dass für  uns recht unterschiedlich klingende Namen dabei rauskommen können. Aus der genannten Dissertation mal zwei Beispiele, die sich jetzt nur auf Nachnamen beziehen, aber demonstrieren können, welche Ausmaße das Ganze annimmt: So kamen bei einen Nachnamen, der in der Untersuchung 58 mal Vorkam die Umsetzungen Chung, Jung, Jeong, Cheong, Chong, Choung, Jeung und Tschong vor, für einen anderen Namen gab es die Umsetzungen Lee, Yi, Rhee, Lie, Rhie und Ri. Kann also sein, dass der ehemalige Präsident Syngman Rhee (man könnte natürlich auch Rhee Syng-man oder Rhee Syng Man schreiben) eigentlich den gleichen Familiennamen hat wie der heutige Präsident Lee Myung-bak.

Was tun bei der Recherche?

So, dass ist jetzt alles schön und gut, aber gibts eine Patentlösung um diese Probleme zu umschiffen, um also über eine Person ausgiebig zu recherchieren, ohne dass einem die Hälfte der Informationen wegen unterschiedlicher Schreibweisen durchs Raster fällt? Also ein guter Ansatz (der Beste vermutlich), wäre, koreanisch zu lernen. Aber dazu hat wohl nicht jeder Zeit, ich auch nicht. Ansonsten gibts nur ein paar Sachen die man sich merken kann.

  1. Für gewöhnlich steht der Familienname vor dem Vornamen, allerdings kann es auch anders herum vorkommen, also davon nicht irritieren lassen.
  2. Generell sollte man damit rechnen, dass der Vorname in verschiedenen Formen, also zusammen, auseinander (beide groß oder nur der Erste groß) oder durch Bindestrich verbunden vorkommen. Also ist es angesagt drauf zu achten ob die Silben gleich sind.
  3. Werden die Silben getrennt und alle groß geschrieben, kann es schwierig werden festzustellen, ob der Familienname der erste oder der letzte Name ist. Hier gibts keine Patentlösung aber man kann schauen ob der gleiche Name in einer anderen Schreibweise, also durch Bindestrich verbunden oder Zusammen vorkommt, was die Identifikation des Familiennamens ermöglicht. Außerdem gibt’s in Korea (wenn ich das richtig verstanden hab) nur 177 Nachnamen (allerdings in den verschiedenen Abwandlungen. Daher kann man auch erstmal schauen, ob einer der typischen Nachnamen („Kim“ zum Beispiel) vorkommt.
  4. Namen können auch in verschiedenen Buchstaben wiedergegeben werden. Dies stellt wohl die größte Herausforderung bei der Recherche dar. Anhaltspunkte, in welchen verschiedenen Formen die Namen vorkommen können, findet man zum Beispiel in der oben genannten Arbeit der HU-Berlin. Ansonsten ist es manchmal Hilfreich die Recherche nicht über den Namen der Person, sondern über seine Funktion zu führen. Also vielleicht eher bei Google: „Außenminister“ und „Nordkorea“ eingeben statt „Park Eui-chun„, weil bei letzterem Suchkriterium werden Berichte, in denen der gute Mann „Pak Ui Chun“ heißt, wohl eher rausfallen.
  5. Gleichzeitig muss man aber auch aufpassen, dass man nicht zwei verschiedene Personen für eine hält. Prominentes Beispiel hierfür ist zum Beispiel die Verwechslungsgefahr zwischen dem Geliebten Führer Kim Jong Il und Premierminister Kim Yong Il. Gerade auf niedrigeren bzw. weniger prominenten politischen Ebenen geht da glaub ich einiges durcheinander. Zum Beispiel die Tatsache, dass eine  Variante des Namens von Kim Jong Ils drittem Sohn Kim Jong Woon (meistens wird er Kim Jong-un genannt) gleichzeitig auch eine Form ist, den Namen eines südkoreanischen Pop-Sängers zu schreiben.
  6. Insgesamt muss man sich ein bisschen mehr auf den gesunden Menschenverstand verlassen als bei „normalen“ Recherchen. Also nicht denken: Krass Kim Jong Ils Sohn ist Popstar in Südkorea oder so, sondern im Zweifel noch  bisschen mehr nachlesen. Und natürlich nicht sofort aufgeben, wenns nur wenig Ergebnisse für einen Namen gibt, sondern vielleicht nach anderen Namensvarianten „fahnden“.

So, soviel hierzu. Vielleicht zum Abschluss noch was dazu, wie ichs denn mit den Namen halte. Im Allgemeinen versuche ich die in ne einheitliche Form zu bringen (nach McCune-Reischauer), was so aussieht: „Kim Dae-jung“. Also zuerst der Familienname, dann der Vorname durch einen Bindestrich verbunden. Zwei Ausnahmen gibt es: Kim Jong Il und Kim Il Sung. Warum? Keine Ahnung. Ich bin an diese Schreibweise gewöhnt und die meisten anderen Leute auch. Sie gefällt mir am besten. Das sollte reichen.

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