Nordkorea, die Gefahr aus dem Netz!?

Update (26.02.2010): Der Autor von Zirkumflex hat sich etwas näher mit dem nordkoreanischen Gegenstück zu MS Word beschäftigt. Changdeok heißt das gute Stück, und wenn ihr mehr über die Special Features des Programms erfahren wollt, klickt am Besten mal hier rein.

Ursprünglicher Beitrag (19.12.2009): In den vergangenen Tagen war es mal wieder so weit. Irgendein Schlaumeier im Dienst der US-Armee in Südkorea hat eine Tür sperrangelweit offen gelassen, die für computeraffine Personen mit Interesse an sensiblen militärischen Infos von höchstem Interesse war. Dementsprechend ergriffen solche Menschen, die eine IP-Adresse in China nutzten, die Chance und griffen geheime Aufmarschpläne der US-Armee in Korea ab. Ok, in diesem Fall ist es ja noch relativ naheliegend, dass eine Verbindung zu Nordkorea bestehen könnte. Aber generell hat es sich in den vergangenen Jahren zu einem gern genommenen Reflex entwickelt, Nordkoreas geheime Computer-Brigade für so ziemlich alle Schandtaten im Internet verantwortlich zu machen. Vermutlich hat Kim Jong Il jedesmal persönlich die Finger im Spiel, wenn auf irgendeinem Rechner in Südkorea, Japan oder den USA eine Festplatte verschmort. Aber andererseits. So ganz abwegig ist das Ganze ja dann doch wieder nicht…Ok, eigentlich schon recht abwegig. Ein Land, in dem sich Medienberichten zufolge ein Großteil der Bevölkerung von Wurzeln ernährt, dass alle entbehrlichen Ressourcen dem Militär und seinem Nuklearprogramm zukommen lässt. Dieses Land hat seit seiner schweren Krise in den 1990er Jahren eine beachtliche Hacker Truppe zum Zwecke eventueller asymmetrischer Kriegsführung auf die Beine gestellt. Echt? Wenn man sich so die staatlich verantworteten (oder zumindest genehmigte) Internetauftritte des Landes anschaut, die etwas altbacken daherkommen, bzw. stillgelegt sind, kann man das kaum glauben. Aber naja, schauen wir uns mal das an, was es an Fakten dazu gibt.

Eine nordkoreanische Cyber-Brigade?

Seit einigen Jahren berichten besorgte Quellen mit erstaunlicher Frequenz von der Gefahr, die durch die nordkoreanische Hackerbrigade droht. Das wachsenden Potential Nordkoreas zur Cyber-Kriegsführung wird allerdings meist durch Gerüchte oder Informationen von Flüchtlingen, die in diesem Projekt eine große Rolle gespielt haben wollen, belegt. Wirklich stichhaltiges gibt es kaum. Es werden Zahlen zwischen 100 und 1.000 Mitgliedern der „Hacker-Brigade“ genannt, aber auch die Möglichkeit zur Ausbildung von etwa 100 Hackern jährlich. Der Truppe wird einiges zugetraut. So sollen sie bereits im Jahr 2006 in der Lage gewesen sein, das US-Pazifik-Kommando „lähmen“ zu können und den Netzwerken in den USA erheblichen Schaden zuzufügen. Agieren sollen die nordkoreanischen Hacker aus dem Ausland (ach wie praktisch: Dann warens ja im Zweifel immer die Nordkoreaner). Aber wirklich zuschreiben kann man ihnen bisher nicht besonders viel. Der relativ prominent gewordenen Angriff auf US-Regierungshomepages (u.a. das Weiße Haus) kam allem Anschein nach aus Großbritannien und ob die Hackerarmee ausgerechnet von daaus agiert, das ist dann wohl doch eher zweifelhaft!

Nordkoreas IT Errungenschaften

Soviel zu dem was den Nordkoreanern zugeschrieben wird. Aber was können sie denn wirklich? Sehen wir uns erstmal dieses Commercial des Korean Computer Center (KCC) an.

Hm, sieht jetzt nicht besonders Hightechmäßig aus (wenn ihr noch mehr über das KCC wissen wollt, guckt mal hier), aber immerhin haben sie das Selbstbewusstsein nach internationalen Kooperationspartnern zu suchen. Außerdem scheinen sie Zugang zu westlicher Technologie (zumindest zu Dell Monitoren) zu haben (und natürlich liegt das Hauptquartier in einer landschaftlich ansprechenden Umgebung und es gibt tolle Brunnen). Im KCC scheinen Programm wie ein Übersetzer „Englisch-Koreanisch„, ein Simulationsprogramm für Weltraumreisen (für Schulkinder) und Programme zur Geschichte und traditionellen Kleidung Koreas geschrieben zu werden, will man KCNA glauben. Klingt jetzt auch nicht nach Spitzen IT. Aber vielleicht ist das ja auch so, weil die wirklich guten Spezialisten zu Superhackern ausgebildet werden.

Fünfte Kolonne in Europa?

Achja, noch ne interessante Fußnote, die ebenfalls nicht für die größte Kompetenz in Korea spricht: Die Seite „Naenara“ auf der sich Nordkorea vorstellt, seine Sichtweisen zum Besten gibt und moderne Vermarktungsmethoden nutzt (und das alles recht zeitgemäß und in Deutsch, Französisch, Englisch, Spanisch, Russisch, Japanisch, Chinesisch, Arabisch und natürlich Koreanisch) wird nicht aus Nordkorea betrieben. Nein, die Firma die dafür verantwortlich zeichnet, die KCCE („E“ für Europa) sitzt auf unserem Kontinent und, um genauer zu sein, sitzt sie in Deutschland, in Berlin „nahe der Botschaft der Koreanischen Demokratischen Volksrepublik (KDVR)“ und hat einen „Exklusiv-Vertrag zum Zweck der Errichtung, Einrichtung und kommerziellen Nutzung des Internets in der KDVR“. Da wundert man sich doch, dass man davon noch nichts gehört hat. Aber scheinbar scheint man in Nordkorea nicht in der Lage oder Willens zu sein, sich selbst um das Internet zu kümmern. Naja, ich werd die Augen hinsichtlich der KCCE offenhalten…

Und was schließt man so daraus? Also ich glaube, dass die Bedrohung durch Nordkoreas Cyber-Brigade bei weitem nicht die Größte Gefahr ist, die von Nordkorea ausgeht. Vermutlich kann man die ganz gut als Sündenbock nutzen, wenns irgendwo im Gebälk des WWW knackt, oder wenn sich einer nen Spass draus macht, Obamas Homepage anzugreifen. Sollte es doch anders sein, dann sind die Nordkoreaner wirklich großartig darin, ihre großartigen Fähigkeiten zu verbergen. Aber man weiß ja nie….

2 Antworten

  1. Hi Tobi …und nicht zu vergessen der triumphale ( überlege gerade, ob ich Anführungsstrichel setzen soll oder nicht. Ach nein, lassen wir es bei dem reinen Triumph) Sieg des KCC beim 3. Internationalen „GO -Computer-Programm Wettbewerb“ Anfang Dezember in Japan. ( Genau, das sind nicht die Geher – (wär ja auch Quatsch mitten im Winter) , sondern ist dieses ostasiatische Brettspiel ( Koreanisch „baduk“ [ 바둑] genannt“).
    Immerhin haben sich die Nordkoreaner dort u.a. gegen die Spitzenteams aus Japan, USA und Frankreich durch gesetzt -sagt zumindest KCNA (http://www.kcna.co.jp/index-e.htm , Meldung vom 7 DEC ). Man habe wegen der „reaktionären feindlichen Politik Japans gegen die KDVR“ aber nur „ordinary computers“ nutzen können – und trotzdem gewonnen… Das Ding haben sie nun wohl schon zum 7. mal gewonnen – also zumindest scheinen sie schon zu wissen, wie man Computer einschaltet …😉 Das erinnert ein bisschen an die verflossene Sowjetunion, die ein hochtechnologisches Raumfahrtprogramm hatte und andererseits Probleme eine funktionierende Grundversorgung der Bevölkerung zu organisieren…
    Ob’s nun gleich für die ihnen zugeschriebenen Cyber Attacks reicht – keine Ahnung… vllcht ja, aber wohl eher nein..

    Gruß

    TheHouty

    • „Go“ ist immerhin n echt komplexes Spiel (zuminedst für meine Maßstäbe) mit ganzschönvielen Varianten. Hab mich mal gegen einen ders etwas konnte darin versucht und bin untergegangen.
      Achja, der Klassenfeind, hier die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap berichtet auch über den Triumph der Programmierer vom KCC und fügt noch hinzu, dass Nordkorea bereits 1998 einen Preis für sein AI-Programm gewonnen und damit internationale Aufmerksamkeit erregt hat.
      Also es gibt zumindest Leute dort, die mit dem Computer umgehen können. Was mich nervt ist dieser Reflex unserer Medien immer direkt Nordkorea als als den Täter darzustellen und dabei ohne eigene Recherchen irgendwelche Pressemeldungen aus den USA oder Südkorea zu übernehmen. Aber für unmöglich halte ich es auch nicht, dass Kims „Hackerbrigade“ (klingt echt spektakulär) hinter der einen oder anderen Attacke steckt.

Meinungen, Anregungen, Kritik? Alles gern gesehen!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s