Nordkoreas Zukunft. Wie wahrscheinlich ist eine „rumänische Option“?

Dieses Jahr ist ja das Jahr der Jahrestage schlechthin, also zumindest in (Ost-)Europa. Und anlässlich des wohl letzten bedeutenden Jubiläums in diesem Jahr, das in Rumänien begangen wird, hielt ich es für angebracht in diesem Zusammenhang etwas zu schreiben. Zuerstmal zum rumänischen Jubiläum: Gestern vor zwanzig Jahren endete das Regime Ceausescu im Gegensatz zu den anderen Übergängen im Ostblock mit blutigen Auseinandersetzungen. Ceausescu wollte Proteste der Bevölkerung gewaltsam niederschlagen lassen, doch die Armee verwährte ihm die Gefolgschaft, so dass er sich nurnoch auf den Geheimdienst Securitate stützen konnte. Am ersten Weihnachtstag vor zwanzig Jahren wurden der Diktator Nikolae und seine Frau Elena, die von der Armee gefangen genommen und durch ein Schnelltribunal abgeurteilt worden waren, vor laufenden Kameras hingerichtet. Bilder des Vorgangs wurden dann später Landesweit im Fernsehen ausgestrahlt. Darauf flauten die Kämpfe zwischen Securitate und Armee ab.

Und da kommt dann auch schon Nordkorea ins Spiel. Wer sich ein bisschen mit der Materie beschäftigt hat, dem dürfte aufgefallen sein, dass es so eine Art Glaubenskrieg über die Zukunft des Landes gibt. Manche warten nun schon seit dem revolutionären Wandel des Ostblocks auf ähnliche Ereignisse in Nordkorea (recht plastisch hat Joshua, der Autor von One Free Korea sein Warten auf das, was er den „Ceausescu Moment“ nennt, also den Moment, in dem die Angst vor seinem Volk in Kims Augen sehen kann, beschrieben), andere haben das Warten zugunsten einer neutralen „Wenn nichts unvorhersehbares kommt, kann es noch lange dauern“ Position aufgegeben und wieder andere glauben, dass das Regime nach wie vor relativ fest im Sattel sitzt. Ich weiß es nicht, würde mich aber am Ehesten der mittleren Position anschließen. Aber seis drum, auf jeden Fall haben sich schon ganzschön viele Wissenschaftler mit irgendwelchen Vorhersagen zum Ende Nordkoreas ganz schön in die Nesseln gesetzt. Und am Ende wissen wir halt erst morgen was morgen passieren wird. Mit der „rumänische Option“ wie ichs oben mal großspurig genannt habe, meine ich einen plötzlichen revolutionären Wechsel, der auch gewaltsame Auseinandersetzungen innerhalb der staatlichen Institutionen beinhaltet. Auch Kim Jong Il scheint sich der Möglichkeit einer solchen Option bewusst zu sein und lässt sich allem Anschein nach das Ende Ceausescus als mahnendes Beispiel dienen.Die Möglichkeit einer rumänischen Option in Nordkorea halte ich beachtenswert, weil es eine Vielzahl von Parallelen zwischen Ceausescus Rumänien und Kim Jong Ils Nordkorea gibt. Zuerst einmal ist da der Personenkult zu nennen, den Ceausescu ähnlich wie Kim Il Sung und heute Kim Jong Il kultiviert hatte (Er hatte sich dabei unter anderem Nordkorea zum Vorbild genommen). Damit verbunden hatte Ceausescu ähnlich wie Nordkorea eine Art nationalistische Ideologie entwickelt. Auch in der Machtausübung ähnelte Ceausescus Vorgehen dem Kim Jong Ils. Auch in Rumänien waren wichtige Führungspositionen von Familienmitgliedern Ceausescus besetzt und auch dort wurde der Machterhalt nicht zuletzt durch Klientelismus gesichert. Weiterhin ähnelt die wirtschaftliche Situation (und auch die Bevölkerungszahl) Nordkoreas der damaligen Lage in Rumänien. Stromausfälle waren an der Regel und grundlegende Konsumgüter und Nahrungsmittel waren knapp (Ceausescu hatte ähnlich wie Kim Il Sung in den 1970er übermäßige Schulden im Ausland gemacht. Allerdings zahlte er diese, anders als Nordkorea, wieder zurück, was zu Engpässen bei der Versorgung führte. 1989 waren die Schulden abbezahlt, aber davon hatte Ceausescu ja nicht mehr viel).Diesen Parallelen stehen jedoch einige offene Fragen und Gegensätze gegenüber. Ceausescus Armee bestand aus rund 100.000 Mann, während Kim Jong Il das Zehnfache aufbieten kann. Im Gegensatz zur damaligen Lage in Rumänien ist es in Nordkorea eher unwahrscheinlich, dass die Armee sich gegen Kim Jong Il stellt. Einerseits hat das Militär im Zuge der Songun-Politik an Einfluss und auch an Zugriff auf Ressourcen gewonnen. Andererseits hat Kim es verstanden, durch geschickte Machtpolitik eine Balance zwischen verschiedenen Interessengruppen innerhalb des Regimes wie auch des Militärs zu schaffen. Dadurch konnten das Aufkommen eventueller Widerstände entweder von vorneherein verhindert, oder frühzeitig erkannt werden. Der Sicherheitsapparat ist darüber hinaus wesentlich stärker ausgebaut und die Zahl unterschiedlicher Sicherheitseinheiten mit unterschiedlichen Kompetenz und Zuordnung größer, so dass vermutlich auf mehr militärische bzw. paramilitärische Ressourcen zurückgegriffen werden kann. Desweiteren sind äußere Impulse die dem damaligen Niedergang der kommunistischen Systeme in fast allen Staaten Osteuropas auch nur annähernd ähneln könnten, nur schwer vorstellbar. Und ohne diesen Impuls hätte sich die Geschichte in Rumänien sicherlich anders entwickelt. Die Abgeschlossenheit des Landes in Verbindung mit der anhaltend starken Indoktrination macht es darüber hinaus schwer zu ergründen, inwiefern die Idee von weitreichendem organisiertem Widerstand gegen Kim Jong Il für die Bevölkerung überhaupt vorstellbar ist. Weiterhin zeigen Vorgänge wie die kürzlich durchgeführte Währungsreform, dass selbst tiefgreifende Einschnitte in das Leben der Bevölkerung scheinbar ohne größeren Widerstand erduldet werden.Aus den oben aufgeführten Gründen, halte ich eine rumänische Option, die mit der Erschießung Kim Jong Ils endet für äußerst unwahrscheinlich bis unmöglich. Solange er in der Lage ist seine Regierungsgeschäfte auszuführen, ist Widerstand aus den Reihen der Eliten kaum zu erwarten. Wenn sich allerdings sein Gesundheitszustand so sehr verschlechtert, dass er die Geschäfte nicht mehr führen kann, oder wenn gar ein Nachfolger eingesetzt wird, dann funktionieren alte Kontrollmechanismen und Loyalitäten gegenüber den Eliten nicht mehr (Vielleicht sogar gegenüber dem Volk). Der neue Führer muss schnell einen neuen Herrschaftsmodus entwickeln, oder ist zum Scheitern verurteilt. Daher wird die Frage eines Regierungswechsels erst mit dem Tod oder der Regierungsunfähigkeit Kim Jong Ils akut werden.Wer mehr zum Thema Rumänien und Nordkorea lesen will, dem kann ich die folgenden Quellen ans Herz legen: Sehr ausführlich zur Herrschaftslegitimation Ceausescus ist dieses Buchkapitel. Dieses Working Paper geht auf Systemaffinitäten zwischen dem nordkoreanischen Regime und dem Ceausescus Rumänien ein. Greg Scarlatoiu beschreibt in seinem sehr aktuellen Beitrag die Relevanz des Militärs bei einem möglichen Post Kim Jong Il Systemwechsel vor dem Hintergrund der Erfahrungen in Rumänien (Wobei ich nicht in allen Punkten seiner Meinung bin).

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