Reichert Nordkorea bereits seit 1996 Uran zum Bau von Nuklearwaffen an? Und wenn ja: Na und?

Einem Bericht der südkoreanischen Nachrichtenagentur Yonhap zufolge, der auf einem Exklusivinterview mit dem südkoreanischen Außenminister Yu Myung-hwan beruht, begann Nordkorea bereits 1996 mit dem Aufbau eines auf Uran basierenden Nuklearprogramms. Gerüchte und Streitigkeiten bezüglich dieses Programms führten zu einem Zusammenbruch der Sechs-Parteien-Gespräche im Jahr 2002 und sorgten auch in der Folge immer wieder für Konflikte, die einer möglichen Annäherung zwischen den USA und Nordkorea im Wege standen. Im September 2009 gab Nordkorea offiziell bekannt, die abschließende Phase der Urananreicherung erreicht zu haben und gestand damit erstmals die Existenz eines solchen Programms ein.

Die Frage nach der Existenz oder nicht-Existenz eines auf Uran basierenden Nuklearprogramms ist vor allem deswegen kritisch, weil eine erfolgreiche Urananreicherung einen zweiten (und dazu einfacheren) Weg zum Bau von Nuklearwaffen eröffnen würde (neben dem bekannten auf Plutonium basierenden Programm, dass immer wieder im Zusammenhang mit den Anlagen rund um Yongbyon im Gespräch ist). Außerdem würde die jahrelange Leugnung dieses Programms Nordkoreas auftreten im Rahmen der Verhandlungen mit den anderen Parteien seit 1996 in einem noch kritischeren Licht erscheinen lassen und damit möglicherweise auch ein Hindernis für weitere Gespräche zur Denuklearisierung Nordkoreas darstellen. Nordkorea wiederum würde ein weiteres Pfund besitzen, mit dem es in möglichen Verhandlungen wuchern könnte (und dass es wuchern wird, daran besteht wohl kaum ein Zweifel, den Nordkorea tu nichts lieber als wuchern…).

Nun aber mal zurück zu den Aussagen von Außenminister Yu Myung-hwan: Er sagte, dass Nordkorea möglicherweise seit 1994, aber sicher seit 1996 ein auf Uran basierendes Nuklearprogramm betreibt und dass dieses Programm möglicherweise genutzt werden solle, um höhere Zugeständnisse im Rahmen der Sechs-Parteien-Gespräche zu erzielen. Was die Ausmaße und die Menge produzierten Uran angeht, konnte Minister Yu keine konkreten Angaben machen. Bezüglich einer Einigung im Nuklearkonflikt brachte Yu ähnlich wie Südkoreas Präsident Lee Myung-bak einen „grand bargain“ ins Gespräch, eine Paketlösung, bei der alle Fragen der Denuklearisierung Nordkoreas auf einmal gelöst werden sollen. Der Ansatz Schritt für Schritt vorzugehen und schwierige Fragen auszuklammern bzw. zu verschieben, würde Nordkorea nur dazu dienen, mehr Zugeständnisse von den anderen Teilnehmern der Sechs-Parteien-Gespräche zu ergattern.

Die Aussagen Yus bringen eigentlich nicht viel Neues. Seine Behauptung, dass Nordkorea bereits seit 1996 an einem auf Uran basierendem Nuklearprogramm arbeite belegt er nicht mit einer Quelle. Vermutlich beruht diese Aussage also auf Geheimdienstinformationen. Aber was können diese Infos wert sein, wenn er nichts über das Ausmaß des Programms und die Menge des produzierten Urans sagen kann? Nicht sehr viel meiner Meinung nach. Generell scheint es Nordkorea bisher äußerst gut zu gelungen zu sein, sensible Informationen vor den hochgerüsteten Geheimdiensten Südkoreas und der USA zu verbergen. Dieses Faktum allein scheint mir schon recht erstaunlich in Anbetracht der Tatsache, dass seit 2002 ein begründeter Verdacht bestand Nordkorea könnte ein auf Uran basierendes Nuklearprogramm verfolgen. Und was macht man wenn man einen solchen Verdacht hat? Man schickt seine Geheimdienste los. Und was haben die in den letzten (mindestens) 8 Jahren gefunden? Genau: Scheinbar nichts bis auf das Erkenntnis, dass Nordkorea ein auf Uran basierendes Nuklearprogramm besitzt. Nicht besonders schwer rauszufinden wenn man bedenkt, dass Nordkoreas Nachrichtenagentur KCNA das vor ein paar Monaten selbst bekanntgegeben hat. Aber wer weiß, vielleicht weiß man noch was mehr. Aber hätte man damit in der angespannten Situation, die bis vor ein paar Monaten gab hinter dem Berg gehalten? Wohl eher nicht. Ein solches Wissen wäre das perfekte Mittel gewesen, Nordkorea im Vorfeld möglicher Verhandlungen einen Schuss vor den Bug zu geben und zu zeigen, dass das Regime in Pjöngjang im eigenen Land doch nicht alles unter Kontrolle hat. Hat es aber, zumindest was seinen Militärapparat angeht, wohl doch.

Bleibt nur noch die Frage, was Yu mit dem Interview bezweckt hat. Nachdem in den letzten Tagen von beiden Seiten der Demilitarisierten Zone versöhnliche Signale zu hören waren (Nordkorea verkündete, sich für ein beständiges Friedenssystem auf der Koreanischen Halbinsel einsetzen zu wollen während gleichzeitig Lee Myung-bak ein Gipfeltreffen mit Kim Jong Il in Betracht zu ziehen scheint) könnten die Aussagen Yus dazu dienen, die Position Südkoreas nochmal klarzustellen und darüber hinaus nach Pjöngjang zu signalisieren, dass sowohl für die Sechs-Parteien-Gespräche als auch für einen möglichen Gipfel die vollständige Aufdeckung der Aktivitäten rund um das auf Uran basierende Nuklearprogramm notwendig sind. Außerdem ist das Interview als Botschaft ans eigene Volk zu verstehen, dass die Regierung Lee Myung-bak nicht dieselben Fehler wie die progressiven Vorgängerregierungen machen wird. Nämlich Nordkorea Zeit (und Geld) zu schenken, ohne handfeste Gegenleistungen dafür zu bekommen.

Welche Erkenntnisse hat Yus Gespräch mit Yonhap also gebracht? Eigentlich nicht viele. Es wurde nur widergekäut, was eh schon bekannt war. Das einzige Ergebnis das für mich bleibt ist jenes, dass es dem Regime in Pjöngjang auch weiterhin gelingt, das Land effektiv nach außen hin abzuschirmen, während die Schlapphüte aus Südkorea und den USA scheinbar nicht vielmehr Infos zusammentragen können, als es mit Hilfe von Google zu finden gibt (Aber mit seinen Geheimdiensten hat Präsident Obama ja momentan eh so seine Problemchen! Einmal finden sie den Unterhosenbomber von Detroit nicht, dann lassen sie sich von Doppelagenten in Afghanistan in die Luft sprengen…). Nimmt man dies zum Maßstab, so scheint das Sicherheitsgefüge Nordkoreas weder durch Korruption noch durch Auflösungserscheinungen aufgrund von Geldmangel oder inneren Reibereien besonders tangiert zu sein.

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