Wohin bewegen sich die innerkoreanischen Beziehungen? Nach Artilleriebeschuss Gipfelangebot von Südkoreas Präsident

Die Situation auf der Koreanischen Halbinsel bleibt weiterhin unklar. Zwar schoss Nordkorea heute, im Gegensatz zu den vorherigen Tagen, allem Anschein nach keine Artilleriegeschosse in Richtung der „Northern Limit Line“ (NLL) ab. Allerdings wurde bisher auch nicht bekanntgegeben, dass die Militärübung in deren Rahmen die Schüsse erfolgt waren, beendet sei. Eher versöhnliche Gesten, die irgendwie so gar nicht zu dieser gespannten Situation passen wollen, kamen in den vergangenen Tagen aus Südkorea. Am Donnerstag wurden Schritte eingeleitet, die zur Fortführung der Gespräche um das Kooperationsprojekt in Kaesong dienen. Vor allem aber erklärte der südkoreanische Präsident Lee Myung-bak gestern in einem Interview, dass er zu einem Gipfeltreffen mit Kim Jong Il bereit sei. Ein Pressesprecher des südkoreanischen Präsidenten führte weiter aus, ein Gipfel müsse zu konkreten und substantiellen Fortschritten bei der Denuklearisierung der Koreanischen Halbinsel und bezüglich der bilateralen Beziehungen beider Länder führen und nicht nur als ein Gipfel um des Gipfels willen oder aus strategischen Erwägungen stattfinden. Bezüglich der nordkoreanischen Artillerieübung im Gelben Meer merkte Präsident Lee, in der ersten offiziellen Stellungnahme zu diesem Thema, nur an: „It is not desirable for North Korea to make this kind of threat.“

Diese Gesten scheinen kurz nach den provokanten Aktionen Nordkoreas und der ebenfalls nicht eben versöhnlichen Rhetorik durch Südkoreas Verteidigungsminister Kim Tae-young, sowie der Veröffentlichung einer Studie durch das Korean Institute for National Unification, die ein Ende des Regimes in Pjöngjang bis 2012 für sehr wahrscheinlich hielt, überraschend. Jedoch sind dabei meiner Meinung nach einige Punkte zu beachten:

  1. Die Aussage Lee Myung-baks folgt der Regierungslinie der letzten Zeit, ist damit eigentlich nicht neu. Lee will einen Gipfel mit Ergebnissen und ohne irgendwelche Forderungen Nordkoreas. Diese Bedingungen sollen verhindern, dass am Ende Nordkorea der einzige Nutznießer eines solchen Zusammentreffens wäre.
  2. Die Kooperation auf niedrigerer Ebene, wie zum Beispiel in Bezug auf Kaesong läuft unbeeinflusst von den beiderseitigen eher provokativen Vorgehensweisen weiter. Dies, wie auch die Aussage Lees können als Zeichen gewertet werden, dass man in Südkorea nicht willens ist, sich in seiner Vorgehensweise von nordkoreanischen Provokationen beeinflussen zu lassen. Es kann auch als Signal nach Pjöngjang gewertet werden, dass man Nordkoreas Spiel durchschaut habe. Der Ausdruck „nicht wünschenswert“ bezüglich des nordkoreanischen Artilleriefeuers klingt dabei ja fast schon herablassend.
  3. Lees Aussage kann als Versuch gesehen werden, den Ball zurück ins nordkoreanische Feld zu spielen. Nordkorea hat mit seinen versöhnlichen Gesten gegenüber den USA versucht, die anderen Parteien unter Zugzwang zu setzen und sich selbst als friedenswillig darzustellen. Hiermit setzt nun Lee Myung-bak die nordkoreanische Seite unter einen ähnlichen Zugzwang. Er zeigt sich gesprächsbereit und lösungsorientiert. Wenn Nordkorea ähnliche Ziele verfolgt, muss es in irgendeiner Art auf das Angebot eingehen.
  4. Irgendwie hat man das Gefühl, dass Südkorea in Teilen nordkoreanische Strategien adaptiert. Man reagiert auf Provokation mit eigener Provokation, man ignoriert manche Drohgebärden gänzlich, so wie Nordkorea mitunter Angebote komplett ignoriert und man reagiert auf doppelbödige Angebote mit eigenen doppelbödigen Angeboten (Wenn ich mich mit Spieltheorie etwas besser auskennen würde, wäre es sicherlich interessant die Vorgehensweisen beider Seiten mit dieser Methode zu analysieren.). Ob dieses Vorgehen am Ende auf einen guten Weg führt kann ich wirklich nicht sagen, aber es scheint mir eine interessante Modifikation der vorher eher harten Haltung Lees.

Was lernt man aus alledem? Keine Ahnung, es sind nur Beobachtungen und es kommt letztendlich auf die Ziele und den Erfolgsdruck beider Parteien an. Sind erstere zu gegensätzlich kann das ganze Spiel noch lange so weiter gehen, ohne dass sich konkrete Fortschritte ergeben. Ist der gefühlte Erfolgsdruck, vor allem auf nordkoreanischer Seite, groß, so sind Fortschritte wahrscheinlicher. Interessant wird es auch zu beobachten sein, wie Nordkorea auf die (von mir empfundene) Modifizierung der südkoreanischen Strategie reagieren wird. Wird man versuchen neue Gegenstrategien zu entwickeln, oder mit dem altbekannten: „Bei Unzufriedenheit die Provokationen so lange erhöhen, bis die andere Seite einlenkt“ fortfahren. Wir werden sehen und ich bin gespannt. Gespannt bin ich übrigens auch, ob Nordkorea weiterhin von Zeit zu Zeit ins Gelbe Meer schießen wird, oder ob man das Manöver (im doppelten Sinn) wegen Erfolglosigkeit eingestellt hat.

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