Was man aus Nordkoreas Zensus lernen kann…von Emanzipation, Analphabeten und Militärgröße

Ich hab mir eben den Zensus Nordkoreas nochmal etwas genauer angeschaut. Die wichtigsten Erkenntnisse stehen ja schon im Factsheet und was da steht muss ich ja nun wirklich nicht nochmal replizieren (sind ja nur vier Seiten zum durchlesen). Außerdem wurden die Ergebnisse ja auch in den Medien etwas näher beleuchtet und was da steht, muss ich ja eigentlich auch nicht widergeben (vor allem weil es mir bei den meisten Artikeln so vorkommt, als hätten die Autoren  auch nur das Factsheet überflogen). Aber ein paar Sachen sind mir trotzdem noch aufgefallen. Ist nicht alles besonders wichtig, teilweise eher kurios, aber für die meisten Leute gibts ja nen Unterschied zwischen wichtig und interessant (und manche finden interessantes lesenswert obwohl es nicht wichtig ist). Dementsprechend möchte ich euch das, was mir abseits vom Factsheet und der Medienberichterstattung so aufgefallen ist, kurz widergeben.

Nordkorea nicht interessant für Einwanderer…

Die Zahlen der dauerhaft sesshaften Ausländer in Nordkorea sind so ungefähr an hundert Händen abzuzählen. Es gibt 533 davon. Außerdem scheint die Attraktivität des Landes in den vergangenen Jahren deutlich abgenommen zu haben. Über zwei Drittel dieser Gruppe sind 65 Jahre und älter. Außerdem existiert ein deutliches Geschlechterungleichgewicht. 475 der dauerhaft sesshaften Ausländer sind Frauen, nur 58 Männer. Scheinbar war es in früheren Jahrzehnten für Väter wesentlich attraktiver, ihre Töchter einem nordkoreanischen Mann zu geben. Heute scheinen weder Väter noch Töchter einen Gedanken daran zu verschwenden. Aber dann bleibt die koreanische Volksgemeinschaft wenigstens frei von geistiger (und genetischer) Infiltration… (S. 32)

Die Lebensplanung: Heiraten fest im Visier, Scheidung fast ausgeschlossen…

Das Gros der Nordkoreaner heiratet in einem Alter zwischen 25 und 30 Jahren. Bis zum Alter von 35 ist man dann mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit unter der Haube. Weniger als 60.000 Menschen die älter als 35 sind, haben noch nie geheiratet. Und wenn man sich erstmal in feste Hände begeben hat, scheint es unwahrscheinlich zu sein, sich nochmal aus den Fängen des/der Angetrauten zu befreien (Es sei denn, dass gute alte „Bis das der Tod euch scheidet“ tritt in Kraft). Es gibt nur 79.000 Menschen in Nordkorea die in Scheidung leben (Allerdings ohne die, die wiederverheiratet sind). Dabei ist bemerkenswert, dass es viermal soviele Frauen gibt, die in Scheidung leben als Männer. Das starke Geschlecht scheint über den Trennungsschmerz wohl recht gut wegzukommen oder aber Frauen haben nach der Scheidung ein für alle mal genug vom Eheleben.

Noch ein kleines Kuriosum nebenbei: Es gibt mehr verheiratete Frauen als Männer in Nordkorea (um genau zu sein 23). Wie das wohl sein kann? Ich weiß es nicht, aber vielleicht sind die Männer vermisste aus dem Krieg oder so (An nen Messfehler will ich nicht so recht glauben, denn der wäre von den gewissenhaften nordkoreanischen Statistikern sicherlich mit spitzer Feder und Radiergummi „korrigiert“ worden). (S. 42)

Analphabeten? Gibts nicht!

Das steht zwar im Factsheet, fand ich aber so kurios, dass ich mir die Zahlen nochmal genauer angeschaut habe: Es gibt von 20 Millionen Menschen in den relevanten Altersgruppen 326 Analphabeten. Von denen ist dann nochmal der Großteil über 70 Jahre alt. In anderen Altersgruppen gibt es genau 75. Da kann sich das deutsche Bildungssystem ja echt nochmal ne Scheibe abschneiden (Allein im deutschen TV gibts glaub ich mehr als in ganz Nordkorea. Zurzeit gibts zum Beispiel jeden Tag 10 davon im Vorabendprogramm von RTL II zu betrachten.). (S.109)

Emanzipation? Scheinbar nicht…

Beim Aufbau der sozialistischen Gesellschaft nach nordkoreanischem Modell scheint die Gleichberechtigung von Mann und Frau nur eine begrenzte Rolle zu spielen. Zwar ist auch in Nordkorea ein Großteil der Frauen berufstätig, allerdings gibt es, folgt man der Erhebung,  keinen Mann im arbeitsfähigen Alter (bis 60), der sich hauptsächlich mit „Housework“ beschäftigt, aber fast 800.000 Frauen. Insgesamt scheint Housework eher ein Frauending zu sein. Alles in Allem beschäftigen sich nur knapp 5.000 Männer damit, aber fast eine Million Frauen. Dafür dürfen Frauen aber scheinbar früher in die Rente gehen als Männer. Während kein Mann unter 60 Jahren als Rentner deklariert ist sind es mit immerhin ca. 343.000 Frauen 10 % der Rentnerinnen. (S. 174)

Rückschlüsse auf die Zahl der Militärangehörigen?

Zwischen den Zeilen lesend kann man auf die Zahl der Nordkoreaner schließen, die in Kasernen oder militärischen Objekten wohnhaft sind. Zu manchen Themen wurden alle Nordkoreaner in privaten Wohnungen, in „institutional living quarters“ und in „military camps“ befragt, zu Anderen nur solche, die in privaten oder „institutional“ Wohnungen leben. Ich weiß nicht genau, ob es auch Militärangehörige gibt, die in privaten oder „institutional living quarters“ wohnen, allerdings halte ich es für äußerst unwahrscheinlich, dass Soldaten in privaten Wohnungen untergebracht sind und die „institutional quarters“ beziehen sich wohl eher auf Beamten etc. Auf jeden Fall kommt man, wenn man die Differenz zwischen den Statistiken nimmt auf eine Zahl um 1,1 Millionen. Das ist etwas weniger als die 1,2 Millionen die gewöhnlich angegeben werden aber wesentlich mehr als die 700.000, die in Medienberichten unter Berufung auf diesen Zensus genannt wurden (Leider hat man dort nicht den Rechenweg angegeben).

Bevölkerungszahlen und Hungersnot, was man sehen kann und was nicht…

Die Hungersnot die Nordkorea in den 1990er Jahren heimgesucht hat, ist ja noch immer nicht wirklich erforscht. Mittlerweile liegen zwar einige wirklich gute Arbeiten dazu vor, aber die genannten Zahlen haben noch immer eine recht große Schwankungsbreite. Lässt man die Extreme (3,5 Millionen Tote, die einige Menschenrechtsorganisationen nannten und 300.000 Tote, die Nordkorea benannte) mal außen vor, schwanken die Zahlen noch immer zwischen einer und zwei Millionen Toten. Eberstadt und Banister nannten für 1991 ein Bevölkerungswachstum von 1,9 % und aus dem Zensus Nordkoreas geht für 1993 eine Bevölkerungszahl von 21,21 Millionen hervor. Hätte die Bevölkerung seit 1993 mit der angegebenen Wachstumsrate weiter zugenommen, wären 1998 23,3 Millionen Menschen erreicht worden und 2008 28,13, es waren aber nur 24,05 Millionen. Also gab es irgendwo einen Knick in der Wachstumsrate, der, Blickt man von heute auf die letzten 15 Jahre zurück dazu führt, dass diese Rate nur noch 0,85 % jährliches Bevölkerungswachstum bewirkt. Allerdings war die Rate des Bevölkerungswachstums in Nordkorea schon vorher starken Schwankungen unterworfen. So betrug sie Anfang der 1960er Jahre 2,7 %, 1970 3,6 % und 1975 1,9 %. 1991 wurde sie trotz fallender Geburtenrate noch immer auf 1,9 % geschätzt. Mit diesen Zahlen bestimmte Prognosen und Ergebnisse betrachte ich allgemein mit Vorsicht, da ich mir über die Verlässlichkeit der Zahlen nicht ganz sicher bin. Was aber bei Betrachtung des Zensus weiterhin auffällt ist eine Alterskohorte, die im Gegensatz zu den früheren und späteren Kohorten um etwa 10 % größer ist. Und diese Kohorte ist die, die 2008 zwischen 10 und 14 Jahre alt war, also genau in den Jahren geboren ist in denen in Nordkorea die Hungersnot besonders schlimm wütete. Es fällt weiterhin auf, dass die Altersgruppe die 1998 zwischen 10 und 14 Jahren alt war, mehr als 15 % kleiner als die vorherige und die und dass generell die Gruppen die in diesem Jahr zwischen 10 und 25 Jahre alt waren, Ausreißer nach unten darstellen und zahlenmäßig wesentlich kleiner ausfallen, als die umgebenden Kohorten. Was das bedeutet kann ich nicht sagen, allerdings ich es recht interessant. Die Auswirkungen der Hungersnot scheinen sich deutlich in der Altersverteilung und dem Bevölkerungswachstum Nordkoreas in den letzten 15 Jahren widerzuspiegeln. (S. 27)

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