Nordkoreas innenpolitische Strategie: Steht eine Abkehr von Songun an?

Eben hab ich bei KCNA einen sehr interessanten Artikel gelesen. Also ich war nicht der Einzige der sich den angeschaut hat; Yonhap und Monsters and Critics scheinen auch einen Blick drauf geworfen zu haben. Allerdings springen mir beide Analysen des Beitrages von KCNA etwas zu kurz, weshalb ich mich wohl oder übel (ja stimmt schon, KCNA Nachrichten zu analysieren ist so ähnlich wie eine tiefenpsychologische Interpretation von Heinos Liedtexten, aber da steckt ja auch immer was wahres im Kern (Haselnüsse sind braun, Enzian blau)) auch ein bisschen damit befassen werde.

Was im Artikel steht…

Der Artikel beschäftigt sich anfänglich mit ausländischen Medienberichten, die ein durchweg düsteres Bild von der aktuellen Lage in Nordkorea zeichnen. Hier werden die in letzter Zeit wieder häufiger aufkeimenden Gerüchte über Kims Gesundheitszustand (finde ich auch erstaunlich, da es eigentlich keine neuen Infos darüber zu geben scheint), die Berichte über eine baldige Destabilisierung des Regimes (die momentan ja ungefähr im Dreitagesrhythmus lanciert werden, ebenfalls  ohne wirklich handfestes zu nennen und wahrscheinlich auf die Wirkungen der gescheiterten Währungsreform hoffen), Warnungen vor Waffenschmuggel und nuklearer Aufrüstung (die mit gutem Grund geäußert werden) und Proliferation (wohl eher in die Kategorie Panikmache einzuordnen), nordkoreanische Arbeiter, die im Ausland sind um Devisen für Nordkorea zu erwirtschaften (sind sie) und die Verpachtung von Teilen des Hafens in Rajin (wie ausländische Medien das zu „Propagandazwecken“ missbrauchen sollen versteh ich nicht ganz).

Various kinds of „reports“ are pouring in to give impression that „contingency“ is imminent in the DPRK and wild rumors about even the health of the supreme leader are afloat. There are „analysis and comment“ that shortage of food and economic difficulties are more serious than those in the 1990s due to the „failure of monetary reform“.

There is also misinformation that the DPRK continues missile and other arms smuggling, its nuclear capacity is being steadily bolstered up, there is concern about its possible proliferation of nuclear weapons and it is opening Rajin Port and sending workers to foreign countries en masse in a bid to earn foreign currency due to financial difficulties. The scenario for vituperation seems to know no bound.

KCNA sieht diese Maßnahmen als „schwarze Propaganda“ die der Wiederbelebung von Nordkoreas Wirtschaft entgegenwirken soll. Potentielle Investoren sollen durch dieses negative Bild abgeschreckt werden. Und dann wird es meiner Meinung nach wirklich interessant. Da schreibt KCNA nämlich:

After bolstering up its nuclear deterrent strong enough to check the outbreak of a war in the Korean Peninsula, the government of the DPRK has been concentrating its efforts on the economic construction and the improvement of people’s standard of living since last year.

Warum ich das für bedeutend halte, werde ich später näher ausführen (aber vermutlich kommt da dem Einen oder Anderen schon ne Idee). Darauf folgend wird (nicht ganz unbegründet) auf die Erfolge bei der Gewinnung ausländischer Investments in der jüngsten Vergangenheit verwiesen.

Dann kommt KCNA wieder zurück zu der Strategie der USA und Südkoreas. Man beschreibt die innenpolitische Position der US-Regierung als von Schwäche und Angst gekennzeichnet. Die Zwischenwahlen Ende diesen Jahres würden Washington davor zurückschrecken lassen, eine Verhandlungslösung mit Nordkorea konsequent weiterzuverfolgen, da dies von den Gegnern als weiteres Zeichen der Schwäche gewertet und im Wahlkampf ausgenutzt werden würde. Und folglich,

the Obama administration advocated „strategic patience.“ In other words, it contends this attitude is not prompted by its incompetence and it does not make haste but waits for something as the DPRK government seems not to last long.

Eine ähnliche Wartestrategie würde auch Lee Myung-bak verfolgen. Allerdings, so KCNA, würde eine solche Strategie nicht weit führen, wie die Vergangenheit gezeigt habe. Als die Clinton Administration während der großen Hungersnot in den 1990ern nur auf das Ende des Regimes gewartet hat, habe man den „arduous march“ triumphal beendet und den ersten Test einer Taepodong II (KCNA schreibt natürlich, man habe den Satelliten Kwangmyongsong-I in die Umlaufbahn geschossen, aber wir wissen ja was gemeint ist und sie wissen ja auch, dass wir wissen was gemeint ist) durchgeführt. Als dann die Bush Administration mit ihrem Achsen-Gefasel (Das steht so nicht da, sondern ist meine Meinung) wieder zu einer Abwarte- und Verzögerungstaktik überging, habe man mit zwei Nukleartest und dem Start des Satelliten Kwangmyongsong-II (ihr wisst ja…) geantwortet. Das ist dann wohl als eine Art Drohung zu lesen, was passieren wird wenn man weiterhin nach dem Motto „waiting is a strategy“ verfährt. Also ist den Führern in Pjöngjang tatsächlich noch keine Alternative Vorgehensweise zu der „ich-verhalte-mich-wie-ein-ungezogenes-Kind-und-mache-Stress-bis-ich-bekomme-was-ich-will Strategie“ eingefallen zu sein.

Hier die Verbildlichung der Strategie:

Und dann wird es im letzten Absatz nochmal interessant.

The DPRK will witness the appearance of a light water reactor power plant relying on its own nuclear fuel in the near future in the 2010s in the wake of mass-production of Juche iron and Juche-based vinalon cotton, its reply to them.

Vom selbstständigen Bau eines Leichtwasserreaktors (LWR) war bisher nie die Rede, aber die Erwähnung ist schon ein interessanter Hinweis. Einerseits scheint man tatsächlich das für den Betrieb eines solchen Reaktors notwendige Uran anzureichern (Aber davon sprach man ja schon länger bei KCNA), andererseits kann das als Hinweis auf eigene Stärke verstanden werden, denn ein solches Projekt gegen UN-Sanktionen auf die Beine zu stellen dürfte nicht besonders einfach sein (vielleicht, aber ich schaue gerade tief in den Kaffeesatz, kann man hier auch einen Verweis auf den Iran sehen, in dem Zusammenhang spricht man ja in letzter Zeit recht viel von LWRs).

…und was es bedeutet: 1. Wir wissen was ihr vorhabt

Nun aber zu dem was ich eigentlich interessant an diesem Artikel finde. Also zuerst mal finde ich, dass im Beitrag die aktuelle Situation recht scharf analysiert wird. Es ist ja selten, dass man in den nordkoreanischen Medien auf die westliche Medienberichterstattung eingeht und hier werden gleich einige interessante Punkte angesprochen. Nicht nur den Nordkoreanern, sondern auch unabhängigen Beobachtern (zumindest einem) könnte die Intensität, mit der zurzeit Gerüchte über den Gesundheitszustand Kims, einem Auseinanderbrechen des Regimes oder nukleare Proliferation (zumindest das Erste und das Dritte sind nichts mehr, schaut man sich die Substanz der Berichte mal genauer an) gestreut werden, wie eine Kampagne erscheinen die die öffentliche Meinung in die Richtung wenden soll, dass ein Handeln unter den gegebenen Umständen nicht notwendig ist, da es mit dem Regime in Pjöngjang ja ohnehin zuende geht. Weiterhin hält der Artikel vor allen Dingen den USA in gewisser Weise den Spiegel vor. Die Beschuldigungen, das außenpolitische Handeln der Obama-Administration sei von der Angst vor innenpolitischen Konsequenzen motiviert kann man wohl nicht ganz zur Seite schieben. Das man eine Hinhaltestrategie fährt auch nicht vollkommen (obwohl man den USA hier zugutehalten muss, dass die Reise von Stephen Bosworth schon ein Schritt war. Aber was Bosworth in  Pjöngjang zu sagen hatte, das weiß man nicht, daher ist es schwer festzustellen, ob es ein Mediencoup („seht her unter Obama spricht man mit den Bösewichten) oder ein tatsächliches Zugeständnis war).

2. Ratet was wir vorhaben

Und damit komme ich schon zum ersten Knackpunkt des Artikels. Der Verweis auf die Vergangenheit und die Strategie der Provokation, die Pjöngjang schon seit langem zu einer der Hauptstrategien seiner Außenpolitik gemacht hat ist natürlich nicht falsch. Man hat provoziert und man hat damit Erfolge erzielt. Gleichzeitig entblößt es aber auch die große Schwäche der Strategie worüber ich ja schon vorgestern geschrieben habe. Man ist damit so ziemlich am Ende der Fahnenstange angekommen. Die (implizite) Drohung mit neuen Provokationen ist also nur ein weiterer hilfloser Versuch, die Selbstsicherheit mit der die USA und Südkorea agieren, zu erschüttern. Aber das ist ja alles nichts wirklich Neues.

3. Genug „military first“? Kommt jetzt „economy first“?

Als Punkt von wirklicher Tragweite sehe ich etwas Anderes. Man schreibt, dass man die nukleare Abschreckung nun in einem solchen Maß ausgebaut habe, dass ein Krieg auf der koreanischen Halbinsel nun unwahrscheinlich sei, sodass man nun zum ökonomischen Aufbau übergehen könne. Das hört sich für mich ja fast so an, als sei man mit seiner militärischen Abschreckung weitgehend zufrieden und würde nun seine Prioritäten zugunsten der Wirtschaft ändern. Wichtig finde ich das, weil ich es im Zusammenhang mit dem Schlagwort „Songun Chongch’i„, der „Militär-zuerst-Politik“ Nordkoreas, sehe. Diese Politik stellt das Militär ins Zentrum der sozialistischen Entwicklung des Landes, das heißt, nicht nur der Versorgung des Militärs wird Priorität gewährt, sondern das Militär wird auch als treibende Kraft hinter der Entwicklung gesehen. Grundlegend unter anderem dadurch, dass das Militär für Frieden sorgt, ohne den die Entwicklung nicht voranschreiten kann. Die Songun Politik ist eng verbunden mit den politischen Entwicklungen in Nordkorea, seit Kim Jong Il das Ruder übernommen hat. Er hat diese entwickelt und bereits 1995 erstmals erwähn. Teilweise nahmen Beobachter an, dass Songun Juche als Ideologie ersetzen würde, oder dass sich Nordkorea  im Gefolge dieser Politik zu einer (verdeckten) Militärdiktatur gewandelt habe. Jedoch beruft Nordkorea selbst sich immer wieder auf Juche und sieht Songun eher als Kim Jong Ils Ergänzung zu Kim Il Sungs Juche. Von Analysten wird der Entwicklung von Songun eine große Bedeutung für Kim Jong Ils Legitimation innerhalb des nordkoreanischen Regimes zugesprochen. Einerseits hat er damit das Militär ins Boot geholt, andererseits hat er der Ideologie des Landes damit bedeutende eigene Elemente hinzugefügt und sich somit sozusagen in die DNA Nordkoreas eingeschrieben. Tja, und nun sagt man: Wir sind zufrieden mit unserer militärischen Abschreckung und können uns deshalb der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes zuwenden. Für mich hört sich das so an wie: „Kim Jong Ils Songun Politik hat funktioniert jetzt ist Platz für eine neue Ergänzung von Juche“ (die dann möglicherweise Kim Jong-un entwickeln kann), würde doch hervorragend passen. Achja und das wäre natürlich auch ein glänzender Beleg dafür, dass das Militär trotz Songun nicht mehr ist, als ein Werkzeug der Partei/Führung, das unter deren vollen Kontrolle steht. Geht man von diesen Annahmen aus, haben sich auch Spekulationen um die Stabilität des Regimes vorerst erübrigt, denn würde man, wenn man seine Macht bröckeln sieht, sein wichtigstes Schild in inneren wie äußeren Konflikten vor den Kopf stoßen indem man sagt: „Guter Job, danke dafür aber ihr habt jetzt nicht mehr erste Priorität.“? Wohl nicht.

Naja und deswegen kann man aus diesem Artikel eine graduelle Abwendung vom Militär und eine Hinwendung zur Wirtschaft lesen, was eine grundlegende Änderung der innenpolitischen Linie darstellen würde. In diesem Zusammenhang ist vielleicht auch noch der Hinweis darauf interessant, dass im letzten Abschnitt Juche nochmal stark gemacht wird, es also zur Berufung auf Kim Il Sung (Die Familie…) und wieder zu stärkerer Hinwendung zur alten Politik kommt. Mit diesem Thema könnte man auch die jüngsten Erfolge und Maßnahmen Nordkoreas bei der wirtschaftlichen Entwicklung verknüpfen. Es wurden bedeutende Investments gewonnen und man hat Maßnahmen eingeleitet, die zur Gewinnung weiterer Investitionen genutzt werden könnten. In dieses Bild passt auch der Bericht, dass der jüngere Bruder von Lakshim Mittal, dem Chef von Arcelor-Mittal, dem größten Stahlkonzern der Welt, gestern mit einer Delegation des Konzerns in Pjöngjang eingetroffen ist.

War da noch was? Achja, das Uran…

Deshalb erachte ich den Artikel als wichtig. Ok, das man für LWRs Uran braucht stimmt schon, kommt mir aber eher unwichtig vor. Ganz einfach: Hat Nordkorea nicht vor einem halben Jahr in einer Pressemeldung bekanntgegeben, man würde nun Uran in großem Maßstab anzureichern beginnen. Ja hat es. Aber da hat dann wohl mal wieder der gute alte Medienreflex zugeschlagen: Alles was von da kommt ist Propaganda und daher gelogen. Als Nordkorea bis vor einem halben Jahr behauptete, man reichere kein Uran an, waren sich alle Sicher, dass das nicht stimmen könne. Als man dann bekanntgab man reichere Uran an, kam das dann vielen komisch vor. Aber jetzt, weil es nicht direkt geschrieben wird, sondern nur als „hint“ durch die Hintertür, da kann man dann wieder wild drauflos schreiben. Aber die Medien wollen ja auch ihr Geld verdienen, und Schlüsselwörter wie „URAN“ ziehen da halt besser, als abstrakte und langweilige innenpolitische Veränderungen die mit komplizierten Theorien wie „Songun“ zusammenhängen.

Abschließende Relativierung

Achja, natürlich ist das ganze mal wieder nur ein Interpretationsversuch meinerseits und was da dran ist und was nicht…Tja, da hilft nur abwarten und Kaffesatz lesen…

Meinungen, Anregungen, Kritik? Alles gern gesehen!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s