Der Untergang der Cheonan – Keine neuen Fakten aber viele neue Artikel: Was dahinter stecken könnte

Es gibt weiterhin nicht viel Neues Rund um Nordkorea. Annähernd alle Meldungen beziehen sich auf den Untergang der Cheonan (Das südkoreanische Schiff war vor etwa drei Wochen nahe der Seegrenze zu Nordkorea gesunken und die Ursache ist bisher nicht geklärt, aber die Möglichkeit das Nordkorea dafür verantwortlich sein könnte, ist bisher noch nicht ausgeschlossen worden). Das finde ich nach wie vor erstaunlich, weil es noch immer keine neuen Fakten gibt. Die Untersuchungen des gehobenen Teils der Cheonan ergaben bisher nur, dass die Katastrophe die vermutlich 46 Todesopfer (Die Leichen von 38 Seeleuten wurden gefunden, acht werden weiterhin vermisst) gefordert hat, sehr wahrscheinlich von einer Explosion außerhalb des Schiffes verursacht wurde. Dieser Umstand war zuvor auch schon durch Aussagen der Schiffsbesatzung als am Wahrscheinlichsten angesehen worden. Allerdings wurde bisher nicht näher darauf eingegangen, was konkret die Ursache dieser Explosion gewesen sein könnte.

Während also die Möglichkeiten, dass das Schiff auf ein Riff gelaufen sein oder es durch menschliches oder technisches Versagen zu einer Explosion im Inneren des Schiffs gekommen sein könnte, nun fast ausgeschlossen werden können, sind weitergehende Aussagen bisher nicht möglich. Erstaunlicherweise hat sich trotz der Tatsache, dass sich an der Faktenlage kaum etwas geändert hat, der Ton – vor allem in den südkoreanischen Medien – verschärft. Dort ist viel die Rede von Torpedos und Mini-U-Booten und es werden erste Spekulationen laut, wie eine mögliche Vergeltung für den Angriff (der ja bisher nicht bewiesen ist) aussehen könnte. Als Belege dafür, dass ein Torpedoangriff die Wahrscheinlichste Ursache für den Zwischenfall darstellt, werden Gegebenheiten hinzugezogen, die auch schon vor zwei Wochen bekannt waren, damals aber weniger beachtet wurden. Die Regierung hält sich im Gegensatz zu den Medien weiterhin zurück. Südkoreas Präsident Lee Myung-bak erklärte in einer emotionalen Ansprach im südkoreanischen Fernsehen, er werde die Umstände des Untergangs bis ins letzte Detail untersuchen lassen und entschieden und standhaft auf die Ergebnisse reagieren (Wenn man will, kann man in diese Aussagen Hinweise auf und für Nordkorea herauslesen. Viele Medien wollen ofensichtlich).

Weshalb ich mich dieses Themas schon wieder annehme, bevor es nähere Ergebnisse gibt? Das hat damit zu tun, dass es mich überrascht, dass sich die Medien im Vorfeld der Bekanntgabe der Ergebnisse schon scheinbar weitestgehend darauf geeinigt haben, dass Nordkorea die Katastrophe durch einen Torpedoangriff  herbeigeführt hat. Vorreiter ist (mal wieder die Chosun Ilbo), die in den letzten Tagen gleich drei Fässer aufgemacht hat, die mehr oder weniger aussagekräftig als Beleg für die Verwicklung Nordkoreas in die Schiffskatastrophe gelten sollen (Das südkoreanische Militär sei zunehmend überzeugt von einem Angriff Nordkoreas; Es gebe Gerüchte, die auf eine Vergeltungsaktion für das verlorene Seegefecht im Gelben Meer im vergangenen Jahr hinwiesen und Nordkoreas Beteuerungen, nichts mit dem Zwischenfall zu tun zu haben seien unglaubwürdig, da Nordkorea dafür bekannt sei, nicht zu seinen Taten zu stehen). Aber auch die anderen Zeitungen fügen ihre eigenen Ideen hinzu. So sieht die Nation den Besuch einer Geheimdienstmitarbeiterin  kurz nach dem Zwischenfall, die Informationen über nordkoreanische Bewegungen in der fraglichen Zeit mit ihren südkoreanischen Kollegen ausgetauscht hat, als Beleg für eine Beteiligung Nordkoreas genommen. Garniert mit der Aussage, dass immer mehr Experten eine Explosion am Äußeren des Schiffes als Ursache annähmen ergibt das Ganze dann die Schlagzeile: „US Suspects North Korean Involvement in Ship Sinking„. Naja. Aber natürlich bleibt man nicht dabei stehen, nur Nordkoreas Angriff beweisen zu wollen. Da dieses Ziel durch die Vielzahl von „Informationen“ ja quasi schon erreicht ist, kann man ja direkt einen Schritt weitergehen und über die Konsequenzen des Handelns Nordkorea nachdenken. Hier kommt dann vom UN-Sicherheitsrat bis zum militärischen Vorgehen alles auf den Tisch und es werden schonmal Vor- und Nachteile der verschiedenen Vorgehensweisen durchgesprochen.

Und was soll das Alles? Ich habe keine Ahnung, allerdings gibt es verschiedene Möglichkeiten, aufgrund derer man sich in den Medien Südkoreas so auf das Torpedoszenario eingeschossen (Ach wie herrlich die Redewendung zum Kontext passt!) hat. Es könnte natürlich sein, dass intern etwas mehr verlautet, als dann letztlich nach außen dringen soll und darf. Das würde bedeuten die Medien wüssten schon was passiert und würden die Menschen sozusagen vorbereiten und schonmal die öffentliche Diskussion um die weitere Vorgehensweise gegenüber dem Norden anstoßen. Was dagegen spricht ist allerdings die Tatsache, dass Yonhap (deren Autoren normalerweise erst dann etwas schreiben, wenn sie es wissen) sich bei den Spekulationen sehr zurückhält. Eine andere Möglichkeit wäre ne kleine Kampagne um Druck auf Nordkorea zu entfalten. Allerdings ist hier der Sinn der Aktion schwer zu ergründen. Der dritte Hintergrund, den ich sehr interessant finde, hat mit den am zweiten Juni anstehenden Zwischenwahlen in Südkorea zu tun. Das Wall Street Journal weist zum Beispiel darauf hin, dass der Cheonan-Zwischenfall Einfluss auf die Ergebnisse der Zwischenwahlen haben könnte. Das kann ich mir auch sehr gut vorstellen und ich kann mir auch vorstellen, dass das Ergebnis der Untersuchungen je nach Ausgang verschiedenen Parteien nutzen kann. Wäre Nordkorea durch einen Torpedoangriff direkt für den Untergang der Cheonan verantwortlich, so würde das eher dem Präsidenten und seiner GNP nutzen. Lee ist für eine harte Politik gegenüber Nordkorea bekannt und ein solcher Zwischenfall würde ihn in seinem Vorgehen bestätigen, während die Opposition, die teilweise mit der Politik des Ausgleichs von Kim Dae-jung und seinen beiden Nachfolgern in Verbindung gebracht wird, durch eine solche Tatsache eher in Misskredit käme. Wäre das Schiff allerdings auf eine Mine gelaufen, hätte das weniger direkte Auswirkungen oder würde gar ein negatives Licht auf die Arbeit der Regierung werfen, die ihre Armee nicht so ausrüstet, dass eine solche Katastrophe verhindert werden kann. Das Ergebnis der Untersuchung könnte also nicht genau abzusehende Auswirkungen auf das Ergebnis der Wahlen haben. Am sichersten wäre es also, dass Ergebnis der Untersuchung bis nach den Wahlen hinauszuzögern, während es ganz im Sinne der Regierung wäre, wenn sich in der Bevölkerung der Eindruck durchsetzen würde, dass Nordkorea die Cheonan angegriffen hätte. Zu diesem Komplex passen auch Aussagen der für die Untersuchung verantwortlichen, dass es Monate dauern könnte, bis Ergebnisse vorlägen. Bis zu den Wahlen sind es noch sechs Wochen. Naja, ich bin jedenfalls mal gespannt wie schnell die Ermittlungen vorangehen werden und welche Beweise Südkoreas Presse bis dahin noch ausgräbt.

2 Antworten

  1. Ja, warten wir es ab. Ich tendiere Richtung Torpedoangriff, aber auch eine Seemine scheint nicht ganz ausgeschlossen. In einigen Berichten ist zu lesen, dass denkbar ist, dass mit dieser Aktion hauptsächlich Politik innerhalb Nordkoreas betrieben werden sollte (Stichwort: Kim Jong Eun schleichende Machtübernahme). Dieser Ansatz gefällt mir ganz gut.
    Ein Ratespiel bleibt es trotzdem🙂

    • Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich die Sache mit dem Torpedo immernoch für sehr unwahrscheinlich halte (Ich würde sogar so etwa 1,75 € darauf wetten, dass es sich am Ende anders klären wird). Ich bezweifle, dass der Norden in der gegenwärtigen Situation ein solch unkalkulierbares Risiko eingehen würde. Aber wir werden es wohl einfach abwarten müssen.

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