Margaret Chan über Nordkoreas Gesundheitssystem: Licht und Schatten

Über den Besuch der WHO Chefin Margaret Chan in Pjöngjang habe ich ja bereits kürzlich berichtet und ebendas hat sie jetzt auch selbst getan, als sie den Medien ihre Eindrücke die sie dort gewinnen konnte schilderte. Und diese Eindrücke dürften – zumindest in Teilen – für einige Beobachter überraschend gewesen sein. Chan nahm nämlich Abstand von den sonst oft vorherrschenden Horrorszenarien, die die Umstände in Nordkorea beschreiben und zeichnete ein relativ differenziertes Bild der Lage der Gesundheitsversorgung, das sowohl Licht als auch Schatten enthält (Ausdruck üblicher Medienphänomene ist hierbei, dass die Medienvertreter mit einer gemischten Darstellung scheinbar nicht so gut klarkommen. Dementsprechend strichen sie entweder die lichten oder die schattigen Teile nahezu komplett aus ihrer Berichterstattung). Die Spannweite der Headlines reicht daher von: „N.Korea Health system praised“ über „North Korea healthcare enviable – WHO“ bis zu: „WHO chief: North Korea needs stronger health system„. Für jeden Geschmack also etwas dabei, außer natürlich man will einen Gesamtüberblick über das, was Frau Chan sagte. Den hab ich zwar auch, nicht, aber man kann ja versuchen ihn zusammenzupuzzeln:

Wo Licht ist…

Auf der Sonnenseite des nordkoreanischen Gesundheitssystems nennt Frau Chan vor allem die ärztliche Versorgung. Es gäbe keinen Mangel an gut ausgebildeten Ärzten, Krankenschwestern und Hebammen (allerdings nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass diese nicht die Möglichkeit hätten, ihre Arbeit in anderen Ländern zu Markte zu tragen, was in anderen Entwicklungsländern oft das große Problem sei). Auf 130 Familien käme ein Hausarzt. Die ärztliche Versorgung sei (grundsätzlich) für alle Bürger kostenlos zugänglich.

Weiterhin hob sie hervor, dass Nordkorea im Bereich der Gesundheitsversorgung durchaus bereit sei, mit internationalen Organisationen zu kooperieren. Dabei zeige Nordkorea in diesem Bereich die Bereitschaft zu Transparenz, lege gegenüber Organisationen wie dem Global Fund to Fight AIDS Rechenschaft ab und gewähre den Vertretern solcher Organisationen Zugang.

Auch in den Bereichen Impfung, Mutter-Kind-Vorsorge und -Versorgung,  Malaria Bekämpfung und Tuberkulose Behandlung seien deutlich Fortschritte gemacht worden.

Damit steht der Bericht Chans demjenigen ihrer Vorgängerin Gro Harlem Brundtland, die Nordkorea 2001 besuchte und das Gesundheitssystem am Rande des Zusammenbruchs sah, in einigen Teilen entgegen.

…ist auch Schatten…

Auf der eher schattigen Seite sieht Chan unter anderem die Tatsache, dass die medizinische Infrastruktur und die technische Ausrüstung dringend der Erneuerung bedürfen. Weiterhin müsse für eine ausreichende Versorgung mit Medikamenten gesorgt und mehr in die Ausbildung des medizinischen Personals investiert werden um weiterhin einen guten „skill mix“ (whatever, mir fällt keine vernünftige Übersetzung ein) zu garantieren.

Die Ernährungslage müsse weiterhin einen hohen Stellenwert für die Regierung einnehmen. Sie habe schwangere Frauen gesehen die an Unterernährung litten, aber dank der UN-Hilfen habe sich auch hier die Lage in den vergangenen Jahren verbessert.

…und Halbschatten

Manches bleibt aber letztendlich unklar und man sollte in diesen Bereichen die Aussagen Chans nicht überbewerten. Gerade die Frage der Ernährungssituation ist von ihr nicht wirklich einzuschätzen. Die Zeitungen, die eher die positiven Seiten herausstellten beriefen sich auf eine Aussage, sie habe in Pjöngjang nicht feststellen können, dass die Menschen ungewöhnlich klein seien (ein Punkt auf den Berichte westlicher Medien immer wieder abstellen, um die Folgen der Nahrungsmittelknappheit zu belegen). Allerdings ist ein Bericht aus Pjöngjang bei Weitem nicht repräsentativ (Hier leben die Eliten des Landes, die zu vielem privilegierten Zugangang habe). Gerade in den nördlichen Landesteilen, in denen mehr Mitglieder der als „feindlich“ eingestuften Bevölkerungsgruppe leben, dürfte die Lage eine Andere sein. Andererseits wird sich Frau Chan bei ihren Aussagen wohl kaum allein auf ihre eigenen Beobachtungen verlassen haben, sondern dürfte auch auf Berichte ihres „Bodenpersonals““ zurückgegriffen haben. Allerdings sollten die Aussagen Chans nicht als allgemeingültig für die Situation des nordkoreanischen Gesundheitssystems genommen werden, sondern eher als Momentaufnahme. Hierzu passt auch die Aussage, dass Länder, die von ihr besucht würden, immer versuchten „gut auszusehen“, um gleichzeitig einzelne Gebiete herauszustellen, in denen Hilfsbedarf bestehe.

Das Gesundheitssystem: Eine der besseren Seiten Nordkoreas

Meine Licht- und Schattenspiele oben kommen nicht von ungefähr. Sie passen nicht nur zum Bericht von Frau Chan, sondern sollten auch bei der Beurteilung Nordkoreas insgesamt öfter mal Anwendung finden. Das oben Beschriebene macht eines deutlich: Man sollte nicht vorschnell auf Aussagen vertrauen, dass Regime in Pjöngjang investiere das gesamte Staatseinkommen in Atomwaffen, Raketen, Cognac und was die Eliten sonst noch so brauchten, denn das ist schlicht und einfach nicht wahr. Man sieht, dass auch Ressourcen für die Bevölkerung aufgewendet werden. Natürlich sind Gesundheits- und  Bildungssektor (auf dem es wohl etwas schlechter aussieht, wenn ich mich richtig an einen der UNICEF Berichte erinnere, den ich vor einiger Zeit gelesen habe) sozusagen Prestigeprojekte sozialistischer Staaten (ich erinnere mich an einen Bericht von der letzten Woche, der die Leistungen des kubanischen Gesundheitswesen in höchsten Tönen lobte und es in Teilen mit denen entwickelter Länder gleichsetzt) sind, kann man das ja generell kaum kritisieren. Natürlich dürfte das Hauptmotiv für die Gewährung medizinischer Versorgung der Machterhalt sein. Aber hey, ich glaube dass die wenigsten Regierungen der Welt dieses Motiv nicht auch bei all ihrem Handeln im Hinterkopf haben. Und so lange am Ende was Gutes für die Menschen dabei rauskommt, ist das wohl schonmal zu begrüßen. Das man ihnen trotzdem nur eine andere Regierung wünschen kann ist klar. Aber schonmal besser so eine zu haben, die zumindest in der Gesundheitsfürsorge etwas für die Menschen im Land tut, als eine solche, die manchen Berichten unserer Medien entspricht.

Eigentlich hatte ich vorgehabt, dass ganze mit einem generellen Überblick über das nordkoreanische Gesundheitssystem zu verknüpfen. Allerdings hab ich eben schon die 800 Wörter Grenze durchschlagen, so dass das wohl etwas ausufern würde. Daher hier mein Versprechen, dass es in den nächsten Tagen/Wochen einen eher allgemeinen Bericht zum Gesundheitssystem Nordkoreas geben wird.

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