Was macht man wenn man nichts weiß? Man teilt es mit Anderen, oder: Risse in Kims Regime?

Ich habe gestern einen Artikel gelesen, der mich nachdenklich gemacht hat, nicht zuletzt weil er bei mir einen Nerv getroffen hat. Der Beitrag der bei Voice of America und der Chosun Ilbo erschienen ist handelt kurz die Frage eines möglichen Zusammenbruchs Nordkoreas ab. Naja, eigentlich sind solche Artikel ja nichts Neues und eigentlich schwingt die Frage nach einem möglichen Zusammenbruch des Landes oder des Regimes ja in recht vielen Artikeln über Nordkorea implizit mit. Allerdings ist dieser Artikel etwas anders als die Meisten. Er besteht nämlich hauptsächlich aus einer Auflistung von Meinungen verschiedener Experten zu dem Thema. Und Marcus Noland, Gordon Flake und Andrei Lankov sind ja nicht unbedingt Leichtgewichte im Geschäft. Tja und irgendwie habe ich in den letzten Monaten auch öfter mal darüber nachgedacht, ob es diesesmal nicht wirklich zuende gehen könnte mit dem Regime in Pjöngjang. Tja und irgendwie weiß ich nicht das alles einzuschätzen. Daher dachte ich mir, schreib ich einfach mal drüber, vielleicht hilfts ja, die Überlegungen zu ordnen und etwas klarer zu sehen.

Die Frage nach dem „was“

Zur Beschäftigung mit dem Zusammenbruch Nordkoreas gehört eine Frage, die man beantworten muss, bevor man zum eigentlichen Thema kommt. Sonst bewegen sich alle weiteren Überlegungen auf solch schwammigem Terrain, dass man es eigentlich gleich sein lassen könnte. Leider beantworten erstaunlich wenige Analysten (Andrew Scobell ist mit: „Kim Jong Il and North Korea: The Leader and the System“ eine rühmliche Ausnahme) und noch weniger Journalisten die Frage, bevor sie anfangen über den „Zusammenbruch Nordkoreas“ zu schreiben. Es ist die Frage nach dem „was“. Was soll da eigentlich zusammenbrechen? Meint man einen Zusammenbruch der Wirtschaft, des Regimes oder des gesamten Staatswesens? Beantwortet man die Frage nicht, hat man keine  Anhaltspunkte, welche Faktoren für die weitere Analyse wichtig sind und wie gesagt, dann bringt es nicht mehr viel. Die Frage ob die Wirtschaft nicht bereits zusammengebrochen ist wird bzw. wurde einigermaßen kontrovers diskutiert (wobei es dann wiederum darauf ankommt wie man den „Zusammenbruch einer Wirtschaft“ definiert). Wie andererseits der Zusammenbruch des Staatswesens aussehen würde kann man sich ungefähr vorstellen, wenn man den Blick beispielsweise nach Somalia wendet (jedenfalls auf die Teile die, nicht wie Puntland und Somaliland, noch offiziell der Regierung in Mogadischu unterstehen). Allerdings würde das Staatswesen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erst dann kollabieren, wenn dieses Schicksal zuvor dem Regime Kim Jong Ils wiederfahren wäre. Da aber nach einem solchen Regimekollaps so unglaublich viele möglich Szenarien und unbekannte Faktoren im Spiel sind, führt die Frage nach einem Staatskollaps zwangsweise in einen Sumpf wilder Spekulationen. Und wer will schon wild herumraten. Daher ist es meine feste Überzeugung, dass die Frage nach dem „Was soll da überhaupt zusammenbrechen“ sinnvoll nur mit: „Das Regime“ beantwortet werden kann. So aber jetzt nochmal zurück zum Thema. Was passiert mit Nordkorea?

Das „Nordkoreas-Ende-Prophezeien-Spiel“ und seine Geschichte

Dazu Vielleicht ein kurzer Rückblick auf das, was in der Vergangenheit so zu Nordkoreas Zukunftsperspektiven geschrieben wurde. Da gab es nämlich ein paar durchaus interessante Tatsachen, die mich dazu führen, die Vorgänge in Pjöngjang immer recht vorsichtig einzuschätzen. Als die Sowjetunion sich aufgelöst hatte, Kim Il Sung gestorben und das Land immer tiefer in eine epochale Hunger- und Wirtschaftskrise abglitt gab es nämlich kaum noch einen Beobachter, der sich nicht an dem „Nordkoreas-Ende-Prophezeien-Spiel“ beteiligte. Manche hielten sich dabei etwas zurück und erwarteten das Ende „kurz- bis mittelfristig“ (oder beschrieben es mit ähnlich unklaren Phrasen), andere waren mutiger und sagten Jahreszahlen voraus. Den Zeitgeist jener Jahre beschreibt wohl am besten der (sprechende) Titel von Nicholas Eberstadts „The End of North Korea“. Allerdings mussten all jene Autoren ein paar Jahre später zugeben, dass ihre Prophezeiungen danebengegangen waren (manche versuchten sich auch mit schwachen Argumenten rauszureden, indem sie sich die zuvor nicht beantwortete Frage nach dem „was“ zunutze machten und darauf verwiesen, die Wirtschaft sei ja schließlich kollabiert, oder mit dem Finger auf Kim Dae-jung zeigten und dessen Sonnenscheinpolitik für die Weiterexistenz Nordkoreas verantwortlich machten) oder waren einfach eine Zeit lang recht still. Diesen Schock mussten die Analysten erstmal verdauen und dementsprechend gab es in den letzten Jahren kaum Prophezeiungen über das Ende des Regimes in Pjöngjang. Aber jetzt sind Auguren des Untergangs wieder da. Besonders die Tatsache, dass Andrei Lankov glaubt, es ginge zuende mit dem Regime in Pjöngjang gibt zu denken. Denn Lankov hielt sich in der Vergangenheit immer zurück mit solchen Aussagen. Er kennt die Dynamik in Nordkorea vielleicht etwas besser als manch anderer Beobachter, weil er selbst in Pjöngjang studiert hat (1985) und das Land daher aus erster Hand kennt. Naja, auf jeden Fall ist das der Punkt, der mir vor allem an dem Zeitungsartikel zu denken gab.

Es gibt wieder mehr Leute (die sicherlich mehr wissen als wir Normalsterblichen), die glauben es passiert etwas in Pjöngjang, darunter auch solche, die nicht vorschnell solche Einschätzungen äußern. Andererseits haben schon einmal fast alle Analysten danebengelegen, als sie versuchten die Geschehnisse in Pjöngjang vorauszusagen.

Was passiert in Pjöngjang?

Was mich schon länger über die Stabilität des Regims in Pjöngjang nachdenken lässt sind einige Ereignisse in der jüngsten Vergangenheit. Aber auch hier muss ich wieder etwas vorausschicken: Ich bin der Ansicht, dass das Regime nur dann kollabieren kann, wenn es eine Spaltung im Inneren der Eliten gibt. Das Volk allein kann das Regime nicht stürzen. Gibt es aber Kräfte innerhalb des Regimes, die sich Widerstand aus dem Volk zunutze machen wollen, dann kann möglicher Widerstand aus dem Volk ein bedeutender Faktor werden, aber einen Sturz Kims, allein aus den Reihen der Bevölkerung kann man wohl ausschließen. Die Frage ist also, gibt es Konflikte innerhalb des Regimes oder gibt es Faktoren, die solche Konflikte herbeiführen können.

Halten die Eliten zusammen und woran merkt man es wenn nicht?

Ersteres lässt sich nicht von außen feststellen (jedenfalls nicht von mir), aber es gibt Anhaltspunkte dafür. Als Anhaltspunkte sehe ich Ereignisse, die Brüche in der Politik des Landes darstellen. Ich bin davon ausgegangen und gehe immernoch davon aus, dass das Regime gerne zu den Sechs-Parteien-Gesprächen um die Denuklearisierung des Landes zurückkehren würde, um weitere externe Unterstützung für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes zu gewinnen, der Priorität zuerkannt wird. Die Meisten Ereignisse in der jüngeren Vergangenheit (auch das Vorgehen am Kumgangsan) können in diesem Kontext gesehen werden. Man versucht Südkorea und die USA irgendwie in Bewegung zu bringen während man gleichzeitig auch intern Versucht (u.a. mit der Währungsreform, aber auch dem aktiveren Werben um Investoren), der Wirtschaft neue Dynamik zu verleihen. Was in dieses Bild einfach nicht passen würde, wäre die Torpedierung eines südkoreanischen Schiffes ohne jede Vorwarnung. Sollte der Untergang der Cheonan tatsächlich auf einen nordkoreanischen Torpedoangriff zurückzuführen sein, dann wären damit auch sinnbildlich die Versuche torpediert worden, bald an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Und dann ist meiner Meinung nach davon auszugehen, dass innerhalb des Regimes verschiedene Gruppen bestehen, die gegeneinander um die Linie der Politik kämpfen. Wäre dass der Fall, dann müsste man sich tatsächlich auf das Ende des Kim Familien Regimes einstellen (was danach käme steht nochmal auf einem anderen Blatt).

Was das Regime spalten könnte.

Ein Faktor, der zu Konflikten innerhalb des Regimes führen könnte ist etwa so alt wie ich und keiner weiß wie er aussieht. Kim Jong Un. Mittlerweile glaube ich auch, dass seine Nachfolge auf seinen Vater vorbereitet wird. Allerdings wird er vermutlich dafür nicht so viel Zeit haben, wie Kim Jong Il das hatte. Und Zeit ist hier ein entscheidender Punkt. Kim Jong Il konnte die inneren Mechanismen des Regimes kennenlernen, sich eine eigene Führungsstrategie zurechtlegen und vor allen Dingen seine eigenen Netzwerke aus loyalen Funktionären bilden. Für all das hatte Kim Jong Un bisher wenig Zeit. Sollte sein Vater also bald sterben, ist es nur schwer vorstellbar, dass es nicht zu Verwerfungen innerhalb des Regimes käme. Allein seine Ernennung zum Nachfolger könnte schon zu Konflikten geführt haben, aber das sind noch spekulativere Spekulationen, als die, die ich eh schon verbrochen habe.

Naja, wirklich mehr weiß ich noch immer nicht, aber ich erwarte wirklich gespannt weitere Informationen zum Untergang der Cheonan und werde weiterhin im Auge behalten, ob mehr Inkohärenzen in der politischen Linie Nordkoreas auftreten. Entschudligt bitte wenn ihr meine Misslungene Selbstfindung bis zum Ende verfolgt habe und jetzt enttäuscht sein solltet…

15 Antworten

  1. Den Gedanken, dass die Elite ein Interesse daran hat, das Regime aufrecht zu halten, da ihr dadurch persoenliche Vorteile zuteil werden, finde ich interessant.

    Ich weiss nicht, ob Ihr die Google Earth Overlays fuer Nordkorea kennt, in welchen man die „Elite-Ansiedlungen“ sowie die zahlreichen Mansionen erkennen kann, verstreut ueber’s ganze Land. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese alle von Kim Jong Il genutzt werden. Es muss also – ausser dem „lieben Fuehrer – noch andere Menschen geben, die es sich sehr gut gehen lassen. Und ich wage zu behaupten, dass es in keinem Land der Erde solche phantastischen und luxurioesen Anwesen gibt, wie in Nordkorea. Wo sonst gibt es Villen, die einen eigenen unterirdischen Bahnhof haben und per Eisenbahn direkt zu erreichen sind? Die Bahnlinien kann man bei Google Earth erkennen, auch wie sie in der Erde verschwinden. Ich glaube, der Unterschied hinsichtlich Lebensqualitaet zwischen normaler Bevoelkerung und Elite ist extrem. Interessant waere, welchen Anteil die Elite an der Gesamtbevoelkerung macht? Wobei natuerlich die Grenzen fliessend sind, was Elite ist. Bestimmt gibt es auch innerhalb der Elite verschiedene „Klassen“. Falls der Anteil der Elite, die es sich sehr gut gehen laesst, gross genug ist, so kann ich mir vorstellen, dass diese das System aufrechthaelt.

    • Vermutlich meinst du „North Korea Uncovered“ von North Korean Economy Watch. Das ist echt ein tolles Tool und da steckt vermutlich ganzschönviel Arbeit drin. Aber es macht schon Spaß da einfach nur mal rumzugucken.
      Was die Eliten angeht, so ist es natürlich schwer die Zahl abzuschätzen (vermute ich zumindest, weil man eigentlich nie Zahlen dazu findet). Allerdings gibt es ja die berühmte Einteilung in die verschiedenen Gruppen: „Kern-“ „schwankende-“ und „feindliche-“ Gruppe, die wiederum in 51 Untergruppen eingeteilt sind (Kern 12, schwankend 9 und feindlich 30). Während es kaum möglich zu sein scheint in die Kerngruppe aufzusteigen scheint der umgekehrte Weg leichter. Tja und damit sind wir bei den Eliten. Die rekrutieren sich nämlich ausschließlich aus der Kerngruppe, Menschen aus den anderen Gruppen haben eigentlich keine Chance in hohe Ämter zu gelangen. Die Kerngruppe soll in den 1980er Jahren so etwa ein Viertel der Bevölkerung umfasst haben (die feindliche auch und die schwankende den Rest). Zu den Gruppen Kongdan Oh und zu politischen Eliten in Nordkorea generell (wenn auch nicht mehr ganz neu, dafür aber um so umfangreicher Kongdan Oh et al.)
      Generell bin ich auch der Ansicht, dass es nicht zuletzt materielle Anreize sind, die Eliten „bei der Stange“ halten. Aber eben auch die schlechten Aussichten, würde man nicht mehr mitmachen…

  2. Von Nordkorea lernen heißt siegen lernen…!!
    Nordkorea wirbt um ausländische Investoren?
    Wer sollte das sein?
    Wenn ich mir die aktuellen Nachrichten anhöre, denke ich, wir sind demnächst genauso pleite wie Nordkorea jetzt schon ist. Nur die halten diese Pleite schon seit Jahren mehr oder weniger gut durch. Aber wir?
    Was sollen wir tun, wenn bei uns die Winter kalt werden, weil Nordkorea noch ein paar Ölplattformen mehr versenkt hat??(Die waren es doch, oder?)
    Was, wenn der Sprit so teuer ist das bei uns genauso viel Autos fahren wie in Nordkorea, weil es sich keiner mehr leisten kann??
    Die deutschen Arbeitsplätze werden jetzt schon subventioniert. Man könnte ja auch Lebensmittel und andere Berechtigungsscheine verteilen…

    Griechenland und wer noch alles (?) stehen mit dem Rücken zur Wand… Was wenn alles zusammenbricht?
    Da ist es doch gut, Nordkorea als Beispiel zu haben! Die haben durchgehalten und werden es auch weiter tun (oder?)…
    Vielleicht liegt da ja die Zukunft, nur wir sehen es noch nicht?!
    Fragen die beantwortet werden wollen…. oder auch nicht..

    (Ich warte jetzt auf eine Einladung nach Nordkorea!)
    smile

  3. @ Michael: Sehr viele interessante Punkte. Über die Meisten habe ich irgendwann mal mehr oder weniger lange nachgedacht. Eigentlich kann keiner einen Zusammenbruch Nordkoreas wünschen, was Nordkorea auch zu einem Teil seiner Überlebensstrategie gemacht hat. Irgendwie werde ich aber das Gefühl nicht los, dass man dieses Szenario in Seoul mittlerweile zunehmend akzeptabel findet (In den 90ern hat man das ja schonmal in den USA und in Seoul für die „beste“ Lösung gehalten). Nur wäre eine Vereinigung unter den jetzigen Bedingungen wohl kaum zu schultern für den Süden (eigentlich sind die Bedingungen in allen Bereichen wesentlich schlechter als damals in Deutschland). Was also tun, würde Nordkorea zusammenbrechen? Das Land von außen verschließen, nachdem die innere Grenze gefallen ist? China würde damit wohl keine Probleme haben, aber der Süden? Ich weiß es auch nicht? Aber gleichzeitig bin ich der Ansicht, dass die Zeit immer mehr gegen eine Wiedervereinigung läuft. Die Generation, die noch Verwandte auf der anderen Seite kannte, stirbt langsam auf. Irgendwann wird es mehr persönliche Beziehungen zwischen Nordkoreanern und Chinesen geben, als zwischen Nord- und Südkoreanern (außer die Flüchtlingszahlen sollten rapide steigen), und dann braucht es im Süden schon viele Idealisten, um eine so teure Wiedervereinigung auf sich zu nehmen.
    @ Michael + Tollstoii: Was eine Öffnung angeht, so sehe ich den Hinweis aus dem kurzen Bericht von Herrn Klitz als wichtig an: „“Socialism” an official of the Worker’s Party noted, “can not survive in isolation” and concluded that the DPRK was following a “strategy to unclench to the world”.“ Da ist ja sogar das Wort gefallen. Wenn man sich die wirtschaftlichen Aktivitäten der letzten Monate ansieht, dann sieht man (meiner Meinung nach) tatsächlich Veränderungen und ich sehe darin auch einen Wandel in der Politik. Natürlich führt eine graduelle ökonomische Öffnung nicht (zwangsläufig) zu einer Transformation hin zu einer Demokratie, aber es wird etwas mehr Offenheit nötig sein. Und damit könnten Prozesse in Gang gesetzt werden, die langfristig die wirtschaftlich und die humanitäre Situation verbessern. Aber das ist eben ein Prozess, der mit vielen Gefahren (für die Stabilität des Regimes) verbunden ist und von einem krisenhaften Zusammenbruch des Regimes begleitet werden kann. Daher wird das Regime weiter sehr langsam und vorsichtig vorgehen. Ich glaube der Niedergang des Ostblocks hat als warnendes Beispiel gedient, was passieren kann, wenn man mit Wandel und Reformen zu schnell vorangeht. Das Ganze wird deswegen schwer zu beobachten sein, aber ich bin mir sicher, dass diese Entwicklungen seit einiger Zeit eingeläutet wurden und das man weiterhin und verstärkt um ausländische Investoren werben wird.

  4. Wann kann es zu einer, wie auch immer gearteten, Öffnung Nordkoreas kommen? Solange Kim Jong-Il an der Macht ist, wird sich meiner Meinung nach nichts ändern.
    Wie einige hier geschrieben haben, gehe auch ich davon aus, dass von der Bevölkerung kein Aufbegehren zu erwarten ist, völlig egal wie katastrophal die Lebensumstände auch sein mögen.
    Mit dem Tode Kim’s und die daraus resultierende Machtverschiebung – hin zu seinem designierten Nachfolger Kim Jong-un oder einer anderen Person / Gruppe – könnte mittelfristig dazu führen, dass sich das Land öffnet ( sowohl innenpolitisch als auch außenpolitisch). Doch gewiss ist natürlich keines Wegs. Im Gegenteil, viel wahrscheinlich ist das „weiter so wie immer“ Szenario

    tollstoii

  5. Der menschliche Aspekt ist genau das, was mich an diesem Thema am meisten fasziniert bzw beschäftigt. Das Nordkorea wirtschaftlich am Ende ist, steht außer Frage. Das Regime wird meines erachten nur noch von den Leuten getragen, die am meisten von seiner Existenz profitieren. (Mit profitieren meine nicht finanziell oder materiell.)
    Sie stützen es nicht aus Überzeugung, sondern aus Angst vor den Konsequenzen die sie befürchten müssten, wenn es zu einem Machtverlust kommen würde.
    Ich denke schon das ein Teil der Bevölkerung um die Situation im Ausland weiß, aber aus (verständlicher) Angst schweigt. Dennoch gibt es den illegalen Grenzverkehr mit China. Alleine dadurch kommen schon Informationen ins Land. Nicht zu vergessen das es ja auch privilegierte gibt, die das Ausland bereisen. Auch die haben einen (getrübten) Blick auf ihren Staat (vermute ich jetzt mal).
    Es gibt Informationen über die Welt da draußen. Nur wenn seit mehr als 50jahren dem Volk gesagt wird, es sei das glücklichste und das am weit entwickelte usw. dann bleibt da auch was hängen. Ganz sicher! Was werden die Bilder von Seoul, New York, Tokyo, Beijing (Kaltenkirchen? wohl eher nicht… schade..) auslösen?
    Massenflucht? Richtung Süden? Westen? Das werden die angrenzenden Länder nicht wollen.
    Finanziell wäre eine Vereinigung in der jetzigen Situation für Südkorea nicht zu stemmen. Man bedenke wie teuer uns die blühenden Landschaften in Ostdeutschland gekommen sind. Das, obwohl keine Mauer mehr vorhanden ist, es immer noch eine Grenze in den Köpfen gibt. Ost- und Westdeutschland waren sich aber immer näher als Nord und Südkorea. Es war möglich Radio und Fernsehen des jeweils anderen zu Empfangen. Mann wusste sehr wohl was bei unseren Nachbarn los ist. (Auch wenn viele heute sagen: „wenn ich das gewusst hätte…“)
    Hat Südkorea wirklich ein Interesse an einer Vereinigung?
    Emotional gesehen vielleicht, bei realistischer Betrachtung dürfte aber vielen Südkoreanern das lachen vergehen.
    Ich kann niemanden erkennen der einen Zusammenbruch in Nordkorea wünschen kann. Wie es da zu einem Wandel im Norden kommen soll ist mir nicht ganz klar.
    Meiner Meinung nach muss es auf längere Sicht zu einer langsamen und behutsamen Öffnung Nordkoreas kommen.
    Nur wer soll das Land öffnen?

  6. Hallo
    Ein Zusammenbruch wäre für mich, wenn die regierenden Arbeiterpartei ihre Macht durch einen nicht von ihr beeinflussten Umstand (Aufstand) verliert. Wenn die Ordnungsorgane in ihrem Sinne nicht mehr agieren würden.
    Eine Frage die mich aber schon lange beschäftigt ist folgende.
    Was würde auf die Bevölkerung Nordkoreas zukommen? 22-23 Mio. Menschen die Indoktriniert wurden. Selbst wenn einige einen Überblick über das Weltgeschehen haben, wenn andere erahnen können das sie belogen und betrogen wurden, so ist das aber nicht die breite Masse. Was wird in den Köpfen der Bevölkerung ausgelöst werden, wenn es zum Zusammenbruch kommt?
    Wie werden die reagieren, die das Regime gestützt haben. Es dürften ungleich mehr Menschen Blut an ihren Händen haben als das in der DDR der Fall war. Werden sich Seilschaften bilden? Sicherlich ja! Wird es Verfolgung der Verbrechen gegen die Menschlichkeit geben? Sicherlich ja!
    Und schon aus diesen zwei Gründen, und es gibt noch unzählige mehr, denke ich, das es nicht soleicht zum Umsturz, Zusammenbruch oder was auch immer, kommt.

    • Interessante Fragen:
      Über das, was den Menschen in Nordkorea bevorsteht, sollte das Regime um Kim Jong Il zusammenbrechen habe ich mir auch schonmal Gedanken gemacht. Ich hatte eigentlich sogar geplant, das zu einem wichtigen Element meiner Abschlussarbeit zu machen (Was sich aber als nicht praktikable erwies). Um die Frag zu beantworten, was in den Köpfen der Bevölkerung ausgelöst würde, würde es zu einer Wiedervereinigung kommen müsste man erstmal eine Ahnung von dem haben, das momentan in den Köpfen der Menschen vorgeht. Und allein das ist ja schon kaum zu ergründen.
      Wie man in einem Land, in dem so viel Schlimmes passiert ist und in dem so Viele daran beteiligt waren, die Vergangenheit bewältigen wird ist eine andere sehr interessante Frage. Das dürfte in großen Teilen davon abhängen, welcher Art der Übergang ist, der sich ereignen könnte und welcher Art die neue Regierungsform ist. Allerdings würde ich auf eine konsequente Verfolgung der geschehenen Verbrechen nicht wetten. Es gibt recht viele Beispiele dafür, dass es, um einen Neuanfang zu ermöglichen und eine Spaltung der neuen Gesellschaft zu verhindern gerade nicht zu einer Verfolgung alter Verbrechen kam. In Spanien diskutiert man heute noch über einen offenen Umgang mit der Franco-Vergangenheit (einschließlich strafrechtlich relevanter Fragen) und noch immer bestehen starke Widerstände. Ähnliches ist auch in einigen Staaten Südamerikas oder Osteuropas festzustellen. Ein Problem ist, dass es zurzeit in Nordkorea wohl kaum Persönlichkeiten geben dürfte, die die Ausbildung und die Erfahrung zum Aufbau eines neuen Staatswesens haben und nicht irgendwie in das herrschende Regime verstrickt sind. Daher wird man – wohl oder übel – einige Personen aus diesen Kreisen brauchen, will man ein neues politisches System aufbauen (anders wäre das natürlich, wenn es zu einer graduellen Transformation und Öffnung des jetzigen Systems käme, aber dann würde es natürlich noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern, bis sich eher unabhängige Gruppen herausbilden könnten).

  7. Hallo,

    ich komme gerade von meiner 16. Reise nach Nordkorea zurück und habe dort wieder hoch interessante Gespräch geführt. Einen kurzen Bericht findet Ihr auf unserer Webpage http://www.fnfkorea.org

    Grüße an alle Interessenten

    Walter Klitz

    • Lankov hatte es schon angedeutet, aber ich konnte es bisher nicht ganz glauben:
      Da wurden vom alten Won 2 Nullen hinten weggestrichen, doch die Löhne blieben nominell gleich, was eine Verhundertachung (!) des Einkommens bedeutet.

      Und die Gesprächspartner wundern sich dann über unvorhersehbare inflationäre Effekte der Währungsreform:

      “ … It was admitted that not all aspects within the process of implication had been taken into consideration. Some party- and administration members had lacked “the selfless spirit of officials towards their people” and not predicted the reaction of the market to the intervention; namely a skyrocketing of prices. …“

      Und im gleichen Atemzug loben die Gesprächspartner die gestiegen Kaufkraft durch das Beibehalten des Nominallohnes:

      “ … Still, as a matter of fact, the purchasing power of the North Korean Won today is higher than it was ahead of the currency reform. Since wages were not affected by the reevaluation, the average citizen today can purchase more than last October …“

      Das ist wohl Juche – Wirtschaftstheorie, da kann man nur staunen.

    • Vielen Dank für den Hinweis und die interessanten Einblicke, die der Bericht bietet.

  8. @all: Danke für die Meinungen hierzu. Das hat ein paar weiterführende Denkanstöße gegeben.
    @Daniel: Wie gesagt: Was nach einem möglichen Zusammenbruch des Regimes (den man noch nicht einmal als sicher annehmen kann, möglich – wenn auch – unwahrscheinlich wäre auch eine langfristige und langsam voranschreitende Transformation) passieren wird steht auf einem anderen Blatt. Aber vermutlich wäre die deutsche Wiedervereinigung gegenüber einem Zusammengehen von Nord- und Südkorea als Spaziergang zu bewerten.
    @Werner: Tatsachen sind die Risse nicht, außerhalb Nordkoreas weiß vermutlich niemand wie es im Inneren des Regimes aussieht. Wunschdenken waren die Szenarien, die die Analysten Ende der 90er Jahre zeichneten. Ich würde mal sagen: Mögliche Szenarien. Zwischen der Hungersnot und der Währungsreform liegen aber immerhin zehn Jahre. Und in denen hat sich auch im Inneren Nordkoreas einiges getan. Viele aus der alten Garde Kim Il Sungs sind mittlerweile gestorben (was zwangsläufig eine Veränderung der Elitenstruktur nach sich zog) Und Kim Jong Il war zwischenzeitlich schwer krank. Das könnte bspw. zu veränderten Wahrnehmungen entscheidender Personen oder Gruppen geführt haben. Wie gesagt: wie es wirklich aussieht; Wer weiß es?
    @Andreas: Dass das Regime aus einer Gruppe von Menschen besteht ist ganz sicher so. Denn egal wie „böse“ ein Diktator auch ist, so ganz allein wird er wohl kaum 23 Mio. Menschen still halten können. Wer genau die wichtigen Entscheidungen trifft ist zwar nicht ganz klar, aber das dürfte immernoch in den Händen Kim Jong Ils liegen. Der braucht aber zur Umsetzung seiner Entscheidungen Bürokratien und Organisationen, denen durch diese Funktion eine gewisse „Macht“ zukommt und auf die er angewiesen ist. Und was kaum zu bestreiten ist: Dieses Gruppen bestehen aus Individuen, bei denen ich davon ausgehe, dass es rational handelnde Akteure sind. Das heißt, sie wägen ihr Handeln danach ab, inwiefern es ihrem eigenen Vorteil (überleben, materielle Dinge, Einfluss) zugutekommt. Und als Teil einer Bürokratie oder Organisation gibt es auch gewisse Überschneidungen zwischen individuellen Zielen und Organisationszielen. So können sich durchaus unterschiedliche (mitunter entgegenlaufende Interessen) innerhalb des Regimes bilden, die sich im extremsten Fall auch gegen des Führung richten könnten. Kim Jong Il hat einige Mechanismen entwickelt, die diese Interessen in einer (oft als prekär beschriebenen) Balance halten (Mehrere Institutionen erfüllen gleiche Aufgaben, konkurrieren also um die Gunst des Diktators und kontrollieren sich genseitig; Direkte Kontroll- und Informationskanäle unabhängig vom Dienstweg; Persönliche Loyalitäten und informelle Netzwerke mit Kim im Zentrum; Verhindern persönlicher Freundschaften und Loyalitäten innerhalb der Institutionen, z.B. durch Rotation von Positionen). Neben institutionellen Gruppen gibt es auch Generationengrenzen. Während die alte Garde, die mit Kim Il Sung an die Macht kam langsam auf natürlichem Wege ihr Ende findet, gibt es noch die Generation, die zusammen mit Kim Jong Il in die Führungsriege aufgestiegen ist und was interessant ist, diejenigen, die ihre Jugend in der Zeit der Hungersnot erlebt haben und nun langsam nach „oben“ drängen. Inwiefern die Erfahrungen dieser Zeit Einfluss auf ihre eigenen Einstellungen gegenüber dem Staat geprägt haben ist unklar, aber dass es da einen Einfluss gegeben haben dürfte ist wohl schwer zu verneinen.
    Was Hwang Jang-yop angeht: Der ist vor 13 Jahren aus Nordkorea geflohen. Damals hatte Kim Jong Il gerade die Macht errungen und dürfte tatsächlich das absolute Sagen gehabt haben. Aber wie eben schon gesagt: Dreizehn Jahre sind eine lange Zeit, in der einiges passiert sein dürfte. Wenn man Hwang ernst nehmen darf dürfte er keine Kontakte nach Nordkorea gehabt haben (denn sonst stimmt es nicht, dass Kim Jong Ils Führungsanspruch so absolut ist, weil ja Menschen aus inneren Kreisen mit dem „Verräter“ sprechen) und weiß wie es dort 1997 war, nicht aber heute. (Wenn Norbert Blüm das Handeln der deutschen Regierung analysieren würde und dabei über das Vorgehen Helmut Kohls in Bonn erzählte, wäre das zwar ein interessantes historisches Dokument, aber daraus Schlüsse für das Handeln der Regierung heute zu ziehen, naja. Ich weiß, das hinkt schwer, aber illustriert ganz gut, was in dreizehn Jahren passiert…). Aber ob es offene Konflikte im Regime gibt, oder bald geben wird? Keine Ahnung, aber Kim Jong Uns Nachfolge könnte ein Katalysator sein und latente Gegensätze aufbrechen lassen.
    @all: Was mir eben noch eingefallen ist. Die Zeit in der Kim Jong Il krank war haben gezeigt, dass seine Machterhaltungsmechanismen in dieser Zeit noch hervorragend funktioniert haben, was für die Stabilität des Regimes sprechen würde. Allerdings könnten sich daraus auch Nachdenkprozesse entwickelt haben.
    @all: Ich werde demnächst mal sehen, ob ich eine Linksammlung zu Texten zu Nordkoreas Eliten mache. Da gibt es zwar nicht so viel, aber doch einiges.

  9. Hallo,

    in Deinem Artikel schreibst Du „in Faktor, der zu Konflikten innerhalb des Regimes führen könnte…“ Auch andere Artikel sehen das Regime als eine gewisse Anzahl von Menschen. Vermutlich ist das so, weil man es sich anders kaum vorstellen kann. Selbst in den schlimmsten Diktaturen ging die Herrschaft fast immer von einer kleinen Gruppe aus – selbst wenn ein dominierender Mann an der Spitze stand.

    Nur: Warum sollte das auf Nordkorea zutreffen? Wenn man Hwang Jang-Yop glauben darf, ist Kim Jong-Il der wirklich alleinige Herrscher. Es gebe, so Hwang Jang-Yop, keine Gruppierungen und keinerlei gemeinschaftliche Meinungsbildung. Keine unterschiedlichen Gruppierungen; alle müssen sich Kim Jong-Il unterordnen und jede eigene Meinungsäußerung gefährdet das eigene Leben – und das gilt auch für die höchsten Funktionäre und Militärs. Insofern ist es nicht möglich, dass diese Menschen diskutieren können, was eine Grundlage für die Bildung von Meinungen und Gruppen wäre.

    Angenommen, Kim Jong-Il würde bald sterben und es gäbe keinen Nachfolger, der vergleichbar repressiv und durchsetzungsfähig ist. Dann würde das Regime vermutlich sehr schnell in sich zusammenbrechen. Es könnte Machtkämpfe geben. Viele Funktionäre und Militärs würden sicherlich die Gelegenheit nutzen, ein Leben in einem freien Land zu führen. Es gäbe aber auch die Gefahr, dass das Militär einen Krieg beginnt – aus dem verzweifelten Versuch eines hohen Befehlshabers heraus, dass die Existenzgrundlage des gesamten Militärs wegfallen könnte, würde man nicht aktiv sein.

    Grüße
    Andreas

  10. Die Risse in Kims Regime – sind das Theorien, Vemutungen, Wunschdenken – oder Tatsachen ?

    Die Hungersnot wurde überstanden, also werden sie auch die mißglückte Währungsreform überstehen

  11. Irgendwann wird es zusammenbrechen, das ist nur eine Frage der Zeit. Aber ein vereintes Korea wird ähnliche Probleme wie wir mit der BRD und DDR haben, die Unterschiede sind einfach zu groß und somit wird man Jahrzehnte brauchen bis es einigermaßen „gleich“ im Land läuft.

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