Es ist raus: Nordkorea hat die Cheonan versenkt. Was ist, was war und was sein wird (vielleicht)

Update (23.05.2010): Ich habe eben auf Zirkumflex gelesen, dass es die Ergebnisse (ich denke es ist so ne Art Zusammenfassung für die Medien) des offiziellen Berichts der Untersuchungskommission als PDF zum Nachlesen gibt. Es steht zwar nicht viel drin, was man nicht auch in den Zeitungen finden kann, aber dafür ist es alles an einem Ort und es gibt noch n paar „weiche“ Indizien wie seismische Messungen und Zeugenaussagen.

Ursprünglicher Beitrag (20.05.2010): Jetzt ist es also raus und ich konnte gerade rechtzeitig wieder Station vor dem PC beziehen (dem Einen oder Anderen dürfte aufgefallen sein, dass ich fast ne Woche nicht da war, aber viele kleine Aufgaben können großen Stress bedeuten…). Heute Morgen hat die offizielle Untersuchungskommission die die Umstände des Untergangs der Cheonan prüfte, ihre Ergebnisse bekanntgegeben und damit alle Zweifel ausgeräumt. Ein Torpedoangriff der von einem nordkoreanischen U-Boot ausgeführt wurde hat die Katastrophe, die 46 Todesopfer forderte, verursacht. Die Untersuchung, die von amerikanischen, australischen, britischen und schwedischen Experten begleitet wurde ergab harte Beweise gegen Nordkorea und ich für meinen Teil sehe (jetzt) keinen Anlass (mehr) die Ergebnisse in Frage zu stellen. Den sprichwörtlichen „rauchenden Colt“ stellen Teile eines Torpedoantriebs dar, die am Ort des Untergangs aufgefunden wurden. Der Torpedo mit etwa 250 kg Sprengkraft, der von diesen Teilen angetrieben wurde sei zweifelsfrei in Nordkorea produziert worden. Zwei bis drei Tage vor dem Angriff seien einige nordkoreanische Mini-U-Boote und ein Mutterschiff aus einem Hafen am Gelben Meer ausgelaufen und zwei bis drei Tage nach dem Untergang wieder zurückgekehrt (diese Angabe finde ich allerdings etwas seltsam: Entweder man weiß wann und was, oder man weiß es nicht). Aufgrund der nicht ausreichenden Überwachungsmaßnahmen Südkoreas – man habe keine Infiltration durch nordkoreanische Schiff oder U-Boote erwartet – sei der Angriff völlig überraschend gekommen. Nordkoreas National Defence Commission (NDC) reagierte unmittelbar auf die Bekanntgabe der Untersuchungsergebnisse und warf der südkoreanischen Seite vor, es handle sich um ein abgekartetes Spiel und die Beweise seien fabriziert. Sollte Südkorea Strafmaßnahmen ergreifen droht die nordkoreanische Seite mit einem „totalen Krieg“ (nichts neues, aber solch starke Worte werden von unseren Medien ja immer gerne aufgenommen). Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki-moon, zeigte sich von den Ergebnissen der Untersuchung zutiefst besorgt. Die UN dürften für Südkorea auch einen Ausweg aus dem „Vergeltungsdilemma“ (eigentlich kann man nicht wirklich auf diese Provokation reagieren, weil kaum noch Druckmittel zur Verführung stehen und eine militärische Reaktion die Gefahr eines verheerenden Krieges mit sich brächte) bieten. Man will versuchen den Vorfall vor den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zu bringen und verschärfte Sanktionen gegen Nordkorea zu erwirken. Tja und damit kommt auch China ins Spiel. Denn solche Sanktionen können nicht gegen den Willen Chinas als Vetomacht erwirkt werden.

Es hat sich also einiges aufgeklärt heute Morgen, aber wo die Reise hinführen wird, das ist immer noch nicht klar. Allerdings dürfte man sich in Südkorea, wie auch in Nordkorea sicherlich schon einen „Schlachtplan“ (wenn zum Glück auch nicht im wörtlichen Sinn) zurechtgelegt haben, nach dem man in den nächsten Tagen verfahren wird, Zeit hat man sich ja schließlich genug genommen (Ich wüsste mal gerne wie lange man sich schon sicher ist, dass es tatsächlich ein nordkoreanischer Angriff war und eigentlich nur noch überlegt hat, wie man nun weiter verfahren soll). Vermutlich hat man sich mit den wichtigen Partnern in der Region, also vor allem den USA und Japan, abgestimmt und versucht, Russland, aber besonders China von einem weiteren Vorgehen zu überzeugen. Tja und wie gesagt, viel dürfte von der Position Chinas abhängen. Wichtig dürfte in diesem Zusammenhang natürlich auch sein, was Kim Jong Il bei seinem gerade vollzogenen China Besuch so gesagt hat. Sollte er tatsächlich so dreist gewesen sein, den wichtigen Unterstützer anzulügen, kann er wohl mit wenig Unterstützung aus Peking rechnen. Aber auch wenn das nicht der Fall ist, dürfte es China schwerfallen, jegliche Bestrafung Nordkoreas durch die internationale Staatengemeinschaft abzuwehren. (Vielleicht kann man Kims Besuch in China auch vor dem Hintergrund dieses Zwischenfalls sehen. In nächster Zeit wäre es für die Machthaber in Peking wohl kaum zu vertreten gewesen, den bösen Buben aus Pjöngjang zu beherbergen, ohne dass dadurch Irritationen mit Südkorea, aber auch anderen Staaten entstanden wären.) Aber vermutlich werden die Chinesen das Meiste mit der Begründung abbügeln, es handle sich hier um eine bilaterale Angelegenheit, die Nord- und Südkorea unter sich ausmachen müssten. Nun zu Nordkorea: Während man sich nach dem Untergang der Cheonan betont desinteressiert gegeben hat und recht lange brauchte, um sich überhaupt zu äußern, folgte die Reaktion dies Mal auf den Fuß. Während man nicht voraussagen kann, was Nordkorea konkret tun wird, um sich weitgehenden Strafmaßnahmen zu entziehen, so kann man doch sicher sein, dass sie einen Plan haben. Das zeigt schon die Tatsache, dass man die Antwort auf die Untersuchungsergebnisse schon in der Schublade liegen hatte. Vermutlich wird man sich in der derzeitigen aufgeheizten Situation darauf beschränken, die nicht-militärischen Nadelstiche gegen den Süden fortzusetzen während man gleichzeitig darauf achtet, die Interessen anderer Staaten nicht zu beschädigen, um die Weltgemeinschaft nicht weiter gegen sich aufzubringen. Verschärfte Einreisebedingungen in Kaesong oder ähnliches wären zum Beispiel etwas, dass mich nicht verwundern würde. Sollten allerdings verschärfte Sanktionen erlassen werden, dann wären in der Folge auch Raketentests oder ein Atomtest keine Überraschung.

Soviel zur Zukunft (da hab ich aber mal viel im Kaffe gerührt), aber was mich noch brennender interessieren würde, leider ohne allzugroße Aussicht auf Aufklärung, ist die Vergangenheit. Die Frage nach dem wieso. Während Yonhap diese recht lapidar mit einem Verweis auf das Seegefecht, dass ein nordkoreanisches Patrouillenboot im November letzten Jahres gegen ein südkoreanische Schiff verloren hatte beantwortet, kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass der Norden schlicht aus dem Wunsch nach Vergeltung heraus, seine große politische Linie (das Streben nach einer Wiederaufnahme der Sechs-Parteien-Gespräche) vollkommen über den Haufen wirft. Was gibt es also neben diesem Scharmützel (das man als Grund wohl trotzdem nicht völlig ausschließen kann) also noch für mögliche Motive?

  • Unzufriedenheit mit dem zurückhaltenden Agieren Südkoreas: Auf diese Möglichkeit habe ich ja vor einiger Zeit schonmal verwiesen. Die nordkoreanische Strategie gegenüber der Welt beruht in Teilen darauf, durch Provokationen und der Drohung mit mehr „Missverhalten“ Konzessionen zu erlangen (welcher Art auch immer). In letzter Zeit funktionierte diese Strategie nicht mehr. Die „alten“ Provokationsmittel hatten sich abgenutzt. Der Angriff auf die Cheonan könnte die nächsthöhere Stufe von Provokationen sein, vor allem da man in Pjöngjang relativ sicher sein konnte, dass Seoul kaum Optionen in der Hand hatte, adäquat auf diese Vorgehen zu antworten.
  • Verwerfungen innerhalb des Regimes in Pjöngjang: Geht man davon aus, dass innerhalb des Regimes in Pjöngjang verschiedene Gruppen existieren, die verschiedene politische Linien verfolgen, was ich tue, dann bestände die Möglichkeit, dass eine solche Gruppe mit Kim Jong Ils Politik der Diplomatie, die er seit November letzten Jahres zu betreiben versuchte, zunehmend unglücklich war und für eine härtere Gangart plädierte. Der Angriff auf die Cheonan könnte der Versuch dieser Gruppe gewesen sein, diplomatischen Bemühungen ein für alle Mal ein Ende zu setzen (und wäre dann wohl als relativer Erfolg zu werten).
  • Kim Jong Uns Nachfolge: Hier gibt es gleich mehrere möglich Erklärungen. Eine gespanntere Situation nach außen hin würde das Regime nach innen zusammenschweißen. Hier könnte man den Angriff als bewusste Maßnahme zur Steigerung des Zusammenhalts nach innen hin sehen, was es Kim Jong Un erleichtern würde, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Etwas weiter geht eine andere Idee: Ich erinnere mich dunkel daran, dass Kim Jong Il in der Zeit bevor er die Nachfolge seines Vaters antrat, persönlich einige Terrorakte gegen Südkorea befohlen haben soll. Den Anschlag auf den südkoreanischen Präsidenten und einige Kabinettsminister in Rangun 1983 beispielsweise oder die Sprengung eines südkoreanischen Flugzeuges 1987. Vielleicht ist nun Kim Jong Uns Zeit gekommen, sich seine Sporen zu verdienen.

Mehr fällt mir gerade nicht ein und außerdem habe ich meinem Drang zum Spekulieren auch erstmal genug nachgegeben. Was auch immer letztendlich das Motiv für den Angriff gewesen sein mag, wir werden es en Detail wohl nie erfahren.

10 Antworten

  1. Und nicht zu vergessen: Sadam Hussein hat an der A Bombe gebastelt und in Massen Giftgas produziert (Stand 2002). Er hat auch massiv Uran gekauft.

  2. Hat Herr Julian Reichelt jemals was vom Golf von Tonking gehört? Das war der Anlass für die USA in Vietnam einzugreifen. Wie das ausgegangen ist sollte schon bekannt sei. Aber zu der Zeit hat Herr Julian Reichelt noch im Schlamm gerudert.

  3. […] das allerdngs für Schritte sein sollen, blieb offen, denn Lee Myung Bak steckt in einem “Vergeltungsdilemma“: einerseits will er eine “harte Haltung” zeigen und andererseits hat er […]

  4. nein, nein..!!
    Um Gottes willen..
    Das der Süden sein eigenes Schiff versenk habe ich ja nun auch nicht geschrieben…
    Ich meinte nur, es ist („warum auch immer“) untergegangen….

  5. Das es ein Torpedo war, der das Schiff sinken ließ, ist ja wohl bewiesen. An irgendwelche Verschwörungstheorien glaube ich nicht (dass die südkoreanische Armee selbst das Schiff versenkt hat, ist völlig absurd. Friendly fire halte ich ebenfalls für ausgeschlossen).
    Wenn es ein Land gibt, das mit Feindbildern arbeitet, dann ja wohl Nordkorea. Dort lernen Kinder schon im Kindergarten, wie toll es ist, US-Soldaten zu erschießen.

    Wahrscheinlich hat Nordkorea letztlich gar nichts dagegen, wenn alle Welt weiß, dass sie es waren, die das Schiff versenkten.

    Bin jedenfalls sehr gespannt darauf, was in den kommenden Wochen noch so alles passiert.

  6. Spekulieren? Ich habe gerade den Drang….
    Auf NDR4 Info Radio war das Schiff(e) versenken auch gerade ein Thema und ich hörte mir den Bericht mal in Ruhe an und stolperte an einer Stelle bei dem Bericht, über das gehörte.
    Da wurde von den Beweisen gesprochen, die eindeutig belegen, warum Nordkorea als Täter in Frage kommt.
    Auf der Antriebsschraube des Torpedos,war (ist) ein Zeichen angebracht, welches es als Nordkoreanisches Torpedo ausweist.
    Sind die wirklich so dumm beim Nordkoreanischen Militär?
    Das Schiff wurde doch bestimmt nicht aus einer spontanen Laune heraus versenkt? Ich denke mir das so etwas geplant ist. Würde man sich dann identifizieren lassen wollen? Sicherlich nicht. Also würde man alles, was Rückschlüsse auf den Täter zulassen könnte doch weglassen, oder?
    Und jetzt spekuliere ich…
    Das Schiff ist gesunken, warum auch immer. So ganz glaube ich nämlich nicht, das die Nordkoreaner so dumm sind und sich erwischen lassen.
    Dem Süden würde es aber prima in den Kram passen wenn Nordkorea als Täter ausgemacht wird. Und nicht nur denen.
    1. Kaesong. Man könnte sich zurück ziehen ohne das man sich raus schmeißen lassen müsste. Das würde einen Gesichtsverlust ersparen, wenn der Norden sagen würde: „Nun aber mal raus!“. Vor haben tut der Norden das möglicherweise, und was könnte man dem entgegen setzten? Nichts…
    Also geht man, aus Protest wegen dem Schiff.
    2.Kumgang Gebirge….
    Gleiche Situation wie oben….
    3.Und alle hätten wieder ein Feindbild, nach dem Nordkorea in letzter Zeit ja nicht viel her gab. Obama hat ja auch schon laut gegeben…
    Alles Spekulatius😉

    • Spekulatius ist was Feines. Aber Weihnachten ist erst in sieben Monaten, also gibts das Gebäck erst wieder in ungefähr drei Wochen (oder gibts dazwischen noch ein anderes kommerziell verwertbares Hochfest?), von daher würde ich sagen, zurück in den Schrank damit.
      Aber jetzt mal im Ernst. Ich glaube nicht, dass der Untergang der Cheonan inszeniert war. Erstens glaube ich an das Gute im Staat. Man versenkt einfach kein Schiff mit seinen eigenen Leuten drauf (Außer man ist superböse), außer man hat so richtg viel davon. Und mit fällt da nichts ein, dass so eine Aktion auch nur annähernd rechtfertigen kann (Will man aus Kaesong und dem Kumgangsan raus, muss man die Politik der letzten zweieinhalb Jahre einfach noch ein paar Monate weiterbetreiben. Dan erledigt sich das von Selbst und Feindbild, naja, so richtig Sorgen muss man sich in Südkorea darum nicht machen und in den USA gibts ja nie einen Mangel an denen.). Naja, ich hoffe mal, dass es irgendwann ein bisschen Aufklärung dazu gibt und bis dahin werde ich für meinen Teil zumindest kleine Plätzchen backen.

      • Was heisst hier, ich glaube nicht, dass der Untergang inszeniert war?
        Nun ja, wenn man die Geschichte nicht kennt, kann man auch nicht auf solche obstruse Gedanken kommen. Aber, es gab schon mal so etwas ähnlichews: Im Golf von Tonking wurde auch schon mal ein Schiff versenkt: Und das war der Grund warum die USA sich in den Vietnamkrieg beteiligte.
        Die USA hat auch den Irak-Krieg auf Grund von Lügen begonnen (wo waren die Uran-Mengen, die angeblich in Afrika gekauft wurden?
        Was wird nicht alles getan, um eine Kriegsstimmung aufzubauen!

      • Was heisst hier, ich glaube nicht, dass der Untergang inszeniert war?

        Das heißt genau das was ich sage: „Ich gleube nicht, dass der Untergang inszeniert war (Punkt)“ Ich weiß es nicht, aber die Betrachtung der Faktenlage bringt mich dazu, es nicht zu glauben.
        Und wenn man sich das so einfach macht und aus der Tatsache, dass es in der Geschichte schonmal was Vergleichbares macht, einen Zusammenhang konstruiert, dann reicht das nicht aus, mich von etwas anderem zu überzeugen.
        Man sollte (ich gehe jedenfalls so vor) versuchen alle Fakten die auf dem Tableau liegen zu betrachten (wobei ich mir nicht anmaßen will das zu schaffen, aber ich tue mein Bestes) und dabei sind geschichtliche Fakten natürlich auch wichtig (wobei sie zunehmend unwichtiger sind, je weniger sie mit dem vorliegenden Fall zu tun haben).
        Zu den Fakten, die über die Tatsache, dass es schonmal konstruierte Kriegsgründe gab hinausreichen: Vietnam: Wir hatten eine völlig andere historische Situation, die USA waren schon im Land aktiv und suchten nurnoch nach einem Vorwand ihre Präsenz „offiziell“ zu machen.
        Irak: Die USA wollten auf Teufel komm raus einen Krieg und suchten nur nach einem Vorwand (worüber ich übrigens vor einiger Zeit schonmal geschrieben habe), dass wollen sie jetzt auf gar keinen Fall.
        Aber seien wir beruhigt, wenn es inszeniert war, dann wird das wohl den russischen und chinesischen Spezialisten, die die Beweise prüfen auffallen. Und die werden es dann wohl öffentlich machen (Aber nein, so dumm wären die Südkoreaner ja nicht, gefälschte Beweise einer unabhängigen Seite zu zeigen (oder doch?)) oder sprechen wir hier von einer Verschwörung gegen Nordkorea, in der nicht nur Südkorea, die USA, Schweden, Großbritannien und Australien stecken, sondern auch noch China und Russland? Dann sähe es allerdings sehr, sehr schlecht aus für Kim…

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