Die Situation auf der Koreanischen Halbinsel: Bewegt sich China?

Die Bedeutung Chinas für die weitere Entwicklung der Situation auf der Koreanischen Halbinsel wurde ja bereits eingehend diskutiert und es ist kaum zu bestreiten, dass der Effekt der Maßnahmen, die Südkorea beschlossen hat nicht zuletzt von Chinas Position abhängt. Bisher sah es so aus, als würde China sich nicht bewegen und weiterhin die Hand über seinen Schützling Nordkorea halten. Nun gibt es aber einige Berichte, die darauf hindeuten, dass China seine Haltung graduell zugunsten Südkoreas verändert.

Betrachtet man die Situation aus einem etwas breiteren Blickwinkel wird schnell deutlich, dass es bei der Situation auf der Koreanischen Halbinsel um mehr geht, als nur um die Beziehungen zu Kims Reich. Südkorea ist (im Gegensatz zu Nordkorea) ein bedeutender Handelspartner für China und Südkorea ist auch aus strategischer Sicht nicht unbedeutend. Es ist ein tragender Pfeiler US-amerikanischer Bündnispolitik in der Region und eine etwas weniger enge Bindung Seouls an Washington würde China sicherlich gefallen (vor allem wenn die eigenen Beziehungen zu Seoul stattdessen noch besser würden). Eine Situation wie die Momentane schweißt Südkorea und die USA aber enger zusammen, während sich Seoul von China aufgrund dessen unklarer Haltung weiter entfernt. Daher sehen einige Kommentatoren China in einem schwierigen Dilemma zwischen Seoul und Pjöngjang und sehen eine anstehende Richtungsentscheidung.

Andere gehen noch einen Schritt weiter und wollen bereits erkannt haben, dass China sich schrittweise von Nordkorea entfernt. Dafür habe sie zwei Indizien. Erstens hat ein prominenter chinesischer Professor recht deutliche Kritik an Nordkorea geübt und angemerkt, dass Chinas Geduld bald am Ende sein könnte. Nordkorea habe Chinas Politik auf der Koreanischen Halbinsel als Geisel genommen, was in China trotz des grundsätzlichen Wohlwollens gegenüber Nordkorea vermehrt zu Stirnrunzeln zu führen scheint. Diese Aussage macht deutlich, dass man in Peking sehr reflektiert über die Beziehungen zu Nordkorea nachdenkt und nicht besonders zufrieden mit deren Entwicklung ist. Das zweite Indiz sind (auf anonymen Quellen beruhende) Berichte, dass es bei den Gesprächen zwischen Hillary Clinton und Wen Jiabao sehrwohl einen Sinneswandel auf der chinesischen Seite gegeben habe, der aber erst bei Wens Besuch in Seoul morgen und übermorgen offiziell gemacht werden solle. Zwar werde China Nordkorea nicht vollständig im Stich lassen, aber es werde zu einer Annäherung an die US-amerikanisch-südkoreanische Position kommen. Damit würden Sanktionen im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen wieder wahrscheinlicher.

Ein drittes Indiz, dass sich China langsam von Nordkorea abwendet (wobei wie gesagt immer die Frage ist, wie weit es sich abwendet) habe ich heute Morgen gesehen. China Daily, das Organ des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas, hat einen Meinungsbeitrag mit dem Titel: „North Korea must convince a skeptical world“ veröffentlicht. Zwar verweist auch dieser Artikel darauf, dass man vorsichtig und geduldig vorgehen müsse, aber er wird gegenüber Nordkorea auch recht deutlich:

A cold reality confronting Pyongyang now is that South Korea has presented evidence so overwhelming that it has gained full support from the US and Japan and dominated worldwide public opinion on this issue.

In contrast, North Korea has merely thrown in strong verbiage along with the threat of an „all-out war.“ Its reaction will by no means help Pyongyang get out of the current predicament.

Instead, it can only come at the heavy price of further isolation from the rest of the world.

Nordkorea müsse klare Beweise liefern um die Welt von seiner Unschuld zu überzeugen. Zwar ist der Artikel nur ein Meinungsbeitrag und spiegelt nicht zwangsläufig die Linie der chinesischen Politik wieder, allerdings sollte diese Veröffentlichung in einem staatlichen Medium Nordkorea eine klare Warnung sein. Sieht im Moment so aus, als würden die Dinge für Kim Jong Il erstmal schwieriger. Aber genaueres werden wir morgen oder übermorgen erfahren, denn irgendetwas wird Wen in Seoul sicherlich zu sagen haben.

2 Antworten

  1. Hallo,

    Es ist wohl eine Hassliebe. Denn einerseits China hat keine Lust, ein sehr USA-freundliches Land direkt vor der Nase zu haben. Auf der anderen Seite treibt China viel Handel mit Südkorea, was ein finanzieller Vorteil ist.

    Würde Korea (natürlich im Sinne von Südkorea) wiedervereinigt, wäre das für China finanziell sehr interessant, weil der Markt langfristig um rund 70% wachsen würde. Zudem würden der Transport von Waren erheblich billiger werden.

    Die USA sollten also China zusichern, nach einer Wiedervereinigung den militärischen Kontakt erheblich zu reduzieren, beispielsweise durch Abzug der Truppen. Das könnte Südkorea durchaus akzeptieren, denn die US-Truppen sind im Land umstritten.

    Grüße
    Andreas

    • Hey Andreas, bei der Problemstellung kann ich dir weitgehend zustimmen, allerdings darf man bei einer möglichen Wiedervereinigung nicht vergessen, dass die mit jeder Menge Unwägbarkeiten verbunden wäre.
      Es würde auf keinen Fall so vergleichsweise sauber über die Bühne gehen, wie zum Beispiel die Wiedervereinigung in Deutschland. Annähernd alle Faktoren stellen sind komplizierter als es in Deutschland der Fall war. Daher dürften China wie auch Südkorea (obwohl ich da manchmal das Gefühl habe, als würde man dort nicht viel weiter als bis zum Ende Kim Jong Ils vorausdenken) und die USA ein Szenario bevorzugen, in dem es vor einer Wiedervereinigung zu einem langsamen Aufbau der nordkoreanischen Wirtschaft und einer gewissen Öffnung käme. Eine schnelle Vereinigung könnte schnell zu einer unübersichtlichen wenn nicht sogar gefährlichen Situation auf der Koranischen Halbinsel mit sozialen Unruhen etc. führen. Daher dürften die Seiten weiterhin einen Erhalt des Status quo (inklusive US-Truppenpräsenz in Südkorea) bevorzugen.
      Aber langfristig wäre ein Weg wie du ihn gezeichnet hast wahrscheinlich der Beste.

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