Der Untergang der Cheonan: Was sagt eigentlich Nordkorea dazu?

Nachdem der Fokus meiner Berichte rund um den Untergang der Cheonan in den letzten Tagen ja eindeutig auf dem Vorgehen der anderen Parteien lag, dachte ich mir, dass es sinnvoll sei, auch mal genauer auf das zu schauen, das Nordkorea so zu dem Vorfall und den damit zusammenhängenden Maßnahmen zu sagen hat. Dazu habe ich die englischsprachige Berichterstattung von KCNA etwas näher beichtet und die Artikel rausgesucht, die für das Thema relevant sind (Also nicht die Artikel a la „Koreanischer Freundschaftsverein in Schweden verurteilt das Vorgehen Südkoreas“ oder so).

Generell ist erstmal auffällig, wie lange es dauerte, bis überhaupt eine Reaktion aus Nordkorea kam. Die Cheonan sank am 26. März und die erste Reaktion die direkt darauf Bezug nimmt war am 17. April auf KCNA zu lesen. Der Artikel, der von einem „Militär(ischen)-Kommentator“ verfasst wurde, also kein Statement einer Institution darstellt, sondern bestenfalls indirekt mit der nordkoreanischen Armee in Verbindung gebracht werden kann (will heißen: Vom „Bedeutungsstatus“ des Artikels her eher unwichtig), enthält vor allen Dingen eine Art Aufruf an Südkorea, keine Verbindung zwischen Nordkorea und dem Untergang der Cheonan herzustellen, da man solche Tendenzen in Nordkorea bemerkt habe. Als Gründe dafür werden die Kommunalwahlen am 2. Juni in Südkorea gesehen und eine Versuch der USA, durch ihr „Marionettenregime“ in Seoul mehr Druck auf Pjöngjang zu entwickeln um das Regime so zum Zusammenbruch zu bringen. Mit dieser Reaktion schien die nordkoreanische Seite dann erstmal zufrieden zu sein (oder wollte man nicht die Aufmerksamkeit auf sich lenken oder irgendwelche Hinweise geben, ehe die Untersuchung abgeschlossen war?), denn man äußerte sich auch in der Folge nicht weiter zu dem Vorfall bis die Untersuchungsergebnisse veröffentlicht waren.

Dann allerdings äußerte man sich noch am selben Tag. Das Committee for the Peaceful Reunification of Korea (CPRK), das man institutionell wohl der Arbeiterpartei zuschreiben kann veröffentlichte am 21. Mai als Reaktion auf den Untersuchungsbericht ein Statement. Auch hier wird wieder darauf verwiesen, dass es sich um eine gezielte Provokation handle, die Südkorea mit „blutunterlaufenen Augen“ im Auftrag seiner „Herren“ in den USA und Japan vorantreibe. Die Beweise werden als nicht stichhaltig abgetan und es wird verkündet, dass man die momentane Situation wie eine „Phase des Krieges behandeln wolle“ (war ja vielzitiert in unseren Medien) und mit solch „gnadenlosen Maßnahmen“ wie dem Abbruch der Beziehungen, der Außerkraftsetzung des Nicht-Aggressionsabkommens mit dem Süden und der Aussetzung der Kooperationsprojekte auf Strafmaßnahmen Seouls reagieren werde. Hier wurde der Fahrplan für das Vorgehen des Nordens eigentlich schon vorgegeben.

Das nächste wichtige Statement des Nordens kam als Reaktion auf die Ansprache Lee Myung-baks am 24.Mai, in deren Rahmen die geplanten Strafmaßnahmen Südkoreas gegen den Norden bekanntgegeben wurden. Diesmal äußerte sich mit der National Defence Commission (NDC) deren Vorsitzender Kim Jong Il ist und die vermutlich die politische Linie des Landes bestimmt, die zurzeit wohl mächtigste politische Institution Nordkoreas. Inhaltlich hat das Statement nicht viel zu bieten, außer das hier erstmals die Forderung nach einer nordkoreanischen Untersuchungsgruppe geäußert wird und eine Art Sprachregelung festgelegt wird, nämlich: „conspiratorial farce“ und „charade“, was sich seitdem wie ein roter Faden durch die Berichte zum Thema zieht. Am selben Tag gab es auch noch einen Aufruf eines Kommandeurs der Koreanischen Volksarmee, der sich auf die „Maßnahmen zu psychologischen Kriegsführung“, die die südkoreanische Seite wieder anlaufen ließe, bezieht. Er verlangt, dass ein an einer Wand angebrachter Slogan entfernt werden solle und keine weiteren Maßnahmen getroffen werden dürften. Sollten Lautsprecher in Betrieb genommen werden, würde man diese durch gezielte Schüsse ausschalten.

Am 25. kam dann wieder der „Militär Kommentatorzu Wort, hatte aber eigentlich nicht viel zu sagen, außer, dass die Beweise von „A bis Z“ gefälscht seien, um so die Spannung auf der Koreanischen Halbinsel zu steigern. Grob gesagt fasst er alles Gesagte nochmal zusammen und  machte deutlich, dass Nordkorea sich nicht unter Druck setzen lässt.

Das Propagandalautsprecherthema wurde dann am 26. vom Vorsitzenden der nordkoreanischen Delegation bei den Nord-Süd Militärgesprächen nochmal aufs Tapet gebracht. Der bekräftigte den Willen Nordkoreas, südkoreanische Propagandamittel in Zweifel durch physische Gewalt zu zerstören. Darüber hinaus erwähnt er auch „measures will be taken to totally ban the passage of personnel and vehicles of the south side in the zone under the north-south control in the western coastal area“, was für einige Aufregung sorgte, aber scheinbar bisher nicht umgesetzt wurde.

Am 27. gab es dann quasi das Pendant des Generalstabs der Koreanischen Volksarmee zu Lee Myung-baks Maßnahmenpaket, nämlich eigene Strafmaßnahmen:

  1. Militärgarantien gegenüber Südkorea werden aufgehoben und die Schließung der Verbindungsbüros in Kaesong und der Stopp der Überlandverbindung von Südkorea nach Kaesong werden geprüft.
  2. Die Bereits erwähnten Gegenmaßnahmen gegen Südkoreas „psychologische Kriegführung“ werden wie bereits angekündigt gnadenlos umgesetzt.
  3. Die Abkommen und Kommunikationsverbindungen die Zwischenfälle im Gelben Meer verhindern sollen werden eingestellt.
  4. Eindringen in Nordkoreanische Gewässer wird mit prompten militärischen Gegenmaßnahmen beantwortet.
  5. Schiffe, Flugzeuge und „andere Transportmittel“ dürfen Nordkoreas Gewässer, Luftraum und Boden nicht mehr benutzen.
  6. Südkoreanische Offizielle dürfen nicht mehr nach Nordkorea einreisen.
  7. Man wird die „Wahrheit über die Fabrikation und Charade“ weiter erforschen und weiter den Zugang einer nordkoreanischen Untersuchungsgruppe fordern.

Diese Maßnahmen seien die erste Phase dessen was die Koreanische Volksarmee gegen Südkorea unternehmen wolle.

Am 27. gab es ja dann die vielbeachtete Pressekonferenz bei der Pak Rim-su, der Direktor des Politik Departments der NDC für die NDC sprach. Er verwies auf die Gefahr, dass es in der angespannten Situation die zurzeit herrscht, zu neuen Zusammenstößen im Gelben Meer kommen könne. Dann setzt er sich einigermaßen detailliert mit den vorgelegten Beweisen auseinander und deckt Schwachstellen auf, die seiner Meinung nach bestehen. Dann geht er auf mögliche Motive ein, die es für den Untergang der Cheonan geben könnte und sieht keine Motive für ein solches Vorgehen auf der nordkoreanischen Seite, während Südkorea und die USA aufgrund von Erwägungen, wie den Wahlen am 2. Juni in Südkorea oder der Suche nach einem Grund um die amerikanische Truppenpräsenz in Südkorea zu rechtfertigen.

Auch am 27. begann scheinbar eine Artikelserie, in deren Rahmen sich (mal wieder) ein „Militärkommentator“ mit den Hintergründen des Untergangs der Cheonan auseinandersetzt. Im ersten Teil hat er sich darauf beschränkt, für alle vorgelegten Beweise mehr oder weniger hieb und stichfeste Erklärungen zu liefern. Wer gerade eine eigene Verschwörungstheorie dazu entwickelt oder seine schon bestehende verfeinern möchte, der kann hier hervorragendes Futter finde.

Was mir an der nordkoreanischen Berichterstattung zum Cheonan-Zwischenfall auffällt ist einerseits, dass es relativ lange dauerte, bis man sich des Themas überhaupt annahm, was einerseits für das verunsicherte Verhalten eines Unschuldigen (ich will nichts ausschließen) sprechen könnte, aber eben auch für das strategische Vorgehen oder das schlechte Gewissen eines Schuldigen. Allerdings haben sich scheinbar schon alle Institutionen auf die Stunde null vorbereitet, wenn man direkt konfrontiert wird. Naja und dementsprechend wurden die Statements in ihrer Aussage genauer und vom Status derjenigen her, die sie veröffentlichten, bedeutender. Auch die Verteidigung gegen die Anschuldigungen wird differenzierter. Einerseits versucht man, die vorgelegten Indizien zu diskreditieren und Beweise zu entschärfen, andererseits versucht man zu verdeutlichen, dass man selbst kaum Motive für ein solches Vorgehen habe, während für eine Charade der USA und Südkoreas viele Gründe sprechen. An der Medienberichterstattung in unseren Breiten fällt mir auf, dass eigentlich nur die Drohungen Eingang in die Berichte finden, während andere Inhalte annähernd ignoriert werden. Was die ganze Übung jetzt gebracht hat? Keine Ahnung, aber ich dachte man sollte sich eben mal auch anschauen, was einer der Hauptakteure dieses Falls selbst zu sagen hat und wenn man die Artikel liest kennt man eben auch die offizielle nordkoreanische Linie.

Eine Antwort

  1. „… und sieht keine Motive für ein solches Vorgehen auf der nordkoreanischen Seite …“

    Hat natürlich nichts mit dem Scharmützel von Daecheong zu tun.
    Aber auch wenn Nordkorea Regime in dieser Geschichte eindeutig der Bösewicht ist, wird man doch nie das flaue Gefühl im Magen los, das seit Tonkin und den absichtlichen Falschmeldungen vor dem Irakkrieg immer wieder aufkommt, wenn die USA auf neue Provokationen aufmerksam werden.

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