Nordkoreas etwas andere WM-Vorbereitung: Chaostage bei der Chollima-Elf

Heute ist es endlich (diejenigen die sich nicht für Fußball interessieren dürfen sich das „endlich“ wegdenken oder, wenn sie von der medialen WM-Berichterstattung schon extrem genervt sind, auch gerne hier aufhören zu lesen) so weit. Nordkorea hat nach 44 Jahren erstmals wieder die Möglichkeit sich auf der großen Bühne des internationalen Fußballs zu beweisen. Vor einiger Zeit (mein Gott, wie schnell dieselbe doch vergeht) ein paar Monaten habe ich mich ja schonmal allgemein mit dem nordkoreanischen Fußball beschäftigt. Da aber Kims Mannen heute Abend gegen Brasilien auflaufen werden, dachte ich mir, dass es vielleicht (meiner Meinung nach definitiv) interessant wäre, die Vorbereitung Nordkoreas auf dieses sportliche Großereignis nochmal revuepassieren zu lassen.

Wäre nämlich die Vorlaufzeit für die WM beim deutschen Team auch nur annähernd so chaotisch verlaufen wie das bei der nordkoreanischen Elf der Fall war, hätten unsere Medien sicherlich schon den nationalen Notstand ausgerufen, Günther Netzer und Gerhard Delling wären sich wahlweise bei einer vierstündigen Dauerdiskussion um die Zustände im deutschen Fußball an den Kragen gegangen oder wären einfach nur in Tränen ausgebrochen und DFB Präsident Theo Zwanziger hätte in einem neutralen Drittstaat wo man keine Ahnung von Fußball hat (Frankreich zum Beispiel) politisches Asyl beantragt. Eine erstaunlich große Zahl der nordkoreanischen Freundschaftsspiele im Vorfeld der WM wurde von mehr oder weniger vorhersehbaren Ereignissen überschattet. Die teilweise kuriosen Ereignisse reichten von höherer Gewalt über organisatorische Unzulänglichkeiten bis zu in Nordkorea wohl nur zu bekannten Problemen. Aber auch sonst stand man vor ungeahnten und hier kaum vorstellbaren Schwierigkeiten…

Testspielchaos allenthalben

Den Anfang machte die Absage des Testspiels gegen Chile. Dort hatte just ein paar Tage vor dem geplanten Termin ein verheerendes Erdbeben (an das ihr euch wahrscheinlich noch erinnert) für schwere Verwüstungen gesorgt, so dass die Chilenen sich um anderes als um Fußball Freundschaftspiele Gedanken zu machen hatten.

Auch in Venezuela hatte der Fußbalgott es nicht eben gut gemeint mit den Nordkoreanern: In der achtzigsten Minute musste das Spiel beim Stand von 1:1 abgebrochen werden, da in dem ölreichen Land die Lichter ausgingen (wie man hört in letzter Zeit kein seltenes Ereignis. Und für die Nordkoreaner dürfte es wohl auch keine Premiere gewesen sein, in deren Heimat scheint die Stromversorgung ja auch nicht die Stabilste zu sein). Im Endeffekt war die nordkoreanische Mannschaft daran aber selbst schuld, denn sie hatte sich zuvor geweigert in der Nachmittagshitze zu spielen. Achja, als wäre das noch nicht genug gewesen, scheint vorher auch noch jemand den Trikot-Koffer in Pjöngjang vergessen zu haben. Daher war man gezwungen in geliehenen Jerseys aufzulaufen.

Aber nicht nur Südamerika barg für Kims Elf so manche Tücke. Auch in Afrika war es nicht unbedingt einfach für die Mannschaft. So versuchte man Nigerias Nationalteam für einen Test nach Pjöngjang zu locken. Dumm nur, dass man sich weigerte für die Reisekosten aufzukommen. Daher wurde das Spiel dann kurzfristig auf einen späteren Termin verschoben. Letztendlich einigte man sich darauf, kurz vor dem WM in Südafrika zu testen. Vom Ergebnis dürftet ihr vielleicht gehört haben. Im Vorfeld kam es zu einer Massenpanik, bei der 15 Menschen verletzt wurden (das Spiel ging 3:1 für Nigeria aus, aber das war dann wohl eher nebensächlich).

Natürlich gab es daneben auch noch Spiele, die ohne größere Zwischenfälle abliefen, eins davon fand sogar in Deutschland statt, aber irgendwie hat hier davon kaum jemand Notiz genommen (700 Leute um genau zu sein) obwohl zwei WM-Teilnehmer mitspielten. Der Gegner war Südafrika und Austragungsort Wiesbaden. Das scheinbar nicht besonders spektakuläre Match endete mit einem 0:0, was nicht das schlechteste Ergebnis für Nordkorea ist (allerdings muss dazu gesagt werden, dass Südafrika die Auslandsprofis nicht dabei hatte). Auch gegen den WM-Teilnehmer Griechenland kam man zu einem Unentschieden. Ob das 2:2 allerdings ein Ruhmesblatt ist dürfte fraglich sein, betrachtet man die desaströse Leistung des Rehagel-Teams gegen Südkorea. Außerdem räumte man im Februar den AFC-Challenge-Cup ab, einen Wettbewerb der Asian Football Confederation, in dem sich „Fußball-Entwicklungsländer“ für die Asienmeisterschaften qualifizieren können. Gegner waren Mannschaften wie Myanmar und Turkmenistan, das man im Finale im Elfmeterschießen bezwang (Also auch ein eher zweifelhafter Qualitätsbeleg).

Auf der Suche nach dem Trainingslager

Aber zur Vorbereitung auf ein WM-Turnier gehören ja nicht nur Testspiele sondern es ist ja auch oft hilfreich sich in einem Trainingslager auf die klimatischen Bedingungen im Austragungsland der WM zu gewöhnen. Das haben sich auch die Verantwortlichen des nordkoreanischen Teams gedacht und sich auf die Suche nach einem passenden Gastgeber gemacht. Swasiland war sicherlich keine schlechte Wahl, denn einerseits dürfte das Wetter dort sich nicht sehr von dem im Nachbarland Südafrika unterscheiden, andererseits wäre den nordkoreanischen Spielern in der absoluten Monarchie kein (politischer) Kulturschock wiederfahren (man könnte fast sagen, dass Nordkorea gegenüber Swasiland ein Muster an Demokratie ist. Dort wurde im Gegensatz zu Nordkorea zu den letzten Parlamentswahlen nämlich noch nicht einmal eine Partei zugelassen.). Ärgerlicherweise war man in Swasiland aber nicht bereit, die Kosten für das Trainingslager zu großen Teilen allein zu tragen. Da half selbst das großzügige Angebot Nordkorea, ein Freundschaftsspiel gegen das Team Swasilands zu spielen, Interviews mit den Spielern zuzulassen und eine (Sport-)klinik zu errichten, nichts.

Auch die weitere Suche gestaltete sich schwierig. Zwar versteht man sich in Pjöngjang ganz gut mit dem verkalkten Despoten Robert Mugabe (der übrigens meiner Meinung nach das Attribut „Wahnsinnig“ weitaus eher verdient als Kim Jong Il) weshalb es naheliegend war das nördliche Nachbarland Südafrikas für ein Trainingslager auszuwählen. Allerdings sind diese freundschaftlichen Gefühle unter der Bevölkerung nicht so verbreitet. Das Volk verübelt es den Nordkoreanern noch immer, dass dieses in den 1980er Jahren eine berüchtigte Einheit der simbabwischen Armee ausgebildet hatte, die in der Folge zwischen 8.000 und 20.000 Menschen ermordete. Nachdem es zu massiven Protesten kam (was in Simbabwe ja ne schwierige Sache ist und zeigt, wie wenig man die Nordkoreanern dort leiden kann) sagte die nordkoreanische Seite dieses Trainingslager kurz vor dem geplanten Termin ab.

Mit klimatischen Ähnlichkeiten wurde es dann eben doch nichts mehr, aber immerhin konnte man (unter Mithilfe der FIFA, aber Sepp Blatter ist ja als ihr Alleinherrscher auch irgendwie Kims Bruder im Geiste) ein bisschen in der Höhe üben, denn letztendlich landete Nordkoreas Team in der Schweiz um sich intensiv auf die WM vorzubereiten (Nordkoreaner vorbereiten und Schweiz scheint irgendwie zusammenzupassen, denn schließlich hat sich hier ja auch Kim Jong Ils Sohn Kim Jong Un auf sein „Amt“ als Diktator vorbereitet…). Dabei scheint man erstaunlicherweise recht offen gegenüber Fans und Autogrammjäger. Hier noch ein kurzer und interessanter Radiobeitrag zu dem Trainingslager.

Wichtiger als die Vorbereitung ist aber wohl das Team. Und auch hier hat sich Nordkorea einiges einfallen gelassen. Die Teamverantwortlichen haben sich nämlich gedacht, dass ein gut aufgestellter Sturm wichtiger sei als drei Tormänner. Dementsprechend bot man anstatt des zweiten Ersatztorhüters einen zusätzlichen Stürmer im Kader für die WM auf. Hätte man die FIFA Regularien vorher wohl mal genauer studieren sollen. Dummerweise darf ein Spieler der als Keeper nominiert ist nämlich auch nur als solcher auflaufen. Daher war dieser Kniff (der aber mal wieder die Kreativität Nordkoreas im Umgang mit Regeln zeigt) wohl ein glattes Eigentor. Aber am dritten Torwart wird die Mission WM wohl nicht scheitern…

Im Stadion oder Zuhause? In Nordkorea keine Frage

Aber nicht nur der Spielbetrieb an sich gestaltetete sich für Nordkorea schwierig. Auch im Umfeld kam es zu einer erstaunlichen Zahl organisatorischer Schwierigkeiten und Kuriositäten, wobei dieses Mal höhere Gewalt allerdings kaum eine Rolle gespielt hat, sondern eher das gespannte Verhältnis der Nordkorea zu international gültigen Regeln und die besonderen Bedingungen in diesem Land.

Eigentlich ist es ja für Fußballfans eine tolle Sache die eigene Mannschaft bei einer Weltmeisterschaft anzufeuern und für eine Mannschaft auch irgendwie wichtig von den eigenen Anhängern unterstützt zu werden. Im Falle Nordkoreas ist das alles aber nicht so einfach. Vermutlich sieht es Kim Jong Il eh nicht gerne wenn sein Volk Fan von irgendetwas anderem als ihm selbst ist. Noch weniger gern sieht er es allerdings, wenn sich viele Nordkoreaner aus seiner väterlichen Reichweite begeben, denn da verliert man schnell mal die Kontrolle über ihre Handlungen. Aber irgendwie erzeugt das international ja auch immer ein seltsames Bild, wenn gar kein Nordkoreaner im Stadion sitzt. Tja und da hat man eben beschlossen 1.000 Chinesen als Ersatz-Nordkoreaner zu nehmen, merkt ja keiner. Dummerweise hat Xinhua damit aber nicht hinter dem Berg gehalten und natürlich war das mal wieder ne schöne Nachricht fürs Kuriositätenkabinett. (Da hoffen wir doch mal, dass Chinesen für das“ richtige“ Team jubeln, nachdem ein nordkoreanischer Grenzer letzte Woche drei Chinesen erschossen hat…).

Fan-Trikots werden die Chinesen wahrscheinlich schonmal nicht tragen. Da gabs nämlich auch kleinere organisatorische Schwierigkeiten. Aus irgendeinem Grund hatte nämlich keiner der Ausrüster Lust sein Logo auf die Trikots und Schuhe der nordkoreanischen Fußballer zu sehen (wobei ich mir fast sicher bin, dass keine der Firmen große Probleme damit hätte, wenn Sportutensilien von nordkoreanischen Frauen (oder Kindern) hergestellt würden). Und so hat Nordkorea erst vor kurzem einen Vertrag mit der italienischen Firma Leaga unter Dach und Fach gebracht, zu spät um die Merchandise Artikel noch auszuliefern.

Aber zum Glück wird die WM ja per Satellit in alle Welt übertragen und so können die Nordkoreaner ihre Elf von zuhause aus unterstützen. Können sie? Wäre da nicht die Sache mit dem Schiff gewesen, das ein nordkoreanischer Torpedo vor fast zwei Monaten versenkt hat wäre das alles etwas einfacher gewesen. Dann hätte nämlich die südkoreanische Sendeanstalt die Signale geliefert. So haben die zurecht erzürnten Südkoreaner allerdings kurzerhand beschlossen, den Nordkoreanern die Übertragungsrechte für die WM-Spiele nicht zu gewähren. Eine Strafe die möglicherweise auch im Volk für einen gewissen Unmut sorgen würde (auch wenn Fußballspiele bisher meist zeitversetzt ausgestrahlt wurden). Aber da man in Nordkorea wie gesagt ein etwas anderes Verhältnis zu Verträgen und Rechten hat, strahlte man das Eröffnungsspiel der WM einfach trotzdem aus. Wie sich im Nachhinein herausstellte hatte man sich die Rechte auf anderem Weg gesichert (Wie in der großen Politik ist es halt auch im Sport von Vorteil „friends in higher positions“ zu haben, nur heißen die hier eben nicht China sondern FIFA. Da schauen wohl nicht nur die Südkoreaner in die Röhre (die aber eben irgendwie doppelt)).

Fußball ist Fußball bleibt Fußball

Mittlerweile wird das ganze Chaos allerdings wohl vergessen sein. Nach einigen Tagen Vorbereitung im (dank FIFA scheinbar fast nach nordkoreanischen Standards gesicherten) Quartier in Tembsia dürfte das Team wohl mittlerweile auf dem Weg nach Johannesburg sein. Heute Abend um 20:30 h rollt das runde Leder in Johannesburg und es geht mit Brasilien gleich gegen ein Team mit Dauerabo auf den Titel des WM-Favoriten. Und dann sind die Nordkoreaner (zumindest die Elf auf dem Platz) ziemlich vielen anderen Menschen auf der Welt ziemlich ähnlich. Dann geht es eigentlich nur noch um eins: Das Runde muss ins Eckige! In diesem Sinne: Viel Spaß beim Zuschauen…

Achja, wenn ihr euch so richtig gut auf das Spiel vorbereiten wollt und kurze Backgroundinfos zu einzelnen Spielern sucht dann schaut mal hier vorbei.

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