Dass du mir Indien nicht aus den Augen lässt! — Indien ist Nordkoreas drittgrößter Handelspartner und keiner hats gemerkt!

Auf der Suche nach Kraftstoff für die Wirtschaft wie das Militär scheint Nordkorea in den vergangenen Jahren weitgehend unbemerkt von Beobachtern einen neuen Partner aufgetan zu habe, der Öl und Benzin in das Land liefert. Wie Forbes Asia vor ein paar Tagen unter Berufung auf die Confederation of Indian Industry, einem indischen Handelsverband, berichtete belief sich das Handelsvolumen zwischen Indien und Nordkorea im vergangenen Jahr auf etwa eine Milliarde US-Dollar. Ein herausragender Teil des Handels beziehe sich dabei mit etwa 940 Millionen US-Dollar auf raffinierte Ölprodukte. Geschäfte in diesem Bereich hätten für beide Parteien große Vorteile. Nordkorea sei immer auf der Suche nach Lieferanten, die bereit seien unabhängig von politischen Verwerfungen nach Nordkorea zu liefern und sich nicht von der in früheren Fällen oft mangelhaften Zahlungsbilanz des Landes abschrecken lasse. In Indien gäbe riesige Kapazitäten zum Raffinieren von Erdöl, allerdings seien gerade private Unternehmen gezwungen sich Kunden im Ausland zu  suchen, da das inländische Geschäft staatlich stark reguliert sei, so dass diese Firmen ihre Produkte nur mit Verlusten absetzen könnten. Vor diesem Hintergrund scheinen sich seit Mitte des Jahrzehnts florierende Handelsbeziehungen zwischen beiden Seiten entwickelt zu haben, die Nordkorea helfen, Fuhrpark und Industrie einigermaßen am Laufen zu halten. Da die Geschäfte mit privaten Unternehmen ablaufen, wird die Lieferung nur gegen harte Währung erfolgen. Forbes vermutet, dass diese aus den „düsteren Exportgeschäften“ Nordkoreas stammt und vermutlich ist da auch etwas dran, denn ansonsten würden sich allein der Handel mit Indien auf über die Hälfte des Wertes der exportierten Waren Nordkoreas belaufen, was dem Land für andere Einfuhren wenig Devisen und damit Spielraum ließe. Mit dem oben genannten Exportvolumen wäre Indien für Nordkorea der zweitwichtigste Lieferant, noch vor Südkorea und der drittwichtigste Handelspartner insgesamt. Interessant finde ich in diesem Zusammenhang auch, dass keiner der internationalen Beobachter den Handel zwischen Indien und Nordkorea auf der Karte gehabt zu haben scheint. Dies legen jedenfalls die im Bericht des UN-Expertenpanels zur Überprüfung der UN-Sanktionen gegen Nordkorea enthaltenen Tabellen nahe. Dort sind nämlich Handelspartner wie Malaysia und Indonesien mit einem Gesamthandelsvolumen von unter 20 Millionen US-Dollar aufgeführt, nicht aber Indien. Auch Stephen Haggard wird in dem Forbes Bericht dahingehend zitiert, dass er von diesem großen Ausmaß der Geschäfte beider Länder überrascht sei. Dies könnte allerdings auch daran liegen, dass der Handel zwischen Nordkorea und Indien nicht auf direktem Wege abläuft, sondern aufgrund der Tatsache, dass die indischen Firmen politische und ökonomische Risiken fürchten, über ein Netzwerk von Zwischenhändlern und Banken, unter anderem in Dubai abgewickelt wird.

Die zumindest für mich überraschende Tatsache, dass Indien heimlich, still und leise zu einem der bedeutendsten Handelspartner Nordkoreas aufgestiegen ist, lässt einige weitergehende Schlüsse zu:

  • Nordkorea will sich weiterhin nicht der alleinigen Gnade Chinas aussetzen sondern versucht unabhängig vom wichtigsten Verbündeten auch andere Versorgungswege zu erschließen. Dies ist eine Konstante, die sich durch die gesamte nordkoreanische Geschichte zieht.
  • Allerdings ist Indien damit definitiv der größte Handelspartner Nordkoreas dessen Beziehungen zu Kims Reich (fast) ausschließlich auf Marktmechanismen beruhen. Anders als es bei Südkorea und China der Fall ist, hat Indien in Nordkorea keine vitalen Interessen und die Tatsache, dass der Handel auf der indischen Seite im privatwirtschaftlichen Bereich abläuft spricht für sich.
  • Damit könnte auch der geschäftliche Besuch Pramod Mittals, des kleinen Bruders des Stahlmagnaten Lakshim Mittals, in Pjöngjang etwas besser erklärt werden. Denn unter dem Radar internationaler Beobachter scheinen sich zwischen Indien und Nordkorea erfolgreich Handelsbeziehungen entwickelt zu haben. Bei einem Handelsvolumen das dieses Jahr dann vermutlich die Milliardengrenze durchschlägt muss auch so etwas wie gegenseitiges Vertrauen im Spiel sein. Dies könnte die nordkoreanische Seite nun nutzen um indische Investitionen anzuziehen, oder aber um eine Art Rohstoff-Tauschhandel aufzuziehen.
  • Für internationale Beobachter scheint es unglaublich schwer zu sein, Einblicke in das verschlossene Land zu gewinnen. Wenn noch nichtmal auffällt, dass eines der aufstrebenden Schwellenländer sich zu einem der bedeutendsten Handelspartner (irgendwie müssen die Güter ja von Indien nach Nordkorea gekommen sein und bestimmt nicht per U-Boot oder im kleinen Grenzverkehr zu China…) mausert, wie bitte soll man denn dann bitte Vorgänge im Inneren des nordkoreanischen Regimes bemerken und bewerten wollen (ich hab da ne Vermutung, aber die ist nicht besonders ermutigend…)
  • Auf die lange Frist gesehen, könnten sich aus dem Bedeutungsgewinn Indiens in Nordkorea durchaus noch politische Implikationen ergeben. China und Indien waren sich nicht ganz grün (es gab ja sogar 1962 ein paar  Monate Krieg um einige Quadratkilometer Berge und Felsen) und sind es sich immernochnicht, auch wenn man zurzeit ein „Zweckbündnis“ zum gemeinsamen Aufstieg geschlossen hat. Die Länder konkurrieren in Afrika in Rohstoffe, in Myanmar um Einfluss und China baut eine große Marinebasis in Indiens verfeindetem Bruderstaat Pakistan. Sollte der Aufstieg beider Staaten weitergehen und das Ringen um Rohstoffe und um Einfluss in Asien härter werden, hätte Indien einen Fuß in Kims Tür, was dem Regime in Pjöngjang vermutlich gut gefiele. Hier könnte man dann wieder zwei mächtige „Freunde“ gegeneinander ausspielen, wie man es mit der Sowjetunion und China schon vor Jahrzehnten getan hat. (Aber sowas wird nicht heute und morgen passieren, aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass man in Pjöngjang bereits über solche Optionen nachgedacht hat).

Interessant, interessant, da wird Indien vermutlich ziemlich weit oben in den künftigen Handelsstatistiken auftauchen, die die Bank of Korea und andere Institutionen für Nordkorea erstellen und die dann von den Medien (von mir auch, stimmt schon) oft so behandelt werden, als würden sie tatsächlich die Realität darstellen. Dass dem nicht so ist hat der Forbes-Bericht eindrucksvoll bewiesen.

Was lernt man daraus? Zahlen sind zwar schön und gut, im Fall Nordkorea aber zu vernachlässigen, weil nicht verifizierbar. Ansonsten? Dass du mir Indien nicht aus den Augen lässt!

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