Eine Sprachbarriere zwischen Süd- und Nordkorea? — Bedeutende Herausforderung bei einer möglichen Wiedervereinigung

Nachdem ich in den letzten Wochen fast nur tagesaktuellen Themen und Meldungen hinterhergehechelt bin – was mir auch ein bisschen auf die Nerven ging, aber irgendwie wars ja auch alles wichtig – freue ich mich, dass ich heute nochmal Zeit und Muße gefunden habe, mich einem Thema von eher allgemeinem Interesse zu widmen. Dabei soll es um die Verständigung zwischen Nord- und Südkorea gehen und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Um die Sprache, bzw. um die Unterschiede die sich während der über sechzigjährigen Trennung (wobei das Wort hier definitiv untertrieben ist) beider Koreas entwickelt hat. Ich persönlich denke, dass dieses Thema sehr wichtig ist, gerade wenn man in die Zukunft blickt und über eine mögliche Wiedervereinigung der Koreas nachdenkt und wundere mich gleichzeitig, dass dieser Frage recht wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird (so empfinde ich das jedenfalls). Sollte irgendwann wieder ein gemeinsamer koreanischer Staat entstehen, dann wird es eine der wichtigsten und gleichzeitig schwersten Aufgaben der Regierung wie der gesamten Bevölkerung sein, sichtbare und unsichtbare Barrieren zwischen den entfremdeten Bevölkerungsgruppen einzureißen. Wie schwer das ist zeigt sich ja gut bei uns in Deutschland, wo dieser Prozess noch immer nicht abgeschlossen ist. Ungleich schwerer dürfte es allerdings in Nordkorea sein, wo die Trennung nun schon sechzig Jahre wesentlich rigider durchgehalten wird, als es in Deutschland je der Fall war. Eines der ersten trennenden Elemente, das dann beseitigt werden muss ist die Sprache. Ohne Sprache ist keine Kommunikation möglich und gleichzeitig führen Unterschiede in der Sprache den Kommunizierenden permanent ihre unterschiedliche Herkunft (geographisch, sozial oder was auch immer) vor Augen. Tja und weil ich dieses so grundsätzlich und bedeutend finde werde ich mich mal versuchen daran zu wagen, obwohl mir eigentlich die Grundlage zur Beschäftigung mit diesen Unterschieden fehlt.

Grundsätzlich hatten Süd- wie Nordkoreaner nach dem Ende der japanischen Besatzung mit der gleichen Ausgangssituation zu kämpfen (ist ja klar, war ja noch ein Land). Die Japaner hatten ganz in imperialistischer Manier versucht, der koreanischen Kultur den Boden zu entziehen und ihr das Japanische aufzupfropfen. Dies fand nicht zuletzt in der Schulbildung ihren Ausdruck, in der die koreanische Sprache nicht gelehrt und noch nicht einmal zur Anwendung kam. Die 35 Jahre in denen das Koreanische aus den Schulen verbannt war hatten zur Folge, dass es eine große Zahl koreanischer „Analphabeten“ gab, die nicht koreanische lesen und schreiben, teilweise noch nicht einmal sprechen konnten. In dieser Situation begannen die unmittelbar nach dem Ende der Besatzung (wenn auch noch nicht hermetisch) getrennten Koreas ihre Sprache und Schrift in relativem Gleichschritt zu restaurieren, denn erst einmal war scheinbar beiden Seiten wichtig, dass die koreanischen Schriftzeichen (Hangul) wieder allgemeine Verbreitung fand. Dabei diente zu Beginn der Dialekt der um Seoul herum gesprochen wurde als Leitfaden in beiden Landesteilen, so dass sich noch keine großen Unterschiede entwickelten. Allerdings begann man in Nordkorea (anders als in Südkorea) schon unmittelbar nach dem Ende der japanischen Besatzung, die Schrift von chinesischen Zeichen zu „reinigen“. Bis dahin war es gebräuchlich, auch chinesische Schriftzeichen zwischen dem Hangul einzusetzen. Ab 1949 war die Verwendung chinesischer Zeichen untersagt. Trotz kleinerer orthographischer Änderungen im Norden blieben die nordkoreanische und die südkoreanische Sprache bis 1966 weitestgehend gleich (die bis dahin auf beiden Seiten und bis heute in Südkorea verwendete Art des Koreanischen wird als „standard language“ (p’yojun-o) genannt).

1966 erschien Kim Il Sungs Werk „On Fostering National Characteristics in Korean“, das den entscheidenden Umbruch in der Sprache Nordkoreas und die endgültige Erstellung einer eigenen „Standardsprache“ der „cultural language“ (Munhhwa-o) zur Folge hatte (Grundsätzlich bestehen innerhalb der koreanischen Dialekte keine riesigen Unterschiede, wie das beispielsweise in China der Fall ist und wie man es in Deutschland vielleicht zwischen den Niederdeutschen und den Bairischen Dialekten findet (ich glaube Kommunikation zwischen diesen ist annähernd unmöglich)). Diese basierte auf dem Dialekt, der in Pjöngjang gesprochen wurde und sollte bewirken, dass die Bevölkerung Nordkoreas ihre Bindungen zur traditionellen koreanischen Kultur abbrachen, ist also nicht zuletzt vor einem politischen bzw. ideologischen Hintergrund zu sehen. Auch ist die Wahl des Pjöngjanger Dialekts, also des ideologischen und politischem Zentrum des Landes wohl bezeichnend. Die Entscheidung für die cultural language brachte einige phonetische und morphologische Veränderungen der Sprache mit sich. Daneben ergaben sich aber vor allen Dingen Änderungen im Vokabular, die in weiten Teilen den Gedanken der Juche Ideologie folgten.

Grundsätzlich wurde versucht fremde Lehnwörter aus dem Sprachgebrauch zu verbannen und auch sino-koreanische Wörter durch genuin koreanische zu ersetzen. Manche Wörter, vor Allem solche, die mit Feudalismus oder ethischen und religiösen Konzepten in Verbindung gebracht wurden, tilgte man aus dem Sprachgebrauch indem man ihre Nutzung untersagte und das Verbot durch starke soziale Kontrolle durchsetzte (wenn man ein Wort nie nutzt, weil man sonst Ärger kriegt, wird es vergessen). Viele fremde Vokabeln wurden verbannt wenn möglich durch koreanische Ersetzt, ansonsten wurde die Nutzung koreanischer Worte abgewandelt oder es wurden neue Ersatzvokabeln entwickelt. Gab es keine Möglichkeit Lehenworte zu verdrängen wurden sie der koreanischen Sprechweise angepasst und transkribiert und fanden Eingang in die Sprache. Die Nutzung der neuen Standardsprache wurde durch die Veröffentlichung eines Standardwörterbuchs in dem das neue Vokabular enthalten war gefördert, während die Weiternutzung der alten Sprache durch strikte soziale Kontrolle verhindert wurde. Viele Worte aus dem Alltagsprachgebrauch und aus Dialekten fanden Eingang in die Schriftsprache und bei manchen Worten wurde die Bedeutung im Sinne der Ideologie eingeschränkt bzw. abgewandelt. Weiterhin orientierte sich das Vokabular am Sprachgebrauch Kim Il Sungs. Oft fanden von ihm genutzte Worte Eingang in die Alltagssprache.

Ein Unterschied der nicht direkt in der Sprache Nordkoreas selbst zu finden ist, sondern vielmehr in ihrer konkreten Anwendung ist das, was ich als den ihren Tonfall oder ihren Stil beschreiben möchte. Hört man beispielsweise eine nordkoreanische Nachrichtensendung erkennt man einen grundsätzlich pathetischen und mit Emphase vorgetragenen Tonfall. Als stilistische Charakteristiken werden unter anderem kurze (befehlsmäßige) Sätze und Emphase durch Repetitionen genannt. Zur Demonstration der Unterschiede habe ich mal ne südkoreanische und ne nordkoreanische Nachrichtensendung rausgesucht. Die Unterschiede was feierlichen Pathos angeht sprechen wohl für sich.

(Zu den vorangegangenen Absätzen habe ich mich hauptsächlich auf diesen, zwar etwas älteren, aber sehr detaillierten und soweit ich das übersehe gut recherchierten Text gestützt. Eine etwas kürzere Zusammenfassung mit vielen Beispielen hinsichtlich des Vokabulars gibt es hier (S. 31 – 43). Eine (wenn auch nicht vollständige (wg. Google-Books) Übersicht über orthographische Unterschiede ist hier zu finden (S. 193 – 205). Auf der Seite von KBS-World gibt es eine kurze (verkürzte) Zusammenfassung der Unterschiede zwischen der Süd- und der Nordkoreanischen Sprache mit einigen Beispielen aus dem Vokabular, netterweise auf Deutsch.)

Unterschiede bestehen also, bleibt nur noch die Frage, inwieweit sie sich praktisch auswirken. Scheinbar fällt es nordkoreanischen Flüchtlingen, die nach Südkorea kommen sehr schwer, mit den sprachlichen Unterschieden zurechtzukommen. Einerseits liegt das an der Sprachbarriere, die tatsächlich zu bestehen scheint, da wie oben aufgeführt Unterschiede im Vokabular beider Sprachen besteht (In einer Befragung gaben 45 Prozent der Befragten an, dass der südkoreanische Dialekt unter anderem wegen des unbekannten Vokabulars für sie schwer zu verstehen sei, während über 50 Prozent bekannten, dass Südkoreaner sie oft schwer verstünden. Über die Hälfte der Befragten gaben an, dass sie drei Jahre benötigt hätten, um die Sprache Südkoreas zu beherrschen). Andererseits sind sie aber auch für Südkoreaner sofort als Nordkoreaner erkennbar, was es Nordkoreaner wegen bestehender Vorurteile oft schwer macht. Scheinbar führt die sprachliche Barriere oft auch zu beruflichen Schwierigkeiten. Bei einer anderen Befragung glaubten über die Hälfte der Nordkoreaner, dass sie wegen ihrer Herkunft Nachteile auf dem Arbeitsmarkt hätten. (Alles nachzulesen hier (S. 11 – 13)). Die Tatsache, dass man ihre Herkunft an dem Dialekt erkennen kann führt bei manchen Nordkoreanern zu einem Gefühl der Stigmatisierung, während das Südkoreanische weiterhin als fremde Sprache empfunden wird.

Tatsächlich scheinen sich aus den unterschiedlichen sprachlichen Entwicklungen der beiden verfeindeten Bruderstaaten schon heute praktische Probleme zu ergeben, für die die südkoreanische Regierung bei weniger als 20.000 eingereisten nordkoreanischen Flüchtlingen noch keine echte Lösung gefunden hat. Da ist die Frage wohl legitim, wie dieses Problem behoben werden soll, wenn es tatsächlich zu einer Wiedervereinigung kommt (ich glaube in Deutschland wäre es auch etwas schwieriger gewesen, wenn alle ehemaligen Bürger der DDR sächsisch gesprochen hätten. (Zum Glück konnte Walter Ulbricht der DDR keinen nachhaltigen sprachlichen Stempel aufdrücken!)). Naja, wir werden sehen, aber ich glaube diese Frage sollte nicht vernachlässigt werden.

Was mir beim Erstellen des Beitrags noch aufgefallen ist, hat nicht direkt was mit der Sprache zu tun, irgendwie aber doch. Ich habe mir überlegt, wie viel einfacher es das Regime in Pjöngjang hatte, nach der sprachlichen Brandrodung die die Japaner über drei Dekaden in Korea vorgenommen haben, eine ideologisierte Sprache nach den eigenen Vorstellungen zu installieren. Denkt man da etwas weiter, könnte sich hier auch ein Grund für die erfolgreiche Installierung der eigenen Ideologie und damit für die Beständigkeit des Regimes finden. Denn diese Brandrodung betraf ja nicht nur die Sprache sondern die gesamte Identität der Koreaner. So fand Kim Il Sung nach dem Abzug der Japaner idealen (weil gerodeten) Boden vor, in den er die Saat von Juche einpflanzen konnte (die Problemlos noch unter der Erde schlummernde Keime verdrängte). Wenn ich mir das so überlege bin ich recht extrem froh, dass in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg eine freiheitliche Demokratie installiert wurde. Denn hier war der Boden (was Entwurzelung etc. angeht) für einen weiteren irren Menschenverächter glaube ich auch schon recht gut vorbereitet.

Meinungen, Anregungen, Kritik? Alles gern gesehen!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s