Empfehlenswerte Dokumentation über das Alltagsleben in Nordkorea

Eben bin ich durch Zufall auf eine kleine, aber meiner Meinung nach sehr feine Dokumentation zu Nordkorea gestoßen, die ich euch wärmsten ans Herz legen möchte. Ein niederländischer Dokumentarfilmer (leider habe ich in der Anmoderation seinen Namen nicht richtig raushören können (ich weiß nicht genau wann der Film gedreht wurde, vermute aber mal so 2005 oder 2006)) war im Auftrag von Al Jazeera in Nordkorea und begleitete in dem 20 minütigen Film eine Familie in ihrem Alltag. Zu sehen ist die Arbeitsstelle und ein Tag der Mutter in der Kleiderfabrik, der Kindergartenalltag der Tochter und der Großvater, ein Kriegsveteran, der recht eindringlich seinen Hass auf die Amerikaner schildert und begründet. Der Filmemacher war mit Erlaubnis des Regimes in Pjöngjang unterwegs, daher bekommt man nur zu sehen, was das Regime will. Wobei ich jedoch nicht ganz verstehen kann warum sie das gezeigt haben wollen. Die Versorgungs- vor allen Dingen Energieengpässe werden nicht verschwiegen und das permanente Einhämmern von Parolen und Ideen frei nach dem Motto „lebenslanges Lernen“ finde ich noch hier am Bildschirm grausam (wobei ich die Stiefelstory ganz interessant, wenn auch nicht besonders kreativ fand). Was die Dokumentation in meinen Augen so wertvoll macht, ist dass der Autor sich eigene Kommentare vollkommen gespart hat und die Bilder und Aussagen, oft auch die Blicke der Protagonisten für sich hat sprechen lassen. Meiner Meinung nach sagt das mehr als tausend Worte und entblößt den totalen und umfassenden Zugriff des Staates auf alle Lebensbereiche in einer unverblümten, aber auch unverfälschten Form. Gleichzeitig ist es in einigen Szenen aber auch schön zu sehen, dass die Leute die da gezeigt werden nichts anderes sind als wir. Menschen. Menschen die manchmal froh sind ein lobendes Wort zu hören oder eine Minute für sich zu sein, denen aber auch (so schien es mir) durchaus bewusst ist, dass sie nur leere Formeln herunterbeten und überkommenen Ritualen folgen, an die sie selbst nicht mehr glauben können. Daher denke ich, dass der Film sehr wertvoll ist, obwohl man natürlich davon ausgehen muss, dass so nicht der Alltag in Nordkorea aussieht und der Großvater nicht immer mit all seinen Orden durch die Straßen Pjöngjangs wandelt. Aber wenn das die geschönte Version ist. Wie schwer erträglich sieht dann die Reale wohl aus? Wie gesagt: schauts euch einfach selbst an…

P.S. Was mir jetzt erst bewusst geworden ist, was mich aber durchaus irritiert: Das kleine Mädchen hat einen „Hello Kitty“ Rucksack. Wie es da wohl dran kommt? Vermutlich vom Dokumentarfilmer. Dass das trotzdem durch die Zensur ging: Bemerkenswert!

7 Antworten

  1. Na endlich.Mal ein Film über dieses Land wo man nicht gleich eins mit dem allzeit wertenden „Propagandahammer“ über den Schädel kriegt sondern sich seine eigene Meinung zusammenbasteln darf (vorausgesetzt man ist nach all den Jahren deutschen Fernsehkonsums überhaupt noch dazu fähig).

    Wie auch immer, so „schockierend“ fand ich das ganze jetzt nicht einmal.Die Geschichte mit den Kim-Stiefeln war unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt sehr nett und baut Kinder durchaus moralisch auf bzw. mahnt zu Werten wie Genügsamkeit.Die Fabrikangestellten wirkten auf mich auch nicht viel unglücklicher oder glücklicher als die in unserem Kulturkreis.
    Die Dauerbeschallung mit Kim-Jubel wirkt natürlich auf den ersten Blick absurd und befremdlich, kann aber durchaus auch mit dem surrealen Menschenbild was uns die Werbung oder Popkultur hierzulande vorgaukelt verglichen werden.

    Es kann natürlich auch sein das ich mich schon viel zu lange mit Nordkorea beschäftige und bereits „abgestumpft“ bin bzw. den Blick für die Wirklichkeit verloren habe.Wer weiss das schon so genau…

    • Was mich schockiert hat (obwohl man natürlich schon oft gehört hat wie die Zustände dort sind) war auch nicht die Existenz der Propaganda, obwohl ich ihre Art schon erschreckend fand, denn sie erreicht die Bürger nahezu permanent überall und es gibt kaum eine Chance sich ihr zu entziehen. Wenn ich Lust habe den Quatsch aus dem Radio oder Fernsehen nicht dauernd zu hören oder zu sehen mache ich die Kisten halt aus. Dort muss man auf der Arbeit auf einen Stromausfall warten (Irgendwie hatte ich bei den Bildern auch den Eindruck, dass eine Anspannung aus den Gesichtern der Frauen abfiel, aber das kann natürlich auch wegen der Arbeit gewesen sein). Aber was mich wirklich erschreckt hat ist das permanente und Lebenslange ausgesetzt sein, dem die Leute unterliegen. Sie lernen die Geschichte mit dem Stiefel eben nicht nur als Kinder, sondern auch als Erwachsene (aber wie Kinder), das Hintereinandermontieren der beiden Episoden fand ich echt super. Als Kind bekommt man von der Mutter eingebläut den Amerikaner zu hassen und der Großvater bläut dasselbe seiner Enkelin und der Schwiegertochter ein. Die Propaganda und die Ideologie multiplizieren sich selbst und erreichen die Menschen von morgens bis abends zuhause, auf der Straße und auf der Arbeit. Ich weiß nicht wie sich das wirklich auswirkt, aber ich finde das wirklich schockierend. Ich will nicht bestreiten, dass man hier nicht auch unbewusst Ideen und „Wahrheiten“ ins Hirn gepflanzt bekommt, aber man kann sich dem eben entziehen und man kann sich ohne Gefahr für Leib und Leben kritisch oder gegensätzlich äußern.

      • Ja das wird es wohl sein.Wir können uns dem Wahnsinn einfacher entziehen, und natürlich ohne irgendwelche Folgen.

      • Zum Thema Propagandabeschallung: Auf eBay (Artikelnummer 390223717484) gibt’s ein echtes nordkoreanisches Propagandaradio, welches in jedem Wohnzimmer an der Wand haengt. Und es hat einen Stecker, man kann es zwar nicht leise drehen, aber man muss es nicht in die wand stecken. Das macht es ein wenig menschlich…

        Frage mich, wie der Verkaeufer daran kommt. Im Touristenladen gibt’s das bestimmt nicht.

        • Hehe, danke für die Info! Ein sehr interessantes Objekt, obwohl ich bezweifle, dass die Aussage des Verkäufers: „Richtig verbunden, kann man mit ihm Musik hören, die den großen Führer General Kim Jong Il und Präsident Kim Il Sung verehrt, sowie öffentliche Ankündigungen und historische Lektionen über den siegreichen Vaterländischen Befreiungskrieg. Ebenfalls kann man Nachrichten hören über die US-Imperialisten und die Südkoreanischen Verräter.“ auch für Deutschland zutrifft, es sei denn Nordkorea hat tatsächlich zwei Kommunikationssatteliten im All und das Ding kann mehr als es den Anschein macht. Auch toll finde ich das Angebot, bei einem Kaufpreis von mindestens 150 € nen alten 5.000 Won schein und ne „Rodong Sinmun“ draufzulegen. Ob das ne neue Masche von verdecktem Merchandising ist? Der Verkäufer scheint zwar unverdächtig aber der Info-Text? Und 30 Tacken Versand? Ich weiß nicht…
          http://cgi.ebay.de/Peoples-Radio-North-Korea-Volksempfaenger-Nord-Korea_W0QQitemZ390223717484QQihZ026QQcategoryZ8768QQssPageNameZWDVWQQrdZ1QQcmdZViewItem

  2. Der Macher der Doku heißt Pieter Fleury (http://nl.wikipedia.org/wiki/Pieter_Fleury). Al Jazeera hat den Film zwar ausgestrahlt, aber er hat ihn (laut Wikipedia) nicht für Al Jazeera gemacht, sondern selbst finanziert.

    Original-Titel ist: „Noord-Korea: Een dag uit het leven“

    Die Doku dauert normalerweise 42 Minuten laut IMDb: http://www.imdb.com/title/tt0450065/

    Bei Dailymotion kann man sich den Film in ganzer Länge anschauen:

    http://www.dailymotion.com/video/x2h7d6_north-korea-a-day-in-the-life-2-of_news

    Der Film ist gespenstisch, denn der Film ist ja anscheinend von der Staatsführung autorisiert und zeigt somit ein geschöntes Bild von diesem Land. Dann kann man sich vorstellen wie es dort wirklich ist…

    • Vielen Dank für die Hinweise uebel! Da hätte ich mir bei der Recherche wohl etwas mehr Mühe machen können, aber ich hab vergessen die Eigenheiten des Niedeländischen zu bedenken und bin deshalb immer an Peter Flury oder so hängen geblieben…

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