Warum es für Nordkoreas Regime rational ist die eigene Wirtschaft zu zerstören: Tolle Analyse von Andrei Lankov

Neben den außenpolitischen Eskapaden des Regimes in Pjöngjang stellen sich vor allem hinsichtlich der künftigen Entwicklung Nordkoreas einige wegweisende Fragen. Einerseits steht in den nächsten Jahren ein Führungswechsel, höchstwahrscheinlich von Kim Jong Il auf seinen Sohn Kim Jong Un an, der einen entscheidenden Moment für die Stabilität des Regimes markieren dürfte, andererseits ist in den letzten Jahren ein Richtungswechsel in der Wirtschaftpolitik des zu vermerken, dessen Ausrichtung immer deutlicher wird. Zu beiden Themen habe ich hochinteressante Artikel gefunden, die ich euch kurz präsentieren müsste (eigentlich habe ich nur einen Artikel gefunden. Auf den von Lankov hat mich nämlich Michael aufmerksam gemacht. Danke dafür!).

Pyongyang Strikes Back: North Korean Policies of 2002–08 and Attempts to Reverse “De-Stalinization from Below”

Der Artikel, den Andrei Lankov schon vor etwa einem Jahr veröffentlicht hat, beschäftigt sich mit der wirtschaftlichen und abhängig davon der gesellschaftlichen Ausrichtung des nordkoreanischen Staates. Dabei schlägt Lankov den Bogen zurück bis zum Anfang der 1990er Jahre (kurz beschreibt er auch das System zuvor, aber sein Hauptaugenmerk liegt auf dieser Zeit) und beschreibt die gesellschaftlichen Veränderungen, die von der schweren Wirtschaftskrise, die Mitte bis Ende dieses Jahrzehnts um sich griff, ausgelöst wurden. Dabei beschreibt er das Entstehen eines „grassroots-capitalism“, eines privatwirtschaftlich organisierten Versorgungssystems, dass die mehr und mehr versagende staatliche Versorgung ersetzte und darüber hinaus auch zu einer Versorgung mit Gütern führte, die das staatliche System nie geliefert hatte. Dadurch ging einerseits die Abhängigkeit vom und die Kontrolle durch den Staat zurück, andererseits nahmen das Wissen über die Umstände im Rest der Welt (und damit eine realistischere Selbsteinschätzung der Bevölkerung) und der Austausch mit China zu. Der Staat duldete die entstandenen Strukturen, da sie die Grundversorgung der Bevölkerung sichern halfen und legitimierte sie sogar mit den Maßnahmen vom ersten Juli 2002. So weit so bekannt. Wer sich schonmal ein bisschen mit Lankov auseinandergesetzt hat weiß, dass er den Begriff des grassroots-capitalism geprägt hat und dass es daher auch nicht überraschend ist, dass sein Artikel darauf aufbaut. Interessanter und vor allen Dingen neuer ist die Bewertung der Entwicklungen seit dem Jahr 2004, die Lankov abgibt. Hier zeichnet er ein Bild eines Regimes, das vor allem durch eine positive außenpolitische Situation auf mehr „eigene“ Ressourcen zurückgreifen kann und daher keine Notwendigkeit mehr sieht, die Strukturen des grassroots-capitalism weiter zu dulden. Dementsprechend hat Pjöngjang seit 2004 (nur teilweise erfolgreich) begonnen die vollzogenen Veränderungen rückgängig zu machen. Da der Artikel wie gesagt im Sommer 2009 erschienen ist, sind die Währungsreform, sowie die Äußerungen nordkoreanischer Offizieller und das Vorgehen hinsichtlich des Kooperationsprojekts am Kumgangsan nicht enthalten. Betrachtet man allerdings diese Maßnahmen, erscheinen sie wie eine Fortschreibung dessen, was Lankov in seinem Artikel beschreibt. Vermutlich enthält Lankovs Analyse nicht alle entscheidenden Faktoren, da beispielsweise innere Vorgänge des Regimes (Nachfolge!) nicht beachtet werden, aber das ist wohl auch nicht das Ziel des Autors und die Fragen die er stellt beantwortet er in einer weitsichtigen Manier. In seinem Ausblick gibt er dem Regime, sollte es gelingen, den Einfluss der Märkte weiter zu beschränken, gute Chancen weiter zu bestehen. Dabei sieht er wenig Möglichkeiten für externe Parteien wie die USA, Einfluss auf die Handlungen Pjöngjangs zu nehmen. Und hier finde ich, dass seine Analyse einen kleinen Mangel aufweist. Aus seiner Beschreibung geht nämlich – zumidest indirekt – hervor, dass das Regime den grassroots-capitalism nur zuließ, weil es keine andere Möglichkeit sah, die Bevölkerung zu versorgen und gleichzeitig den Eliten ein komfortables Leben zu garantieren. Würden externe Parteien eine solche Situation nochmal herbeiführen, würde es logisch erscheinen, dass es wiederum zum Aufblühen privatwirtschaftlicher Strukturen und dem weiteren Zufluss von Informationen käme, also gäbe es doch eine Möglichkeit externer Parteien Einfluss zu nehmen. Aber generell hat Lankov wie gesagt eine sehr weitsichtige und umfassende Analyse zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung des Landes verfasst.

Keeping Kim: How North Korea’s Regime Stays in Power

Das kurze PolicyBrief das vom Belfer Center for Science and International Affairs der Harvard Kennedy School veröffentlicht wurde, beschäftigt sich mit Strategien und Werkzeugen die das Regime in Pjöngjang nutzt um die eigene Macht zu erhalten. Das Regime wird dabei als grundsätzlich rational bei der Machterhaltung beschrieben und als Methoden zum Machterhalt werden der Aufbau eines Staatswesen, dass in seiner Anlage das Entstehen von oppositionellen Kräften, ob aus Politik oder Gesellschaft, unmöglich macht, die Ideologie, brutale Gewaltanwendung, die „Bestechung“ der Eliten und die Manipulation anderer Staaten genannt. Daraus ziehen die Autoren die Schlüsse, dass grundsätzlich Sanktionen, die auf die Eliten zielen als Mittel gegen das Regime dienen könnten, dass aber vor allem China und Südkorea eine Instabilität des Regimes so sehr fürchten, dass solche Sanktionen kaum effektiv durchgesetzt würden. Auch militärischen Optionen (der USA) werden kaum Chancen gegeben. Begrenzte Schläge würden zu einem neuen Aufleben des Nationalismus im Land führen und das Regime so eher stützen. Eine Invasion dürfte den USA zu riskant sein und ist daher ohnehin nicht zu erwarten. Kurze aber interessante Analyse die einige interessante Punkte zusammenführt. Scheinbar ist dies nur eine Zusammenfassung eines Artikels, der bald in der Zeitschrift „International Security“ erscheint. Mal sehen ob man den dann kostenlos lesen kann.

Viel Spass beim Lesen…

2 Antworten

  1. Danke für die Links. Wirklich sehr interessante und lehrreiche Artikel.

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