Das Paradoxon um Nordkoreas Nuklearwaffen – Warum sie abschrecken obwohl keiner weiß ob, was, wieviel und wann …

…“Weil keiner weiß ob, was, wieviel und wann!“ wäre wohl eine angemessene und kurze Antwort. Sucht man nach einer längeren Version des ganzen, kann man sich mal dass sehr interessante „Documented Briefing“ anschauen, das Bruce W. Bennett für die RAND Corporation, einem der renommiertesten und dem konservativen (wer dahingehend Zweifel hat sehe sich das Briefing an, die dürften dann ausgeräumt sein) Spektrum zuzuordnenden Think Tank aus den USA, angefertigt hat (Kurz zum Thema: Was ist ein „Documented Briefing“? Im Endeffekt eine verschriftlichte Version eines Vortrages, in dem der Sprechtext und die jeweiligen Power Point Folien enthalten sind. Das Ganze ist besser zu lesen als man denkt, wenn auch nicht sehr gut). In seinem Vortrag mit dem Titel „Uncertainties in the North Korean Nuclear Threat“ geht Bennett ausführlich auf die oben aufgelisteten Punkte ein: Ob, bzw. wie viele Nuklearwaffen Nordkorea hat, welche Größe diese haben und welche Methoden es gibt sie ans Ziel zu bringen und schließlich was der Anlass für ihren Einsatz sein könnte und welche Wirkungen zu erwarten sind. Wie gesagt fand ich das Briefing sehr interessant und das gleich aus mehreren Gründen. Einerseits – was offensichtlich sein dürfte – aufgrund seines Inhaltes, aber vor allen Dingen, weil auch im Subtext eine interessante Botschaft vermittelt wird, die den Kern der Sache vermutlich besser trifft als alles, was Bennett in seinem Briefing gesagt hat.

Zuerst aber mal kurz zum Inhaltlichen: In Bennetts Text ist eine Spannweite zwischen (theoretisch) Null bis (sehr spekulativ) 50 hinsichtlich der Zahl der nordkoreanischen Nuklearwaffen zu finden. Er trägt viele gesicherte, aber auch jede Menge auf Gerüchten und Hörensagen (von vielem von dem hab ich bisher noch nie was gehört) beruhende Informationen zusammen und kommt so auch zu einer sehr breiten Spanne was mögliche Mittel zur Beförderung der Waffen und deren Sprengkraft angeht. Die Sprengkraft wird zwischen einer und 10 Kilotonnen TNT oder mehr (was das Ganze natürlich wieder ins Unklare befördert) angegeben. Hinsichtlich der Beförderung könnte Nordkorea (mit weit zurück liegender oder aktuellerer) Hilfe durch andere Staaten oder Akteure die Fähigkeit besitzen, die Waffen zu miniaturisieren und als Gefechtsköpfe an Raketen anzubringen. Oder das Regime kann nicht mehr, als die Waffen als „nukleare Landminen“ am Wegesrand zu deponieren und bei einer möglichen Invasion einzusetzen. Hier wie so oft ist Bennets Schluss: „Man weiß es einfach nicht!“. Dieser Schluss hält den Autor allerdings (wie ebenfalls so oft) nicht davon ab, einfach das Schlimmstmögliche Anzunehmen und den Rest seiner Analyse auf diese Voraussetzung aufzubauen (Eine bezeichnende Unterschrift einer Grafik um dies zu verdeutlichen: „Maximum casualties, assuming weapon detonates in the worst location“). Liest man das Alles durch hat man das Gefühl, dass die Wahrscheinlichkeit eines Einsatzes der nordkoreanischen Nuklearwaffen, die eine ziemlich hohe Sprengkraft haben und ihr Ziel ziemlich genau treffen können, schon zu Beginn eines möglichen Konfliktes (also recht unvorbereitet) und mit riesigen Opferzahlen, fast unabwendbar ist (leicht dramatisiert, aber nur sehr leicht). Wie gesagt, generell ist das sehr interessant, aber es ist durchaus mit Vorsicht zu lesen. Dadurch, dass der Autor an jeder Abzweigung den Weg einschlug, der durch den düsteren Dornigen Wald mit den Monstern führte, tut sich im Überblick ein ziemlich gruseliges Bild auf. Allerdings gibt es eben auch die Wege, die nicht ganz so unangenehm scheinen, nur hat Bennett von denen gekonnt abgelenkt, bzw. sie übergangen.

Das führt dann auch recht schnell zu einer anderen Frage: Ist das schlimm? Nein, denke ich, aber es hilft um so mehr zu verstehen, warum die nordkoreanischen Nuklearwaffen, die ja eine Art Phantom sind, trotz ihrer diffusen Gegenwart in der Realität, doch eine reale Abschreckungswirkung haben können und wie ich nach der Lektüre von Bennetts Text vermute, tatsächlich haben. Wenn ein politischer Entscheidungsträger auch nur mit einem geringen Prozentsatz in Betracht zieht, dass das Regime in Pjöngjang in der Lage und gewillt ist, schon zu Beginn einer möglichen Invasion Südkoreas, oder aufgrund von inneren Querelen, Nuklearwaffen gegen Seoul zu richten, von denen schon Eine möglicherweise schon zu hunderttausenden Opfern und dem Kollaps des Gesundheitssystems führen würde, wie könnte ein solcher Entscheidungsträger dann nicht abgeschreckt sein. Und das obwohl weil er nicht weiß, wie weit es mit den nordkoreanischen Waffen tatsächlich her ist.

Damit  kann man den Schritt zum eigentlichen Punkt machen und ist damit fast wieder im Kalten Krieg angekommen, nur noch grundsätzlicher und tiefgreifender, als es das zwischen den USA und der Sowjetunion je der Fall war. Der Kern der Sache ist die Unsicherheit. Während im Falle der USA und der Sowjetunion jedoch die Kapazitäten einigermaßen einzuschätzen waren und die Unsicherheit sich nur auf Einsatzregeln und -pläne bezog, herrscht im Falle Nordkoreas nahezu gänzliche Unsicherheit. Man weiß nicht was die Nordkoreaner haben und wie sie es einsetzen würden. Dies ist es was den Nuklearwaffen Nordkoreas solche Wirkung verleiht, nicht ihre Sprengkraft. Und solange es keiner Partei gelingt den Schleier von den Waffen zu ziehen, bzw. solange das Regime die nahezu perfekte Abschirmung aufrecht erhalten kann, so Lange werden die nordkoreanischen Nuklearwaffen eine Abschreckungswirkung haben, die der der US-amerikanischen nicht nachsteht. Ich bin gespannt ob Kim es schafft seine Geheimnisse gegen den Rest der Welt weiterhin so gut zu verteidigen. Ist das nicht der Fall, verliert er ein bedeutendes Stück seiner „Abschreckung durch Unberechenbarkeit.“ So hat Bennetts Vortrag insgesamt – obwohl inhaltlich sehr einseitig – einiges deutlich gemacht, das mir vielleicht sonst nicht so zu Bewusstsein gekommen wäre.

Die in der Überschrift gestellte Frage würde ich jetzt auch etwas anderes beantworten, als ich das Eingangs getan habe: „Nicht die Nuklearwaffen schrecken ab – Die Ungewissheit tut es!

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