Warum China auf Kims Regime setzt – Überlegungen und Implikationen

Eben habe ich in der Korea Times einen Artikel gelesen, den ich einerseits sehr interessant fand, der mich aber vor allen Dingen zu weiteren Überlegungen animiert hat. Es geht um Chinas industrielle Expansion in seinen nordöstlichen Provinzen und um mögliche Auswirkungen auf Nordkorea. Ich habe heute noch einiges Anderes zu tun, daher gibts ne Art Essay ohne viele Links.

Die Ziele des verstärkten wirtschaftlichen Engagements China in Nordkorea

Über das verstärkte wirtschaftliche Engagement Chinas in Nordkorea gab es in den vergangenen Monaten ja recht viel zu lesen und ich gehe davon aus, dass die Investitionen in Zukunft noch weiter zunehmen werden. Neben der Ausbeutung von Rohstoffen, die ja nicht gerade neu ist, legte China in diesem Jahr auch ein stärkeres Augenmerk auf die nordkoreanische Infrastruktur. Man verschaffte sich Nutzungsrechte für den Hafen von Rajin und plant den Zugang von den nordöstlichen Binnenprovinzen Jilin, Heilongjiang und Liaoning aus zu diesem und (möglicherweise) anderen Häfen zu verbessern. Hierzu wurden auch massive Investitionen in das Straßen- und Bahnnetz dieser Region durchgeführt. Das Ziel dieses Vorgehen ist ganz klar in dem Versuch zu sehen, die wirtschaftliche Entwicklung der chinesischen Provinzen weiter anzuschieben, indem von dort aus ein wesentlich kürzerer (und damit schnellerer und kostengünstigerer) Weg zum Pazifik und damit zu den wichtigen Märkten in Japan und den USA geschaffen wird.

Angst vor einem wachsenden Einfluss Chinas

Vor allem in Südkorea wird dieses Vorgehen zunehmend mit Misstrauen betrachtet, weil Nordkorea so die Möglichkeit hat überlebenswichtige Einnahmen zu erzielen, die zur Stabilisierung des Regimes eingesetzt werden können. Außerdem rückt die Überlegung mehr und mehr in den Fokus südkoreanischer Beobachter, dass Nordkorea wachsende Abhängigkeit dazu führen könnte, dass sich Land schleichend zu einer „chinesischen Provinz“ entwickelt. Diese Furcht halte ich zwar für etwas überzogen, da China mit der Entwicklung und dem Erhalt des eigenen Landes sicherlich genug zu tun hat und sich auf dieses dünne Eis, das aufgrund einer Vielzahl politischer Interessen regionaler und globaler Kräfte, die auf der Koreanischen Halbinsel aufeinander treffen und der latenten Instabilität des nordkoreanischen Regimes, jederzeit unerwartet brechen kann, sicherlich nicht wagen will (mal ganz abgesehen von der politischen Tradition Chinas, zu der nicht unbedingt imperiale Abenteuer gehören). Allerdings wirft dieser Gedanke ein Schlaglicht auf einen Aspekt, der bisher (soweit ich das übersehen kann) von Beobachtern wenig in Augenschein genommen wurde.

Neue Interdependenzen zwischen China und Nordkorea

Sollte China sich durch die massiven Investitionen in Nordkorea tatsächlich neue und funktionierende Handelswege für die nordöstlichen Provinzen erschließen, so führt dass nicht nur zu einer – oft genannten – einseitigen Abhängigkeit Pjöngjangs von Peking. Vielmehr entsteht hier eine (weitere) Interdependenz, eine Interessenverflechtung beider Staaten, die beide enger zusammenkettet. Natürlich kann Kims Regime wichtige Einnahmen erzielen und seine nördlichen Provinzen evtl. durch die chinesischen Infrastrukturinvestitionen, aber auch als Billiglohnstandort chinesischer Unternehmen, weiterentwickeln. Allerdings wird die Entwicklung der chinesischen Provinzen durch eine zunehmende Abhängigkeit von den durch Nordkorea führenden Handelswegen auch mehr und mehr vom Funktionieren und der Offenheit dieser Wege abhängen. Werden die Wege aufgrund regionaler oder interner Instabilität in Nordkorea abgeschnitten, kann dies ein schwerer Schlag für die Wirtschaft dieser Provinzen haben und sich wiederum direkt auf die Stabilität des chinesischen Nordostens auswirken. Daher werden hier durch die Pläne zur weiteren wirtschaftlichen Entwicklung dieser Provinzen unter (der dafür essentiellen) Einbeziehung Nordkoreas, neue starke Interessen und Abhängigkeiten geschaffen, die dahingehend wirken werden, dass das Regime in Pjöngjang weiterhin (und verstärkt) durch China gestützt wird. Denn nahezu alle Szenarien bei denen es zur Instabilität des Regimes in Pjöngjang kommt, wirken sich negativ auf die chinesischen Investitionen aus. Sowohl ein Zusammenbruch mit darauf folgenden inneren Machkämpfen und vielleicht sogar einem Bürgerkrieg, als auch (was offensichtlich ist) ein regionaler Konflikt beispielsweise mit Südkorea und den USA sowie eine zügige und erfolgreiche Wiedervereinigung des Nordens mit Südkorea (ohne über die Wahrscheinlichkeit dieser Szenarien sprechen zu wollen) führen dazu, dass die Häfen Nordkoreas für chinesische Waren nicht mehr oder nicht mehr sicher zugänglich sind.

Die Implikationen reichen weit

Die Implikationen die ich aus den massiven Investitionen Chinas in Nordkoreas Infrastruktur ableiten will sind also gleichermaßen klar und weitreichend: China setzt zunehmend auf ein stabiles Nordkorea, das als Sprungbrett für Waren aus den nordöstlichen Provinzen in den Pazifikraum dienen soll. Zu den anderen Gründen, die in der Vergangenheit für Chinas Einsatz für die Stabilität des Kim-Regimes gesprochen haben (Angst vor Flüchtlingsströmen, Sorge um eine mögliche Wiedervereinigung Koreas mit US-Truppen direkt an Chinas Grenze, Sorge um regionale Stabilität und Nuklearwaffen in den Händen von Bürgerkriegsparteien etc.) kommen dann noch massive wirtschaftliche Interessen. Für mich ist dadurch recht klar: China stützt nicht nur Kims Regime, China setzt auf das Regime und wird in Zukunft (umso mehr, je weiter die wirtschaftliche Verflechtung beider Seiten gediehen ist) noch stärkeren Einsatz für den Erhalt der Stabilität des Regimes zeigen. Hierdurch ergeben sich auch direkte Auswirkungen auf die Politik der USA und Südkoreas gegenüber Nordkorea: Eine Politik der Sanktionen und der harten Hand hat sinkende Erfolgsaussichten, da China – will es seine eigene Politik nicht konterkarrieren – nicht gewillt sein kann, Sanktionen mitzutragen und Pjöngjang zu destabilisieren. Wie aber aus dem Bericht des Panels zur Umsetzung der UN-Sanktionen gegenüber Nordkorea deutlich hervorgeht, sind Sanktionen, die von China nicht ernsthaft mitgetragen werden, zum Scheitern verurteilt. Daher werden die USA und Südkorea ihre Politik früher oder später an die Realitäten anpassen und wieder den Verhandlungspfad einschlagen müssen. In näherer Zukunft wird man vielleicht noch Versuchen Druck auszuüben, aber sollten sich die wirtschaftlichen Beziehungen Chinas und Nordkoreas dann tatsächlich wie erwartet massiv entwickeln, wird man sich gezwungen sehen an den Verhandlungstisch zurückzukehren um das Feld nicht vollkommen China zu überlassen.

Huiuiui…

Hui, da hab ich gedanklich aber ganzschön weit nach vorne geschaut und mich damit natürlich auch auf recht brüchiges Eis begeben. Nichtsdestotrotz wundert es mich, dass diese Entwicklungen bisher so weit unter dem Radar der Beobachter waren und man sich nur auf den Einfluss des starken auf den Schwachen eingeschossen hat, das von Pjöngjang meisterhafte beherrschte Spiel der asymmetrischen Einflussnahme des Schwachen auf den Starken jedoch gar nicht auf dem Schirm hat.

4 Antworten

  1. Ich war gerade mit einer chinesischen Reisegruppe in Korea. Die emotionale Verbundenheit der beiden Länder, noch vom Koreakrieg her, ist immer noch stark. Auch scheint chinesisch die Fremdsprache Nummer eins in Korea zu sein. Immerhin gut 20000 chinesische Touristen kommen jedes Jahr nach Korea, soooo absgeschottet ist Korea also gar nicht.

    China empfiehlt Korea, den eigenen Weg einzuschlagen, Öffnung nach Außen und wirtschaftliche Reformen. Ich sage ausdrücklich „empfiehlt“, denn die Nichteinmischung in innere Angelegenheiten anderer Staaten, ist für China oberstes Prinzip der Außenpolitik.

    Wenn sich Korea öffnet, stehen nur aus zwei Ländern Firmen in den Startlöchern: China und Südkorea. Wobei es bei Südkorea sehr stark von der eigenen Regierung abhängt, ob der Handel mit dem Norden wieder in Gang kommt.
    Entwicklung der drei Nordost-Provinzen und wirtschafliche Öffnung Korea gegenüber China, das könnte eine Win-Win Situation für beide Länder sein.

    Ob und wie Korea sich öffnen will, ob dies überhaupt wünschenswert ist, ist die große Frage.
    Korea heute hat mich sehr stark an China anfang der 80er Jahre erinnert, ein Land einfacher und ehrlicher Menschen. Ich hoffe, Korea wird den für sich besten Weg finden.

    • Danke für den Kommentar und die interessanten Eindrücke die du geschildert hast.
      Ich glaube nur, dass das Regime in Pjöngjang einer wirtschaftlichen Öffnung gegenüber starke Vorbehalte hat. Die Situation für Nordkorea ist eine grundlegend andere als für China in den 1980ern. Es gibt nämlich ein starkes und erfolgreiches Gegenmodell auf der anderen Seite der DMZ.
      Eine Öffnung würde dazu führen, dass mehr Menschen sich für den verfeindeten Bruder Südkorea entscheiden würden. Wie schnell das zum Ende eines Staates führen kann, konnten die nordkoreanischen Eliten im Fall Deutschlands erleben. Ich glaube, dass man in Pjöngjang seine Lehren daraus gezogen hat und eine Öffnung – wenn überhaupt – sehr sehr langsam und vorsichtig durchführen würde. Dabei ist den Machthabern eine Öffnung gegenüber China vermutlich wesentlich angenehmer, weil Peking auf die Sorgen Pjöngjangs eher eingeht.
      Hier gibts mehr zum Thema der Richtung, die Nordkorea wirtschaftlich nehmen wird: https://nordkoreainfo.wordpress.com/2010/08/02/warum-es-fur-nordkoreas-regime-rational-ist-die-eigene-wirtschaft-zu-zerstoren-tolle-analyse-von-andrei-lankov/

  2. Das war mal wieder eine brilliante Analyse.Besten Dank dafür und auch für diesen Blog.

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