Nordkoreas Entwicklungsplan — Investition: Ja bitte! Märkte: Nein danke!

Hallo, da bin ich endlich wieder und möchte mich erstmal entschuldigen, dass ich in einer eigentlich recht ereignisreichen Nordkorea-Woche nicht zum schreiben kam. Aber die Woche war eben nicht nur dort ereignisreich, sondern auch hier. Ich hatte eine Wohnung in ner neuen Stadt zu suchen und meine alte vor Ort an den Mann/Frau zu bringen und sollte damit entschuldigt sein (solche Aktionen sind echt stressiger als man denken sollte). Aber ihr wisst ja wo man sich noch sonst so up-to-date halten kann und daher hoffe ich, dass es zu verkraften war. Ich hatte noch nicht einmal Zeit die Neuigkeiten oberflächlich zu verfolgen und habe jetzt nicht wirklich Lust mir die Nachrichten der letzten Woche in aller Breite durchzulesen, nur um euch zu erzählen, was ihr eh schon wisst. Daher suche ich mir einfach etwas raus, das mir besonders interessant erscheint.

Auf dem Treffen zwischen Hu Jintao und Kim Jong Il während dessen überraschendem China Besuch in der vergangenen Woche soll es unter anderem zu einem (meiner Meinung nach) bemerkenswert offenen Hinweis Hu Jintaos zur wirtschaftlichen Entwicklung Nordkoreas gekommen sein. Die Korea Times schreibt:

The Chinese leader urged Kim to push forward with economic reforms and modernization in the North.

Hu further said economic development could not be achieved without cooperating with the outside world, adding “this is the inevitable route to go with the times and to accelerate the development of a country.”

Und dass:

The Chinese leader’s “recommendations” appeared not to have aroused the ire of North Korea’s Dear Leader.

Der Zusammenhang, in den die Korea Times diese Aussagen stellt, finde ich zwar etwas schief, denn die Irritationen, die der damalige südkoreanische Präsident Roh Moo-hyun mit ähnlichen Kommentaren ausgelöst hat, sind natürlich vor dem Hintergrund der besonderen Nord-Süd Beziehungen zu sehen und es lässt sich daraus nicht unbedingt ein generelles „Redeverbot“ zur wirtschaftlichen Öffnung des Landes ableiten. Nichtsdestotrotz ist es einerseits recht bemerkenswert, dass Hu dieses Thema so direkt angesprochen hat (natürlich nur wenn die Berichte zutreffend sind), andererseits fällt auf, dass sich Kim davon nicht hat irritieren hat lassen.

Daraus würde ich nicht ableiten, dass die nordkoreanische Führung mit chinesischen Ideen der wirtschaftlichen Öffnung vollkommen d’arcord ist, oder einen der, von Wissenschaftlern oft als Modellskizze vorgeschlagenen Entwicklungspfade (China oder Vietnam), einschlagen wird. Allerdings signalisiert eine solche Reaktion Kims klar, dass man sich über die Notwendigkeit eines irgendwie gearteten Umsteuerns im wirtschaftlichen Bereich durchaus bewusst ist und dass bei diesem Umsteuern auch das Ausland eine Rolle spielen wird. Aber der Begriff  „Kooperation mit dem Ausland“ ist natürlich ein Weiter und kann so oder so (oder ganz anders) ausgelegt werden. Dass Nordkorea zunehmende Kooperation mit dem Ausland sucht war in den Monaten kaum zu übersehen und ich vermute, dass sich in diesem Bereich schon einiges im Verborgenen abgespielt hat (wie beispielsweise der Fall Indien zeigt, dass unbemerkt von den Beobachtern zu einem der größten Handelspartner Nordkoreas geworden ist). Allerdings legt die nordkoreanische Führung bei dieser Kooperation auf einen Punkt ein sehr starkes Augenmerk. Die absolute Kontrolle der Kooperation bleibt beim Staat. Wer der Partner auf der anderen Seite ist, ist nicht wichtig, aber auf der nordkoreanischen Seite gibt es keinen Platz für den Markt. Dies deckt sich auch mit dem rigiden Vorgehen, dass das Regime in den letzten Monaten gegenüber sich entwickelnden marktwirtschaftlichen Strukturen an den Tag gelegt hat.

Für die wirtschaftliche Entwicklung Nordkoreas lassen sich daher meiner Meinung nach zwei grundlegende Trends feststellen, die die Ausrichtung der Wirtschaft des Landes in den nächsten Jahren bestimmen wird. Einerseits hat man sich scheinbar damit abgefunden, dass eigentlich in der Juche-Ideologie fest verankerte Paradigma der Autarkie auch mehr und mehr öffentlich fallenzulassen (in der Realität war es dem Nordkoreanischen Staat ja nie gelungen, Autarkie umzusetzen. Schon immer war man auf Austausch mit bzw. Hilfen von anderen Staaten angewiesen). Dieser Schritt erleichtert es den Verantwortlichen in Nordkorea um ausländische Investitionen zu werben. Andererseits will der Staat aber weiterhin alle Fäden in der Hand halten, auch wenn es um ausländische Investitionen geht. Der Markt und damit Verbunden auch Gedanken, die in der Bevölkerung „marktwirtschaftliches Denken“ auslösen könnten, soll weiterhin draußen bleiben. Was zwischen Nordkorea als Staat und den Investoren abläuft steht auf einem anderen Blatt, denn hier müssen mitunter Regeln der globalen Märkte beachtet werden. Doch die Bevölkerung soll von diesen Ideen abgeschirmt werden. Gelingt es dem Regime, die Rohstoffe des Landes (wozu ich auch Humankapital zähle) gewinnbringend an ausländische Investoren zu verkaufen (mit dem Ziel einer zumindest bedarfsdeckenden Versorgung großer Teile der Bevölkerung), während es die Menschen im Land vor einer allzu starken „geistigen Infiltration“ „schützt“, kann es das Land wirtschaftlich und ideologisch stabil halten und damit die Erfolgschancen für das eigene Überleben stärken. Dadurch, dass Schwellenländer wie bspw. China und Indien, denen die Bedingungen einer Kooperation weniger wichtig sind an Wirtschafts- und Finanzkraft gewinnen, verbessern sich auch die Chancen einer solchen Strategie Nordkoreas. Die große Frage bleibt meiner Meinung nach aber, ob die Idee des Marktes nicht schon in „zuvielen“ Köpfen in Nordkorea verankert ist, bzw. ob man das Entstehen solcher Ideen dauerhaft unterdrücken kann. Aber das muss die Zukunft zeigen.

Was die Zukunft zeigen wird ist, dass Nordkorea weder versuchen wird dem chinesischen, noch dem vietnamesischem Entwicklungsmodell zu folgen. Dass diese beiden immer wenn es um Nordkoreas Wirtschaft geht hervorgekramt werden ist einerseits verständlich, denn es bestehen grundsätzliche Ähnlichkeiten zwischen den Situationen dieser Staaten damals und derjenigen Nordkoreas heute. Andererseits wird dabei aber immer die besondere Situation missachtet, die die Teilung Koreas für Nordkorea bedeutet und die viele unterschiedliche Facetten hat. Allein aufgrund dieser Tatsache glaube ich, dass das Regime die Notwendigkeit für ein eigenes Modell sieht.

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