Die Stunde der Medienlogiker — Warum Kim Jong Un Kim Jong Un ist

Eben war ich beim Arzt und weil „Kicker“ und „Gala“ vergriffen waren, hab ich mir den „Spiegel“ geschnappt (Nr. 40/2010). Und natürlich hab ich rein interessehalber auch mal geschaut, was unser Leitmedium so über Nordkorea schreibt (schließlich war die Parteikonferenz zum Erscheinungsdatum gerade vorbei). Es gab einen Artikel zu Kim Jong Un. Und der mich wirklich darüber hat nachdenken lassen, wieso die Menschheit nicht schon lange ausgestorben ist.

Die Stunde der Kimologen“ stellt, um es kurz zu machen, die Frage, wer Kim Jong Un wirklich ist. Aber nicht mit Hilfe irgendwelcher versponnenen halbseidenen Psychogramme oder so (das hätte ich in dem Fall sogar noch super gefunden), sondern man fragte sich dies, weil ein Experte für Gesichtsforschung gesagt hat, dass der Kim Jong Un auf einem angeblichen Foto aus seiner Jugendzeit in der Schweiz zu sehen ist, nicht derselbe Kim Jong Un ist, dessen man auf der Parteikonferenz gewahr wurde. Zusammenfassend sagt der Artikel dann:

Entweder ist er nicht der Sohn, der in einem Berner Vorort zur Schule gegangen sein soll und dessen Foto im Halbprofil der Welt bisher bekannt war – oder der junge pausbäckige Mann mit dem aufgeschwemmten Gesicht, dem Kim Jong Il gerade die Viersterne-Würde eines Generals verliehen hat, ist nicht Kim Jong Un. Wer aber ist dann Kim III., der den von schwerer Krankheit gezeichneten Machthaber in Pjöngjang irgendwann ablösen soll?

Hm, also ich würde da einfach mal sagen (wenn ich dem Gesichtserkennungsexperten hundertprozentige Kompetenz einräumen würde): „Dann wird wohl der Kerl der in der Schweizer Schule war und einen Namen hatte der nicht Kim Jong Un lautete einfach nicht Kim Jong Un gewesen sein.“ Die Aussage eines Halbwüchsigen (die aber auch immer nur aus zweiter Hand zitiert wird), und die Tatsache, dass der Nordkoreaner der die Schule besucht hat, ungefähr so alt war wie der junge Kim sind für mich eigentlich keine schlagkräftigen Indizien. Aber wie langweilig wäre das denn wenn der junge Kim nicht Michael Jordan und Jean Claude van Damme gut fände und keinerlei westliche Sozialisation erfahren hätte. Dann hätte man beim nächsten Artikel über Kim Jong Ils Sohn ja noch weniger zu schreiben und könnte sich auch keine feinen Ideen über frischen Wind in Pjöngjang oder sowas in die Tasche erfinden. Außerdem ließe man dann wohl die Wahrheit außer Acht, dass Realität nichts mit dem zu tun hat, was wirklich passiert ist, sondern damit, was in der Zeitung steht.

Naja, die Autoren des Artikels scheinen jedenfalls daran zu glauben, dass das was in Zeitungen steht auch dann wahr ist, wenn es unlogisch scheint. Wie anders könnte man sich erklären, dass da Sätze wie:

Dabei komme es vielleicht gar nicht so sehr darauf an, sagen viele Kimologen, wer der junge Mann ist

vorkommen. Hätte der Autor einfach mal versucht aus den vorliegenden Fakten einen logischen Schluss zu ziehen, dann wäre der Artikel nach dem Teil mit dem Gesichtsexperten mit einem Satz wie „Offensichtlich war Kim Jong Un doch nicht der Schüler in der Schweiz“ zuende gegangen. Aber wie gesagt. Das wäre langweilig und geschäftsschädigend. Also rennt man lieber Gerüchten hinterher und konstruiert nebenbei noch ein Neues („Kim Jong Un ist schon lange tot und wird von Doppelgängern gespielt“ wär doch ein tolles).

Warum ich mich über das Überleben der Menschheit gewundert hab?

Man stelle sich vor: Zwei Höhlenmenschen gehen auf die Jagd. Auf einmal sieht der Eine etwas Großes. „Hm, ich habe Hunger, könnte ein Mammut sein, lass es uns fangen.“ Sagt der Andere: „Die Mammuts die ich bis jetzt gesehen habe sehen aber ganz anders aus, und haben keine Säbelzahneckzähne, sind größer und nicht schwarz-gelb gestreift.“ „Naja, ich hab aber Hunger. Das Vieh hat vier Beine und ist keine Pflanze. Die anderen Indizien sprechen zwar dagegen, aber es wird schon ein Mammut sein.“ Dann gabs Essen.

Eine Antwort

  1. „Naja, die Autoren des Artikels scheinen jedenfalls daran zu glauben, dass das was in Zeitungen steht auch dann wahr ist, wenn es unlogisch scheint.“

    Na klar ist das, was in Zeitungen steht imer wahr!
    1973 in Pyongyang, Frage an meinen Dolmetscher: „Woher wißt ihr, daß die Südkoreaner befreit werden wollen?“ Verständnisloser Blick: „Na, das steht doch in der Zeitung!“

Meinungen, Anregungen, Kritik? Alles gern gesehen!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s