Chongryon: Pjöngjangs „Fünfte Kolonne“ in Japan

Eben habe ich bei BBC einen sehr interessanten Artikel gelesen, der mich motiviert hat, mich mal einer Frage zu widmen, die mich schon länger beschäftigt, worüber ich aber nicht wirklich Bescheid wusste. Es geht um Chongryon bzw. Chosen Soren (ich werde im Folgenden den Begriff Chongryon nutzen) die Organisation ethnischer Koreaner in Japan, die während des Kalten Krieges loyal zu Pjöngjang stand und dies, auch wenn sie stark an Bedeutung eingebüßt hat, bis heute tut.

Wie kommen die vielen Koreaner nach Japan?

Die Grundlage für die Entstehung dieser Gruppierung legten die Japaner selbst. In der Zeit der Besatzung Koreas durch Japan (1910-1945), vor allem aber während des Zweiten Weltkriegs brachten die japanischen Besatzer eine große Zahl von Koreanern als billige Arbeitskräfte oder als Zwangsprostituierte nach Japan, so das zum Ende des Krieges 2,3 Millionen Koreaner in dort lebten, was 10 % der Gesamtbevölkerung Koreas zu diesem Zeitpunkt ausmachte. Die amerikanische Besatzungsmacht glaubte, dass die Koreaner von selbst wieder in ihre Heimat zurückkehre würden, allerdings traf dies nur für etwa drei Viertel der Koreaner zu. Über 600.000 blieben, nicht zuletzt wegen der schlechten Lebensumstände in der alten Heimat, in Japan. Sie fühlten sich allerdings nicht als Japaner, wozu nicht zuletzt die Überforderung der Behörden mit diesem Problem beitrug, die zu Diskriminierung und rechtlicher Unsicherheit führte.

Und warum stehen sie zu Nordkorea?

Aus diesem Grund bildeten sich Vereinigungen, die die Rechte der Koreaner in Japan vertraten, aber auch teilweise Verbindungen zu linken Gruppen hatten, da viele Koreaner sich während des Krieges aktiv am Widerstand gegen das japanische Regime beteiligt hatten, der oft von kommunistischen Gruppen organisiert war. Die Organisation Chongryon wurde 1955 gegründet und folgte linksgerichteten, aber nicht Pjöngjang hörigen, Gruppen nach. In der Anfangszeit konnte die Gruppe eine große Zahl von Mitgliedern gewinnen, von denen eine Vielzahl eigentlich aus dem Süden Koreas stammten. Von den über 600.000 Koreanern die in den 1960er Jahren in Japan lebten kamen 90 % ursprünglich aus dem Südteil Koreas. Trotzdem registrierten sich fast 450.000 als nordkoreanische Bürger. Dafür war vor allem die einfache Tatsache verantwortlich, dass Nordkorea damals noch wirtschaftlich potenter als Südkorea war und Kim Il Sungs Regime schlicht das bessere „Angebot“ machte. Aus Nordkorea wurden große Summen bereitgestellt und das war für viele der damals armen Koreaner eben maßgeblich. Chongryon war die Organisation der „Nordkoreaner“ in Japan und direkt den Weisungen der Partei der Arbeit Koreas (PdAK) unterworfen. Die Gruppe war straff organisiert und unterhielt Repräsentanzen in allen wichtigen Zentren in denen es Koreaner gab. Außerdem errichtete sie eine Vielzahl eigener Schulen (In den 1980er gab es 151 davon, in den 1960ern waren auf diesen Schulen 56.000 Schüler, heute sind es noch um die 10.000), in denen die koreanische Kultur und Sprache gepflegt wurde und heute noch wird. Auch dies dürfte eine entscheidende Erklärung für die Attraktivität der Gruppe für die ethnischen Koreaner im Land sein, da so die eigene kulturelle Identität erhalten blieb (vor allem nach den Jahren der japanischen Unterdrückungs- und Assimilationspolitik). Aber natürlich lehrte ein Schulsystem, dass indirekt der Weisung der PdAK unterstand, nicht unbedingt freiheitlich-demokratische Werte. Vor allem in den späteren Jahren wurde hier ein Misstrauen gegenüber der Berichterstattung westlicher Quellen über Nordkorea eingepflanzt, so dass diese oft als Propaganda abgetan wurde. Weiterhin legte die Organisation einen inhaltlichen Schwerpunkt auf die Bedeutung der Wiedervereinigung Koreas. Diese Idee wurde und wird grundsätzlich von Süd- wie Nordkoreanern getragen, so dass dies die Chongryon auch für Menschen interessant macht, die nicht unbedingt das Regime in Pjöngjang unterstützen (das geht auch aus dem BBC-Bericht hervor).

Was Chongryon für Pjöngjang tut

Neben dieser Basisarbeit scheint Chongryon aber auch eine Vielzahl von Aufgaben für das Regime in Pjöngjang übernommen zu haben. Als es wirtschaftlich bergab ging mit Nordkorea, wurde die Organisation mehr und mehr zur Geldsammelagentur für Kim Il Sung und dessen Sohn. Dabei wurde ein beträchtlicher Teil der Gewinne, die Unternehmen von Mitgliedern erwirtschafteten nach Pjöngjang geschleust (man liest oft, dass 10 % als Zwangsabgaben abgeführt wurden) und auch Banken, die in der Hand von Chongryon waren, besorgten auf allerlei Wegen Devisen (Allerdings nur bis zum Ende der 1990er Jahre. Die Wirtschaftskrise die Japan traf machte vielen der oft überschuldeten (warum denn wohl) Bankhäuser den Gar aus). In den 1980er und 1990er Jahren soll Chongryon jährlich zwischen 500 und 800 Millionen US-Dollar nach Nordkorea geschafft haben, kein Pappenstiel also. Als Nordkorea zunehmend unter Sanktionsdruck kam half Chongryu außerdem, Materialien für das Militär ins Land zu bringen (In den 1970er Jahren untersuchte die WHO sogar Berichte, dass auf diesem Wege Cholera, Anthrax und Pesterreger ins Land gebracht worden sein sollen (aber, naja, da gibts keine echten Belege)). Außerdem wurde gemutmaßt, dass Mitglieder von Chongryon an der Entführung japanischer Staatsbürger beteiligt gewesen sein könnten, was nicht sehr abwegig ist, da aus Berichten von Überläufern hervorgeht, dass die Organisation tief in die Rekrutierung und Ausbildung von Spionen verstrickt gewesen sein soll.

Japan ließ sie gewähren…

Die Möglichkeit dies alles zu tun bot sich Chongryon vor allem, weil die japanischen Regierungen bis in die 1990er Jahre nicht wirklich gegen die Gruppe vorgingen. Man ließ sie weitestgehend gewähren. Entwickelt hatte sich diese Situation vor allem daraus, dass man in den 1960er und 1970er Jahren Augenmerk auf die wirtschaftliche Entwicklung Japans legte. Da Nordkorea zu dieser Zeit wirtschaftlich noch einiges zu bieten hatte, wollte man es sich mit Pjöngjang nicht verscherzen.

…bis sich die Zeiten änderten

In den 1990er Jahren stellte sich die Situation anders dar. Nordkorea hatte nichts mehr zu bieten und wurde mehr und mehr zu einem Unsicherheitsfaktor. Der Streit um das Atomprogramm 1994 und vor allem der erste Test einer Taepodong-I Rakete, die 1998 über Japan hinweg abgeschossen wurde, führten zu einer zunehmend harten Haltung gegenüber Nordkorea und Chongryon, seiner „fünften Kolonne“ im eigenen Land. Vor allem die restriktivere Handhabung des Schiffs- und Fährverkehrs (letzterer wurde nach und nach eingestellt), minderte die Geldströme, da ein Großteil der Mittel bar nach Nordkorea gebracht wurden, sowie den Schmuggel anderer Güter. In der jüngsten Zeit gab es darüber hinaus einen Streit um die von Chongryon geführten Schulen. Die Regierung wollte diesen Subventionen (den Erlass der Schulgebühren auf Highschools) versagen, die allen anderen zugutekamen. Das wäre vermutlich ihr Todesurteil gewesen. Nach einem länger andauernden Streit entschloss sich die Regierung, den Schulen die Subventionen nach individueller Prüfung zu gewähren.

Andere Gründe für das Schwächer werden Chongryons

Jedoch blies Chongryon der Wind nicht nur von der japanischen Regierung, sondern auch aus den eigenen Reihen entgegen. Mit Südkoreas erstarken, nahm dieses die ethnischen Koreaner in Japan stärker ins Visier und warb um ihre Treue. Weiterhin scheinen viele Mitglieder Chongryons nicht mit der Machtweitergabe von Kim Il Sung an Kim Jong Il zufrieden gewesen zu sei (was die verbleibenden dann wohl zu Kim Jong Un sagen?). Auch Berichte über die Desaströse Situation in Nordkorea, während der 1990er Jahre, Unzufriedenheit mit den Zwangsabgaben und vor allem das Heranwachsen einer Generation, die in vielen Fällen Korea noch nicht zu Gesicht bekommen hat, ließen das Interesse erlahmen. Aber auch das Eingeständnis Kim Jong Ils, sein Land sei für die Entführung japanischer Bürger verantwortlich, führte zu vielfacher Missstimmung. Scheinbar hatte man in der Basis von Chongryon der bis dahin vertretenen nordkoreanischen Position vertraut, dass Gerüchte über Entführungen nur westliche Propaganda seien.

Bedeutung nimmt ab

Letztlich hat die Bindung zwischen Pjöngjang und Chongryon gleichermaßen an Kraft wie an Bedeutung verloren. Sie besteht zwar weiter, aber da der Gewinn auf Seiten Pjöngjangs nachlässt und das Vertrauen und die Bindekraft auf Seiten Chongryons, wird die Organisation zunehmend unwichtiger. Dass es aber noch eine Bindekraft gibt, zeigt zum Beispiel der Fall des Fußballers Jong Tae-se, den man wohl als eines der prominentesten Kinder (zumindest in Deutschland) Chongryons bezeichnen kann.

Gimmick

Hier habe ich noch einen Trailer zu einem Film gefunden, der von einer Familie handelt, die Teil von Chongryon war. Ich hab den Film nicht gesehen, aber der Trailer konnte überzeugen. Wenn er mir über den Weg läuft, werd ich mir „Dear Pyongyang“ wohl mal anschauen.

Abschließend noch eine kurze Bemerkung zu meinen Quellen:

Das meiste historische habe ich von Captain Dewayne J. Creamers Abschlussarbeit von der Naval Postgraduate School Monterey, Kalifornien, die den Titel: „The Rise and Fall of Chosen Soren: Its Effect on Japan’s Relations on the Korean Peninsula“ trägt und aus dem Jahr 2003 ist. Da gibts nicht nur sehr viele spannende Fakten zu Chongryon, sondern auch einen generellen Überblick über die Nord- und Südkoreanisch – Japanischen Beziehungen. Ist echt gut zu lesen.

Außerdem hat sich DailyNK ausführlich mit Chongryon beschäftigt. Da bin ich ja immer ein bisschen vorsichtig, weil Daily NK kein Hort der Objektivität ist, aber in dem Fall gibts da echt viele interessante Hintergründe zu finden:

The Plunging Chongryun – Part 1 (aktueller Status)

The Plunging Chongryun – Part 2 (Schulen und Banken)

The Plunging Chongryun – Part 3 (Nordkoreanisches Heimkehreprojekt und seine Spätfolgen)

The Plunging Chongryun – Part 4 (Erfolg südkoreanischer Heimatbesuche von Mitgliedern)

The Plunging Chongryun – Part 5 (Geschäftliche Zusammenarbeit mit Nordkorea)

The Plunging Chongryun – Part 6 (strukturelle Gründe für das Fortbestehen von Chongryon)

2 Antworten

  1. Was mich erst jetzt wundert ist die Tatsache das man irgendwelche Japaner entführt hat damit sie Agenten Japanisch beibringen obwohl man im Chongryon doch sicherlich massig loyale Leute zur Verfügung gehabt hätte die diese Sprache beherrschten.

    Sonderbares Ostasien…

    • Stimmt, soweit hatte ich noch garnicht gedacht.
      Vielleicht haben ja Koreaner, auch wenn sie seit Ewigkeiten in Japan leben, trotzdem noch einen Dialekt, oder sind nicht mit allen Eigenheiten der japanischen Kultur vertraut.

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